
Tiefgreifendes, langsames Figurendrama. Wer vor allem actionreiche Handlung sucht, könnte enttäuscht werden.
🌊 „The light is failing, shadows gathering and thickening: the hour between a dog and a wolf. The time at which one thing might appear to be another, when something benign might appear threatening, when an enemy might come calling in the shape of a friend.“ Das Setting könnte kaum besser gewählt sein: Grace lebt einsam und zurückgezogen in einer Hütte oben auf dem Hügel einer kleinen schottischen Halbinsel. Durch die Gezeiten ist sie 12 Stunden pro Tag völlig vom Festland und der Zivilisation abgeschnitten. Niemand gelang in diesen Zeitfenstern auf die Insel oder kann diese verlassen. Das ist doch perfekte für einen spannenden Thriller, oder nicht? Die Atmosphäre ist spürbar dicht - man hört die raue See nachts um die Klippen tosen und schmeckt das Salz in der kühlen Luft. Der erbarmungslose Mörder verfolgt sein Opfer, es gibt kein Entkommen. Niemand kann zur Hilfe eilen. Kein Versteck! So oder so ähnlich hatte ich mir die Geschichte vorgestellt, doch ich hatte in diesem Moment vergessen, wessen Buch ich hier in den Händen halte. Denn Paula Hawkins schafft wie schon in Ihrem gefeierten Debüt „Girl on the Train“ einen Roman, dessen Spannung durch die verworrenen Figurenbeziehungen und deren Abhängigkeiten entsteht. Statt des generischen „namenloser, unheimlicher Mann jagt & entführt oder tötet unschuldiges Mädchen“ Serienkiller-Plots, entwickelt Hawkins die Tiefen menschlicher Abgründe aus realistischen und alltäglichen Situationen heraus, die Menschen wie dich und mich dazu verleiten, unmenschliches zu tun. „Sometimes I dream about raking through ashes, raking through ashes and finding bones!“ Das mag der Grund sein, weshalb „The Blue Hour“ auf den ersten Blick für viele langweilig wirkt, da quasi kaum etwas passiert. Auch der anfängliche „Knochenfund“ ist vergleichsweise unspannend. Es gibt gar keine Leiche. Oder vielleicht doch? Die Geschichte entwickelt sich langsam, mit immer wieder zwischengeschobenen Rückblenden, Briefen und Tagebucheinträgen, die nach und nach ein Bild ergeben. Wir sind sehr nah an den Figuren dran: Menschen, die alle ihre kleinen oder größeren Makel haben aber auch auf die ein oder andere Art sympathisch sind. Doch ob das, was sie behaupten auch wirklich stimmt? Wer weiß das schon? Wie so oft im wahren Leben prallen bei Hawkins verschiedene Wahrnehmungen und ganz persönliche Wahrheiten auf einander. So führt eines zum anderen. „All is fair in love and war, and friendship is love, too, isn't it? And a kind of war sometimes, as well.“ Neben Themen wie Klassizismus, dem Umgang mit Einsamkeit und dem Stellenwert echter Freundschaft, scheint in „The Blue Hour“ vor allem eines stets präsent zu sein: Freiheitsliebende Frauen, die unter der Abhängigkeit von Männern leiden, vs. Männer, die sie domestizieren, ausnutzen und auf die ein oder andere Art besitzen wollen. Können sich Vanessa, Grace, Marguerite und Emmeline von ihrem Joch befreien? Oder sind es am Ende ganz andere falsche Freunde, die das Unheil mit sich bringen? „I can't remember when I started to put the pieces together, when it was that I stood back and allowed the whole image to come into focus, when the trees became the wood and the sheepskin fell away to show me the wolf. Maybe I did glimpse it right away, maybe I was too frightened to acknowledge it. Too frightened, or too loving. I don't think I knew then how murderous love can be. I only know it was already too late.“ Fazit: Kein 08/15-Plot sondern eine Geschichte mit Tiefgang, für Leser*innen, die gerne die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen erforschen. Durchaus spannend, aber nicht unbedingt mitreißend. Aus dem atmosphärischen Setting hätte man meiner Meinung nach viel mehr machen müssen. Die Entwicklungen am Ende deuten sich recht früh an, wenn man auf so etwas achtet. Schriftstellerisch über jeden Zweifel erhaben und der Schwemme an durchschnittlichen Genreautoren vorzuziehen, aber an „Girl on the Train“ reicht „The Blue Hour“ leider nicht heran.






















































