Ich wusste, worauf ich mich einlasse - und war trotzdem schockiert
Ich muss sagen, dass es mir extrem schwerfällt, dieses Buch abschließend zu bewerten. Nicht, weil es schlecht geschrieben wäre, ganz im Gegenteil, sondern weil es emotional und moralisch ein unglaublich schwieriges Buch ist. Natürlich wusste ich vorher, worum es in der Geschichte geht. Trotzdem war das Buch letztlich wesentlich verstörender, als ich erwartet hatte. Teilweise fand ich es wirklich abstoßend, und ich glaube, genau das ist auch beabsichtigt. Die Protagonistin ist vollkommen sexbesessen und das Buch zwingt einen permanent dazu, sich in ihrem Denken aufzuhalten. Man bekommt sehr tiefe Einblicke in ihre Psyche, ihre Wahrnehmung und ihre Rationalisierungen, was das Ganze stellenweise fast noch unangenehmer macht. Gleichzeitig war genau das aber auch der Punkt, an dem ich innerlich hin- und hergerissen war. Ich verstehe durchaus, warum die Autorin die sexuellen Handlungen so explizit und detailliert schildert, vermutlich, weil diese Obsession essenziell für das Verständnis der Figur ist. Trotzdem hätte ich mir persönlich gewünscht, dass manche Szenen gekürzt worden wären. Für mich hätte das Buch seine psychologische Wirkung auch entfalten können, ohne dass permanent so intensive und detaillierte Szenen zwischen der erwachsenen Frau und den minderjährigen Jungen beschrieben werden. Und genau das macht das Lesen so schwierig: Einerseits ist das Buch literarisch und psychologisch faszinierend, andererseits fühlt man sich beim Lesen immer wieder abgestoßen. Aber vielleicht liegt genau darin auch die Stärke des Romans, dass er keine Distanz zulässt und einen bewusst in dieses unangenehme Gefühl zwingt. Was ich allerdings wirklich interessant fand, war die gesellschaftskritische Ebene des Buches. Achtung, kleiner Spoiler: Dass die Protagonistin letztlich kaum Konsequenzen tragen muss und einfach weitermachen kann, hat mich unglaublich wütend gemacht. Gleichzeitig spiegelt genau das leider reale gesellschaftliche Missstände wider. Sexueller Missbrauch an Kindern wird oft nicht ernst genug genommen, bagatellisiert oder schlicht verdrängt. Das Buch hat mir dieses Ungleichgewicht und diese fehlende Schutzfunktion gegenüber Kindern nochmal auf erschreckende Weise vor Augen geführt. Trotz allem fand ich Tampa spannend und definitiv nicht oberflächlich. Ich hatte beim Lesen permanent das Gefühl, noch tiefer in die Figur eindringen zu wollen, nicht aus Sympathie, sondern weil ich das Bedürfnis hatte, ihre Psyche noch stärker zu verstehen. Mich hätte ihre Hintergrundgeschichte tatsächlich noch mehr interessiert, weil am Ende so viele Fragen offen bleiben. Es ist kein „angenehmes“ Buch und auch keines, das ich uneingeschränkt empfehlen würde. Aber es ist definitiv ein Buch, das etwas mit einem macht. Verstörend, provokant, psychologisch intensiv, und wahrscheinlich gerade deshalb so schwer zu vergessen.







