Brauchbarer Einstieg für Neulinge, aber ohne vielschichtige und fundierte Auseinandersetzung
„Pride“ von Michael Hunklinger habe ich das erste Mal 2024 auf der Buchmesse in Leipzig angekündigt gesehen und weckte bei mir direkt große Erwartungen. Der Titel versprach eine spannende Auseinandersetzung mit dem Gefühl des Stolzes, zu dem mir direkt mehrere Fragen in den Sinn kamen: Ist Stolz etwas Positives im Sinne eines gesunden Selbstbewusstseins? Oder kann er auch egoistisch, exklusiv oder problematisch sein? Wann ist Stolz gerechtfertigt, und wer hat das Recht, dieses Gefühl für sich zu beanspruchen? Leider behandelt das Buch diese Fragen wenig bis gar nicht und lässt mich mit einem ambivalenten Eindruck zurück. Zunächst muss gesagt werden, dass „Pride“ durchaus einige Stärken hat. Es bietet eine verständliche Einführung in die Themen Sexualität und Geschlecht und liefert einen soliden Überblick über die gesellschaftspolitische Situation queerer Menschen. Besonders hervorzuheben ist die Thematisierung queerer Scham – ein Aspekt, der selten in den Fokus rückt und hier bereichernd aufgearbeitet wird. Ebenfalls gelungen ist die Analyse, wie queeres Leben in kapitalistische Strukturen eingebunden wird, etwa durch Pinkwashing, oder wie heteronormative Geschlechterrollen in queeren Kontexten reproduziert werden. Diese Ansätze bieten wertvolle Denkanstöße, insbesondere für Leser*innen, die sich erstmals intensiver mit diesen Themen auseinandersetzen. Dennoch weist das Buch deutliche Schwächen auf. Es bleibt stark auf schwule und lesbische Perspektiven fokussiert, während trans und intergeschlechtliche Menschen weitgehend ausgeklammert werden. Allein die Verwendung des Kürzels „LGBTQ“ verstärkt den Eindruck, dass hier bestimmte Gruppen übergangen werden. Dadurch entsteht ungewollt ein Gefühl von Bi- und Inter-Erasure. Auch Asexualität wird nur marginal verhandelt. Ein weiteres Problem ist die unzureichende, eurozentristische historische Aufarbeitung. So wird beispielsweise der Beitrag Schwarzer Menschen und PoCs während der Stonewall-Riots verflacht und auf ein diffuses „queeres Publikum“ (S. 43) reduziert. Dies ignoriert die zentrale Rolle von Aktivist*innen wie Marsha P. Johnson oder Sylvia Rivera und trägt zur Verklärung der Ereignisse bei. Hinzu kommen Argumentationslinien, die unnötig abschweifen – etwa die Diskussion über die vermeintliche „Aufspaltung“ (S. 69) der Regenbogenfahne durch die Progress Pride Flag. Besonders irritiert mich jedoch, wie der Autor interne Konflikte innerhalb der queeren Community darstellt. Die fälschliche Verwendung des Begriffs „woke“ und die Reproduktion von Grabenkämpfen innerhalb der Szene wirken deplatziert und wenig hilfreich, um bestehende Spannungen zu überbrücken. Statt ein Denken im Widerspruch anzuregen oder zu ermöglichen, entsteht der Eindruck, dass Hunklinger hier Konflikte eher vertieft. Zusammenfassend bietet „Pride“ einen brauchbaren Einstieg für Neulinge, die sich mit den Grundlagen queerer Lebensrealitäten auseinandersetzen möchten. Gleichzeitig verpasst es allerdings die Gelegenheit, die Komplexität und Vielfalt der queeren Gemeinschaft umfassend darzustellen und wichtige Fragen zu Stolz und Identität wirklich zu vertiefen. Wer nach einer fundierten und vielschichtigen Auseinandersetzung sucht, wird hier enttäuscht.


