L'enfant dans le taxi
Jetzt kaufen
Durch das Verwenden dieser Links unterstützt du READO. Wir erhalten eine Vermittlungsprovision, ohne dass dir zusätzliche Kosten entstehen.
Buchinformationen
Beiträge
Der Junge im Taxi von Sylvain Prudhomme, aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Das Buch beschäftigt mich noch nach dem Lesen, es ist ein eindringlicher, melancholischer Roman über Familie, Trennung und Vaterschaft. Auf der Beerdigung seines Großvaters Malusci erfährt Simon von einem angeheirateten Onkel aus Deutschland, dass Malusci am Ende des Zweiten Weltkriegs am Bodensee mit einer Deutschen einen Sohn gezeugt hatte. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob es mich auch so aufwühlen würde, wenn ich erfahren würde, dass mein Großvater im Krieg ein Kind gezeugt hätte, Simon jedenfalls ist wie besessen von dem Gedanken, M. kennenzulernen. Die Suche nach M. und die Trennung von seiner Lebensgefährtin A. bestimmen von nun an sein Leben. Mit seinen Kindern fährt er an den Bodensee und sucht dort in einem kleinen Ort bei Friedrichshafen nach M. Mit Prudhommes Schreibstil habe ich zunächst gehadert, die zahlreichen Dialoge werden ohne Satzzeichen wiedergegeben, es hat eine Zeit lang gedauert, bis ich mich damit anfreunden konnte. Ein weiteres mir bis dato unbekanntes Stilmittel ist, dass die beiden Personen, die Simons Gedankengänge am meisten beherrschen, also seine Ex-Partnerin und sein deutscher Onkel, nicht namentlich benannt, sondern mit A. bzw. M. abgekürzt werden. Nach etwa fünfzig Seiten war der Knoten geplatzt, der poetische Schreibstil des Autors hat mich gepackt, und ich tauchte fasziniert in Simons und M.‘s Geschichte ein. Eine Rezensentin vergleicht das Lesen dieses Buches mit einem französischen Arthouse-Film, diesen Vergleich finde ich sehr passend, da in dem Buch der künstlerische Anspruch und nicht die Handlung im Vordergrund steht. Gerne empfehle ich diesen französischen Roman im Stil eines Arthouse-Films weiter.
Frankreich. Auf der Beerdigung seines Großvaters Malusci erfährt Simon, dass dieser am Ende des 2. Weltkriegs während der Besatzungszeit am Bodensee mit einer deutschen Frau einen Sohn gezeugt hat. Auf einmal beschäftigt sich Simon mit dem Schicksal von Besatzungskindern und will diesen Sohn kennen lernen. Seine Großmutter ist strikt dagegen, doch andere Familienmitglieder unterstützen ihn. Gleichzeitig belastet Simon die Trennung von seiner Frau, mit der er zwei Söhne hat. Der Schreibstil ist eigen. Die Sätze fließen ineinander, wörtliche Rede ist nicht gekennzeichnet. Nach einiger Zeit, hab ich mich aber so daran gewöhnt, dass es gar nicht mehr aufgefallen ist. Es ist verträumt, verspielt, poetisch, melancholisch, alltäglich dramatisch, sprich: sehr französisch. Und eigentlich ist das gar nicht meins und ich halte tatsächlich eher Abstand zu dieser Art französischer Bücher. Dazu habe ich auch keinen Bezug zum Thema und keinerlei Überschneidungen mit Simons Leben. Deshalb hab ich eigentlich schon mal keine Ahnung, warum ich dieses Buch mit nach Hause genommen hab und nicht eines, das eher meinem Beuteschema entspricht. Aber ich bin dankbar und es war das richtige Buch zur richtigen Zeit. Das Buch hat mich total berührt und erreicht. Trotz seiner teils atemlosen Erzählweise ohne Punkt und Komma hatte es eine entschleunigende Wirkung. Ich kann nicht sagen, warum, aber dieses Buch fühlte sich an, wie eine Unterhaltung mit mir selbst: ziemlich anstrengend, aber sehr vertraut. So hat mir dieses Buch wieder deutlich gezeigt, dass man auch mal außerhalb der Komfortzone lesen sollte. Denn es kommt so sehr auf die Details an, ob ein Buch zu uns spricht oder nicht.
Eine französische Erzählung mit prosaischem Tiefgang.
