Erinnern als höchste Form des Vergessens?
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VOM “NORMALEN” UND “EINZIGARTIGEN” Unter den Titel „Historikerstreit“ fasst man heute eine gesellschaftlich-feuilletonistische Debatte der späten 80er Jahre, in welcher einige Historiker*innen und andere Intellektuelle versuchten, den Nationalsozialismus und die Shoa als Reaktion stalinistischer Säuberungen und des Gulags zu deuten. Diese Position, die ihren lautesten Fürsprecher im Historiker Ernst Nolte fand, erntete berechtigterweise harsche Kritik, u.a. durch den Philosophen und Vertreter der Kritischen Theorie Jürgen Habermas, der Nolte und seinen Unterstützern vorwarf, Revisionismus zu betreiben, Leid zu schmälern und die Opfer beider Verbrechen zu instrumentalisieren, um Deutschland von Schuld und Verantwortung reinzuwaschen und so einem Nationalismus die Pforten zu öffnen. Strukturell ähnlich, jedoch unter anderen Vorzeichen, flammte diese Debatte 2021 durch einen Onlineartikel des australischen, postkolonial arbeitenden, vergleichenden Genozidforschers Dirk Moses erneut auf und hält bis heute an. Moses sieht den Holocaust nicht – wie Nolte etwa – in einem kausalen Zusammenhang mit den sowjetischen Verbrechen, sondern zieht eine Kontinuitätslinie zwischen den kolonialen Verbrechen des Kaiserreichs und dem Holocaust. Wie z.B. der deutsche Historiker Jürgen Zimmers konstatiert Moses unter Rückgriff auf Michael Rothbergs Konzept multidirektionaler Erinnerung ein Desiderat in der Aufarbeitung deutscher Verbrechen der Kolonialgeschichte. So weit, so nachvollziehbar; Moses (und auch Zimmerer in Abstufungen) sehen jedoch in der Erinnerungspraxis und -politik Deutschlands, die auf der Annahme der „Einzigartigkeit“ des Holocaust als Verbrechen aufbaut, einen Umstand, der in seinen Augen eine angemessene Aufarbeitung der Kolonialgeschichte verunmögliche. Das Erinnern an die Shoa gleiche dem religiösen „Katechismus“, welcher von „Hohepriestern“ bewacht werde. Die Diskussion, die dieser Artikel zusammen mit einigen anderen Ereignissen über die deutsche Erinnerungskultur befeuerte, tangiert nicht nur die Fragen danach, was das jeweils spezifische des Kolonialismus und der Shoa war und in was für einem Zusammenhang diese beiden Ereignisse stehen, sondern verweist auch auf weit übergeordnete und gegenwärtigere Diskurse über Vergleiche als wissenschaftliche Methode, die Vergleichbarkeit historischer Ereignisse, die Spezifika von Rassismus und Antisemitismus und deren Beziehung zu einander, das Wesen des Antisemitismus und das internationale Verhältnis zum Staat Israel. Viele Sammelbände, Artikel, Tweets und Podcasts erschienen in den letzten Monaten über diese Debatte, die aufgrund ihrer strukturellen Nähe zur Nolte-Diskussion als „Historiker*innenstreit 2.0“ betitelt wird und häufig waren diese von großer Empörung und anderen diskurserschwerenden Emotionen geleitet. Mit dem Band „Erinnern als höchste Form des Vergessens“ des @verbrecherverlag liegt nun ein 500seitiger Band vor, der versucht, die Schwächen anderer, ähnlicher Publikationen, die da wären: fehlende inhaltliche Tiefe zugunsten emotionaler Aufladung und fehlende inhaltliche Kohärenz und Struktur, auszuräumen. Die Beiträge sind in drei große Teile gegliedert. Bereits der Titel des ersten Teils verdeutlicht, die inhaltliche Prämisse unter der dieser Band entstanden ist und auch in der Einleitung benennen die Herausgeber*innen die Anerkennung der „Präzedenzlosigkeit des Holocaust“ als Ausgangspunkt und Fundament des Sammelbandes. Auf einer breiten Faktenlage, gut recherchiert, nachvollziehbar angelegt, sichern die Beiträge dieses ersten Teils diese Annahme wissenschaftlich ab und reflektieren dabei u.a. über den eigentlichen Kern des Holocaust (Lehnstaedt), die Gegenüberstellung des Pathologischen mit dem Normalen in der Täter*innenforschung (Pohl), den Begriff der „Einzigartigkeit“ sowie die Verbindungen und Trennlinien zwischen (kolonialem) Rassismus und Antisemitismus. Die besagte Prämisse des Bandes ist eine, die mir inhaltlich sehr zusagt und nach der auch Auswirkungen auf mein (berufliches) Handeln und Denken hat und gerade daher könnte man den Vorwurf äußern, ich empfinde den Band nur deshalb so positiv, da er meine Meinung abbildet. Dem ist keineswegs so, denn die einzelnen Beiträge bewegen sich einerseits keineswegs alle im selben geistigen und argumentativen Brei, reden einander nicht nach dem Mund und sind durchaus streitbar in ihrer Anlage und Konzeption, fallen jedoch nie hinter die Grundannahme des Bandes zurück. Der zweite Teil greift die Grundannahmen des ersten Teils auf und versucht zu verdeutlichen, wie, wo und wann der Holocaust als Ereignis wie interpretiert und gedeutet wurde. Besonders hervorzuheben ist hier für mich aus literaturwissenschaftlicher Sicht der Beitrag Anja Thieles @anjathiele , die das Verhältnis in der ehemaligen DDR zum Holocaust und dessen Konsequenzen am Beispiel des mir bis dato unbekannten Schriftstellers Peter Edel darstellt. Daneben ist Steffen Klävers Beitrag zu nennen, der den Kern dieses Bandes darstellt und wohl nicht unreflektiert in dessen Mitte verortet ist. Klävers, Autor einer Monographie zu postkolonialen-komparativen Holocaustdeutungen, ordnet und strukturiert zentrale Argumentationslinien des Historiker*innenstreits 2.0 und entkräftet sehr nachvollziehbar Moses und Co. Der dritte Teil wirft einen Blick in gegenwärtige Formen der Erinnerung bzw. deren Fehlen und den Zusammenhang zwischen Erinnerung und gegenwärtigem Antisemitismus. Hier empfehle ich vor allem den Beitrag zur „Jerusalemer Erklärung“, einer Deklaration, die versucht, eine Definition von Antisemitismus zu liefern, die die vermeintlichen Schwächen der allgemein anerkannten Definition der IHRA flankieren soll. Lars Rensmann zeigt sehr nach am Text beider Definitionen, dass die „Jerusalemer Erklärung“ viel weniger gewinnbringende Definition dieser Diskriminierungsform ist als vielmehr ein Versuch, diese in Willkür aufzulösen. Dies empfehle ich vor allem jenen, die sich auch ein wenig intensiver mit den Boykottbewegungen „BDS“ oder „Strike Germany“ auseinandersetzen wollen oder an den Debatten um Annie Ernaux, Emilia Roig oder jüngst Lana Bastašić interessiert sind. Der Verbrecherverlag hat mit diesem Band ein Standardwerk zum Thema veröffentlich, das nicht, wie das Strohmann-Argument häufig behauptet, darauf abziele, palästinensischer Leid zu leugnen und das sicherlich in der Liste meiner liebsten Sachbücher 2023 den ersten Platz eingenommen hätte, wenn ich schneller bei der Lektüre gewesen wäre. Ein unglaublicher Dank geht raus an Laila @not_without_my_books , mit der ich diesen Schinken gemeinsam gelesen habe und die mir mit ihrer wissenschaftlichen Expertise in vielen Voraus war, sodass ich eine Menge lernen durfte und die zudem auch noch Rücksicht auf mein geringes, den Buddenbrooks geschuldetem Lesetempo genommen hat. Danke zudem an den @verbrecherverlag für das Rezensionsexemplar.
