Roh, unbequem und erstaunlich nah am Leben
Besonders gefallen hat mir, wie nah man an den beiden Hauptfiguren bleibt und trotzdem jede von ihnen als eigenständige Persönlichkeit kennenlernen darf. Dabei sympathisiert man nicht zwangsläufig mit einer der beiden Figuren und genau das empfand ich als erfrischend. Viele Momente wirken roh, plötzlich und fast so, als wären sie direkt aus dem Leben gegriffen. Besonders die Themen emotionale Abhängigkeit und Scheinheiligkeit haben mich angesprochen. Dieses ständige Aufopfern, das Gefühl, nicht genug zu sein, und die Dynamiken, die daraus entstehen, dürften vielen Menschen bekannt vorkommen. Suter gelingt es, schwierige Beziehungsmuster schonungslos offenzulegen. Damit konnte ich mich stellenweise sehr gut identifizieren. Allerdings gibt es auch Punkte, die mir weniger gefallen haben. Die Trennung von Noah und Camilla erfolgte für mein Empfinden genauso schnell wie ihr Zusammenkommen. Natürlich sind beide Figuren sprunghaft, dennoch hätte ich mir für die spätere Annäherung mehr Zeit und einen nachvollziehbareren Prozess gewünscht. Außerdem eröffnet der Autor einige interessante Handlungsstränge, etwa Camillas finanzielle Verbindung zu einem anderen Mann. Solche Aspekte hätten meiner Meinung nach noch etwas ausführlicher beleuchtet werden können. Ansonsten ist Suters Schreibstil ehrlich und direkt, manchmal fast etwas zu roh. Er ist definitiv kein Autor, mit dem man sofort warm wird. Aber gerade das macht ihn vielleicht auch interessant. Insgesamt ein Buch, das vor allem durch seine schonungslose Darstellung von Beziehungen und emotionalen Abhängigkeiten überzeugt.

























