'Ich betrachtete die Gesichter im vergänglichen Wirbel des Festes, im dringlichen Sog des Aperitifs, der genossen werden musste ... .' (Seite 170) Der Großvater stirbt und Simon der Protagonist erfährt, dass es einen verleugneten Onkel gibt. Onkel M. ist ein Besatzungskind. Während seiner Zeit als Soldat am Bodensee, zeugte Simons Großvater ein Kind mit einer Deutschen. Allein 10.000 Besatzungskinder mit französischen Vätern wurden in der Nachkriegszeit registriert. Insgesamt geht die Zahl in die Hunderttausend. Vielen von ihnen mussten mit Stigmatisierung und Ausgrenzung leben. Das ein Teil der Identität fehlte wurde nicht berücksichtigt. Bücher über Besatzungskinder gibt es inzwischen häufiger. Hier wird die andere Seite beleuchtet. Während des ganzen Buches ging mir dieser Gedanke nicht aus dem Kopf. Wie muss es sich anfühlen, wenn man so etwas in seiner Familie erfährt? Von den Menschen, denen man am Meisten vertraut. Denen man ein behütetes und privilegiertes Leben zu verdanken hat. Wenn man sich über Herkunft nie Gedanken machen muss. Ich kann gut verstehen, dass Simon nicht ruhen kann, eher er mehr erfahren hat. Aber ein Teil der Familie, allen voran die Großmutter blenden das Thema aus, mehr noch, in der Vergangenheit sollte man nicht graben. Hilfe bekommt Simon vom angeheirateten Onkel Franz. Und so beobachten wir Simon von außen, wie er doch in der Vergangenheit gräbt und sich vieles selbst zusammen reinen muss. Der Gedanke, um diesen verleugnet Sohn lässt ihn nicht los und als Leserin dachte ich selbst oft, wann lernen wir Onkel M. kennen. Die Suche nach dem geheimnisvollen Onkel ist gleichzeitig eine Suche nach der eigenen Geschichte, dem Heimatbegriff und der Frage, was Herkunft eigentlich bedeutet. Wie schnell können Lebenswege sich ändern und vollkommen unterschiedlich verlaufen. Sylvain Prudhomme schreibt ruhig und philosophisch. Vieles spielt sich in seinen eigenen Gedanken ab. Konversationen werden nicht durch Anführungszeichen unterbrochen. Alles fließt ineinander über. Das passt so wunderbar zum Thema, denn alles hängt zusammen und ist, wenn auch auf unsichtbare Weise, miteinander verwoben. Trotz des ruhigen, essayartigen Stils, findet sich ein leichter Spannungsbogen. Ob Simons Suche erfolgreich ist, müsst ihr aber selbst lesen. Und wieder einmal muss ich es einfach sage: Wie schön ist die französische Sprache? Ich mag den Bodensee, aber Urlaub am Lac de Constance klingt doch gleich viel mondäner.
Der Roman „Der Junge im Taxi“ stammt aus der Feder von Sylvain Prudhomme. In diesem Werk wird das Thema der Besatzungskinder in den Vordergrund gerückt. Es ist ein eigenständiger Roman, welcher ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann. Klappentext: Wer ist dieser M., über den die Familie nicht reden will? Auf der Beerdigung seines Großvaters erfährt Simon von dessen verleugnetem Sohn. Am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland gezeugt und zurückgelassen, ist M. nicht mehr als eine Leerstelle, eine vage Erinnerung. Simon, selbst mit dem Ende seiner Beziehung konfrontiert, lässt der Gedanke an diesen deutschen Jungen nicht los. Was für ein Leben hat er gelebt, war er einsam, verlassen, frei? Ist er es noch? Die Suche treibt Simon von Südfrankreich an den Bodensee, wo sich vergessene Spuren mit den seinen kreuzen und ein neues Bild ergeben. Nur durch Zufall bin ich auf diesen Roman aufmerksam geworden. Ich persönlich hatte mich gefragt, was hinter dem Titel wohl stecken könnte und habe mir mit dieser Frage im Hinterkopf den Klappentext näher angeschaut. Dieser hat mich neugierig gemacht, wie dieser das Thema der Besatzungskinder aufgreift und umsetzt. Zu Beginn des Romans gibt es im Prolog eine kurze Rückblende zum damaligen Geschehen. Der Leser ist dabei, als ein französischer Soldat auf einem Hof in Deutschland beherbergt wird. Wir erfahren