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VOM “NORMALEN” UND “EINZIGARTIGEN” Unter den Titel „Historikerstreit“ fasst man heute eine gesellschaftlich-feuilletonistische Debatte der späten 80er Jahre, in welcher einige Historiker*innen und andere Intellektuelle versuchten, den Nationalsozialismus und die Shoa als Reaktion stalinistischer Säuberungen und des Gulags zu deuten. Diese Position, die ihren lautesten Fürsprecher im Historiker Ernst Nolte fand, erntete berechtigterweise harsche Kritik, u.a. durch den Philosophen und Vertreter der Kritischen Theorie Jürgen Habermas, der Nolte und seinen Unterstützern vorwarf, Revisionismus zu betreiben, Leid zu schmälern und die Opfer beider Verbrechen zu instrumentalisieren, um Deutschland von Schuld und Verantwortung reinzuwaschen und so einem Nationalismus die Pforten zu öffnen. Strukturell ähnlich, jedoch unter anderen Vorzeichen, flammte diese Debatte 2021 durch einen Onlineartikel des australischen, postkolonial arbeitenden, vergleichenden Genozidforschers Dirk Moses erneut auf und hält bis heute an. Moses sieht den Holocaust nicht – wie Nolte etwa – in einem kausalen Zusammenhang mit den sowjetischen Verbrechen, sondern zieht eine Kontinuitätslinie zwischen den kolonialen Verbrechen des Kaiserreichs und dem Holocaust. Wie z.B. der deutsche Historiker Jürgen Zimmers konstatiert Moses unter Rückgriff auf Michael Rothbergs Konzept multidirektionaler Erinnerung ein Desiderat in der Aufarbeitung deutscher Verbrechen der Kolonialgeschichte. So weit, so nachvollziehbar; Moses (und auch Zimmerer in Abstufungen) sehen jedoch in der Erinnerungspraxis und -politik Deutschlands, die auf der Annahme der „Einzigartigkeit“ des Holocaust als Verbrechen aufbaut, einen Umstand, der in seinen Augen eine angemessene Aufarbeitung der Kolonialgeschichte verunmögliche. Das Erinnern an die Shoa gleiche dem religiösen „Katechismus“, welcher von „Hohepriestern“ bewacht werde. Die Diskussion, die dieser Artikel zusammen mit einigen anderen Ereignissen über die deutsche Erinnerungskultur befeuerte, tangiert nicht nur die Fragen danach, was das jeweils spezifische des Kolonialismus und der Shoa war und in was für einem Zusammenhang diese beiden Ereignisse stehen, sondern verweist auch auf weit übergeordnete und gegenwärtigere Diskurse über Vergleiche als wissenschaftliche Methode, die Vergleichbarkeit historischer Ereignisse, die Spezifika von Rassismus und Antisemitismus und deren Beziehung zu einander, das Wesen des Antisemitismus und das internationale Verhältnis zum Staat Israel. Viele Sammelbände, Artikel, Tweets und Podcasts erschienen in den letzten Monaten über diese Debatte, die aufgrund ihrer strukturellen Nähe zur Nolte-Diskussion als „Historiker*innenstreit 2.0“ betitelt wird und häufig waren diese von großer Empörung und anderen diskurserschwerenden Emotionen geleitet. Mit dem Band „Erinnern als höchste Form des Vergessens“ des @verbrecherverlag liegt nun ein 500seitiger Band vor, der versucht, die Schwächen anderer, ähnlicher Publikationen, die da wären: fehlende inhaltliche Tiefe zugunsten emotionaler Aufladung und fehlende inhaltliche Kohärenz und Struktur, auszuräumen. Die Beiträge sind in drei große Teile gegliedert. Bereits der Titel des ersten Teils verdeutlicht, die inhaltliche Prämisse unter der dieser Band entstanden ist und auch in der Einleitung benennen die Herausgeber*innen die Anerkennung der „Präzedenzlosigkeit des Holocaust“ als Ausgangspunkt und