„Schließ die Augen und zähl bis hundert.“ Dies sind die letzten Worte, die Alexis von ihrem Vater hört. Kurz darauf sind ihre Eltern tot, und das kleine Mädchen bleibt als Waise zurück, verfolgt von traumatischen Erinnerungen.
Dreiundzwanzig Jahre später ist Alexis Hall Kommissarin bei der Mannheimer Kripo. Die wahren Gründe, warum sie zur Polizei ging, kennt niemand. Als mehrere brutal entstellte Frauenleichen in einem Wald entdeckt werden und sie die Ermittlungen leiten soll, holt sie ihre Vergangenheit ein. Denn die weißen Anemonen, mit denen die Toten geschmückt sind, kennt Alexis nur zu gut - aus ihrer Kindheit …
Schwach gestartet, stark geendet. Für ein Debüt nicht schlecht.
Inhalt:
Die junge Mannheimer Kriminalhauptkommissarin Alexis Hall und ihr Kollege Oliver Zagorny bekommen es mit einem äußerst grausamen Doppelmord an zwei Frauen zu tun. Pervers zugerichtet und in Szene gesetzt, werden die Leichen aufgefunden. Gemeinsam mit der Kriminalbiologin Karen Hellstern begibt sich das Trio auf eine Jagd, wie sie härter nicht sein könnte. Vor allem, als Alexis merkt, dass es sehr persönlich wird. Ihre Vergangenheit sollte unbedingt geheim bleiben.
Mein Eindruck:
Gleich zu Beginn werden wir in die Geschichte geschmissen. Langes Vorgeplänkel gibt es nicht und die ersten kriminalbiologischen und rechtsmedizinischen Fakten kommen unumwunden und äußerst ausführlich auf den Tisch. Gerade bei Letzterem ist mir immer wichtig, dass es faktisch korrekt dargestellt wird. Das hat die Autorin mit Bravour gemeistert. Trotzdem hätten die Passagen ruhig etwas kürzer gehalten werden können. Für weniger Interessierte dieser Thematik könnte das hier sonst schnell langatmig werden.
Im weiteren Verlauf versucht uns die Autorin über zahlreiche Protagonisten sowie Zeitsprünge in die Irre zu führen. Besonders die Hauptrolle der Kommissarin Alexis Hall war mir extrem unsympathisch in ihrer Art. Von Selbstbewusstsein keine Spur und ständig wird auf deren Vergangenheit herumgeritten, wie schlimm es doch wäre, wenn diese ans Licht käme. Über den gesamten Mittelteil rückt der Fall leider viel zu sehr in den Hintergrund. Erst gut 60 Seiten vor Schluss nimmt der Plot so richtig an Fahrt auf. Auf einmal: Spannung pur. Es gab sogar eine kleine Wendung, die mich überraschen konnte. Warum nicht gleich so?
Insgesamt gebe ich gute 3 🌟 um der Geschichte Raum zur Entwicklung zu geben. Schließlich erwarten mich noch 2 Bände, in die ich große Hoffnung lege.
7. Mai 2024
3,0
Schwach gestartet, stark geendet. Für ein Debüt nicht schlecht.
Inhalt:
Die junge Mannheimer Kriminalhauptkommissarin Alexis Hall und ihr Kollege Oliver Zagorny bekommen es mit einem äußerst grausamen Doppelmord an zwei Frauen zu tun. Pervers zugerichtet und in Szene gesetzt, werden die Leichen aufgefunden. Gemeinsam mit der Kriminalbiologin Karen Hellstern begibt sich das Trio auf eine Jagd, wie sie härter nicht sein könnte. Vor allem, als Alexis merkt, dass es sehr persönlich wird. Ihre Vergangenheit sollte unbedingt geheim bleiben.
Mein Eindruck:
Gleich zu Beginn werden wir in die Geschichte geschmissen. Langes Vorgeplänkel gibt es nicht und die ersten kriminalbiologischen und rechtsmedizinischen Fakten kommen unumwunden und äußerst ausführlich auf den Tisch. Gerade bei Letzterem ist mir immer wichtig, dass es faktisch korrekt dargestellt wird. Das hat die Autorin mit Bravour gemeistert. Trotzdem hätten die Passagen ruhig etwas kürzer gehalten werden können. Für weniger Interessierte dieser Thematik könnte das hier sonst schnell langatmig werden.
