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Mitgift

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Über das Buch

Draesners hellsichtiger Roman über das vergiftete Erbe der binären Ordnung und das Recht, Diversität zu leben – nun endlich wieder lieferbar

Nicht einfach, eine Schwester zu sein, wenn die andere so schön ist, so leuchtend, so geheimnisvoll. Auf Anita und Aloe Böhm liegt ein Familiengeheimnis. Im Deutschland der 90er-Jahre weiß niemand damit umzugehen: Anita, die Jüngere, wurde als Intersex geboren. Mit Operationen und Hormonen versuchte man, ihre wahre Körpergeschichte zu tilgen und vor ihr und der Schwester zu verheimlichen. Erst als Studentin stellt Aloe sich den Fragen, die Anitas rigide Einpassung auch für sie, die »Normale« aufwerfen: Was bedeutet es, eine Frau zu sein? Biologisch? Und sozial? Sie beginnt, auf radikale Weise mit der Formbarkeit ihres eigenen Körpers zu experimentieren. Anita wiederum, verheiratet mit einem älteren Mann, versucht wieder zum Intersex zu werden. Endlich gelingt es den Schwestern, sich zu verbünden. Doch bei ihrem letzten Schritt unterschätzen sie die irrationalen Kräfte der Konvention.

Ulrike Draesner brillanter Roman »Mitgift«, erstmals 2002 erschienen, erzählt vom vergifteten Erbe der binären Ordnung und dem Recht auf Diversität. Das Werk, bei seinem Erscheinen der gesellschaftlichen Entwicklung weit voraus, liegt nun in einer von der Autorin dem heutigen Sprachgebrauch angepassten Neuauflage vor.

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2024 für Draesners Gesamtwerk: »Ulrike Draesners Werke halten – mit hochentwickeltem Sprachbewusstsein – literarische Signale politischer Vorgänge in Zeitenwenden fest; sie bezeugen dadurch die verwandelnde Kraft der Literatur.« (aus der Begründung der Jury)

Editionen (3)

ISBN9783641311704
VerlagPenguin
Erscheinungsdatum11.01.24
Seitenzahl384

Rezensionen & Bewertungen

7 Bewertungen

2 Rezensionen

3,9

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  • viviliest_
    viviliest_

    28 Follower

    3,5

    Berührende Geschichte über zwei Schwestern, die beide unter den heteronormativen Zwängen der Gesellschaft leiden und in eine Geschlechterrolle gezwängt werden, die ihnen zunehmende Probleme bereitet.

    Anita und Aloe sind zwei Schwestern, die in den 90er Jahren in einer deutschen Kleinstadt aufwachsen. In ihrer Beziehung zueinander spielen Neid, Wut und Schmerz eine sehr große Rolle. Was die beiden in ihrer Kindheit noch nicht wissen und verstehen können, holt sie im Erwachsenenalter ein: Die vorherrschende Geschlechtsnormen und die Binarität der Gesellschaft. Anita ist intersexuell und (wie für damalige Verhältnisse leider üblich) wird ihre „Uneindeutigkeit“ angepasst, indem zahlreiche Operationen und Hormontherapien angesetzt werden. Ziel ist es, das zweigeschlechtliche Kind so eindeutig wie möglich einen der beiden Geschlechter zuzuordnen. Selbstredend leidet das Kind darunter. Die Geschichte wird aus der Perspektive der Schwester erzählt. Für mich persönlich war der Schreibstil gewöhnungsbedürftig. Er ist sehr kreativ, abgebrochene Sätze und Gedanken fügen sich ineinander ein, ergänzen sich und hacken sich gegenseitig ab. An einigen Stellen ist mir die Entwicklung der Geschichte zu langsam, ich habe mir da schwer getan das Buch in einem Rutsch durchzulesen (was aber sicherlich auch an der traurigen Geschichte liegt). Der Spannungsbogen baut sich aber gen Ende wieder sehr gut auf und das Buch endet mit einen zumindest für mich nicht sofort vorhersehbaren Ereignis. Im Buch werden folgende Themen angesprochen: Intersexualität, Kindesmissbrauch (emotional/verbal), Beziehungsunfähigkeit, Essstörungen, traditionelle Geschlechterrollen, Binarität, Diversität/Queerness Ich finde der Roman ist sehr gut gelungen, auch, was die beiden Gegenpole von KULTUR und NATUR betrifft. Diese werden im Buch gleich mehrfach verkörpert: Anita/Alex (intersexuell - wie wird die Person sozialisiert?), Aloe-Vera/Lollo (Kunsthistorikerin), Lukas (Naturwissenschaftler). Mir gefällt besonders gut, wie im Laufe des Buches verdeutlicht wird, was sozialisiert/operiert wurde und was als Natur angesehen wird. Von mir eine Empfehlung, wenn ihr über Intersexualität lesen möchtet und euch der Schreibstil nicht abschreckt.