auch, wie eine junge Frau auf einem Fest von eben jenen Soldaten zum Tanz aufgefordert wird und wie sich daraus eine kurze heftige Affäre mit Folgen entwickelt. Im nächsten Kapitel sind wir auf einer Beerdigung. Bei dieser hat die Geschichte aus dem Prolog Wellen geschlagen. Simon, der Enkel von diesem französischen Soldaten, hat erfahren, dass sein Großvater damals in Deutschland einen Sohn gezeugt hat, welcher aber in der Familie verleugnet wird. Nach der Besatzungszeit hat er die junge Frau und auch sein ungeborenes Kind zurückgelassen und nie anerkannt. Auch durfte in der Familie nicht darüber geredet werden. Und auch auf der Beerdigung des Großvaters darf über dieses Thema nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden. Simon ist von dieser Tatsache schockiert und möchte den verleugneten Sohn ausfindig machen. Lediglich sein Onkel redet über dieses sensible Thema. Aber auch nur im Flüsterton, er erzählt eher im Geheimen von diesem vergangenen Kapitel. Während der Suche kommen neue Informationen ans Licht und es hat Spaß gemacht, der Suche nach dieser Person mitzuverfolgen. Es hat sich wie ein Puzzle angefühlt, auf jeder Seite ergibt sich ein neues Stück und man kommt der Lösung dabei immer näher. Als Leser wird man sofort mitten in die Handlung reingeworfen und Stück für Stück setzt sich die Geschichte zusammen, man erkennt immer neue Fragmente, sowohl zur Vergangenheit als auch zur Gegenwart. „Der Junge im Taxi“ wird aus der Ich- Perspektive von Simon erzählt, dadurch kann man gut seine Gedankengänge nachvollziehen, was ich persönlich sehr gekonnt umgesetzt fand. Simon selbst befindet sich gerade in Trennung und abwechselnd kümmern sie sich um die beiden gemeinsamen Jungs. Ich fand die Gedankengänge und Gefühle von Simon hier sehr eindringlich. Er selbst macht sich viele Gedanken, auch weil er selbst Vater ist und gleichzeitig in der Situation ist, dass er ein Sohn von seinem Vater ist. Er kann beide Seiten verstehen, aber er kann nicht verstehen, warum in seiner Familie nie darüber geredet wird. Für ihn ist es nicht begreiflich, dass ein Familienmitglied komplett ignoriert und verleugnet wird. Er möchte diesen verleugneten Sohn ausfindig machen und bezieht auch seine eigenen Söhne in die Suche mit ein. Interessant ist hier auch, dass die Ex- Partnerin hier nur mit A abgekürzt wird. Dadurch entsteht eine gewisse Distanziertheit und der Charakter bleibt eher blass. Anders bei dem verleugneten Sohn, welcher nur mit M abgekürzt wird. Dies hat auf mich eher geheimnisvoll gewirkt und hat diese ominöse Person noch sagenumwobener gemacht, hat eher meine Neugier gesteigert. Positiv konnte mich auch der Schreibstil überzeugen. Dieser ist auf der einen Seite sehr eindringlich, findet direkte Worte. Auf der anderen Seite ist dieser poetisch und feinfühlig. Gekonnt werden hier Gefühle beschrieben und eine dichte Atmosphäre erschaffen. Der Stil ist lebendig und schafft es, dass eine Sogwirkung entsteht. Dabei habe ich den poetischen Stil sehr genossen und habe mich von den Emotionen tragen lassen. Thematisch fand ich „Der Junge im Taxi“ auch gekonnt umgesetzt. Das Thema der Besatzungskinder finde ich hier interessant umgesetzt. Es gibt viele Kinder, welche am Ende des zweiten Weltkrieges zurückgelassen worden und nicht oft wird über diese geredet. Dies ist ein Roman, welcher den Leser melancholisch zurücklässt und nachklingt. Man beschäftigt sich mit diesem Thema und es hat mich so schnell nicht losgelassen. Ich fand die Botschaft von diesem Roman wichtig, mich hat dies berührt. Insgesamt hat der Autor Sylvain Prudhomme mit seinem Roman „Der Junge im Taxi“ gekonnt ein wichtiges Thema in den Fokus gerückt. Mich hat dieses nachdenklich zurückgelassen. Gefallen hat mir hier der Erzählstil und auch die Geschichte an sich konnte mich überzeugen. Hierfür möchte ich 4 Sterne vergeben.