Im weiteren Verlauf versucht uns die Autorin über zahlreiche Protagonisten sowie Zeitsprünge in die Irre zu führen. Besonders die Hauptrolle der Kommissarin Alexis Hall war mir extrem unsympathisch in ihrer Art. Von Selbstbewusstsein keine Spur und ständig wird auf deren Vergangenheit herumgeritten, wie schlimm es doch wäre, wenn diese ans Licht käme. Über den gesamten Mittelteil rückt der Fall leider viel zu sehr in den Hintergrund. Erst gut 60 Seiten vor Schluss nimmt der Plot so richtig an Fahrt auf. Auf einmal: Spannung pur. Es gab sogar eine kleine Wendung, die mich überraschen konnte. Warum nicht gleich so?
Insgesamt gebe ich gute 3 🌟 um der Geschichte Raum zur Entwicklung zu geben. Schließlich erwarten mich noch 2 Bände, in die ich große Hoffnung lege.
Starkes deutsches Krimi-Debüt mit forensischer Tiefe und emotionalem Trauma-Plot.
Schließ die Augen und zähl bis hundert – wenn die Anemonen aus der Kindheit zurückkehren
Kurzer Hinweis vorweg: „Die Bestimmung des Bösen“ enthält intensive Themen wie brutale Frauenmorde, sexualisierte Gewalt (angedeutet), Kindheitstrauma, Verlust beider Eltern in der Kindheit, detaillierte Beschreibungen verwesender Leichen, Insektenbefall an Toten und Albträume. Die forensischen Details sind teils sehr explizit. Wer mit diesen Themen empfindlich umgeht oder selbst Trauma-Erfahrungen gemacht hat, sollte die Lektüre achtsam abwägen. Auch wer mit Insekten oder Verwesungs-Schilderungen Schwierigkeiten hat, sollte vorgewarnt sein.
„Schließ die Augen und zähl bis hundert.“ Dies sind die letzten Worte, die die kleine Alexis von ihrem Vater hört. Sie ist acht Jahre alt, sie tut, was ihr Vater verlangt, und als sie die Augen wieder öffnet, sind ihre Eltern tot. Brutal ermordet. Alexis bleibt als Waise zurück, verfolgt von traumatischen Erinnerungen und einem dunklen Detail, das sich für immer in ihr Gedächtnis brennt: den Anemonen, die der Mörder am Tatort hinterließ. Dreiundzwanzig Jahre später ist Alexis Hall Kommissarin bei der Mannheimer Kriminalpolizei. Niemand ihrer Kolleg:innen weiß von ihrer Vergangenheit, kennt die wahren Gründe, warum sie zur Polizei gegangen ist. Doch dann werden in einem Waldstück mehrere brutal entstellte Frauenleichen entdeckt. Die Spuren sind so abartig, dass die Identifizierung schwierig wird. Die Kriminalbiologin Karen Hellstern wird hinzugezogen, ausgerechnet Alexis‘ beste Freundin. Und dann sieht Alexis es: An den Leichen liegen Anemonen. Dieselben Blumen, die sie aus ihrer eigenen schrecklichen Kindheit kennt. Plötzlich ist die Kommissarin nicht mehr nur Ermittlerin, sie ist auch Zielperson, Erinnerungs-Trägerin und vielleicht das nächste Opfer einer Mordserie, die nie wirklich aufgehört hat.
Das ist für mich das Herzstück dieses Krimis und der Grund, warum er über ein gut gemachtes Forensik-Buch hinausgeht: Alexis‘ Trauma als emotionale Klammer. Alexis Hall ist nicht nur die ermittelnde Kommissarin, sie ist die emotionale Mitte. Eine Frau, die als Kind das Schrecklichste erlebt hat, das einem Kind passieren kann, und die ihr Leben darum herum gebaut hat. Sie ist Polizistin geworden, um den Mörder ihrer Eltern zu finden – ein Detail, das niemand weiß, das sie aber täglich antreibt. Julia Corbin zeichnet diese Figur mit großer Sensibilität. Alexis ist kein klischeehaftes Trauma-Opfer und auch keine emotionslose Karrierefrau, sondern ein komplexer, gebrochener Mensch. Sie funktioniert nach außen – stark, professionell, kompetent. Aber unter der Oberfläche brodelt es. Die Albträume kommen wieder. Erinnerungsfetzen. Die Anemonen am Tatort sind der erste Stein, der eine ganze Lawine ins Rollen bringt. Diese psychologische Schicht macht das Buch zu mehr als reiner Krimi-Unterhaltung.
