- Mein erster Woolf (nachdem ich vor langer Zeit einmal The Waves nach circa 20 Seiten Kampf abgebrochen habe). Vielleicht würde ich mich jetzt an eine deutsche Übersetzung oder einen super-slow read von The Waves trauen, oder vielleicht Essays von ihr (a room of one‘s own?) - Ich sollte mehr stream of consciousness lesen, weil ich es eigentlich total mag, aber teilweise sehr geschwommen bin. Anscheinend kann sich das Gehirn daran anpassen, umso mehr man davon liest - Bzgl Stream of consciousness sowie Woolfs Schreibstil: Ich habe manchmal seitenlang die Handlung nicht mehr verstanden, dann wieder Stücke mitbekommen, dann wieder abgerissen, dann wieder voll dabei gewesen. Woolf schreibt so lange und verschachtelt, dass es mir viel Hirnschmalz abverlangt hat bzw. ich mich zum Großteil einfach hab treiben lassen - Um diesem Schreibstil mehr abzugewinnen, lohnt es sich ein bisschen über das Genre Modernism zu informieren. Ich kannte dieses vorher nicht und verstehe nun besser, warum Woolf eine der prominentesten Vertreterinnen dieser Strömung ist - Es hat sich außerdem gelohnt, sich mit Woolfs Lebenslauf zu beschäftigen, wie sie dieses Buch Vita Sackville-West gewidmet hat (bald möchte ich ihren Briefwechsel „Love Letters“ lesen) und in welchen Kreisen Woolf unterwegs war. Das gab mir Kontext und half mir zu verstehen, wie bahnbrechend, bedeutungsvoll und anspruchsvoll das Werk ist - Die Prämisse, dass Orlando nach 7 Tage tiefem Schlaf und heftigem Wetterwechsel, das Geschlecht wechselt, ist next level wild und wenn man sich darauf einlässt, kann es großes Vergnügen machen und hat mir persönlich Anflüge von Gefühlen von Selbstgefühl, Selbstbestimmung und auch „alles nicht so ernst nehmen“ geben. Ich denke nicht, dass das eine Absicht des Buches ist, aber ich finds schön - Ich liebte auch den Aspekt des Schriftstellerin seins, den sie durchweg durch das „The Oak Tree“ Gedicht aufbringt. Egal was in Orlandos Leben passiert, das Oak Tree Gedicht bleibt bei ihm/ihr, ein Leben lang, der rote Faden, die Konstante, und somit auch seine/ihre Selbstverwirklichung (die somit auch völlig intern ist und null von äußerem, geschweige denn ihren Beziehungen oder ihres Geschlechts abhängen) - Ich bin nun *extrem* neugierig auf Jacqueline Harpmans’ Orlanda 3 Sterne weil ich sehr verwirrt und ahnungslos war, 4 Sterne weil Handwerk (und weil who am I to judge Woolf)
Von Virginia Woolf wollte ich schon lange etwas lesen; nicht erst seit "Wer hat Angst vor Virginia Woolf". Also ich also diesen Titel in der Bibliothek meiner Mutter entdeckte, kam das Buch mit nach Hause. Unterdessen muss ich gestehen, dass es leider den Anschein hat, dass Frau Woolf und ich keine Freunde werden. Zumindest hatte ich von Seite eins an Probleme mit ihrem Sprachstil. Oder aber der Übersetzung. Ich kam weder in die Handlung rein, noch schaffte es Woolf, mich überhaupt dafür zu interessieren. Mir ist bewusst, dass "Orlando" ein wichtiges Buch ist. Nicht nur für die Autorin selbst, sondern für die gesamte LGBTQ-Gemeinschaft und auch für unsere Gesellschaft. Nichtsdestotrotz war es einfach nicht meins. Und zwar so sehr nicht, dass ich auch nicht vorhabe, mich an das Original zu wenden oder eine andere Übersetzung zu versuchen. Ich musste mich leider so sehr durch diesen Text quälen, dass mir Woolf auf eine längere Zeit verdorben ist...
