Blick ins Buch

Vom Norden rollt ein Donner: Roman

3,9(40)
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Über das Buch

ISBNB0D5QW4PYM
VerlagVerlag C.H. Beck oHG - LSW Publikumsverlag
Erscheinungsdatum11.07.24
Seitenzahl286

Merkmale

1 Bewertungen

LangsamMittelAnschaulichPoetischGlaubwürdigVerstörend

Rezensionen & Bewertungen

40 Bewertungen

8 Rezensionen

3,9

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  • leselicht78
    leselicht78

    201 Follower

    5,0

    Großartiger Roman, dem ich 6 von 5 Sternen gebe

    Zwischen Hamburg und Hannover erstreckt sich die Lüneburger Heide. Hier lebt Jungschäfer Jannes auf einem Drei-Generationen-Hof. Oma Erika ist dement und lebt in einem Pflegeheim. Der Vater zeigt ebenfalls Anzeichen von Demenz. Die Mutter ist die stille Kraft des Hofes, der Großvater verkörpert die Tradition, die Schwester hat schon früh den Hof verlassen. Fernab einer Bauer-sucht-Frau-Idylle zeichnet Markus Thielemann ein beklemmende Szenario. Die Heide ist Einsamkeit und karge Landschaft, in der sich Wacholderbüsche schemenhaft gegen eine nebelgeschwängerte Szenerie abheben. Es ist wirklich kaum zu beschreiben, wieviel Atmosphäre in diesem Roman liegt. "Die Collies jagen aus dem Weiß und verschwinden Sekunden später wieder darin. Alle Geräusche sind gedämpft, geisterhaft sinkt das Gurren verborgener Kranichzüge aus der Höhe." Beklemmende Momente, wo Jannes böse Ahnungen hat und eine weibliche Erscheinung sieht, zu der er Parallelen zu seiner Großmutter und ihrer Vergangenheit zieht. Gruselatmosphäre und Entsetzen, wenn der Roman Ausflüge macht in die Geschichte, damals zum Ende des zweiten Weltkriegs, als Zwangsarbeiter und Häftlinge des nahegelegenen KZs Bergen-Belsen in der Gegend waren und bis heute zu Jannes durchdringen. Und inmitten alldem befindet sich ein Filmteam des NDR, das Jannes und seinen Großvater in der scheinbaren Idylle der Heidschnuckenschäfer filmt. Während Opa Wilhelm vor der Kamera so richtig vom Leder zieht und weder der Wolf noch Heidedichter Herman Löns vor seinem Altnazi-Gedankengut Schonung findet, driftet Jannes ab. Das Filmteam schafft einen Abstand zwischen dem Zuschauer bzw. dem Leser und der tradionsbehafteten und von Heimatliebe durchtränkten Idylle der Heidelandschaft. Jannes aber sieht während der Filmaufnahmen eine schemenhafte Frauengestalt. Wer ist die geheimnisvolle hexenartige Gestalt, die immer wieder auftaucht? Als starkes Stilmittel wählt Markus Thielemann den Wolf, der sich in der Gegend neu ausbreitet und die Bauern und Schäfer in Angst und Schrecken versetzt. Hier findet eine Umbruchstelle zwischen Vergangenheit und Moderne statt, die der Wolf pointiert. Die Schnuckenherde wird gerissen, die scheinbare Ruhe gestört. Das märchenhafte, mystische der Geschichte wird durch das Auftauchen des Wolfes noch verstärkt. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich dieses Buch begeistert. Die Heide hat tatsächlich die beklemmende Atmosphäre eines Niemandslandes. Nichts als Landschaft, kleine Ortschaften irgendwo im Nirgendwo und dazu die Präsenz des Militärs wirken abstrakt und seltsam. Zudem hat Markus Thielemann hervorragend beschrieben, wie das heranwachsen in einem ländlichen Gebiet in Norddeutschland ist, wo man halb passiv alte Rollenmuster übernimmt. Die Dorfdisko, die abgelegenen vereinzelten Geschäfte, der Schützenverein und die Dorfschänke sind Realität. Jannes muss sich entscheiden, ob er bleibt und der Tradition folgt oder damit bricht. Er und seine Familie haben wenig Worte. Die Dialoge sind in knappen Zwei- oder Dreiwortsötzen verfasst. Umso mehr versteht es Thielemann mit seiner Schreibweise, die Landschaft, die Schnucken, die Atmosphäre im Stall und dem nahegelegenene Truppenübungsplatz durch kunstvollen Wortgespinsten in Szene zu setzen. Dabei wird die Heimatidiologie des norddeutschen Schäfers, die vielleicht seit dem zweiten Weltkrieg noch in deutschen Köpfen herumgeistert, aufgebrochen. Am Beispiel des Wolfes wird erneut Recht eingefordert; Völkerrecht, Lynchjustiz und Selbstschutz. Aktueller denn je lässt sich dieses Szenario auf momentane politische Geschehnisse übertragen. Ich kann diesen subtilen und zugleich wortreichen und kraftvollen Roman nur allerwärmstens empfehlen. Zurecht stand "Vom Norden rollt ein Donner" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Für mich ist das Buch definitiv eines meiner Lieblingsbücher geworden!

