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Das nächste Mal sollte "Die Hoffnung aller ehrlichen Männer" diesen Ort anderthalb Jahre später aufsuchen, allerdings ganz und gar inoffiziell und über Gebirgspfade, als er nach seiner Niederlage auf einem lahmen Maultier floh und von Nostromo nur knapp vor einem schmählichen Tod durch die Hände des Mobs bewahrt wurde. Es war ein Ereignis ganz anderer Art, über das Kapitän Mitchell hinterher sagte: "Es war historisch - historisch, Sir! Und mein guter Mann, Nostromo, mittendrin, wissen Sie? Hat wirklich Geschichte geschrieben, Sir." - Zitat, Seite 125 Zum 100. Todestag des Schriftstellers Joseph Conrad gönnt der Manesse Verlag der Leserschaft eine Neuübersetzung des 1904 erstmals erschienenen "Meisterwerk der Moderne" mit Nachwort von Robert Menasse. Das Buch selbst erscheint solide und liegt im klassischen Hardcover mit Lesebändchen vor. Leider wurde die "Vorbemerkung des Autors" hier im Nachgang des Romans abgedruckt, weil es sich laut Nachwort um eine "langatmige Selbsterklärung" handele, "die von der Lektüre des Romans eher abschrecke". Dies kann persönlich überhaupt nicht nachvollzogen werden. Denn zu jeder guten Geschichte gehört doch der passende Gründungsmythos, der Funke, der im Autorenhirn die Synapsen zum Tanzen brachte, um die Feder übers Papier führen zu können. Außerdem erfahren wir, dass Conrad sich bei der Gestaltung einer der wichtigen Frauenfiguren von seiner ersten großen Liebe inspirieren ließ - also schon zwei Gründe, das Vorwort unbedingt vor der Lektüre zu entdecken! Und um was geht es bei Nostromo? Die Geschichte führt uns auf den südamerikanischen Kontinent, der vom Kolonialismus geprägt ist und verschiedene Arten von Menschen anzieht: Abenteurer, Schatzsucher, Auswanderer, Vertriebene, Seeleute, Handelsvertreter, Glücksspieler, Verbrecher und Politiker. In dem Spiel um Macht, Einfluss und Geld, hat ein Mann in dem gefährlichen Ränkespiel mit Raub und Revolte eine zentrale Position inne, der titelgebende Nostromo ("Nostro Uomo", unser Mann). Wie das Eingangszitat zeigt, wird diese schicksalhafte Figur zum Mythos in der Geschichte. Zunächst von Dritten beschrieben, rücken wir dem zweifelhaften Helden gegen Ende immer enger näher an die Pelle und stellen uns die drängende Frage: ist dies nicht eine klassische Tragödie? Joseph Conrad hat ein Talent, dramatische Szenen zu inszenieren. Auch die langen Monologe mit komplexen Inhalten erinnern an die großen Theaterstücke und es ist unübersehbar, dass Conrad sich von Shakespeare inspirieren ließ. Auch die Interaktionen der Figuren, die Dialoge sind auf den Punkt genau gesetzt. Zudem macht er keinen Hehl, ob seiner oft radikalen Ansichten und seiner Kritik an Gesellschaft und Politik, die er in sein Werk einfließen lässt. Gerade weil es sich bei dem Roman um Fiktion handelt, bietet diese vielfältige Möglichkeiten der Darstellung, aber auch der Interpretation durch den Leser. Gleichzeitig macht es diese komplexe Struktur gerade anfangs schwer, in den Lesefluss zu kommen. Der Autor nimmt sich viel Zeit, die Romanwelt mit Land und Leuten vorzustellen. Hier ist Geduld gefragt. Ab dem Geschehnis mit dem Silberraub nimmt die Handlung Fahrt auf und auch das Notizbuch füllt sich mit philosophischen Zitaten. FAZIT Als Einstieg in das Werk von Joseph Conrad eher weniger geeignet. Hier bietet sich das auch komplexe, aber kürzere "Herz der Finsternis" an. Lob und Dank an die Übersetzer Julian Haefs und Gisbert Haefs, welche die Worte und oft komplizierten Satzstrukturen von Joseph Conrad einfühlsam und mit Respekt vor Autor und Werk wiedergeben. Ein Leseschatz für Conrad Fans!
