Der Himmel vor hundert Jahren

Der Himmel vor hundert Jahren

Hardcover
3.636
1918GesellschaftsromanUmbruchphaseDorfgeschichte

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Beschreibung

Ob sie vom Wetter erzählt, von der Weisheit der Menschen oder der der Fische – Yulia Marfutova macht Stimmen hörbar, die man so bald nicht wieder vergisst. In «Der Himmel vor hundert Jahren» treffen sich Ideen und Ideologen, Dorf und Welt, Gestern und Heute, Humor und Verstand. Eine zeitlose Geschichte, ein herausragendes Debüt. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2021.

Ein russisches Dorf um das Jahr 1918. Die Revolution hat bereits stattgefunden, der Bürgerkrieg ist in vollem Gange, aber die Bewohner haben von den historischen Ereignissen noch nichts erfahren. Das untergehende Zarenreich ist groß, die Informationen fließen langsam.
Doch selbst an einem Ort wie diesem steht die Zeit nicht still: Der Dorfälteste Ilja, zum Beispiel, trifft seine Wettervorhersagen neuerdings mit Hilfe eines gläsernen Röhrchens, das er hütet wie seinen Augapfel. Der alte Pjotr dagegen belauscht lieber den nahegelegenen Fluss und dessen Geister. Aber noch scheinen die Fronten beweglich.
Nun ist ausgerechnet Iljas Frau, Inna Nikolajewna, so abergläubisch wie Pjotr. Als ihr ein Messer herunterfällt, taucht ein Fremder im Dorf auf. Der viel zu junge Mann trägt keine Stiefel, aber eine fadenscheinige Offiziersuniform, und wenn er muss, erzählt er jedem eine andere Geschichte. Man beäugt ihn, bedrängt ihn, bald nicht mehr nur mit Fragen - und doch kommt nicht einmal die junge Annuschka dahinter, weshalb er ins Dorf gekommen ist. Und vor allem: warum er bleibt ...

Buchinformationen

Haupt-Genre
Romane
Sub-Genre
N/A
Format
Hardcover
Seitenzahl
192
Preis
22.70 €

Autorenbeschreibung

Yulia Marfutova, geboren 1988 in Moskau, studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und promovierte in Münster. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie unter anderem Werkstipendien des Berliner Senats und des Deutschen Literaturfonds sowie den GWK-Förderpreis für Literatur. Sie war Stipendiatin des Brecht-Hauses und der Jürgen-Ponto-Stiftung, der Meisterklasse der Berliner Festspiele und des Literarischen Colloquiums Berlin. «Der Himmel vor hundert Jahren», ihr erster Roman, war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses und dem Friedrich-Hölderlin-Förderpreis ausgezeichnet. 2025 erschien «Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel», «ein ebenso beschwingtes wie hintersinniges Buch über Jugend und Aufbruch, Familie und Erinnerung» (WDR).

Beiträge

4
Alle
3

Sprachliche Ästhetik - großartig!

3,5/5 Es ist viel mehr die Sprache, die Sprache des Dorfes, die bewegt, als der Inhalt. Es scheint fast, als ob der Inhalt nur dazu dient, der Sprache Projektionsfläche zu bieten, auf der sie im Licht flimmert, in Spiralen um sich selbst dreht und verliert. Wundervoll, ganz wundervoll. Nur leider Inhalts- und Emotionsarm. Habe es dennoch sehr gern gelesen.

4

Der Himmel vor hundert Jahren war weit und doch sehr limitiert, begrenzt auf den eigenen, eng abgesteckten Lebensraum, auf überkommene Dorftraditionen, fernab von Fortschritt und Neuigkeit, aber durchdrungen von Neugier, Interesse am Nachbarn und an denen, die scheinbar etwas zu sagen hatten. Yulia Marfutova fängt mit zarter Ironie, feinem Humor und leichtem Spott die Skurrilitäten einer russischen Kleingemeinde ein, die sich nicht recht zwischen den Vorhersagen des rückwärtsgewandten Piotr und des wortkargen Ilja entscheiden mag. Aufregung und Neues scheint zunächst in der Person des jungen Wadiks im Dorf Einzug zu halten, dessen freundliche Übernahme des Interesses, wird aber später von der „Realität“ in den Schatten gestellt. Der Himmel vor hundert Jahren ist ein ruhiges, spitzfindiges und unterhaltsames Buch, eines, das einem gefällt, ohne einen völlig umzuhauen. Der Erzählstil ist für mich tatsächlich eine sehr große Freude gewesen, aber ich bin mir sehr bewusst, dass dieser polarisieren mag. Also: ausprobieren!

