15. Juli
Bewertung:3

Für dieses Buch muss ich ein gemischtes Fazit ziehen. Die Arbeit, die Grillmeier hier gemacht hat ist natürlich unfassbar wichtig und sehr eindrücklich. Wer wissen will, wie menschenfeindlich die europäische Migrationspolitik mittlerweile ist, sollte dieses Buch lesen. Leider merkt man dem Buch auch an, dass es auf vielen einzelnen Artikeln und Reportagen basiert. Es ist an vielen Stellen relativ unverbunden und einige Ausflüge über Lesbos hinaus fühlen sich geradezu deplatziert an bzw. fragt man was man jetzt damit anfangen soll. Aber das ist einfach die Natur solcher Bücher. Ich würde mir in solchen Fällen mehr Rahmung und editorische Überarbeitung wünschen.

Die Insel
Die Inselvon Franziska GrillmeierC.H.Beck
29. Juli
Bewertung:5

Es war ziemlich hart, dieses Buch zu lesen. Andererseits ist es ein gemütlicher Spaziergang, verglichen mit dem, was die Menschen erleben, um die es darin geht. Franziska Grillmeier hat über mehrere Jahre schwerpunktmäßig für verschiedene Medien über Flucht und Migration berichtet. Sie war auf Lesbos, an der polnisch-belarussischen und an der kroatischen Grenze, am Grenzfluss Evros und am großen Grenzzaun in Ceuta, der die spanische Enklave von Marokko trennt. Sie war in Moria unterwegs, bevor es niederbrannte und besuchte die Hochsicherheitslager, die auf das politisch forcierte Elend der Camps folgten. Was sie berichtet, ist kaum auszuhalten. Spätestens seit 2015 konzentriert sich die EU vor allem darauf, geflüchtete Menschen in unwürdigen und elenden Umständen sich selbst zu überlassen. Vielfach gibt es keine Gesundheitsversorgung, kein fließendes Wasser und keine Perspektive. Traumatisierte Menschen werden nicht versorgt, weil niemand da ist, der sich damit auskennt. Kinder entwickeln Suizidgedanken oder andere Verhaltensauffälligkeiten. Grillmeier berichtet von illegalen Pushbacks nicht nur in Griechenland, sondern auch an den Grenzen Osteuropas. Die Menschen werden auf einem Boot wieder zurück ins Meer gezogen und dort zurückgelassen. Sie werden geschlagen, gedemütigt, ihnen werden Geld und Handy abgenommen. Teilweise lässt man sie tagelang in Schlamm und Matsch im Wald zurück, während nachts die Temperaturen auf den Gefrierpunkt sinken. Kranke werden nicht versorgt. Journalist:innen oder Helfer:innen ausgesperrt. Mitunter wird gar ein Berichterstattungsverbot verhängt. Angesichts der Tatsache, dass das Recht auf Asyl ein Menschenrecht ist, kann man es nur beschämend und grausam nennen, was an Europas Außengrenzen passiert. Vieles davon wird mit EU-Geldern unterstützt, geduldet wird es sowieso. Lest Franziska Grillmeiers Buch. Man muss die Ohnmacht aushalten, mit der man es liest. Aber das ist das Mindeste, was wir tun können.

Die Insel
Die Inselvon Franziska GrillmeierC.H.Beck