3. Aug.
»Politische Popsongs sind Geschichten gegen das Schweigen.«
Bewertung:5

»Politische Popsongs sind Geschichten gegen das Schweigen.«

„Keine Macht für Niemand“, auf den Song von Ton Steine Scherben zurückgehend, ist eine Reise durch die spannungsreiche musikalische Zeitgeschichte ab dem Ende des Ersten Weltkriegs bis in die Jetzt-Zeit. Dass die Geschehnisse dabei von Popmusik verschiedenster Ausprägungen begleitet und in dieser verarbeitet wurden, legt der Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft deutlich dar. Anhand 80 Jahren Pop- und Zeitgeschichte und knapp 260 Songs, die er für dieses Buch mal vertiefter mal oberflächlicher analysiert hat, erschließt er die Zusammenhänge zwischen Pop, Protest und Politik sowie ergänzend aus den Perspektiven von Solidarität und Widerstand. Nach einführenden Grundlagen, beginnt es mit dem konservativem, rassistischem und sexistischem Schlager der Nachkriegszeit, führt über politische Liedermacher:innen, dem Beginn und der Etablierung von Punk, über den großteils misogyn und männlich dominierten Rap, bis hin zu zeitgenössischen Künstler:innen, die sich – nicht nur gegen das Erstarken rechter Ansichten – klar positionieren. Währenddessen nimmt es nie ein Blatt vor den Mund, sondern benennt die Dinge beim Namen. Marcus S. Kleiner führt viele kluge und differenzierte Gedanken über politische Zeitgeschichte an, auch indem er sich seiner eigenen Privilegen bewusst wird und diese reflektiert, wie man sie nur selten liest und regt damit zum Nachdenken an. Dabei merkt man stets die Musikleidenschaft des Autors und seine persönliche politische Haltung. Ergänzt und vertieft wird die Lektüre durch eine vorangestellte Spotify-Playlist der erwähnten Songs. Es bleibt nur noch eins zu sagen: Lest unbedingt dieses Buch, es ist ganz großes Kino, fordert, ist vereinzelt vielleicht etwas zu theoretisch und man muss manche Abschnitte zweimal lesen, aber es regt definitiv zum Nachdenken an. In erster Linie ist es ein lauter Weckruf gegen das anhaltende Schweigen der Gesellschaft, mit dem wir uns viel zu gerne umhüllen.

Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschland
Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschlandvon Marcus S. KleinerReclam, Philipp
23. Juni
Zwischen Punk und Politik: Mein Ritt durch Kleiners Pop-Universum
Bewertung:4

Zwischen Punk und Politik: Mein Ritt durch Kleiners Pop-Universum

Marcus S. Kleiner kommt um die Ecke, schmeißt mit Popgeschichte um sich und packt mir zwischen die Ohren ein ganzes politisches Mixtape – und zwar eins, das scheppert. Von Degenhardt bis Ebow, von Biermann bis Blond, der Mann lässt nix aus. Und endlich mal jemand, der versteht, dass Pop nicht nur Takt und Tanz ist, sondern Zündstoff mit Melodie. Kleiner schreibt wie ein Musiknerd mit Haltung, der sich durch Jahrzehnte deutscher Geschichte hört und dabei den Staub von verkrusteten Politdiskursen bläst – mit ordentlich Bass. Ja, manchmal rutscht er in die Professoren-Schiene ab, da musste ich ein paar Sätze zweimal lesen (vielleicht lag’s auch am Bier), aber es bleibt spannend wie eine gute Setlist. Die Playlist-Tipps zwischendurch sind Gold wert – ich hab dabei ein paar Acts entdeckt, von denen ich vorher dachte, das wären Pokémon. Man merkt: Das Buch ist nicht einfach so runtergeschrieben worden. Da brennt einer für sein Thema, das ist keine trockene Analyse, das ist Leidenschaft in Druckerschwärze. Trotzdem ein Stern Abzug, weil mir bei aller Liebe manchmal ein bisschen der Groove gefehlt hat – so ganz ohne Skandale, Gossip oder Gitarrensoli ist halt doch alles etwas sehr sauber kuratiert. Fazit: Wer Pop bisher nur mit Bravo-Hits und Ballermann verband, wird hier ordentlich umerzogen – und das ist gut so. Nach der Lektüre sieht man Deutschpop mit anderen Ohren. Und ja, auch Tocotronic macht plötzlich Sinn. Danke, Herr Kleiner, Sie haben mein inneres Riot-Girl wieder geweckt – obwohl’s bei mir eher ein Riot-Typ ist.

Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschland
Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschlandvon Marcus S. KleinerReclam, Philipp