Atmosphärisches Gedankenexperiment ohne großen Spannungsbogen
„Die Verlassenen“ von Tom Perrotta hat mich thematisch wirklich angesprochen: die Vorstellung, dass plötzlich ein Teil der Menschheit verschwindet, ist unheimlich faszinierend. Die Atmosphäre ist dicht, stellenweise melancholisch und lädt zum Nachdenken ein. Ich fand es spannend, wie unterschiedlich die Menschen mit diesem Ausnahmezustand umgehen und welche psychologischen Folgen das Ereignis für sie hat. Allerdings war mir die Erzählweise oft zu episodenhaft. Es gibt keinen wirklichen Konflikt oder ein Ziel, auf das die Geschichte hinarbeitet, sondern eher ein lose verbundenes Panorama verschiedener Schicksale. Für mich fehlte ein wenig die emotionale Wucht oder ein Moment, der die Handlung auf eine höhere Ebene hebt. Auch der Einstieg und das Ende wirkten recht abrupt, fast so, als würde man zufällig mitten in eine Geschichte hineinspringen und sie dann irgendwann einfach wieder verlassen. Insgesamt ein Buch, das interessante Fragen aufwirft, mich aber emotional nicht so stark berührt hat wie andere Geschichten. Für Leser*innen, die atmosphärische Gesellschaftsstudien mögen, bestimmt ein gelungenes Werk – mir persönlich fehlte ein wenig Tiefe und Zielgerichtetheit.


