31. Mai
Zwischen Angst und Freiheit liegt ein Drahtseil
Bewertung:4

Zwischen Angst und Freiheit liegt ein Drahtseil

Manchmal reicht ein dünnes Buch, um einem kurz den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Auf dem Hochseil ist genau so ein Kandidat. Man denkt erst: Na gut, ein Mann läuft auf einem Draht, spannend, aber wie viel kann man darüber schon schreiben? Tja. Philippe Petit kann. Und zwar so, dass man plötzlich selbst mit schwitzigen Händen irgendwo zwischen Angst, Größenwahn und Sehnsucht hängt. Dieses Buch ist kein lauter Abenteuerbericht mit Trommelwirbel und Hollywoodmusik im Hintergrund. Es ist eher wie ein Gespräch mit jemandem, der eine völlig verrückte Leidenschaft hat und dabei so ernst, poetisch und kompromisslos davon erzählt, dass man irgendwann nur noch nickt. Selbst wenn man persönlich schon auf einer wackeligen Leiter denkt: Nein danke, Leben, heute nicht. Besonders schön fand ich, wie aus dem Drahtseil mehr wird als nur ein Stück Metall. Es wird Prüfung, Bühne, Gegner, Freund und irgendwie auch Spiegel. Petit beschreibt kleinste Bewegungen, Berührungen, Vorbereitung und Stille mit einer Intensität, die fast meditativ wirkt. Klingt hochgestochen, ist es manchmal auch ein bisschen, aber auf eine charmante Art. So ein Buch trägt eben keinen Hoodie, sondern eher einen wehenden Schal im Wind. Für mich war das kein Buch zum Wegsuchten, sondern eins zum Innehalten. Kurz lesen, nachdenken, wieder zurückkommen. Wer klare Handlung und Tempo sucht, könnte etwas ungeduldig werden. Wer aber Lust auf Mut, Kunst, Hingabe und diesen kleinen inneren Wahnsinn hat, bekommt hier ein sehr besonderes Leseerlebnis. Ein Buch wie ein Schritt ins Leere. Nur mit erstaunlich viel Herz darunter.

Auf dem Hochseil
Auf dem Hochseilvon Philippe PetitUnionsverlag
18. Apr.

Mit einem Vorwort von Paul Auster Ein junger Mann, kaum 23 Jahre alt, verfasst dieses Buch. Einer, der sich eine bis dahin kaum bekannte Kunst in erstaunlich kurzer Zeit selbst erschlossen hat. Heute kennt die Welt seinen Namen: Philippe Petit, der Mann, der einst zwischen den Türmen des World Trade Centers auf einem dünnen Draht dem Himmel entgegenbalancierte und damit Geschichte schrieb. Doch dieses Werk erzählt weit mehr als nur von einem spektakulären Drahtseilakt. Es ist eine leise, eindringliche Meditation über das Leben selbst. Schritt für Schritt führt es durch die Anfänge. Vom sorgfältigen Reinigen des Seils bis zu jenem ersten zögernden Kontakt, wenn die Zehen den Draht berühren und der Körper das Gleichgewicht neu begreift. Auf dem Seil offenbart sich eine eigene Welt: eine Schule der Wahrnehmung, der Disziplin und des Mutes. In der schwebenden Stille zwischen Himmel und Abgrund findet Petit eine Form von Freiheit, die alles Irdische hinter sich lässt. Sein poetisches Manifest ist zugleich Einladung und Herausforderung: die eigenen Ängste zu erkennen, sie zu durchschreiten und dem Leben mit wacher, unverstellter Intensität zu begegnen. Ein außergewöhnliches Buch. Es ist halb Anleitung, halb Philosophie und zeigt, wie aus einem einfachen Draht ein Weg zu innerer Klarheit werden kann. Das Vorwort stammt aus dem Jahr 1982 und wurde von Paul Auster verfasst. Darin erinnert er sich an seine erste Begegnung mit Philippe Petit. Ein flüchtiger, beinahe unscheinbarer Moment im Paris des Jahres 1971. Petit trat damals als Straßenkünstler auf, jonglierte mit spielerischer Leichtigkeit und verblüffte Passanten mit kleinen Zauberkunststücken. Doch nur wenige Wochen später verwandelte sich dieses Bild in etwas nahezu Unfassbares. Mitten in der Nacht, während die Stadt schlief, spannte Petit ein Drahtseil zwischen die Türme von Notre-Dame de Paris. Hoch über dem Boden, im Zwielicht der Dunkelheit, bewegte er sich auf dem Seil. Nicht nur gehend, sondern jonglierend, spielend, als gehöre ihm der Raum zwischen Himmel und Erde. Drei Stunden lang dauerte dieses heimliche Schauspiel. Am Ende wartete die Verhaftung. Doch was für andere ein Ende bedeutet hätte, war für Petit nur eine Randnotiz. Seine Leidenschaft ließ sich weder einfangen noch begrenzen. Sie suchte sich immer wieder neue Wege, höher, kühner und freier. „Mich hat bei dem Notre-Dame-Spektakel noch etwas anderes bewegt: dass es heimlich aufgeführt wurde. Philippe Petit war in aller Stille zu Werke gegangen, gründlich wie ein Bankräuber, der einen Überfall plant. Keine Pressekonferenz, kein Reklamegeschrei, keine Plakate. Die Reinheit dieser Aktion beeindruckte mich.” Ausgesprochene Leseempfehlung!

Auf dem Hochseil
Auf dem Hochseilvon Philippe PetitUnionsverlag