10. März
Bewertung:4.5

Ein Buch über eine starke Frau, die trotz Rück- und Schicksalsschlägen den Mut und die Kraft neue Wege zu gehen, nicht verliert. Themen wie Flucht aus dem Dorfleben, Trennung, Suizid, Verlust, Kleinstadtsterben und Existezängste werden in klaren, aber deutlichen Worten verarbeitet. Eine klare Leseempfehlung

Brief vom Vater
Brief vom Vatervon Gabriele KöglElster & Salis Verlag GmbH
14. Nov.
Bewertung:4

Ein Vater (Sigi) begeht Selbstmord. Jahre später tut es ihm sein Sohn (Severin) gleich. Rosa (die Mutter) begibt sich auf Spurensuche. Als Rosa Sigi kennenlernt ist sie sehr jung und wird bald darauf auch schwanger. Anfangs glücklich in dieser Beziehung, stellt sie schnell fest, dass es ihr an etwas fehlt. Es fehlt an Unzerstützung, es fehlt an sozialen Kontakten und es fehlt auch an Geld. Sie trennt sich von Sigi und heiratet Klaus, einen wohlhabenden Drogerie-Inhaber, mit dem sie bis zum Kleinstadtsterben das Leben führt, dass sie sich gewünscht hat. Severin indessen vermisst den Vater und muss mit ansehen wie dieser sich in seiner neuen Familie viel mehr engagiert als in der alten, vor allem was die Beziehung zu seinem neuen Kind angeht. Aber auch diese Idylle hat Abgründe, die letztendlich im Freitod des Vaters münden. Etwas an diesem Tod lässt Severin nicht los… ein Brief, den der Vater hinterlassen hat, beschäftigt ihn viele Jahre und die Geschichte nimmt ihren Lauf. - „Brief an den Vater“ hat mich echt überrascht. Es behandelt eine Vielzahl von Themen, gut eingebettet in den Verlauf der Geschichte. Zum einen wäre da die Wende von kleinen Geschäften hin zu großen Schopping-Centern. Der Verfall der Kleinstadt, die Schließumg lokaler Geschäfte, die Existenzen, die dadurch zerstört wurden… dies alles erfasst Kögl und bringt es auf den Punkt. Es ist ein Thema, welches gern tot geschwiegen wird, obwohl es vor nicht allzu langer Zeit viele Menschen betroffen hat, die ihre Jahrzehnte bestehenden Familienbetriebe aufgeben mussten, weil es sich finanziell nicht mehr gerechnet hat. Nicht wenige haben damit solange gewartet wie Klaus und standen letztendlich vor dem Ruin. Auch der damit einhergehende Verlust des sozialen Gefüges, durch den Einzug der Anonymisierung in großen Geschäften, wird eingehend beschrieben. Des Weiteren nehmen Familiengefüge an sich, sowie die Frage, was es mit einem Kind macht, wenn die Eltern sich trennen und es sich weder in der einen, noch in der anderen neuen Familie vollends integrieren kann. Klaus scheint zwar als Ersatzvater gut geeignet, aber nur solange seine eigenen Kinder nicht anwesend sind. Sie bekommen immer den Vorzug und werden auch nicht zurecht gewiesen, wenn sie Severin angreifen. Sein leiblicher Vater war zeitlebends emotional abwesend in Severins Leben, eine Tatsache, die er vielleicht noch verkraftet hätte, wäre da nicht das neue Kind, sein Halbbruder, der soviel Aufmerksamkeit bekommt, sodass dies natürlich bei Severin die Frage aufwirft, was genau er falsch macht. Er versucht es permanent allen, aber vor allem dem Vater recht zu machen, heischt nach Aufmerksamkeit und scheitert doch letztendlich daran. Kögl‘s Schreibstil ist nüchtern, aber eingängig. Sie folgt in der Erzählung einem roten Faden, der durch Rückblicke in die Vergangenheit ergänzt wird. Mir hat dieser Aufbau sehr gut gefallen und auch die Distanz im Geschriebenen hat mich hier nicht gestört. Ich denke, dass sie zum Teil notwendig ist und in gewisser Weise auch das Innere von Rosa widerspiegelt, die sich mit dem Suizid ihres Sohnes beschäftigen muss und versucht Antworten zu finden auf Fragen, die schwer bis gar nicht zu beantworten sind und sich in Vermutungen auflösen. - Ein toller Roman, der sich mit wichtigen Themen und Tabus auseinandersetzt. Große Empfehlung meinerseits.

Brief vom Vater
Brief vom Vatervon Gabriele KöglElster & Salis Verlag GmbH
29. Sept.
entlarvend, stark, kleinbürgerlich
Bewertung:5

entlarvend, stark, kleinbürgerlich

„Brief vom Vater“ mein zweites Buch aus dem Verlag @elstarundsalis und wieder ein Glücksgriff! Rosa heiratet Sigi jung. Ein recht fescher Kerl, der Schützenkönig im Dorf. Die beiden bekommen einen Sohn, leben recht gut, bis Rosa an die Grenzen dieser Ehe stößt. Faul und träge ist Sigi und das hält Rosa nicht mehr aus. Klaus hingegen ist aktiv, reich und der Drogist im Ort. Sie heiraten und auch Sigi findet eine neue Frau und gründet eine Familie. Doch auch diese Ehen haben ein Ablaufdatum, ein tragisches. Für Rosa beginnen weitere Lebensabschnitte, die sie schultern muss. „Brief vom Vater“ beschreibt die Tragik eines Lebens, Rosas Lebens. Sie versucht, es sich gut einzurichten, da zu sein für ihre Partner, für ihren Sohn. Das Leben zeichnet ihr diese Lebensabschnittspartner vor, gibt ihr Aufgaben auf, sehr schwierige. Und diese meistert sie, ohne sich dabei selbst zu verlieren.  Das Buch ist ganz groß und gleichzeitig ganz leise. Ohne Pathos, aber mit viel Feingefühl fängt es eine Lebensgeschichte ein, die alles andere als leicht ist. Kleinstadtleben, Kleinstadtsterben, der Verfall von Mensch und Ort. Der Roman beschreibt eine Engstirnigkeit und die Unfähigkeit über dem eigenen Schicksal zu stehen und sich nicht zu ergeben, es erzählt von Depressionen und einem todbringenden Stolz. Und dann ist da gleichzeitig Rosa. Eine Frau die das alles mitansieht, sich aber im Gegensatz zu den Männern nicht unterkriegen lässt. Sie erträgt und ist resilient. Und vor allem überlebt sie, weil sie weitergeht und nicht im eigenen Morast und Selbstmitleid versinkt. Sie ist eine Heldin aber kein Opfer, steht in der Buchbeschreibung – und besser kann man es nicht zusammenfassen. Für dieses Buch, das österreichisches Kleinbürgertum ganz groß zeigt, gibt es eine Leseempfehlung!

Brief vom Vater
Brief vom Vatervon Gabriele KöglElster & Salis Verlag GmbH