Unterhaltend, aber sehr überladen 
Ein Tyrann der seine Macht insofern missbraucht, dass er alle seine Wünsche befriedigt bekommen möchte, sich selbst bereichert, Menschen benutzt für seine Zwecke und Gesetze passend für ihn macht, und der rumjammert wie ein Baby, wenn es mal nicht nach seiner Nase geht, an wen müsst ihr da sofort denken? Also, ich denke da sofort an einen Mann, der nicht altern kann und der relativ orange durchs Leben läuft. Ich denke an – Surprise Surprise – seine Majestät Heinrich VIII. von England! Die Parallelen zu gegenwärtigen Despoten sind mir relativ schnell ins Auge gefallen. Henry Tudor, war sechs mal verheiratet. Er sagte sich von der katholischen Kirche los und schuf die anglikanische, bei der König gleichzeitig oberstes Mitglied war, dem Papst gleichgesetzt, und von vielen als Gott behandelt. Seinen Frauen entledigt er sich, sobald sie nicht mehr seinen Bedürfnissen entsprachen, und die kreisen um den größten Wunsch, einen gesunden Sohn und Erben auf die Welt zu bringen. Wie er seine Frauen losgeworden ist, kann man sich einfach merken: geschieden, enthauptet, gestorben, geschieden, enthauptet, überlebt! Relativ lang gab es wohl eine konstante Person, die seinen Frauen beistand - Jane Boleyn, Schwägerin der bekannten Anne, die maßgeblich daran beteiligt war, dass Henry mit allen Regeln brach und sich sogar den Zorn der katholischen Kirche zuzog (auch hier wieder eine Parallele, oder?) Die ICH Erzählerin Jane nimmt mehrere Positionen ein. Sie umhegt die jeweilige Königin, und hilft ihr mit den Launen des Gatten klarzukommen, so richtig Erfolg hat sie dabei allerdings nicht. Sie spioniert für Thomas Cromwell und ihren Onkel die sich allerdings einen Teufel darum scheren, wie es ihr damit geht und welche Konsequenzen das für sie haben kann. Sie ist auch sowas wie eine Vertraute des Königs, sofern er es denn zulässt. Und sie bezahlt am Ende eine hohe Rechnung für Ihre, zugegebenermaßen manchmal sehr naive, Treue. Henry kommt überhaupt nicht gut weg. Je älter er wird, desto jünger werden, seine Frauen. Sein physischer Verfall ist nicht mehr aufzuhalten, und das kompensiert er mit sofortiger Bedürfniserfüllung. Manchmal sehr spontan und unüberlegt und immer zum Schaden anderer. Ich glaube er hat alle zehn Gebote mehrfach gebrochen. Wenn er wirklich so war, gehört er sicherlich zu den unsympathischsten Regenten auf dieser Welt. Ob sich der Clown aus Washington da was abgeguckt hat? Philippa Gregory gilt als die Königin der historischen Romane. Mir war sie bisher nicht bekannt. Ich verstehe aber wie sie zu diesem Titel gelangte. Detailgenau wirft sie einen Blick auf. Historische Persönlichkeiten, die vielleicht in Vergessenheit geraten sind, wie zum Beispiel Jane. Natürlich ist hier vieles erdacht, und die Dialoge wirken manchmal auch zu modern, doch bekommen wir hier einen differenzierten Einblick in das Leben bei Hofe um 1540. Im Nachwort erklärt die Autorin, dass sie bei manchen Einschätzung nur mutmaßen konnte. Sie begründet ihre literarischen Entscheidungen aber nachvollziehbar. Bei der Länge des Romans, der auch noch sehr kleingeschrieben ist, wundert es nicht, dass ich das Buch wirklich sehr lange gelesen habe und es hat echt gebraucht, bis ich drinnen war. Aber irgendwann hatte es mich. Trotzdem glaube ich, dass hier manche Dialoge sehr ausufernd waren und sich teilweise auch wiederholten. Es werden viele Dinge erzählt, die überhaupt nicht relevant für die Geschichte sind. In den Romanen anderer Autor*innen, die sich dem gleichen Genre widmen, passieren oft interessante und realistisch belegte Wendungen, die den Plot spannend machen, etwas, was in diesem Buch nicht so häufig passiert. Vielleicht fehlt dann doch eine fiktive Figur, um die sich eine eigene erfundene Geschichte rankt und die für die Lebendigkeit eines Romans einen wertvollen Beitrag leistet. Das was hier drin steht, konnte man mehr oder weniger bei Wikipedia nachlesen. Nur eben nicht so schön ausgeschmückt. Was ich nicht richtig verstanden habe, ist, warum Jane auch nach der vierten Königin immer noch daran glaubte, dass alles für die fünfte gut ausgehen wird. Man hätte sie zu einer Heldin machen können, aber an einigen Stellen empfand ich sie nur unglaublich einfach gestrickt. Sehr deutlich wird hier dargestellt, wie Frauen als Ware benutzt wurden, um Bündnisse zu stärken und Thronfolger zu produzieren. Und um Zugang zu den Tätigkeiten in den Gemächern der Frauen zu bekommen. Und wenn sie nichts mehr taugen, dann wird sich ihrer entledigt. Ein hartes Leben dem dann die Tochter Henrys, Elisabeth l, zwar kein Ende gesetzt hat, die sich aber nahm, was ihr zustand (oder auch nicht) und für mich eine der frühen Feministinnen ist. Aber das ist eine andere Geschichte. Insgesamt ist der Roman eine gelungene Erzählung historischer Ereignisse, lebendig und nahbar, und eine Empfehlung für alle die Geschichte in unterhaltsamer Form aufbereitet haben möchten und Lust haben, mal wieder in so einen richtig dicken Schinken zu versinken.