Zwischen Schweigen und Herkunft
Manchmal stolpert man in Bücher hinein wie in ein Taxi, ohne genau zu wissen, wohin die Fahrt geht. Und sitzt plötzlich da, schweigend, schaut aus dem Fenster und merkt, dass etwas in Bewegung geraten ist. Der Junge im Taxi ist genau so ein Buch. Still, zurückhaltend, aber mit einer emotionalen Wucht, die sich erst langsam entfaltet – und dann bleibt. Im Zentrum steht eine Leerstelle. Ein Mann, über den niemand spricht. Ein Sohn, der irgendwo in Deutschland existiert oder existiert hat. Prudhomme macht aus diesem Schweigen keinen Thriller, sondern etwas viel Eindringlicheres: eine tastende Suche. Keine großen Enthüllungen, keine dramatischen Wendungen, sondern Gedanken, Zweifel, Annäherungen. Dieses ständige Fragen: Wer wäre ich gewesen, wenn meine Geschichte anders begonnen hätte? Simons eigene Trennung läuft dabei wie ein leiser Bass unter allem mit. Verlust trifft auf Verlust, Vergangenheit auf Gegenwart. Und plötzlich fühlt sich diese Recherche nicht mehr fremd an, sondern intim. Die Reise an den Bodensee wirkt weniger wie eine Ortsveränderung, mehr wie ein vorsichtiges Abklopfen der eigenen Risse. Was hängen bleibt, ist dieser ruhige, poetische Ton. Kein Satz zu viel, keiner zu glatt. Prudhomme schreibt mit Respekt vor dem Ungesagten. Über Kriegskinder, über Väter, die fehlen, über Identität, die nie abgeschlossen ist. Ein Roman, der nicht schreit, sondern flüstert – und genau deshalb so tief trifft. Am Ende klappt man das Buch zu und sitzt einen Moment da. So wie nach einer langen Taxifahrt, wenn der Motor aus ist, aber die Gedanken noch weiterfahren.

Eine sehr gelungene und persönliche Aufarbeitung einer französisch-deutschen Vergangenheit
„Ich weiß nicht, ob diese Szene stattgefunden hat. Das heißt: Ich weiß nicht, ob sie auf diese Weise stattgefunden hat, unter diesen Umständen. Ich weiß nicht, ob es diesen Bauernhof je gegeben hat. Ob es in einer Scheune passiert ist, in einem Hotelzimmer, in der Garderobe des Offizierskasinos. Ich weiß nicht, wie das Gesicht der Unbekannten vom Bodensee aussah. Ich weiß nicht, ob sie blond oder brünett war. Ich weiß nichts (…). Ich merke nur, dass diese Szene mich verfolgt.„ Simon dachte eigentlich, dass er seine Familie kennt. Als aber sein Großvater Malusci stirbt, erfährt er auf der Beerdigung von einem Familiengeheimnis, über das keiner seiner Angehörigen spricht. Die Rede ist von M. M. ist das uneheliche Kind seines Großvaters, der als französischer Besatzungssoldat in Deutschland war. Dort hatte er eine Liaison mit einer Unbekannten. Simon macht sich fortan Gedanken, wer denn dieser M. sein könnte. Was aus ihm geworden ist, wer seine Mutter ist. Wie es ihnen ergangen ist? Er googelt, recherchiert und fährt sogar auch an den Bodensee, obwohl er seiner Großmutter versprochen hat, nie darüber zu sprechen, geschweige denn, nach diesem M. zu suchen. Simon arbeitet so quasi im Rückwärtsgang die Geschichte seiner eigenen Familie auf, wie sie auch ganz viele andere erlebt haben. Es ist die Erfahrung vieler Kinder, die während der Besatzungszeit gezeugt wurden und aufwuchsen, ohne je ihre Väter kennengelernt zu haben. Es ist die Aufarbeitung einer deutsch-französischen Vergangenheit. Simon ist selbst gerade in einer schwierigen Lebenssituation. Seine Frau und er haben getrennt, erhalten aber die Fassade einer glücklichen Familie aufrecht. Die Trennung wird vor Kindern, Familie und Freunden verheimlicht. Genauso nagt es an Simon, was seine Familie ihm bislang immer verheimlicht hat. Ist es ein Verrat an seiner Großmutter, nach dem verlorenen Onkel zu suchen? Leise und einfühlsam erzählt Sylvain Prudhomme die Geschichte eines Mannes, der auf der Suche nach seiner Vergangenheit und auch nach sich selbst ist. Leise und doch auch wieder laut. Das teilweise auf Punkt und Komma verzichtet wird, macht die Leseerfahrung noch zusätzlich intensiver und gefühlsbetonter.
Sprachlich ein Edelstein
Erst einmal ein ganz großes Kompliment an die Übersetzerin. Sie hat eine grossartige Übersetzungsarbeit geleistet. Ein Buch über die Suche. Suche nach sich selbst und die Suche nach Vätern. Mir war gar nicht klar, wieviele Kinder als die "berühmten Bastarde" geboren wurden. Bastard ein Stempel, den man ein Leben lang behält. Der Ich-Erzähler erfährt von einem Kind, welches sein Grossvater zum Ende des 2. Weltkrieges gezeugt hat. Ab hier beginnt die Suche. Eine Recherche und ein oft innerer Monolog.
