Ein Tiefseeabenteuer voller Wunder, aber auch moralischer Widersprüche
Versprochen habe ich mir von diesem Klassiker einen packenden Abenteuerroman, der mich in die größtenteils unergründlichen Tiefen des Ozeans entführt und mich daran teilhaben lässt, wie den Figuren der Geschichte das eine oder andere erstaunliche Geheimnis des faszinierenden Elements offenbart wird. Was den Spannungsgehalt betrifft, bin ich nicht enttäuscht worden: Die Nautilus passiert die aufregendsten unterseeischen Orte, ermöglicht den Protagonisten Zugang zu überwältigenden Phänomenen der Unterwasserwelt und manövriert sich gelegentlich auch in brenzlige Lagen, die einen beim Lesen die Luft anhalten lassen. Woran ich mich aber sehr stoße, ist die geheimnisvolle Aufbauschung einer tragisch inszenierten Figur, die aus meiner Sicht an vielerlei Stelle widersprüchlich zu dem handelt, was sie an Wertehaltungen vorgibt und damit eine gewisse Doppelmoral pflegt: Einerseits verehrt Kapitän Nemo das Meer und alles, was ihm innewohnt, andererseits beutet er es ohne Schamgefühl aus und erntet dafür von einigen Figuren auch noch Beifall und Bewunderung. Er als derjenige, der sich bewusst und gerade aus Verachtung der als machtgierig wahrgenommenen Menschheit von dieser abgewandt und in die Tiefen des Meeres zurückgezogen hat, erschafft sich dort ein eigenes Imperium, welches er nur deshalb als friedlich wahrnimmt, weil dort (bislang) niemand Menschliches mit ihm um den Lebensraum und die Ressourcen konkurriert. Er genießt eine Art Monopolstellung, was ihn auch zu einer Person macht, die sich etwas aneignet und dadurch Macht erlangt. Andererseits wird aber auch eine Seite an ihm aufgezeigt, die ihn wieder nahbarer erscheinen lässt. Ohne zu viel zu verraten, möchte ich meinen, dass sich zunehmend eine gewisse Menschlichkeit in ihm durchsetzt, die sich in Form von Mitgefühl und Emotionalität zeigt. Nichtsdestotrotz haben mich viele Passagen schockiert und aufgrund ihrer rohen Grausamkeit tief bewegt. Möglicherweise soll der Roman bewusst provozieren und naturethische Fragen aufwerfen. Bei der oft nüchternen Sachlichkeit, mit der skrupellose Handlungen an Lebenwesen des Ozeans begangen werden, ist die ernsthafte Appellwirkung für mich jedoch nicht wirklich gegeben. Leider haben diese Anteile mein Leseerlebnis ziemlich gedrückt und mich eher beschwert als mitgerissen. Was ich aber unbedingt hervorheben muss, sind die visionären technischen Beschreibungen Vernes. Mit erstaunlicher Präzision erklärt er Mechanismen, die zum Zeitpunkt der Entstehung noch Zukunftsmusik gewesen sind. Das liest sich an mancher Stelle womöglich etwas sehr detailreich und beinahe faktenüberladen, erlaubt einem dadurch aber auch sehr bildhafte Vorstellungen. In dieser Hinsicht ist der Roman überaus faszinierend und eine Meisterleistung in Sachen wortgewordener Vorstellungskraft. Ich bin also gespaltener Meinung; ein unvergessliches Abenteuer habe ich definitiv miterleben dürfen. Jedoch hätte ich mir dabei mindestens eine Figur gewünscht, die Nemos besitzergreifende Art etwas mehr hinterfragt – und wer weiß, vielleicht sogar aus Achtung der Natur und allen Lebens in einige verheerende Handlungen eingegriffen hätte.
















































