28. Juni
Bewertung:4

„Über den Fluss“ (2023) ist der Debütroman von Theresa Pleitner. Die namenlose Ich-Erzählerin hat ihr Psychologiestudium abgeschlossen und tritt direkt ihre erste Stelle an. Wie es sich für eine Psychologiestudentin gehört, ist sie zielstrebig, fleißig und idealistisch. Weil sie die Welt verbessern will, übernimmt sie die psychologische Betreuung in einer provisorischen Asylunterkunft. Jeden Tag fährt sie über den Fluss ins Industriegebiet. Im Kontakt mit den Asylsuchenden - die „Gäste“ genannt werden - erlebt die Erzählerin ihre eigenen Grenzen. Wie die anderen Beschäftigten wird sie zur Komplizin eines Systems, das strukturell unfähig ist, Menschen in Notsituationen zu versorgen - mehr noch: das diese Notsituationen häufig sogar hervorruft. Erst im Verlauf des Romans hinterfragt die Erzählerin ihre eigenen Motive. Sie ist nicht durchweg sympathisch. Wie sehr sie den Patient*innen tatsächlich hilft, bleibt fraglich. Die Handlung hätte das Potenzial, sehr klischeehaft zu sein. Sie ist es aber nicht. Gerade weil die Protagonistin unnahbar bleibt, ist es keine Erzählung über einen guten Menschen, der am System zerbricht. Die Geschichte ist nicht komplex. Sie wirft aber viele interessante Fragen auf: Wie können Menschen in Care-Berufen in einem defizitären System ihren Patient*innen gerecht werden, ohne sie zu bevormunden? Machen sie sich unweigerlich zu Kompliz*innen dieses Systems? Wie kann eine Psychotherapie, die Selbstwirksamkeit fördern will, Menschen helfen, die nach traumatischen Fluchterfahrungen einem bürokratischen Abschiebesystem ausgesetzt sind? Wie weit darf eine Zwangsbehandlung gehen? Und wie können Ärzt*innen und Therapeut*innen beurteilen, was für diese Menschen richtig ist? Diese Fragen werden nicht beantwortet, sondern zunächst nur in den Raum gestellt. Dabei bleibt die Perspektive zwangsläufig defizitär, da die privilegierte Erzählerin immer die Möglichkeit hat, auszusteigen. Pleitners Schreibstil gefält mir sehr gut. Gerade für ein Debüt finde ich das „Über den Fluss“ grandios.

Über den Fluss
Über den Flussvon Theresa PleitnerS. FISCHER
3. Feb.
Bewertung:5

theresa pleitner schreibt über eine junge psychologin, die eine neue arbeitsstelle in einer unterkunft für geflüchtete menschen in einer deutschen großstadt beginnt.

in gesprächen mit den geflüchteten menschen, die in der unterkunft nur „gäste“ genannt werden, als wären sie in einem hotel… erfährt die protagonistin von den traumatischen erlebnissen auf der flucht und diagnostiziert diverse psychische krankheiten - teils auch mit starken körperlichen symptomen, die sich aufgrund der schrecklichen erlebnisse und den aussichtslosen zuständen entwickelt haben. fast nebenbei und eher unterschwellig wird gleichzeitig das system kritisiert: durch befangene mitarbeiter*innen oder die menschenunwürdigen zustände in der halle & auch von der last, die die junge psychologin mit in den feierabend nimmt, weil ihr alles zu nahe geht. ihr moralisches dilemma zu helfen und gleichzeitig, das vor dem gesetz richtige zu tun, tragen ihre schilderung.

mit dieser perspektive gibt das buch einen wahnsinnig wichtigen einblick in die zustände der unterkünfte und gibt den menschen, die dort warten und hoffen nicht abgeschoben zu werden, eine stimme.

durch den ruhigen und eher nüchternen schreibstil kann der schwere inhalt trotzdem ganz gut gelesen werden. das reflektieren und die bilder im kopf setzen während des lesens aber definitiv ein und bleiben auch nach dem beenden des buches bestehen.
dass die autorin selbst als psychologin in einer unterkunft für geflüchtete menschen arbeitet, unterstreicht, wie wichtig die auseinandersetzung ist.

das geschriebene ist nicht leicht. aber es ist so unfassbar wichtig. 🤍

Über den Fluss
Über den Flussvon Theresa PleitnerS. FISCHER
21. Juni
Bewertung:4

Eine Psychologin, gerade frisch mit der Uni fertig, tritt eine Stelle in einer Erstaufnahmeeinrichtung an. Sie hat den Anspruch zu helfen, möchte das System, welches in ihren Augen absolut dysfunktional ist, sozusagen von innen umkehren, muss aber schon bald feststellen, dass ihr die Hände gebunden sind. Sie ist dort lediglich dazu da Ruhe rein zu bringen und den „Gästen“ das Versprechen anzunehmen, sich für die Zeit der „Behandlung“ nichts anzutun. Therapiert wird nicht wirklich, da dies niemand zahlt und wenn man überhaupt von Behandlung sprechen kann, dann höchsten mit dem Verschreiben von Medikamenten. Dies alles führt dazu, dass sie irgendwann abstumpft und einen folgenschweren Fehler begeht. - In diesem Buch treffen Welten aufeinander. Auf der einen Seite ist da die namenlose Protagonistin, die tief in ihrem Kern die Welt verbessern will. Auf der anderen Seite befindet sich die harte Realität. Die Schilderungen der Zustände in der Erstaufnahmeeinrichtung schockieren: viele Menschen auf engstem Raum, Ungeziefer, Lautstärke, keine Privatsphäre, schlechte medizinische Versorgung… auch die Einblicke ins Asylsystem und die Behandlung von Menschen, die sich hier ein besseres und vor allem sicheres Leben erhoffen und dabei oft Monate, manchmal Jahre in einer solchen Einrichtung ausharren, machen wütend. Und ich denke das beides sehr realistisch dargestellt ist. Man erfährt von vielen Einzelschicksalen, von vielen psychischen Erkrankungen, die die Flucht, die Erlebnisse, welche dazu geführt haben und die Isolation mit sich bringen. PTBS und Depressionen kommen verhältnismäßig häufig vor und das schlimmste für mich war zu lesen, wie damit umgegangen wird. Die Personen werden mit vielen Medikamenten ruhig gestellt, im Zweifel in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen, aber wirkliche Hilfe findet nicht statt. Trotz der Anonymität der Protagonistin konnte ich mich gut in ihre Lage versetzen, ihr Entsetzen teilen und auch die Ohnmacht und Hilflosigkeit gegenüber dem System spüren. Pleitner versteht sich gut darauf, Gefühle zu beschreiben und nichtsdestotrotz eine gewisse Disstanz zu dem Geschriebenen zu wahren. Ihr Schreibstil liest sich sehr leicht, kommt ohne große Ausschmückung und Drama aus, was mir gut gefallen hat. Das Ende kam mir dann doch etwas zu überstürzt, fühlte sich irgendwie nicht richtig auserzählt an, passt aber in der Retrospektive ganz gut zu dem Buch. - Eine Empfehlung für alle die sich für das Thema interessieren und einen Blick über den Tellerrand werfen wollen.

Über den Fluss
Über den Flussvon Theresa PleitnerS. FISCHER