Buchinformationen
Beiträge
Der Junge im Taxi von Sylvain Prudhomme, aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Das Buch beschäftigt mich noch nach dem Lesen, es ist ein eindringlicher, melancholischer Roman über Familie, Trennung und Vaterschaft. Auf der Beerdigung seines Großvaters Malusci erfährt Simon von einem angeheirateten Onkel aus Deutschland, dass Malusci am Ende des Zweiten Weltkriegs am Bodensee mit einer Deutschen einen Sohn gezeugt hatte. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob es mich auch so aufwühlen würde, wenn ich erfahren würde, dass mein Großvater im Krieg ein Kind gezeugt hätte, Simon jedenfalls ist wie besessen von dem Gedanken, M. kennenzulernen. Die Suche nach M. und die Trennung von seiner Lebensgefährtin A. bestimmen von nun an sein Leben. Mit seinen Kindern fährt er an den Bodensee und sucht dort in einem kleinen Ort bei Friedrichshafen nach M. Mit Prudhommes Schreibstil habe ich zunächst gehadert, die zahlreichen Dialoge werden ohne Satzzeichen wiedergegeben, es hat eine Zeit lang gedauert, bis ich mich damit anfreunden konnte. Ein weiteres mir bis dato unbekanntes Stilmittel ist, dass die beiden Personen, die Simons Gedankengänge am meisten beherrschen, also seine Ex-Partnerin und sein deutscher Onkel, nicht namentlich benannt, sondern mit A. bzw. M. abgekürzt werden. Nach etwa fünfzig Seiten war der Knoten geplatzt, der poetische Schreibstil des Autors hat mich gepackt, und ich tauchte fasziniert in Simons und M.‘s Geschichte ein. Eine Rezensentin vergleicht das Lesen dieses Buches mit einem französischen Arthouse-Film, diesen Vergleich finde ich sehr passend, da in dem Buch der künstlerische Anspruch und nicht die Handlung im Vordergrund steht. Gerne empfehle ich diesen französischen Roman im Stil eines Arthouse-Films weiter.
Frankreich. Auf der Beerdigung seines Großvaters Malusci erfährt Simon, dass dieser am Ende des 2. Weltkriegs während der Besatzungszeit am Bodensee mit einer deutschen Frau einen Sohn gezeugt hat. Auf einmal beschäftigt sich Simon mit dem Schicksal von Besatzungskindern und will diesen Sohn kennen lernen. Seine Großmutter ist strikt dagegen, doch andere Familienmitglieder unterstützen ihn. Gleichzeitig belastet Simon die Trennung von seiner Frau, mit der er zwei Söhne hat. Der Schreibstil ist eigen. Die Sätze fließen ineinander, wörtliche Rede ist nicht gekennzeichnet. Nach einiger Zeit, hab ich mich aber so daran gewöhnt, dass es gar nicht mehr aufgefallen ist. Es ist verträumt, verspielt, poetisch, melancholisch, alltäglich dramatisch, sprich: sehr französisch. Und eigentlich ist das gar nicht meins und ich halte tatsächlich eher Abstand zu dieser Art französischer Bücher. Dazu habe ich auch keinen Bezug zum Thema und keinerlei Überschneidungen mit Simons Leben. Deshalb hab ich eigentlich schon mal keine Ahnung, warum ich dieses Buch mit nach Hause genommen hab und nicht eines, das eher meinem Beuteschema entspricht. Aber ich bin dankbar und es war das richtige Buch zur richtigen Zeit. Das Buch hat mich total berührt und erreicht. Trotz seiner teils atemlosen Erzählweise ohne Punkt und Komma hatte es eine entschleunigende Wirkung. Ich kann nicht sagen, warum, aber dieses Buch fühlte sich an, wie eine Unterhaltung mit mir selbst: ziemlich anstrengend, aber sehr vertraut. So hat mir dieses Buch wieder deutlich gezeigt, dass man auch mal außerhalb der Komfortzone lesen sollte. Denn es kommt so sehr auf die Details an, ob ein Buch zu uns spricht oder nicht.
Eine französische Erzählung mit prosaischem Tiefgang.
