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Romane

Wahrscheinliche Herkünfte

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Über das Buch

Wie erzählen von einer Vergangenheit, die wir selbst nicht erlebt haben? Wie und in welcher Sprache erzählen von und über Geschichten, die wir nicht nachempfinden können? Denn wenn wir sprechen, sprechen wir Gegenwart, in der die Vergangenheit aber mitspricht: Wer also verstehen möchte, was er spricht, muss auch die Sprache der Toten verstehen. Ivna Žic öffnet in ihrer autofiktionalen Reflexion Zugänge zu den völlig unterschiedlichen Welten ihrer beiden Großmütter und des schweigsamen Großvaters, in deren Leben sich europäische Geschichte und eine untergegangene Welt spiegeln, die nach wie vor in uns weiterlebt und unser Handeln bestimmt. In zärtlicher Prosa und mit präzisen Beschreibungen geht Ivna Žic den Spuren ihrer Ahnen nach und eröffnet einen Ort des Wiedererkennens im anderen und des anderen. Diversität ist horizontal und vertikal, diachron und synchron. Žic' Text öffnet sich in einem Durchgang von der Vergangenheit in eine europäische Zukunft, in der sich eine neue, radikale Vielsprachigkeit längst Raum geschaffen hat, und lässt dadurch aus dem Privaten das Politische und aus den neuen Verhältnissen neue Erzählungen entstehen.

Editionen (1)

ISBN9783751809184
VerlagMatthes & Seitz Berlin
Erscheinungsdatum30.03.23
Seitenzahl217

Rezensionen & Bewertungen

6 Bewertungen

1 Rezensionen

4,3

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  • milanpablo
    milanpablo

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    5,0

    „Wahrscheinliche Herkünfte“ ist sprachlich so dicht und besticht mit brachialer Ehrlichkeit und Deutlichkeit, ohne sich in Worten zu verirren. Das Buch will an die sprachlichen Wurzeln unserer eigenen Existenz, kann aber eben nur „wahrscheinlich“ bleiben, weil unsere Möglichkeiten auch durch den Tod und das Schweigen begrenzt sind. Dennoch bietet es Anregungen zu Hauf, um sich selbst mit Sprache in Beziehung zu setzen und strukturelle Machtverhältnisse wie Sexismus und Rassismus prozesshaft artikulierbar zu machen.

    „Eine Erzählung voller Schweigen staut sich auf und setzt sich fort. Eine Erzählung voller Verbote provoziert Konflikte. Verwandelt Schweigen in Gewalt. Verwandelt Gewalt in Geschichte. Verbietet wieder. Und wieder. Schweigt. Wieder und wieder. Wird laut und eindeutig. Eine Deutung. Keinen Deut anders.“ (Žic 2023, S. 131) Die Theaterregisseurin und Dramatikerin Ivna Žic legt mit „Wahrscheinliche Herkünfte“ eine Text-Collage unterschiedlicher Perspektiven (Referat, Erzählungen und Briefauszüge) zur Ergründung der Frage vor, wie man von einer Vergangenheit erzählt, die man selbst nicht erlebt hat. Die Frage mag zunächst banal klingen, jedoch nimmt sie beim genauen Blick darauf so viele Formen an, dass es wie eine schier endlose Reise erscheinen mag. Žic postuliert, wenn wir sprechen, sprechen wir Gegenwart. Doch jedes Wort, das wir nutzen, jeder Name, jede Redensart und auch jedes Schweigen, jedes nicht reden wollen und nicht reden können, zieht eine Geschichte nach sich, der es lohnt, auf den Grund zu gehen. So erfahren wir im Buch unter anderem, wie sich Žic als Kind mit ihrem Namen auseinandersetzt oder was es bedeutet, als Kind kroatischer Eltern die schweizerische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Wir begleiten die Autorin dabei, wie sie das Schweigen verstehen will, warum ihre Großmütter nicht reden und ihr Großvater über seine Erlebnisse Ende des Zweiten Weltkriegs in Bleiburg/Pliberk nicht reden wollten und konnten. Und zuletzt bekommen wir als Leser*innen noch den Einblick in den Austausch und Briefwechsel mit Lubna Abou Kheir und wie die durch Gesellschaft erfundene Begrifflichkeit der „gebrochenen Sprache“ mehr über Machtverhältnisse in der Gesellschaft verrät, als dass er als natürlich mit Literatur in Verbindung gebracht wird. „Wahrscheinliche Herkünfte“ ist sprachlich so dicht und besticht mit brachialer Ehrlichkeit und Deutlichkeit, ohne sich in Worten zu verirren. Das Buch will an die sprachlichen Wurzeln unserer eigenen Existenz, kann aber eben nur „wahrscheinlich“ bleiben, weil unsere Möglichkeiten auch durch den Tod und das Schweigen begrenzt sind. Dennoch bietet es Anregungen zu Hauf, um sich selbst mit Sprache in Beziehung zu setzen und strukturelle Machtverhältnisse wie Sexismus und Rassismus prozesshaft artikulierbar zu machen. Absolute Leseempfehlung und mit Sicherheit eines meiner Highlights dieses Jahr!

    „Wahrscheinliche Herkünfte“ ist sprachlich so dicht und besticht mit brachialer Ehrlichkeit und Deutlichkeit, ohne sich in Worten zu verirren. Das Buch will an die sprachlichen Wurzeln unserer eigenen Existenz, kann aber eben nur „wahrscheinlich“ bleiben, weil unsere Möglichkeiten auch durch den Tod und das Schweigen begrenzt sind. Dennoch bietet es Anregungen zu Hauf, um sich selbst mit Sprache in Beziehung zu setzen und strukturelle Machtverhältnisse wie Sexismus und Rassismus prozesshaft artikulierbar zu machen.

    18. März 2024

Autorin / Autor

Über Ivna Žic

Ivna Žic, geboren 1986 in Zagreb und aufgewachsen in Zürich. Studium der Angewandten Theaterwissenschaft, Schauspielregie und Szenisches Schreiben in Giessen, Hamburg und Graz. Als Theaterregisseurin und Dramatikerin inszeniert und schreibt sie u.a. am Theater Neumarkt, am Luzerner Theater, am Schauspielhaus Wien und an den Münchner Kammerspielen. 2023 Einladung zum Berliner Theatertreffen mit Nora - Ein Thriller von Sivan Ben Yishai, Henrik Ibsen, Gerhild Steinbuch, Ivna Žic an den Münchner Kammerspielen. 2020 - 2022 gehörte sie zum Leitungsteam von Theater HORA in Zürich und arbeitet weiterhin an Projekten mit dem Ensemble. Für ihren Debütroman »Die Nachkommende« wurde sie 2019 sowohl für den Österreichischen Buchpreis als auch für den Schweizer Buchpreis nominiert. 2020 erhielt sie den renommierten Anna Seghers-Preis; 2022 den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Ivna Žic lebt in Zürich und Wien.

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