27. Nov.
Bewertung:5

Eigentlich sollte ein Buch wie dieses gar nicht existieren, weil die Prämisse nahezu unmöglich erscheint. Doch die Liebe zu Marvel Comics ist es, die Douglas Wolk nicht nur durch sein Experiment trägt, sondern auch aus jedem einzelnen Kapitel spricht.

„All of the Marvels“ von Douglas Wolk ist ein irrwitziges, fast unmögliches Projekt – und genau darin liegt sein Zauber. Über 27.000 Marvel-Comics, erschienen seit den 1960ern, bilden die Grundlage für Wolks Reise durch das wohl umfangreichste fortlaufende Erzähluniversum der Popkultur. Von Spider-Man über Captain America, Thor und die X-Men bis hin zu obskuren Figuren wie Man-Thing oder Shang-Chi: Wolk hat sie alle gelesen – wirklich alle – und daraus eine übergeordnete Geschichte geformt. Anstatt klassische Leseempfehlungen abzuarbeiten, schreibt Wolk keinen Kanon, sondern einen Reiseführer durch dieses gigantische narrative Labyrinth. Er zeigt, wie sich Figuren über Jahrzehnte im Kreis drehen, wie sich Geschichten verändern und doch wiederholen, wie Autor*innenwechsel ganze Heldenbiografien neu ausrichten – und wie dieses ständige „zweiter Akt“-Gefühl das Marvel-Universum prägt. Sein Ansatz ordnet das Chaos, ohne ihm die Magie zu nehmen. Besonders berührend ist die spürbare Liebe, die Wolk dem Medium Comic entgegenbringt: den unzähligen Autor*innen und Künstlern, den Architekten wie Stan Lee, Steve Ditko und Jack Kirby, den Experimenten, Fehltritten und genialen Momenten, die Marvel zu dem gemacht haben, was es heute ist. „All of the Marvels“ ist daher nicht nur Analyse, sondern Hommage: an das Erzählen, an Popkultur, an die schiere Freude am Eintauchen in fremde Welten. Und genau das macht das Buch zu einer überraschend leichten, unterhaltsamen Lektüre. Selbst in den dunklen oder mir bislang unbekannten Ecken des Marvel-Universums habe ich mit Wolk neue Wege entdeckt. Wege, die ich vielleicht bald selbst betreten werde.

All of the Marvels
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