Hab gar nicht so viel zu sagen zu dem Buch, ist auf jeden Fall sehr außergewöhnlich und eine echte reading experience , aber hier sind zwei spannende Zitate, die ich mir markiert habe: "Es fiel ihr ein, dass sie als junger Mann nachdrücklich gefordert hatte, eine Frau müsse gehorsam, züchtig, mit Wohlgerüchen besprengt und köstlich gekleidet sein. ,Nun muss ich solche Forderungen am eigenen Leibe büßen', sagte sie sich, ,denn die Frauen sind (soweit ich es nach meiner kurzen Erfahrung in diesem Geschlecht beurteilen kann) an und für sich keineswegs gehorsam, züchtig, mit Wohlgerüchen besprengt und köstlich gekleidet." "Mögen die Geschlechter auch unterschieden sein - sie sind hinwiederum untermischt. In jedem menschlichen Wesen begibt sich ein Pendeln zwischen den beiden Geschlechtern, und oft sind es nur die Kleider, die einen Menschen weiterhin als Mann oder als Frau erscheinen lassen, während darunter ein der Außenseite durchaus entgegengesetztes Geschlecht sich birgt."
England unter Elizabeth I. Orlando ist der Spross eines reichen Adelsgeschlechts mit monströsem Anwesen. Er versucht sich als Poet, jedoch nicht zu seiner Zufriedenheit. Als attraktiver Jüngling ist er vor Elizabeths Tod einer ihrer Favoriten, auch später hat er Erfolg beim weiblichen Geschlecht. Nach einer unglücklichen Liebschaft zieht es ihn als Botschafter nach Konstantinopel. Und dort passiert es: Orlando fällt ihn einen Schlaf, aus dem ihn niemand erwecken kann, und als er schließlich aufwacht, ist er eine Frau. Sie nimmt das zur Kenntnis, hat aber keine Probleme, sich auf das neue Geschlecht einzustellen. Nach einer Episode des Lebens mit „Zigeunern“ kehrt sie nach England zurück, wo sie sich mit Literaten umgibt und bei Langeweile nach Belieben mittels ihrer Kleider das Geschlecht wechselt. Und das bis ins 20. Jahrhundert. Ich wusste, Virginia Woolfs Schreibstil liegt mir nicht besonders, ich habe damals auch den Fehler gemacht, „Mrs Dalloway“ als Hörbuch zu hören. Doch in ihren Roman „Orlando“ habe ich viel besser reingefunden, ich fand den Stil hier viel angenehmer als in „Mrs Dalloway“ und ihre Beschreibung der englischen Adelsgesellschaft absolut amüsant. Am meisten beeindruckt hat mich und andere Mitglieder der Lesegruppe eine Szene auf der vereisten Themse, als die Eisschollen plötzlich zu brechen beginnen und die Themse hinabfließen. Das war ein ganz starkes Bild. Nach Orlandos Geschlechtswechsel begann der Plot für mein Dafürhalten aber nachzulassen, es ging viel um Orlandos Gesellschaften mit Adligen und Dichtern, um belanglose Gespräche, und ich begann, mich zu langweilen. Woolfs Gesellschaftskritik, der Esprit, mit dem sie sich über die noble Gesellschaft mokiert, das gefiel mir schon, doch mir fehlte es an Handlung, diese wurde auch stark beschleunigt, es müssen in dem schmalen Band ja ein paar Jahrhunderte bewältigt werden, einzelne Ereignisse, etwa die Begegnung mit ihrem zukünftigen Ehemann, stechen heraus, werden jedoch eher oberflächlich abgehandelt. Etwas amüsanter waren Passagen, in denen Orlando sich mit Dirnen anfreundet, deren Gesellschaft interessanter ist als die der Adligen. Doch vor dem Ende konnte das Buch mich nicht wirklich zurückgewinnen. Ich erkenne absolut an, wie bahnbrechend Virginia Woolfs Roman im Hinblick auf die Gender-Debatte und LGBTQ-Themen ist. Orlandos Geschlechtswechsel, ihre Heirat mit einem ebenfalls gender-nonkonformem Partner, Virginia Woolf war ihrer Zeit weit voraus. Interessant wäre es außerdem, sich mit ihrer Beziehung zu Vita Sackville-West zu befassen, denn diese diente als Vorbild für Orlando. Ich kann nicht behaupten, dass ich die Lektüre über die Hälfte hinaus genossen habe. Dennoch ein hochinteressantes, in jeder Hinsicht richtungsweisendes Werk, ich bin froh, es gelesen zu haben.