Was Corbin besonders raffiniert konstruiert: Das Mysterium um die Ermordung der Eltern wird Stück für Stück enthüllt. Wer waren Alexis‘ Eltern wirklich? Warum hatten sie Feinde? Welche Rolle spielen die Anemonen? Und warum mordet jemand heute wieder, mit denselben Symbolen? Diese Doppelstruktur, aktueller Mordfall und alte Familiengeschichte, baut konstanten Sog auf. Du willst beide Rätsel gleichzeitig lösen. Ohne zu spoilern: Die Auflösung des Familiengeheimnisses ist wirklich überraschend. Ich hatte mehrere Theorien, lag mit allen daneben. Corbin schafft es, eine Wendung zu setzen, die mich verblüfft hat, und gleichzeitig im Nachhinein erklärt, warum die Spuren so verlegt waren, wie sie es waren. Das ist Krimi-Handwerk auf gutem Niveau. Genau diese Kombination aus emotionalem Trauma-Plot und cleverer Mystery-Auflösung macht das Buch so packend.
Was diesen Krimi vom Standard-Krimi-Brei unterscheidet: Julia Corbin ist studierte Biologin, und ihr Fachwissen fließt akribisch in den Roman ein. Die Kriminalbiologin Karen Hellstern (Alexis‘ beste Freundin) erklärt, wie man anhand des Mageninhalts einer Mücke Mörder identifizieren kann, wie Maden helfen, Todeszeitpunkte zu bestimmen, wie aasfressende Käfer im Forensik-Labor angelockt werden. Das ist faszinierend, lehrreich und manchmal richtig ekelig. Wer Kathy Reichs liebt (und die Bestseller-Vergleiche von BUNTE und Co. sind hier durchaus berechtigt), bekommt hier einen deutschen Krimi mit ähnlichem Wissenschafts-Anspruch. Mich haben die forensischen Details fasziniert, und gleichzeitig habe ich mich beim Lesen mehrfach gekratzt, weil die Insekten so plastisch beschrieben sind, dass man sie förmlich auf der Haut zu spüren glaubt. Wer ekel-empfindlich ist, sollte sich darauf einstellen.
Das Ermittler-Duo Hall & Hellstern hat richtig Potenzial. Auf der einen Seite Alexis Hall, die taffe Kommissarin mit verborgenem Trauma. Auf der anderen Seite Karen Hellstern, die brillante Kriminalbiologin mit Faible für Krabbeltiere und einer fast schon liebevollen Faszination für Verwesungsprozesse. Beide Frauen sind miteinander befreundet, was den Roman emotional aufwertet – ihre Gespräche, ihre Vertrautheit, ihre fachliche Zusammenarbeit haben echtes Charme. Hellstern ist die heimliche Showstealerin. Wenn sie über aasfressende Käfer doziert oder über die Bedeutung von Insektenpopulationen für die Tatzeitbestimmung schwärmt, vergisst man fast, dass man einen Thriller liest. Sie wirkt durch ihre fachliche Begeisterung lebendig und glaubwürdig. Genau diese Mischung aus harter Polizeiarbeit und wissenschaftlicher Faszination macht das Buch besonders.
Julia Corbin schreibt flüssig, präzise und mit hoher sprachlicher Präsenz. Ihre Beschreibungen sind detailreich und bildgewaltig, die malträtierten Leichen schweben einem regelrecht vor dem inneren Auge. Das ist nichts für zarte Gemüter. „Die Bestimmung des Bösen“ ist knallhart, schonungslos und stellenweise wirklich abartig ekelig. Wer das mag, und Krimi-Fans, die Kathy Reichs oder Patricia Cornwell schätzen, mögen genau das, wird hier voll bedient. Wer keine Lust auf detaillierte Verwesungs-Schilderungen hat, sollte vielleicht woanders suchen. Corbins Stil ist nicht reißerisch, sondern wissenschaftlich-präzise, aber genau das macht es so erschreckend nah. Sie weiß, wovon sie schreibt, und das spürt man.
