Paris, 1897. Der Italiener Simonini erwacht in einer Pariser Wohnung ohne Erinnerung an die vergangenen Tage. Er beginnt Tagebuch zu schreiben, um sich von seiner Kindheit über die Erlebnisse während des Risorgimento und der Pariser Kommune an die Gegenwart heranzutasten. Doch während er schläft, kommentiert jemand seine Einträge und entlarvt Simonini nicht nur als durchtriebenen Fälscher und Agenten, sondern auch als höchst gefährlichen Antisemiten und Mitverfasser der "Protokolle der Weisen von Zion". Atemberaubend virtuos spielt Umberto Eco mit historischen Fakten und literarischer Fiktion, mit Wahrheit und Fälschung, mit Identität und Erinnerung.
"Es muß nicht immer Kaviar sein" in historisch, literarisch wertvoll, mit mehr Toten und weniger Sympathie für den Protagonisten.
Es ist allgemein bekannt, dass Umberto Eco ein Faible für Fälschungen hat. So werden auch die Fälschungen zu den eigentlichen Hauptfiguren im "Friedhof in Prag" - und es ist ein verworrener, spannender, etwas abgedrehter, mit einer Unmenge an historischen Informationen bereicherter Weg zwischen Realität, Fiktion und Wahn, den diese Fälschungen Simonini und/oder Dalla Piccola entlang führen. Es geht um Geheimdienste, Geheimgesellschaften, geheime Gedanken und der berühmten geheimen Leiche im Keller (oder LeicheN). Freud hat ebenso eine Nebenrolle wie Alexandre Dumas oder Garibaldi, doch der Star der Geschichte ist der unsympathische Simonini, der von Ängsten geplagt wird und sich mit Hass vor ihnen zu schützen versucht. Er vereint gleich mehrere Tabus (und anderes) in einer Person: Antisemit, Frauenhasser mit pädophilen Neigungen, psychisch Kranker, Mörder, Verräter, Lügner, Fälscher, Doppelagent,... und leidet dazu unter den verschiedensten Ängsten und Zwängen. Als Hörerin schwankte ich nahezu ständig zwischen Abscheu, Wut, Mitleid, Hoffnung auf Besserung, aber auch darauf, dass er doch damit durchkommen möge, an vielen Stellen hatte ich eine verrückte Mischung aus all diesen Gefühlen.
Es ist kein Hörbuch, das ich mal so nebenher zum Autofahren hören konnte - dafür gibt es einfach zu viele Protagonisten, historische Daten und Wendungen, die rasch nacheinander folgen und komplex miteinander verwoben sind. Und genau das macht es zu einem herausragenden, riesigen Werk, das man gerne auch ein zweites Mal hören möchte.
PS: Einen besonderen Pluspunkt bekommt das Hörbuch von mir für das Ende!
31. Mai 2024
5,0
"Es muß nicht immer Kaviar sein" in historisch, literarisch wertvoll, mit mehr Toten und weniger Sympathie für den Protagonisten.
Es ist allgemein bekannt, dass Umberto Eco ein Faible für Fälschungen hat. So werden auch die Fälschungen zu den eigentlichen Hauptfiguren im "Friedhof in Prag" - und es ist ein verworrener, spannender, etwas abgedrehter, mit einer Unmenge an historischen Informationen bereicherter Weg zwischen Realität, Fiktion und Wahn, den diese Fälschungen Simonini und/oder Dalla Piccola entlang führen. Es geht um Geheimdienste, Geheimgesellschaften, geheime Gedanken und der berühmten geheimen Leiche im Keller (oder LeicheN). Freud hat ebenso eine Nebenrolle wie Alexandre Dumas oder Garibaldi, doch der Star der Geschichte ist der unsympathische Simonini, der von Ängsten geplagt wird und sich mit Hass vor ihnen zu schützen versucht. Er vereint gleich mehrere Tabus (und anderes) in einer Person: Antisemit, Frauenhasser mit pädophilen Neigungen, psychisch Kranker, Mörder, Verräter, Lügner, Fälscher, Doppelagent,... und leidet dazu unter den verschiedensten Ängsten und Zwängen. Als Hörerin schwankte ich nahezu ständig zwischen Abscheu, Wut, Mitleid, Hoffnung auf Besserung, aber auch darauf, dass er doch damit durchkommen möge, an vielen Stellen hatte ich eine verrückte Mischung aus all diesen Gefühlen.
Es ist kein Hörbuch, das ich mal so nebenher zum Autofahren hören konnte - dafür gibt es einfach zu viele Protagonisten, historische Daten und Wendungen, die rasch nacheinander folgen und komplex miteinander verwoben sind. Und genau das macht es zu einem herausragenden, riesigen Werk, das man gerne auch ein zweites Mal hören möchte.
PS: Einen besonderen Pluspunkt bekommt das Hörbuch von mir für das Ende!
Ich habe dieses Buch völlig unvorbereitet angefangen und lange gerungen. Zuerst wegen der Thematik und dann dauert es eine lange Weile, bis man im Roman drin ist.
Deswegen 3 Sterne.
Aber hey, das ist Eco +1Stern
Liebste und wahrste Feststellung findet man mitten auf Seite 410
23. Sept. 2022
4,0
Ich habe dieses Buch völlig unvorbereitet angefangen und lange gerungen. Zuerst wegen der Thematik und dann dauert es eine lange Weile, bis man im Roman drin ist.
Deswegen 3 Sterne.
Aber hey, das ist Eco +1Stern
Liebste und wahrste Feststellung findet man mitten auf Seite 410
23. Sept. 2022
Autorin / Autor
Über Umberto Eco
Umberto Eco (1932–2016) promovierte nach dem Studium der Rechtswissenschaften, Philosophie und Literatur in Turin 1954 zum Dr. phil. und war anschließend als Kulturredakteur tätig. Ab 1956 arbeitete er als Dozent und Mittelalterforscher, ab 1963 als Kolumnist. 1965 erhielt er einen Lehrauftrag in Florenz, 1966 folgte eine Professur in Mailand, 1971 eine Professur für Semiotik an der Universität Bologna. Seine Werke wurden vielfach übersetzt und mit renommierten Auszeichnungen gewürdigt. Mit »Das offene Kunstwerk« veröffentlichte er 1973 eine der einflussreichsten Arbeiten zur modernen Ästhetik. Dem breiten Lesepublikum wurde der Autor zahlreicher literaturtheoretischer und kulturwissenschaftlicher Schriften vor allem durch seine Erzählprosa bekannt: Die Romane »Der Name der Rose« (1982) und »Das Foucaultsche Pendel« (1989) avancierten zu internationalen Bestsellern. In den Folgejahren erschienen u. a. »Die Insel des vorigen Tages« (1995), »Baudolino« (2001), »Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana« (2004), »Der Friedhof in Prag« (2011) sowie »Nullnummer« (2015).