'Ich betrachtete die Gesichter im vergänglichen Wirbel des Festes, im dringlichen Sog des Aperitifs, der genossen werden musste ... .' (Seite 170) Der Großvater stirbt und Simon der Protagonist erfährt, dass es einen verleugneten Onkel gibt. Onkel M. ist ein Besatzungskind. Während seiner Zeit als Soldat am Bodensee, zeugte Simons Großvater ein Kind mit einer Deutschen. Allein 10.000 Besatzungskinder mit französischen Vätern wurden in der Nachkriegszeit registriert. Insgesamt geht die Zahl in die Hunderttausend. Vielen von ihnen mussten mit Stigmatisierung und Ausgrenzung leben. Das ein Teil der Identität fehlte wurde nicht berücksichtigt. Bücher über Besatzungskinder gibt es inzwischen häufiger. Hier wird die andere Seite beleuchtet. Während des ganzen Buches ging mir dieser Gedanke nicht aus dem Kopf. Wie muss es sich anfühlen, wenn man so etwas in seiner Familie erfährt? Von den Menschen, denen man am Meisten vertraut. Denen man ein behütetes und privilegiertes Leben zu verdanken hat. Wenn man sich über Herkunft nie Gedanken machen muss. Ich kann gut verstehen, dass Simon nicht ruhen kann, eher er mehr erfahren hat. Aber ein Teil der Familie, allen voran die Großmutter blenden das Thema aus, mehr noch, in der Vergangenheit sollte man nicht graben. Hilfe bekommt Simon vom angeheirateten Onkel Franz. Und so beobachten wir Simon von außen, wie er doch in der Vergangenheit gräbt und sich vieles selbst zusammen reinen muss. Der Gedanke, um diesen verleugnet Sohn lässt ihn nicht los und als Leserin dachte ich selbst oft, wann lernen wir Onkel M. kennen. Die Suche nach dem geheimnisvollen Onkel ist gleichzeitig eine Suche nach der eigenen Geschichte, dem Heimatbegriff und der Frage, was Herkunft eigentlich bedeutet. Wie schnell können Lebenswege sich ändern und vollkommen unterschiedlich verlaufen. Sylvain Prudhomme schreibt ruhig und philosophisch. Vieles spielt sich in seinen eigenen Gedanken ab. Konversationen werden nicht durch Anführungszeichen unterbrochen. Alles fließt ineinander über. Das passt so wunderbar zum Thema, denn alles hängt zusammen und ist, wenn auch auf unsichtbare Weise, miteinander verwoben. Trotz des ruhigen, essayartigen Stils, findet sich ein leichter Spannungsbogen. Ob Simons Suche erfolgreich ist, müsst ihr aber selbst lesen. Und wieder einmal muss ich es einfach sage: Wie schön ist die französische Sprache? Ich mag den Bodensee, aber Urlaub am Lac de Constance klingt doch gleich viel mondäner.
Der Roman „Der Junge im Taxi“ stammt aus der Feder von Sylvain Prudhomme. In diesem Werk wird das Thema der Besatzungskinder in den Vordergrund gerückt. Es ist ein eigenständiger Roman, welcher ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann. Klappentext: Wer ist dieser M., über den die Familie nicht reden will? Auf der Beerdigung seines Großvaters erfährt Simon von dessen verleugnetem Sohn. Am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland gezeugt und zurückgelassen, ist M. nicht mehr als eine Leerstelle, eine vage Erinnerung. Simon, selbst mit dem Ende seiner Beziehung konfrontiert, lässt der Gedanke an diesen deutschen Jungen nicht los. Was für ein Leben hat er gelebt, war er einsam, verlassen, frei? Ist er es noch? Die Suche treibt Simon von Südfrankreich an den Bodensee, wo sich vergessene Spuren mit den seinen kreuzen und ein neues Bild ergeben. Nur durch Zufall bin ich auf diesen Roman aufmerksam geworden. Ich persönlich hatte mich gefragt, was hinter dem Titel wohl stecken könnte und habe mir mit dieser Frage im Hinterkopf den Klappentext näher angeschaut. Dieser hat mich neugierig gemacht, wie dieser das Thema der Besatzungskinder aufgreift und umsetzt. Zu Beginn des Romans gibt es im Prolog eine kurze Rückblende zum damaligen Geschehen. Der Leser ist dabei, als ein französischer Soldat auf einem Hof in Deutschland beherbergt wird. Wir erfahren