22. Mai
Bewertung:5

Wow! Das war eines der besten Bücher, das ich seit langem gelesen habe. Es ist intensiv, es ist poetisch, es ist stellenweise kaum auszuhalten, denn es ist nur bedingt Fiktion. Nona Fernandez (*1971 in Santiago de Chile) geht in "Twilight Zone" den Spuren der Militärdiktatur in Chile nach. Ausgangspunkt ist eine Aussage eines Agenten der Geheimpolizei, der 1984 in das Büro einer Journalistin kommt und sagt: ich möchte reden. Dieser Mann, "der Mann der gefoltert hat" erscheint auf dem Cover der Zeitschrift "Cauce", das Nona Fernandez als Teenager sieht und nicht mehr vergisst. "Twilight Zone" ist ein Roman über das Leben in einer Diktatur, in der Entführungen und das Verschwinden von Menschen zu einer grotesken Normalität gehören. Während die Bevölkerung ihrem Alltag nachgeht, arbeitet, zur Schule geht, Fernsehserien schaut, werden Oppositionelle aus Linienbussen gerissen und in geheime Folterlager verbracht. Viele enden erschossen und mit abgeschnittenen Fingerkuppen in Flüssen, Höhlen, Gräben. Tausende sind bis heute vermisst. Verwoben mit ihrer eigenen Geschichte, erzählt Nona Fernandez von Menschen, die einen ganz gewöhnlichen Morgen mit ihren Kindern verbringen, bevor sie kurz darauf von Agenten der Geheimpolizei verschleppt werden. Vieles ist historisch belegt, anderes füllt die Autorin mit ihrer Fantasie auf und schafft so ein eindringliches Gesamtbild, das zutiefst berührend ist. Wer dem Verstehen näherkommen will, was es bedeutet, in einer Diktatur aufzuwachsen, wer einen Eindruck von dem Schmerz bekommen möchte, der tief eingeschrieben ist in Generationen, wer Chile besser kennenlernen will, muss "Twilight Zone" lesen, auch wenn das Grauen mitunter unerträglich ist. Großartig übersetzt von Friederike von Criegern.

The Twilight Zone
The Twilight Zonevon Nona FernándezGraywolf Press