5

Rund ums Jahr 1918: in einem kleinen russischen Dorf haben die Menschen vom Roten Oktober und dem wütenden Bürgerkrieg bisher gar nichts gehört; in diese abgeschiedene Gegend kommen nur selten Nachrichten, geschweige denn Reisende. Hier gibt es keine jungen Männer mehr, die eingezogen werden könnten – die meisten sind in einem der letzten Kriege gefallen oder nur versehrt zurückgekehrt. Spielt da für die Dörfler noch eine Rolle, was irgendwo in einem ganz anderen Winkel des untergehenden Zarenreiches geschieht?_ _ Viel wichtiger sind die dorfinternen Konflikte: Der Dorfälteste Ilja sieht sich als Mensch des Fortschritts, kann er doch mit Hilfe eines Barometers (Inbegriff der Moderne!) das Wetter recht genau vorhersagen. Der alte Pjotr hält es lieber mit den Traditionen und dem Volksglauben an die Flussgeister. Beide beäugen sich gegenseitig mit Zorn und Verachtung, beide haben ihre Anhänger. Besonders der “Iljanismus”, der Wunderglaube an das “Röhrchen” nimmt fast schon sektenartige Ausmaße an._ _ Dann fällt Iljas Frau ein Messer runter – ein Omen. Und wirklich kommt alsbald ein Fremder ins Dorf, ein junger Mann. Barfuß, in eine verdreckte Offiziersuniform gekleidet, wird er zum Mittelpunkt des dörflichen Klatsches, zum Sinnbild diverser nebulöser Hoffnungen und Ängste. Wo kommt er her, was will er hier – und will er etwa bleiben?_ Ein Roman mit gelungener Balance_ _ Das Buch habe ich quasi in einem Rutsch weggelesen, ich fand es unwiderstehlich. Der Schreibstil ist außergewöhnlich, entwickelt über lange Passagen einen geradezu hypnotischen Sog. Die Autorin setzt gekonnt Stilmittel ein, die leicht zum Überdruss führen könnten (z.B. häufige Wiederholungen), bei ihr aber perfekt ein lebhaftes Bild und eine dichte Atmosphäre erzeugen. Ein leichtfüßiger Humor und schrullige Charaktere tun ihr Übriges für eine sehr unterhaltsame Lektüre, die dennoch nicht trivial ist._ _ “Andererseits und wiederum und demgegenüber und bei genauer Betrachtung hängt natürlich alles mit allem zusammen, die Wiedergaben mit den Ideen, die Ideen mit dem Zaren und der Zar mit den Ikonen und die Ikonen wiederum und auch und ebenso und überhaupt. Da kann einem leicht schwindelig werden vor so vielen kosmischen Zusammenhängen.”_ (Zitat)_ _ Historische Ereignisse werden im Buch nicht exakt benannt und datiert. Im Dorf sind aber Strukturen erkennbar, die sich im Kleinen lesen wie exakt die gleichen Auswüchse der menschlichen Natur, die im Großen zu besagten Ereignissen geführt haben. Da sind der bedingungslose Glaube an Autoritäten oder die Auflehnung dagegen, da sind Tradition oder Fortschritt, Personenkult oder freigeistiges Denken, Neid und Gier, Angst und Wahn. Leise und laute Stimmen verweben sich in vielfältigem Chorgesang_ zum charmant-skurillen Portrait eines Dorfes, das in all seinen Eigenheiten eine gewisse Allgemeingültigkeit erhält._ _ “Und dann? Was passiert dann? Und danach? Und dann nach dem Danach? Und danndanndann? Immer kommt schließlich ein Dann, immer folgt ein Wetter dem nächsten, eine Windrichtung auf die andere, gibt ein Wort das nächste. Nur das Dann, das jetzt kommt, das hat man so nicht erwartet.”_ (Zitat)_ _ Annuschka, ein Mädchen, das an der Schwelle zur Erwachsenenwelt steht, sieht das alles mit scharfem Blick quasi unparteiisch von außen und erlaubt dies daher auch den Leser:innen. Sie ist die Zukunft, die dem Roman eine hoffnungsvolle Note verleiht, denn in der Zukunft scheint auch hier vieles noch möglich._ Fazit_ _ In einem kleinen russischen Dorf, irgendwann ums Jahr 1918 herum, scheinen Zeit und Welt stillzustehen. Weit weg sind der Bürgerkrieg, die politischen Umwälzungen, die Machtkämpfe… Im Kleinen lassen sich im Dorf indes ähnliche Strukturen beobachten, so dass die Geschehnisse wirken wie eine Parabel, die Bewohner wie Charaktere in einem satirischen Puppenspiel._ _ Yulia Marfutova ist mit “Der Himmel vor hundert Jahren” ein ganz wunderbares Debüt gelungen, das sich für mich geradezu von selbst sehr vergnügsam herunterlas, mit kostbarem Humor, aber dennoch weder platt noch abgedroschen daherkommt. Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-yulia-marfutova-der-himmel-vor-hundert-jahren/

4

Als der Frau von Ilja (dem Dorfältesten) ein Messer herunterfällt, taucht ein Fremder im russischen Dorf um das Jahr 1918 auf und somit beginnt ein starkes Debüt, das vor allem durch einen unbändigen, schnellen modernen und humorvollen Sprachstil heraussticht. Mittelpunkt sind die Bewohner, die alle an ihre jeweils eigene Vorwarnung glauben. Es geht um Flussgeister, gläserne Röhrchen und der Frage, warum der Fremde überhaupt bleibt. Ich persönlich hatte während des Lesens den Eindruck ein Märchen zu lesen, das an keiner Stelle zu zäh wurde. Besonders interessant fand ich die eingearbeiteten Lebensweisheiten. Ein Roman, auf den man sich einlassen muss, da er auf seine eigene Art und Weise besonders ist.

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