auch, wie eine junge Frau auf einem Fest von eben jenen Soldaten zum Tanz aufgefordert wird und wie sich daraus eine kurze heftige Affäre mit Folgen entwickelt. Im nächsten Kapitel sind wir auf einer Beerdigung. Bei dieser hat die Geschichte aus dem Prolog Wellen geschlagen. Simon, der Enkel von diesem französischen Soldaten, hat erfahren, dass sein Großvater damals in Deutschland einen Sohn gezeugt hat, welcher aber in der Familie verleugnet wird. Nach der Besatzungszeit hat er die junge Frau und auch sein ungeborenes Kind zurückgelassen und nie anerkannt. Auch durfte in der Familie nicht darüber geredet werden. Und auch auf der Beerdigung des Großvaters darf über dieses Thema nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden. Simon ist von dieser Tatsache schockiert und möchte den verleugneten Sohn ausfindig machen. Lediglich sein Onkel redet über dieses sensible Thema. Aber auch nur im Flüsterton, er erzählt eher im Geheimen von diesem vergangenen Kapitel. Während der Suche kommen neue Informationen ans Licht und es hat Spaß gemacht, der Suche nach dieser Person mitzuverfolgen. Es hat sich wie ein Puzzle angefühlt, auf jeder Seite ergibt sich ein neues Stück und man kommt der Lösung dabei immer näher. Als Leser wird man sofort mitten in die Handlung reingeworfen und Stück für Stück setzt sich die Geschichte zusammen, man erkennt immer neue Fragmente, sowohl zur Vergangenheit als auch zur Gegenwart. „Der Junge im Taxi“ wird aus der Ich- Perspektive von Simon erzählt, dadurch kann man gut seine Gedankengänge nachvollziehen, was ich persönlich sehr gekonnt umgesetzt fand. Simon selbst befindet sich gerade in Trennung und abwechselnd kümmern sie sich um die beiden gemeinsamen Jungs. Ich fand die Gedankengänge und Gefühle von Simon hier sehr eindringlich. Er selbst macht sich viele Gedanken, auch weil er selbst Vater ist und gleichzeitig in der Situation ist, dass er ein Sohn von seinem Vater ist. Er kann beide Seiten verstehen, aber er kann nicht verstehen, warum in seiner Familie nie darüber geredet wird. Für ihn ist es nicht begreiflich, dass ein Familienmitglied komplett ignoriert und verleugnet wird. Er möchte diesen verleugneten Sohn ausfindig machen und bezieht auch seine eigenen Söhne in die Suche mit ein. Interessant ist hier auch, dass die Ex- Partnerin hier nur mit A abgekürzt wird. Dadurch entsteht eine gewisse Distanziertheit und der Charakter bleibt eher blass. Anders bei dem verleugneten Sohn, welcher nur mit M abgekürzt wird. Dies hat auf mich eher geheimnisvoll gewirkt und hat diese ominöse Person noch sagenumwobener gemacht, hat eher meine Neugier gesteigert. Positiv konnte mich auch der Schreibstil überzeugen. Dieser ist auf der einen Seite sehr eindringlich, findet direkte Worte. Auf der anderen Seite ist dieser poetisch und feinfühlig. Gekonnt werden hier Gefühle beschrieben und eine dichte Atmosphäre erschaffen. Der Stil ist lebendig und schafft es, dass eine Sogwirkung entsteht. Dabei habe ich den poetischen Stil sehr genossen und habe mich von den Emotionen tragen lassen. Thematisch fand ich „Der Junge im Taxi“ auch gekonnt umgesetzt. Das Thema der Besatzungskinder finde ich hier interessant umgesetzt. Es gibt viele Kinder, welche am Ende des zweiten Weltkrieges zurückgelassen worden und nicht oft wird über diese geredet. Dies ist ein Roman, welcher den Leser melancholisch zurücklässt und nachklingt. Man beschäftigt sich mit diesem Thema und es hat mich so schnell nicht losgelassen. Ich fand die Botschaft von diesem Roman wichtig, mich hat dies berührt. Insgesamt hat der Autor Sylvain Prudhomme mit seinem Roman „Der Junge im Taxi“ gekonnt ein wichtiges Thema in den Fokus gerückt. Mich hat dieses nachdenklich zurückgelassen. Gefallen hat mir hier der Erzählstil und auch die Geschichte an sich konnte mich überzeugen. Hierfür möchte ich 4 Sterne vergeben.