22. Sept. 2024
Das nächste Mal sollte "Die Hoffnung aller ehrlichen Männer" diesen Ort anderthalb Jahre später aufsuchen, allerdings ganz und gar inoffiziell und über Gebirgspfade, als er nach seiner Niederlage auf einem lahmen Maultier floh und von Nostromo nur knapp vor einem schmählichen Tod durch die Hände des Mobs bewahrt wurde. Es war ein Ereignis ganz anderer Art, über das Kapitän Mitchell hinterher sagte: "Es war historisch - historisch, Sir! Und mein guter Mann, Nostromo, mittendrin, wissen Sie? Hat wirklich Geschichte geschrieben, Sir." - Zitat, Seite 125 Zum 100. Todestag des Schriftstellers Joseph Conrad gönnt der Manesse Verlag der Leserschaft eine Neuübersetzung des 1904 erstmals erschienenen "Meisterwerk der Moderne" mit Nachwort von Robert Menasse. Das Buch selbst erscheint solide und liegt im klassischen Hardcover mit Lesebändchen vor. Leider wurde die "Vorbemerkung des Autors" hier im Nachgang des Romans abgedruckt, weil es sich laut Nachwort um eine "langatmige Selbsterklärung" handele, "die von der Lektüre des Romans eher abschrecke". Dies kann persönlich überhaupt nicht nachvollzogen werden. Denn zu jeder guten Geschichte gehört doch der passende Gründungsmythos, der Funke, der im Autorenhirn die Synapsen zum Tanzen brachte, um die Feder übers Papier führen zu können. Außerdem erfahren wir, dass Conrad sich bei der Gestaltung einer der wichtigen Frauenfiguren von seiner ersten großen Liebe inspirieren ließ - also schon zwei Gründe, das Vorwort unbedingt vor der Lektüre zu entdecken! Und um was geht es bei Nostromo? Die Geschichte führt uns auf den südamerikanischen Kontinent, der vom Kolonialismus geprägt ist und verschiedene Arten von Menschen anzieht: Abenteurer, Schatzsucher, Auswanderer, Vertriebene, Seeleute, Handelsvertreter, Glücksspieler, Verbrecher und Politiker. In dem Spiel um Macht, Einfluss und Geld, hat ein Mann in dem gefährlichen Ränkespiel mit Raub und Revolte eine zentrale Position inne, der titelgebende Nostromo ("Nostro Uomo", unser Mann). Wie das Eingangszitat zeigt, wird diese schicksalhafte Figur zum Mythos in der Geschichte. Zunächst von Dritten beschrieben, rücken wir dem zweifelhaften Helden gegen Ende immer enger näher an die Pelle und stellen uns die drängende Frage: ist dies nicht eine klassische Tragödie? Joseph Conrad hat ein Talent, dramatische Szenen zu inszenieren. Auch die langen Monologe mit komplexen Inhalten erinnern an die großen Theaterstücke und es ist unübersehbar, dass Conrad sich von Shakespeare inspirieren ließ. Auch die Interaktionen der Figuren, die Dialoge sind auf den Punkt genau gesetzt. Zudem macht er keinen Hehl, ob seiner oft radikalen Ansichten und seiner Kritik an Gesellschaft und Politik, die er in sein Werk einfließen lässt. Gerade weil es sich bei dem Roman um Fiktion handelt, bietet diese vielfältige Möglichkeiten der Darstellung, aber auch der Interpretation durch den Leser. Gleichzeitig macht es diese komplexe Struktur gerade anfangs schwer, in den Lesefluss zu kommen. Der Autor nimmt sich viel Zeit, die Romanwelt mit Land und Leuten vorzustellen. Hier ist Geduld gefragt. Ab dem Geschehnis mit dem Silberraub nimmt die Handlung Fahrt auf und auch das Notizbuch füllt sich mit philosophischen Zitaten. FAZIT Als Einstieg in das Werk von Joseph Conrad eher weniger geeignet. Hier bietet sich das auch komplexe, aber kürzere "Herz der Finsternis" an. Lob und Dank an die Übersetzer Julian Haefs und Gisbert Haefs, welche die Worte und oft komplizierten Satzstrukturen von Joseph Conrad einfühlsam und mit Respekt vor Autor und Werk wiedergeben. Ein Leseschatz für Conrad Fans!
22. Sept. 2024






