Omertà auf Papier
Wie rezensiert und bewertet man eigentlich eine Biografie? Das fühlt sich irgendwie komisch an. Marisa Merico erzählt in Mafia Princess von den ersten vierzig Jahren ihres Lebens. Sie wird in eine Familie der ’Ndrangheta-Mafia hineingeboren und nimmt einen komplett ungefiltert mit in diese Welt. Wie eine Mafiafamilie funktioniert, wie wichtig Loyalität, Respekt und ungeschriebene Gesetze sind, aber auch, wie brutal, gnadenlos und skrupellos dieses Leben ist. Hier wird nichts beschönigt. Gar nichts. Beim Lesen denkt man ständig, das kann doch nicht alles wirklich passiert sein. Und genau das macht es so krass. Marisa ist die Tochter eines der ehemals mächtigsten Männer der italienischen Mafia, die "Prinzessin". Sie hatte alles, durfte alles. Und trotzdem reflektiert sie ihr Leben sehr transparent, auch ihre eigenen Taten. Sie saß selbst im Gefängnis und verschweigt das nicht. Wer sich für italienische Mafia-Strukturen interessiert, bekommt hier einen extrem ehrlichen Einblick, und mal real talk, nach diesem Buch wirken Mafia-Romane fast lächerlich ;) Die Realität ist komplexer, dunkler und verstörender als jede Fiktion. Einen kleinen Abzug gibt es für mich trotzdem. Ich hätte gern mehr darüber erfahren, welche persönlichen Konsequenzen dieses Buch für sie hatte. Unter welchen Umständen konnte sie das veröffentlichen? Wurde es doch gefährlich für sie? Auch ihr Leben danach bleibt eher vage. Und ja, ich habe mich zwischendurch gefragt, wie man sich an vierzig Jahre eines so intensiven Lebens derart detailliert erinnern kann. Das ist keine Kritik, eher ehrliche Neugier. Unterm Strich eine sehr eindrucksvolle, harte und aufschlussreiche Biografie (es sind sogar echte Familienfotos inkludiert!!).Keine leichte Lektüre, aber eine, die den Mythos Mafia ziemlich gnadenlos entzaubert. Ich sag's wie es ist, das ist Stoff für 'ne richtig gute Netflix-Doku.
