
Warum Tuberkulose noch immer die Welt prägt – und wir viel zu selten darüber sprechen.
John Greens „Alles ist Tuberkulose“ ist ein ungewöhnliches Buch. Als Arzt mit Erfahrung in der Behandlung von Infektionskrankheiten liest man ein populärwissenschaftliches Sachbuch über Tuberkulose naturgemäß mit einem anderen Blick als die meisten Leser. Hinzu kommt, dass Green kein Mediziner ist, was man an einigen Stellen durchaus merkt. Gelegentlich wirken medizinische Zusammenhänge vereinfacht dargestellt oder gehen in der deutschen Übersetzung etwas verloren. Dennoch gelingt dem Autor etwas Bemerkenswertes: Er schafft es, eine Erkrankung ins öffentliche Bewusstsein zurückzuholen, die in den westlichen Industrienationen kaum noch wahrgenommen wird, obwohl sie weltweit weiterhin zu den tödlichsten Infektionskrankheiten gehört. Green verbindet die Geschichte der Tuberkulose mit den Schicksalen heutiger Patienten und zeigt eindrücklich, wie eng medizinische Versorgung, Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheitspolitik miteinander verknüpft sind. Besonders gelungen sind die Passagen über die aktuelle Versorgungssituation in Schwellen- und Entwicklungsländern. Green macht deutlich, dass Tuberkulose heute weniger an fehlendem medizinischem Wissen als vielmehr an mangelndem Zugang zu Diagnostik und Therapie scheitert. Gerade dieser globale Blickwinkel verleiht dem Buch seine Relevanz. Für mich persönlich hätte das Buch an einigen Stellen noch stärker in die Tiefe gehen dürfen. Insbesondere die historische Entwicklung der Tuberkuloseforschung, die Entdeckung der Erreger, die Geschichte der Sanatorien sowie die Entwicklung moderner Therapien werden eher angerissen als ausführlich behandelt. Als Mediziner hätte ich mir hier mehr Details gewünscht. Gleichzeitig verstehe ich, dass dies den Rahmen eines populärwissenschaftlichen Buches gesprengt hätte. Insgesamt ist „Alles ist Tuberkulose“ ein gut lesbares, wichtiges und stellenweise sehr bewegendes Buch. Wer sich bisher wenig mit Tuberkulose beschäftigt hat, erhält einen ausgezeichneten Einstieg in eines der größten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Gesundheitsprobleme unserer Zeit. Für medizinische Fachleser bietet das Buch zwar wenig Neues, liefert aber einen wertvollen Perspektivwechsel auf die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen dieser Erkrankung.































