Ich habe unzählige Bücher über menschliche Schicksale im Zweiten Weltkrieg gelesen und ebenso viele Filme gesehen – und dennoch bin ich jedes Mal erneut erschüttert über die Grausamkeit der Menschen. Gleichzeitig erfüllt mich die Entschlossenheit einiger mutiger Menschen mit Hoffnung und Respekt. Dorothea wird als Romanbiografie deklariert. Es geht um die berühmte Schauspielerin Dorothea Neff und ihre jüdische Freundin Lilli Wolff. Dorothea und Lilli fliehen gemeinsam aus Deutschland nach Wien. Sie hoffen, dass Lilli sich dort freier bewegen kann. Doch sie stellen fest, dass auch in Wien die Nazis sich ausbreiten. Deshalb muss Dorothea Lilli heimlich in ihrer Wohnung in der Annagasse verstecken. Dorothea muss täglich ins Theater gehen und darauf achten, sich nicht zu verraten. Lilli hingegen versucht stundenlang, allein in der Annagasse sich möglichst unauffällig und ruhig zu verhalten, damit niemand ihre Anwesenheit bemerkt. Dorothea erhält rationiertes Essen für eine Person, dieses wiederum bedeutet Hunger für zwei Personen. Dabei wird deutlich, wie Mangelernährung in einer solchen Lage eine Gefahr für viele darstellt. Das war wirklich eine Bereicherung. Ich mochte den eher faktenbasierten Erzählstil ohne große Beschönigung der Beziehung und trotzdem hab ich genug Emotionen verspürt. Diese Frauen waren unglaublich stark und tapfer. Es war für sie nicht nur riskant, dass Lilli eine Jüdin war, sondern auch die Notwendigkeit, dass sie ihre sexuelle Identität verbergen mussten. Die Isolation beider Frauen ist so deutlich zu spüren, dass ich das Durchhaltevermögen und die Solidarität der Frauen sehr bewundere. Hoffnung haben mir auch die Personen geschenkt, die Menschlichkeit bewiesen haben und Dorothea und Lilli unterstützt haben. Ein so wichtiges Buch, und zum Glück hat Jürgen Pettiniger diese mir unbekannte Geschichte von Dorothea Neff und ihrer Freundin Lilli festgehalten. Abgerundet wird das Buch mit den Schwarz-Weiß-Bildern der Frauen und ihren Freund*innen. S.29 „Während sie noch am Semmering geträumt hatten, waren die Parkanlagen auch in Wien längst schon nicht mehr nur für Hunde verboten, auch Jüdinnen und Juden waren dort nicht mehr erwünscht. Wenn sie es gewusst hätten, wer weiß, vielleicht wären sie doch nicht nach Wien gegangen, sondern hätten andere Wege gesucht. In die Schweiz?“ S.55 „Die beiden Frauen ernährten sich, seit Lilli untergetaucht war, neuerlich nur mehr von dem, was eine Lebensmittelkarte hergab. Die Rationen reichten für eine einzelne Person gerade so zum Überleben, für zwei war es in jedem Fall zu wenig.“ S.104 „Im Ensemble hatten es sich einige zur stillen Aufgabe gemacht, manche Dinge auszusprechen, ohne sie zu sagen. Oft genügten Blicke, Gesten oder seltsame Betonungen, um einer Aussage die gewünschte Bedeutung zu verleihen und dennoch nichts Verbotenes aussprechen zu müssen.“ S.173 „Die Augen jedes Einzelnen wirkten stumpf, als hätten sie keine Tränen mehr. Der Blick abgeklärt, wie es bei Menschen der Fall ist, die alles gesehen haben und durch nichts mehr zu erschrecken waren. Sie waren sichtlich abgemagert und hatten offenkundig ebenfalls Hunger glitten. Taten es vermutlich noch.“
3. Feb.3. Feb. 2026
Dorotheavon Jürgen PettingerKremayr & Scheriau

