11. Jan.
Bewertung:4.5

Im Jahre 1927 rief der damalige Präsident der FIFA, Jules Rimet, die Fußball-Weltmeisterschaft ins Leben. Vorrangig war das Amateurismuskonzept der Olympischen Spiele für den Sport schwierig geworden, da in mehreren Verbände zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren professionell gespielt wurde. Zum anderen sah der Franzose in der Weltmeisterschaft ein Instrument der Völkerverständigung und des interkulturellen Austausches. Bereits drei Jahre später fand in Uruguay, dem Heimatland der damals dominanten Nationalmannschaft, die zuvor zweimal Gold bei den Olympischen Spielen gewann, ein Einladungsturnier statt. Fortan wurde im Intervall von vier Jahren, mit Ausnahme des Zweiten Weltkriegs, die beste Mannschaft der Welt ermittelt. In den darauffolgenden knapp 100 Jahren wurde aus dem Turnier das größte Sportereignis der Welt, das mittlerweile auf allen Kontinenten abgehalten wurde und trotz aller Kontroversen Millionen an Zuschauern in seinen Bann zieht. Dabei wird die Veranstaltung regelmäßig dafür kritisiert mittlerweile kommerzialisiert zu sein und mit seiner Strahlkraft oftmals Event-Fans anzusprechen, die ansonsten kaum Berührungspunkte mit dem Sport haben. Über den Autoren Jonathan Wilson muss wahrscheinlich nicht mehr viel geschrieben werden. In vergangenen zwanzig Jahren hat Wilson bereits zig Bücher über Taktiken und Fußballgeschichte veröffentlicht, die von der Journaille und Lesern gefeiert wurden. Zudem tritt er regelmäßig in Podcasts auf und hält diverse Vorträge. In seinem neuesten Buch, „The Power And The Glory: A New History Of The World Cup“, nimmt Wilson die Leser mit auf eine Reise durch die vergangenen 22 Weltmeisterschaften. Allerdings stehen bei Wilson nicht die Ergebnisse im Vordergrund, sondern vielmehr die Geschichten rund um die Turniere. Wilson vermag es unheimlich gut die Endrunden in einen geschichtlichen Kontext zu rücken und zeigt deutlich auf, dass Sport und Politik seit Jahren untrennbar miteinander verknüpft sind. Bereits seit den Anfangstagen wurde die Ausrichtung des Turniers als Soft Power-Tool instrumentalisiert, um Regime zu legitimieren und von inneren Konflikten abzulenken. Frühe Beispiele hierfür sind die Endrunde in Italien 1934, die von der Propaganda der faschistischen Diktatur Benito Mussolinis überschattet wurden, oder die Weltmeisterschaft 1978, die während der Herrschaft der Militärjunta um General Jorge Rafael Videla in Argentinien abgehalten wurde. Unweit der Austragungsstätte des Finalspiels, dem Estadio Monumental, wurden Dissidenten gefoltert. Aktuellere Fälle hingegen sind die Vergaben der letzten Weltmeisterschaften an Russland sowie Katar. In beiden Fällen wurden massive Menschenrechtsverletzungen während der Vorbereitungen festgestellt, und auch die jeweilige politische Lage steht offen im Kontrast zu dem, wofür die FIFA offiziell steht. Allerdings ist dies nur die Spitze des Eisbergs, spätestens seit der Jahrtausendwende verlief keine Vergabe des Turniers ohne Kontroversen und halbseidene Hinterzimmerdeals, um sich Stimmen zu erkaufen. Gerade in Ländern, die bis zur Austragung keine bis wenige Stadien hatten, die den FIFA-Auflagen entsprachen, wurde auf Kosten der Bevölkerung eine Infrastruktur geschaffen, entweder durch Umsiedlung (z.B. Südafrika und Brasilien), um Weiße Elefanten zu erbauen, die kurz nach dem Turnier keinen Zweck mehr erfüllten und seitdem verfallen. Zudem zeichnet Wilson den sportlichen Weg der jeweiligen Hauptakteure des Turniers nach. Neben dem wichtigen zeithistorischen Rahmen bieten die Anekdoten wichtige Hintergrundinformationen. Spannend sind hier besonders jene Turniere, die aufgrund der Leistungen der Nationalmannschaften zumindest temporär das Klima in deren Heimatländern beeinflussen konnten, so etwa der Titelgewinn der Équipe Tricolore auf heimischem Boden 1998, als die französische Bevölkerung teilweise ihre Ressentiments gegenüber ihren Mitbürgern mit Wurzeln in den ehemaligen Kolonien ablegte. Wilson findet in „The Power And The Glory“ eine tolle Balance zwischen Narrativ und Analyse. Hierdurch erfährt der Leser unheimlich viel über die jeweiligen Turniere, die Lektüre ist aber stets kurzweilig. Wer noch einmal in Erinnerungen schwelgen oder sich fernab schnöder Statistiken über die vergangenen Weltmeisterschaften informieren möchte, sollte sich das neueste, nunmehr 14. Buch des Autors zulegen.

The Power and the Glory
The Power and the Gloryvon Jonathan WilsonLittle, Brown Book Group
30. Dez.
Bewertung:4.5

Irre Umfangreich mit roten Faden

Ich bin wie so oft mal wieder ein großer Fan von einem Buch zum Thema Fußball von Jonathan Wilson. Ich habe auch riesigen Respekt davor, wie viel Arbeit in eine Erzählung zu allen Fußballweltmeisterschaften, die es je gegeben hat, geflossen haben muss. Dass Wilson es den aber auch noch schafft mit einem durchgehenden roten Faden der politischen Einflussnahme auf den Sport arbeitet, zeugt von einem großen Talent als Autor. Dieses Buch hat für mich eines klargemacht, die ganze Diskussion rund um die WM in Katar war ein großer Schwachsinn des Westens. Klar man sollte die WM kritisieren, aber genauso harte Kritik hätte an der WM 2018 in Russland oder der WM 1978 in Argentinien geübt werden sollen. Große Sporturniere waren schon immer ein Spielball für Autokraten oder andere fragwürdige Regime. Uns vorzumachen, dass es rein um die Romantik des Wettbewerbs geht ist eine etwas naive Sichtweise.

The Power and the Glory
The Power and the Gloryvon Jonathan WilsonLittle, Brown Book Group