    20. Okt. 2024

  • kapitelchaos
    kapitelchaos

    105 Follower

    4,0

    „𝘞𝘪𝘦 𝘭𝘦𝘣𝘴𝘵 𝘥𝘶, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘥𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘴𝘤𝘩𝘪𝘦𝘳𝘦 𝘌𝘹𝘪𝘴𝘵𝘦𝘯𝘻 𝘢𝘯𝘥𝘦𝘳𝘦𝘯 𝘈𝘯𝘨𝘴𝘵 𝘮𝘢𝘤𝘩𝘵? 𝘞𝘪𝘦 𝘭𝘦𝘣𝘴𝘵 𝘥𝘶, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘴𝘪𝘦 𝘮𝘪𝘵 𝘢𝘭𝘭𝘦𝘯 𝘔𝘪𝘵𝘵𝘦𝘭𝘯 𝘷𝘦𝘳𝘴𝘶𝘤𝘩𝘦𝘯, 𝘥𝘪𝘤𝘩 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘫𝘦𝘯𝘦 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘻𝘶 𝘭𝘢𝘴𝘴𝘦𝘯, 𝘥𝘪𝘦 𝘥𝘶 𝘣𝘪𝘴𝘵?“ (𝘚.358) Aloe fühlte sich immer im Schatten ihrer jüngeren Schwester Anita. Anita war hübscher, erfolgreicher, weiblicher… Sie wurde bevorzugt behandelt, was letztendlich zum Bruch Aloes mit ihren Eltern führt. Was Aloe erst sehr spät erfährt: Anita ist intersexuell. Gleich nach der Geburt wurde mit geschlechtsangleichenden Operationen und Hormonbehandlung begonnen, ein Vorgehen das in den 90ern gang und gäbe war. Diese Erkenntnis führt letztendlich dazu, das Aloe Weiblichkeit an sich hinterfragt, ihren Körper massiv herunter hungert, während Anita anscheinend perfekt in ihre Rolle hinein gewachsen ist. Sie ist verheiratet, hat einen Sohn… Aber der Schein trügt: Heimlich spart sie Geld für die Umkehr der damals durchgeführten Eingriffe, setzt die weiblichen Hormone ab und nimmt stattdessen Testosteron. Als sie es ihrer Familie unterbreitet, ist Aloe die Einzige, von der sie Unterstützung erfährt. - Als Dreasners Roman 2002 erstmalig erscheint, findet er wenig Absatz. In meinen Augen kaum verwunderlich, denn die Sichtbarkeit von intersexuellen Menschen ging gen Null. Um das Warum zu verstehen, muss man ein bisschen in die Geschichte schauen: Bis vor nicht allzu langer Zeit wurden bei Babys, die ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale zur Welt gekommen sind, prinzipiell geschlechtsangleichende Operationen durchgeführt, zumeist ohne ausreichende Aufklärung der Eltern. Auch die betroffenen Kinder wussten davon in den allermeisten Fällen nichts. Es wurde unter den Tisch gekehrt und gehofft, dass sich das Kind in das ihm aufgezwungene Geschlecht fügt. Erst 2012 wurde von der Ethikkommision empfohlen, OP‘s nicht mehr durchzuführen. Das Gesetz zum Verbot von medizinisch nicht notwendigen Operationen kam erst 2021! Dreasner beschreibt sehr eindrücklich welche Qualen die Angleichungen mit sich gebracht haben. Die Eingriffe an sich sind nur angedeutet, aber selbst das reicht aus, um zu erkennen, wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit in diesem Falle ignoriert wurde. Ebenfalls nur angedeutet werden die psychischen Folgen für Betroffene. Aus Sicht von Aloe wird man als Lesende*r durch das Geschehen geführt und bekommt somit den Blick aus Sicht einer Angehörigen. Als Schwester hat sie die Krankenhausaufenthalte und die anschließenden Schmerzen ihres Geschwisterkindes mitbekommen, ebenso wie die Auseiandersetzungen der Eltern und das Schweigen. Dies hat auch Folgen für Aloe, scheint sie doch an einem bestimmten Punkt binäre Einordnungen und somit auch ihre eigene Weiblichkeit abzulehnen, was sie letztendlich in die Magersucht treibt. Anitas Umgang mit der Situation, ihre Gefühle und Gedanken dazu, erfährt man leider nur am Rand, verklärt durch die Sicht der Schwester. Hier hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht, was aber wahrscheinlich nicht möglich ist, wenn man nicht aus der „Betroffenen“-Perspektive schreibt. Der Schreibstil ist anspruchsvoll, beinhaltet sehr viele lange, geschachtelte Sätze (mag ich) und die beiden Zeitebenen wirken anfangs etwas diffus. Ist man aber erstmal hinter den Ablauf gekommen, lässt es sich schön lesen. Von mir eine große Empfehlung für diesen Roman. Ich hoffe das er in der Neuauflage sehr viel mehr Leser*innen finden wird und die Beachtung bekommt, die er verdient.

    5. März 2024

Autorin / Autor

Über Ulrike Draesner

Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, wurde für ihre Romane, Essays und Gedichte vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den Christine Lavant Preis, den Gisela-Elsner-Literaturpreis, den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds für ihr Gesamtwerk, das multimediale Arbeiten und Übersetzungen einschließt. Ihr Roman »Die Verwandelten« war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Die Jahre 2015 bis 2017 verbrachte Draesner in England. Nach verschiedenen internationalen Gastdozenturen und Poetikvorlesungen ist sie seit April 2018 Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Draesner lebt mit ihrer Tochter in Berlin.

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