Fundament des Sammelbandes. Auf einer breiten Faktenlage, gut recherchiert, nachvollziehbar angelegt, sichern die Beiträge dieses ersten Teils diese Annahme wissenschaftlich ab und reflektieren dabei u.a. über den eigentlichen Kern des Holocaust (Lehnstaedt), die Gegenüberstellung des Pathologischen mit dem Normalen in der Täter*innenforschung (Pohl), den Begriff der „Einzigartigkeit“ sowie die Verbindungen und Trennlinien zwischen (kolonialem) Rassismus und Antisemitismus. Die besagte Prämisse des Bandes ist eine, die mir inhaltlich sehr zusagt und nach der auch Auswirkungen auf mein (berufliches) Handeln und Denken hat und gerade daher könnte man den Vorwurf äußern, ich empfinde den Band nur deshalb so positiv, da er meine Meinung abbildet. Dem ist keineswegs so, denn die einzelnen Beiträge bewegen sich einerseits keineswegs alle im selben geistigen und argumentativen Brei, reden einander nicht nach dem Mund und sind durchaus streitbar in ihrer Anlage und Konzeption, fallen jedoch nie hinter die Grundannahme des Bandes zurück. Der zweite Teil greift die Grundannahmen des ersten Teils auf und versucht zu verdeutlichen, wie, wo und wann der Holocaust als Ereignis wie interpretiert und gedeutet wurde. Besonders hervorzuheben ist hier für mich aus literaturwissenschaftlicher Sicht der Beitrag Anja Thieles @anjathiele , die das Verhältnis in der ehemaligen DDR zum Holocaust und dessen Konsequenzen am Beispiel des mir bis dato unbekannten Schriftstellers Peter Edel darstellt. Daneben ist Steffen Klävers Beitrag zu nennen, der den Kern dieses Bandes darstellt und wohl nicht unreflektiert in dessen Mitte verortet ist. Klävers, Autor einer Monographie zu postkolonialen-komparativen Holocaustdeutungen, ordnet und strukturiert zentrale Argumentationslinien des Historiker*innenstreits 2.0 und entkräftet sehr nachvollziehbar Moses und Co. Der dritte Teil wirft einen Blick in gegenwärtige Formen der Erinnerung bzw. deren Fehlen und den Zusammenhang zwischen Erinnerung und gegenwärtigem Antisemitismus. Hier empfehle ich vor allem den Beitrag zur „Jerusalemer Erklärung“, einer Deklaration, die versucht, eine Definition von Antisemitismus zu liefern, die die vermeintlichen Schwächen der allgemein anerkannten Definition der IHRA flankieren soll. Lars Rensmann zeigt sehr nach am Text beider Definitionen, dass die „Jerusalemer Erklärung“ viel weniger gewinnbringende Definition dieser Diskriminierungsform ist als vielmehr ein Versuch, diese in Willkür aufzulösen. Dies empfehle ich vor allem jenen, die sich auch ein wenig intensiver mit den Boykottbewegungen „BDS“ oder „Strike Germany“ auseinandersetzen wollen oder an den Debatten um Annie Ernaux, Emilia Roig oder jüngst Lana Bastašić interessiert sind. Der Verbrecherverlag hat mit diesem Band ein Standardwerk zum Thema veröffentlich, das nicht, wie das Strohmann-Argument häufig behauptet, darauf abziele, palästinensischer Leid zu leugnen und das sicherlich in der Liste meiner liebsten Sachbücher 2023 den ersten Platz eingenommen hätte, wenn ich schneller bei der Lektüre gewesen wäre. Ein unglaublicher Dank geht raus an Laila @not_without_my_books , mit der ich diesen Schinken gemeinsam gelesen habe und die mir mit ihrer wissenschaftlichen Expertise in vielen Voraus war, sodass ich eine Menge lernen durfte und die zudem auch noch Rücksicht auf mein geringes, den Buddenbrooks geschuldetem Lesetempo genommen hat. Danke zudem an den @verbrecherverlag für das Rezensionsexemplar.




