25. Sept.
Bewertung:5

Als Pablo Emilio Escobar Gaviria am 2. Dezember 1992 bei einem Fluchtversuch von einer Elite-Einheit auf dem Dach eines seiner Verstecke in seiner Heimatstadt Medellín erschossen wurde, endete der Drogenkrieg, der in Kolumbien während der zwei vorangegangen Dekaden Hunderttausenden das Leben kostete. Als Kopf eines Drogenkartells stieg Pablo Escobar ab den 1970er-Jahren zu einem der wohlhabendsten Menschen der Welt auf, indem er Kokain insbesondere in die Vereinigten Staaten exportierte und seine Gegner, seien es verfeindete Banden oder Politiker, die seinen Einfluss auf das Land beschränken wollten, gnadenlos aus dem Weg räumte. Seit seinem Ableben wurde die Region rund um Medellín zur Pilgerstädte für Touristen, welche die einst gefährlichste Stadt der Welt besuchen, und sogar Escobars ehemaliges Anwesen, die berühmte Hacienda Nápoles, bestaunen. In der kolumbianischen Bevölkerung stehen die Menschen „El Patrón“ zwiegespalten gegenüber. Einerseits wird er in weiten Teilen der Unterschicht, der er selbst entstammte und für welche er sich stets einsetzte, noch immer verehrt. Andere wiederum sehen in ihm ein Feindbild, das die Reputation Kolumbiens durch Korruption und seine skrupellosen Methoden nachhaltig beschädigten, und das Land für mehrere Jahrzehnte, in denen er Krieg mit anderen Kartellen, der Regierung und sogar der US-Behörde DEA (Drug Enforcement Administration) ins Chaos stürzte. Tatsächlich dauern die bewaffneten Konflikte bis heute an, da andere Drogenbosse das Vakuum füllten, das der Tod Escobars hinterließ. Da Escobars leben bereits in zahlreichen Büchern, Podcasts und TV-Serien behandelt wurde, ist dies für den geneigten Leser des Buches „Narcoball: Love, Death And Football in Escobar’s Columbia“ von David Arrowsmith erst einmal nicht neu. Allerdings ergänzt Arrowsmith in seinem ursprünglich 2024 erschienenen Buch die mehr oder weniger bekannten Fakten aus dem Leben von „El Patrón“ um seine Liebe zu Fußball, genauer gesagt seinem Heimatverein Atlético Nacional de Medellín. Nachdem Escobar einen Teil seines immensen Reichtums in den Verein steckte und damit auch quasi das Sagen hatte, fuhr der Club wiederholt nationale und schließlich mit dem Gewinn der prestigeträchtigen Copa Libertadores, dem südamerikanischen Pendant zum Europapokal der Landesmeister resp. Der späteren Champions League, auch kontinentale Erfolge ein. Verbündete und Feinde taten es ihm gleich, wodurch in den 1980er-Jahren die vier größten Vereine des Landes entweder von Angehörigen des Medellín-Kartells (Atlético Nacional, die Millonarios aus Bogotá sowie Deportivo Independiente, ebenfalls Medellín) oder des verfeindeten Cali-Kartell (Depotivo Cali) finanziert und geführt wurden. Diese Entwicklung trägt den titelgebenden Namen „Narcoball“. Escobars Förderung von Atlético koinzidieren mit der erfolgreichsten Zeit für den gesamten kolumbianischen Fußball, insbesondere der Nationalmannschaft, die sich größtenteils aus Spielern von Escobars Heimatverein rekrutierte, und Anfang der 1990er-Jahre Achtungserfolge gegen beispielsweise Argentinien einfuhr und gar als einer der Favoriten für die Weltmeisterschaft 1994 in den Vereinigten Staaten galt. „Narcoball“ ist ein faszinierendes Buch, das den Einfluss der Kartelle auf den kolumbianischen Sport, die Gesellschaft und die Politik wunderbar illustriert. Escobars Leben wird hervorragend in den sporthistorischen Kontext gerückt und zeigt auf, wie fußballbegeistert der berühmteste „Narcotraficante“ zu Lebzeiten war und selbst Personen, die nicht sonderlich sportaffin sind, werden in diesem umfangreichen Buch sicher einige Details erfahren, die ihnen womöglich noch nicht bekannt waren.

Narcoball
Narcoballvon David ArrowsmithLittle, Brown Young Readers US