    25. Nov. 2024

  • 3,5

    Fing so gut an, hat dann leider rapide nachgelassen.

    "Solange er lebt, wird er diese Arbeit machen müssen, sonst können sie gleich aufgeben und den Hof verkaufen. Diese Landschaft hat ihm Stricke um die Glieder gelegt, mit neunzehn. Er ist der angebundene Bock, der hier am Rande seiner Weide steht und nicht weiterkann." S. 58 Der Wolf ist zurück in der Lüneburger Heide. Dies sorgt nicht nur für Unruhe, sondern bedroht auch Existenzen. Wie die von Schäfer Jannes und seiner Familie; zeitlebens und generationsübergreifend tätig als Schafshirten. Aktuelle Wolfsthematik, verquere Ideologien, die Geister der Vergangenheit und gegenwärtige Familienprobleme. Das war vielleicht etwas zu viel gewollt, denn was in meinen Augen so stark anfing, ließ im Verlauf arg nach. Besonders die creepy Szenen im Wald und auf der Heide waren mir zu drüber und irgendwo blieb mir auch die Sinnhaftigkeit dieser Szenen fern. Hätte ich mir in Gänze anders gewünscht, mochte ich aber dennoch aufgrund der Landschaftsbeschreibungen und der Sprache.

    20. Okt. 2025

  • reading.dino
    reading.dino

    38 Follower

    3,5

    Atmosphärischer Roman mit magischen Realismus

    Der Wolf ist zurück in der Lüneburger Heide aber eigentlich geht es garnicht um den Wolf sondern darum, was es mit den Menschen macht. Stark in Erinnerung geblieben sind mir die Gespräche über den Wolf und seine Rückkehr von der Dorfgemeinschaft- für mich gab es dort viele Parallen zu Debatten über geflüchtet und vielleicht war das auch gewollt. Subtil wurde auch das Thema rund um rechte völkische Gruppierung und die Verwebung von Naturschutz mit rechten Gedankengut dargestellt. Es wurde eben eher Angerissen und ich hätte mir mehr Tiefgang gewünscht. Die Beschreibung der Lüneburger Heide ist intensiv und man fühlt sich beim Lesen, als würde man mit auf der Heide stehen - die perfekte Lektüre für schaurig kalte Herbst Tage. Für den ein oder anderen könnten die Beschreibung auf der Heide gruselig oder schaurig wirken. Überraschend präsent war das Thema Demenz in dem Buch. Es hat viel Raum eingenommen und ich war vielleicht sogar etwas enttäuscht? Desto länger ich aber gelesen habe umso besser bin ich mit dem Thema in dem Buch klar gekommen. Ein deprimierendes Thema in einem düsternen Buch. Ich kann das Buch empfehlen auch wenn es nicht so ausführlich war, wie ich es mir gewünscht hatte. Dafür findet man viel Bedeutung zwischen den Zeilen.

    20. Okt. 2025

3 von 8 Rezensionen

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