Ohne zu spoilern, aber als kleiner Teaser: Im Buch taucht das Konzept eines „kill:gen“ auf, einer Idee, die noch lange nachhallt. In wem lauert das Böse? Ist es genetisch verankert? Kann man es vorhersagen? Wer kann Mörder werden, wer nicht? Diese Frage zieht sich als philosophische Schicht durch den Roman und gibt ihm intellektuelle Tiefe. Genau dieser Aspekt hat mich auch nach dem Lesen noch beschäftigt. Corbin nutzt ihre Biologie-Expertise nicht nur für forensische Spielereien, sondern stellt grundsätzliche Fragen über die Natur des Bösen. Sind manche Menschen biologisch dazu disponiert, zu morden? Wie viel davon ist Veranlagung, wie viel Umwelt? Das ist ungewöhnlich tief für einen Genre-Krimi.
Ein Stern Abzug, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Die Nebenhandlung um Alexis‘ Beziehung mit dem Journalisten Erik wirkt teilweise konstruiert. Erik taucht ungebeten an abgesperrten Tatorten auf, wird von Kollegen abgelehnt, sorgt für Spannungen, aber wirklich überzeugen kann er nicht als Figur. Diese Beziehungs-Ebene hätte das Buch nicht unbedingt gebraucht, oder sie hätte besser ausgearbeitet sein müssen. Zweitens: Das Cover ist wirklich nichtssagend. Bei einem Buch, das so spezifische Symbolik hat (Anemonen, Eisennägel, Blut) wäre eine prägnantere Gestaltung viel passender gewesen. Das ist Marketing-Kritik, betrifft aber leider die Sichtbarkeit des Buches im Buchhandel. Wer dieses Cover sieht, ahnt nicht, was für ein dichter, packender Krimi sich dahinter verbirgt.
Mein Fazit: „Die Bestimmung des Bösen“ ist ein wirklich starkes Krimi-Debüt von Julia Corbin. Das emotionale Trauma-Plot um Alexis Hall, die akribische Kriminalbiologie und die intellektuelle Tiefe rund um die kill:gen-Idee heben den Roman aus dem üblichen Krimi-Mittelmaß heraus. Wer deutsche Krimis mit forensischer Tiefe und emotionalem Gewicht liebt, sollte unbedingt zugreifen. Eine echte Empfehlung für Kathy-Reichs-Fans, die nach einer deutschen Stimme suchen. Trotz der etwas konstruierten Nebenhandlung mit dem Journalisten und dem wirklich misslungenen Cover bin ich gespannt auf die nächsten Bände der Hall-&-Hellstern-Reihe.
27. Juni 2026
4,0
Starkes deutsches Krimi-Debüt mit forensischer Tiefe und emotionalem Trauma-Plot.
Schließ die Augen und zähl bis hundert – wenn die Anemonen aus der Kindheit zurückkehren
Kurzer Hinweis vorweg: „Die Bestimmung des Bösen“ enthält intensive Themen wie brutale Frauenmorde, sexualisierte Gewalt (angedeutet), Kindheitstrauma, Verlust beider Eltern in der Kindheit, detaillierte Beschreibungen verwesender Leichen, Insektenbefall an Toten und Albträume. Die forensischen Details sind teils sehr explizit. Wer mit diesen Themen empfindlich umgeht oder selbst Trauma-Erfahrungen gemacht hat, sollte die Lektüre achtsam abwägen. Auch wer mit Insekten oder Verwesungs-Schilderungen Schwierigkeiten hat, sollte vorgewarnt sein.
