Inhalt: Fünf Frauen, eine Metropole. Als Paul von seinem Arbeitgeber das Angebot bekommt hatte, für zwei Jahre nach Shanghai zu gehen, um sich beruflich zu profilieren, riet seine Frau Nelly ihm die Chance zu ergreifen. Sie hat ihre Arbeitsstelle in München gekündigt, Familie und Freunde in Deutschland zurückgelassen und ist mit ihrem Mann ins Ungewisse aufgebrochen. In Shanghai erwartet sie jedoch ein wahrer Albtraum. Die Firmenwohnung ist nicht renoviert und Pauls Chef möchte das Paar in einem billigen Hotel unterbringen. Seitdem ihre zwei Kinder das Haus verlassen haben, um nach Amerika zu ziehen, fühlt sich Renate zu Hause einsam. Ihr Mann hätte in den Ruhestand gehen können, doch um sich weiterhin den Luxus eines Hausmädchens, teurer Kleider, Botox-Behandlungen und einer großen Wohnung leisten zu können, geht er weiter seinem Vollzeitjob nach. Die Freundinnen, mit denen sich Renate trifft, sind oberflächlich. Renate selbst fehlt ein Ziel, eine Aufgabe, für die es sich zu leben lohnt. Tanja ist Mutter und Karrierefrau. Ihr Alltag ist durchgetaktet. Vor sechs Jahren ist sie nach China gekommen. Damals hat man ihrem Mann und ihr gesagt, dass beide gute Aufstiegschancen im Job hätten. Für Tanjas Mann lag man mit dieser Prognose so schlecht nicht. Tanjas Karriere verläuft im Leerlauf. Sie wünscht sich eine Partnerschaft in der Kanzlei für die sie als Steuerfachanwältin arbeitet. Bald schon wird sie aber zwischen Karriere und Kindern wählen müssen. Judy wohnt in einem klassischen Mehrfamilienhaushalt in Shanghai. Mit ihren siebenundzwanzig Jahren gilt sie in China als alte Jungfer. Sie ist immer noch Single und kinderlos. Judys Eltern ziehen jeden Sonntagvormittag mit einem Foto ihrer Enkelin auf einen Heiratsmarkt, um das Mädchen dort bei Junggesellen anzupreisen. Bislang leider vergeblich. Judy ist der mitleidigen Blicke ihrer Familienangehörigen und des Zusammenlebens auf engstem Raum überdrüssig. Ihre Arbeit als Umzugsunternehmerin und die abendlichen Besuche in der Bar sollen ihr helfen, sich einen reichen Ausländer zu angeln, der einen Ausweg bieten könnte. Thomas ist für ein deutsches Unternehmen als Entwicklungsingenieur in Shanghai angestellt. Auch er hat einen Job, der ihn zeitlich stark in Anspruch nimmt. Seine Frau Martha erwartet ein Kind. Als bei ihr die Wehen einsetzen, sind die Eheleute plötzlich mit der harten Realität medizinischer Versorgung in China konfrontiert. Im Detail: Simone Hausladen beschreibt in ihrem Buch das Schicksal von fünf grundsätzlich sehr verschiedenen Frauen. Martha, Judy, Tanja, Renate und Nelly leben in Shanghai. Alle fünf Frauen haben mit ihren eigenen kleineren und größeren Problemen zu kämpfen. Keine dieser fünf Frauen ist mit ihrem Leben in der Metropole vollkommen zufrieden. Wer sich die Kurzvita hinter dem Buchdeckel durchliest, erfährt, dass Simone Hausladen selbst sechs Jahre lang in Shanghai gelebt hat. Ihre Erfahrungen und Kenntnisse über Land und Leute lässt sie geschickt in die Geschichte einfließen. Shanghai ist keine Stadt, in der man sich wohlfühlt und in der man entspannen kann. Die Luft auf den Straßen riecht nach Ruß, der Feinstaubpegel liegt weit über dem Grenzwert. Leitungswasser darf man auf keinen Fall trinken. Es ist stark verschmutzt. Chinesische Familien leben oft auf kleinstem Raum mit mehreren Generationen zusammen. Erst wenn ein Kind eine eigene Familie gründet, zieht es in eine eigene Wohnung. Nach der Geburt eines Kindes geht die Mutter arbeiten, während sich die Großmutter um das Neugeborene kümmert. Anhand von Marthas und Thomas Schicksal erfährt der Leser mehr über die medizinische Versorgung in Shanghai. Eine ärztliche Schweigepflicht und Privatsphäre kennen Chinesen nicht. Ohne Kreditkarte ist man in diesem Land ein Niemand. Benötigt man medizinische Versorgung, so wird von der Ärztin/Krankenschwester als erstes ein Kartenlesegerät gezückt. Zahlt man den Preis, so bekommt man Medikamente. Arme Menschen profitieren nicht vom medizinische Fortschritt. Nelly hingegen wird an einer Stelle von ihrem Chauffeur ins Shoppingcenter begleitet. Dort bekommt man alles, was das Herz begehrt. In der Lebensmittelabteilung finden sich unter anderem Aquarien, Kühlboxen und Plastikkisten mit lebenden Meerestieren. Nelly muss an diesem Tag Zeuge werden, wie ihr Fahrer mit stark verschmutzten Fingernägeln die Tiere auf ihren Zustand betastet. Etwas, was dort durchaus üblich ist. Tanja erwähnt, dass sie schon wiederholt von tatsächlichen und vermeintlichen Lebensmittelvergiftungen geplagt wurde. Fazit: In Simone Hausladens nie überzogenen, teils melancholischen Werk „Zwischenspiel Shanghai“ geht es um Einsamkeit und urbane Entfremdung, Um fünf Frauen, die in der Metropole auf der Suche nach dem eigenen Glück sind. Bei allem Lokalkolorit und sympathischen Charakterzügen der Protagonistinnen ist das Buch sehr subtil und differenziert. Bemerkenswert ist auch, dass es nicht davor zurückschreckt, die miserablen hygienischen und sozialen Zustände vor Ort aufzuzeigen. Die packend geschriebene und zugleich exakt recherchierten Darstellung konnte ich nicht zur Seite legen. Zugleich habe ich gehofft, dass die fünf Frauen, jede für sich, ihr eigenes persönliches Happy- End finden würden. Ob meine Hoffnungen erhört wurden, das müsst ihr allerdings selbst herausfinden. Buchzitate: Inzwischen erwachte draußen die Stadt. Die Metropole begann sich zu regen, zu strecken, gähnte noch einmal und nahm gemächlich ihr geschäftiges Tagestreiben auf.
23. Sept.23. Sept. 2022
Zwischenspiel Shanghaivon Simone HausladenIndependently Published