Zwischen Schweigen und Herkunft
Manchmal stolpert man in Bücher hinein wie in ein Taxi, ohne genau zu wissen, wohin die Fahrt geht. Und sitzt plötzlich da, schweigend, schaut aus dem Fenster und merkt, dass etwas in Bewegung geraten ist. Der Junge im Taxi ist genau so ein Buch. Still, zurückhaltend, aber mit einer emotionalen Wucht, die sich erst langsam entfaltet – und dann bleibt. Im Zentrum steht eine Leerstelle. Ein Mann, über den niemand spricht. Ein Sohn, der irgendwo in Deutschland existiert oder existiert hat. Prudhomme macht aus diesem Schweigen keinen Thriller, sondern etwas viel Eindringlicheres: eine tastende Suche. Keine großen Enthüllungen, keine dramatischen Wendungen, sondern Gedanken, Zweifel, Annäherungen. Dieses ständige Fragen: Wer wäre ich gewesen, wenn meine Geschichte anders begonnen hätte? Simons eigene Trennung läuft dabei wie ein leiser Bass unter allem mit. Verlust trifft auf Verlust, Vergangenheit auf Gegenwart. Und plötzlich fühlt sich diese Recherche nicht mehr fremd an, sondern intim. Die Reise an den Bodensee wirkt weniger wie eine Ortsveränderung, mehr wie ein vorsichtiges Abklopfen der eigenen Risse. Was hängen bleibt, ist dieser ruhige, poetische Ton. Kein Satz zu viel, keiner zu glatt. Prudhomme schreibt mit Respekt vor dem Ungesagten. Über Kriegskinder, über Väter, die fehlen, über Identität, die nie abgeschlossen ist. Ein Roman, der nicht schreit, sondern flüstert – und genau deshalb so tief trifft. Am Ende klappt man das Buch zu und sitzt einen Moment da. So wie nach einer langen Taxifahrt, wenn der Motor aus ist, aber die Gedanken noch weiterfahren.

Eine sehr gelungene und persönliche Aufarbeitung einer französisch-deutschen Vergangenheit
„Ich weiß nicht, ob diese Szene stattgefunden hat. Das heißt: Ich weiß nicht, ob sie auf diese Weise stattgefunden hat, unter diesen Umständen. Ich weiß nicht, ob es diesen Bauernhof je gegeben hat. Ob es in einer Scheune passiert ist, in einem Hotelzimmer, in der Garderobe des Offizierskasinos. Ich weiß nicht, wie das Gesicht der Unbekannten vom Bodensee aussah. Ich weiß nicht, ob sie blond oder brünett war. Ich weiß nichts (…). Ich merke nur, dass diese Szene mich verfolgt.„ Simon dachte eigentlich, dass er seine Familie kennt. Als aber sein Großvater Malusci stirbt, erfährt er auf der Beerdigung von einem Familiengeheimnis, über das keiner seiner Angehörigen spricht. Die Rede ist von M. M. ist das uneheliche Kind seines Großvaters, der als französischer Besatzungssoldat in Deutschland war. Dort hatte er eine Liaison mit einer Unbekannten. Simon macht sich fortan Gedanken, wer denn dieser M. sein könnte. Was aus ihm geworden ist, wer seine Mutter ist. Wie es ihnen ergangen ist? Er googelt, recherchiert und fährt sogar auch an den Bodensee, obwohl er seiner Großmutter versprochen hat, nie darüber zu sprechen, geschweige denn, nach diesem M. zu suchen. Simon arbeitet so quasi im Rückwärtsgang die Geschichte seiner eigenen Familie auf, wie sie auch ganz viele andere erlebt haben. Es ist die Erfahrung vieler Kinder, die während der Besatzungszeit gezeugt wurden und aufwuchsen, ohne je ihre Väter kennengelernt zu haben. Es ist die Aufarbeitung einer deutsch-französischen Vergangenheit. Simon ist selbst gerade in einer schwierigen Lebenssituation. Seine Frau und er haben getrennt, erhalten aber die Fassade einer glücklichen Familie aufrecht. Die Trennung wird vor Kindern, Familie und Freunden verheimlicht. Genauso nagt es an Simon, was seine Familie ihm bislang immer verheimlicht hat. Ist es ein Verrat an seiner Großmutter, nach dem verlorenen Onkel zu suchen? Leise und einfühlsam erzählt Sylvain Prudhomme die Geschichte eines Mannes, der auf der Suche nach seiner Vergangenheit und auch nach sich selbst ist. Leise und doch auch wieder laut. Das teilweise auf Punkt und Komma verzichtet wird, macht die Leseerfahrung noch zusätzlich intensiver und gefühlsbetonter.
Sprachlich ein Edelstein
Erst einmal ein ganz großes Kompliment an die Übersetzerin. Sie hat eine grossartige Übersetzungsarbeit geleistet. Ein Buch über die Suche. Suche nach sich selbst und die Suche nach Vätern. Mir war gar nicht klar, wieviele Kinder als die "berühmten Bastarde" geboren wurden. Bastard ein Stempel, den man ein Leben lang behält. Der Ich-Erzähler erfährt von einem Kind, welches sein Grossvater zum Ende des 2. Weltkrieges gezeugt hat. Ab hier beginnt die Suche. Eine Recherche und ein oft innerer Monolog.