„Schließ die Augen und zähl bis hundert.“ Dies sind die letzten Worte, die die kleine Alexis von ihrem Vater hört. Sie ist acht Jahre alt, sie tut, was ihr Vater verlangt, und als sie die Augen wieder öffnet, sind ihre Eltern tot. Brutal ermordet. Alexis bleibt als Waise zurück, verfolgt von traumatischen Erinnerungen und einem dunklen Detail, das sich für immer in ihr Gedächtnis brennt: den Anemonen, die der Mörder am Tatort hinterließ. Dreiundzwanzig Jahre später ist Alexis Hall Kommissarin bei der Mannheimer Kriminalpolizei. Niemand ihrer Kolleg:innen weiß von ihrer Vergangenheit, kennt die wahren Gründe, warum sie zur Polizei gegangen ist. Doch dann werden in einem Waldstück mehrere brutal entstellte Frauenleichen entdeckt. Die Spuren sind so abartig, dass die Identifizierung schwierig wird. Die Kriminalbiologin Karen Hellstern wird hinzugezogen, ausgerechnet Alexis‘ beste Freundin. Und dann sieht Alexis es: An den Leichen liegen Anemonen. Dieselben Blumen, die sie aus ihrer eigenen schrecklichen Kindheit kennt. Plötzlich ist die Kommissarin nicht mehr nur Ermittlerin, sie ist auch Zielperson, Erinnerungs-Trägerin und vielleicht das nächste Opfer einer Mordserie, die nie wirklich aufgehört hat.
Das ist für mich das Herzstück dieses Krimis und der Grund, warum er über ein gut gemachtes Forensik-Buch hinausgeht: Alexis‘ Trauma als emotionale Klammer. Alexis Hall ist nicht nur die ermittelnde Kommissarin, sie ist die emotionale Mitte. Eine Frau, die als Kind das Schrecklichste erlebt hat, das einem Kind passieren kann, und die ihr Leben darum herum gebaut hat. Sie ist Polizistin geworden, um den Mörder ihrer Eltern zu finden – ein Detail, das niemand weiß, das sie aber täglich antreibt. Julia Corbin zeichnet diese Figur mit großer Sensibilität. Alexis ist kein klischeehaftes Trauma-Opfer und auch keine emotionslose Karrierefrau, sondern ein komplexer, gebrochener Mensch. Sie funktioniert nach außen – stark, professionell, kompetent. Aber unter der Oberfläche brodelt es. Die Albträume kommen wieder. Erinnerungsfetzen. Die Anemonen am Tatort sind der erste Stein, der eine ganze Lawine ins Rollen bringt. Diese psychologische Schicht macht das Buch zu mehr als reiner Krimi-Unterhaltung.
Was Corbin besonders raffiniert konstruiert: Das Mysterium um die Ermordung der Eltern wird Stück für Stück enthüllt. Wer waren Alexis‘ Eltern wirklich? Warum hatten sie Feinde? Welche Rolle spielen die Anemonen? Und warum mordet jemand heute wieder, mit denselben Symbolen? Diese Doppelstruktur, aktueller Mordfall und alte Familiengeschichte, baut konstanten Sog auf. Du willst beide Rätsel gleichzeitig lösen. Ohne zu spoilern: Die Auflösung des Familiengeheimnisses ist wirklich überraschend. Ich hatte mehrere Theorien, lag mit allen daneben. Corbin schafft es, eine Wendung zu setzen, die mich verblüfft hat, und gleichzeitig im Nachhinein erklärt, warum die Spuren so verlegt waren, wie sie es waren. Das ist Krimi-Handwerk auf gutem Niveau. Genau diese Kombination aus emotionalem Trauma-Plot und cleverer Mystery-Auflösung macht das Buch so packend.
Was diesen Krimi vom Standard-Krimi-Brei unterscheidet: Julia Corbin ist studierte Biologin, und ihr Fachwissen fließt akribisch in den Roman ein. Die Kriminalbiologin Karen Hellstern (Alexis‘ beste Freundin) erklärt, wie man anhand des Mageninhalts einer Mücke Mörder identifizieren kann, wie Maden helfen, Todeszeitpunkte zu bestimmen, wie aasfressende Käfer im Forensik-Labor angelockt werden. Das ist faszinierend, lehrreich und manchmal richtig ekelig. Wer Kathy Reichs liebt (und die Bestseller-Vergleiche von BUNTE und Co. sind hier durchaus berechtigt), bekommt hier einen deutschen Krimi mit ähnlichem Wissenschafts-Anspruch. Mich haben die forensischen Details fasziniert, und gleichzeitig habe ich mich beim Lesen mehrfach gekratzt, weil die Insekten so plastisch beschrieben sind, dass man sie förmlich auf der Haut zu spüren glaubt. Wer ekel-empfindlich ist, sollte sich darauf einstellen.
Das Ermittler-Duo Hall & Hellstern hat richtig Potenzial. Auf der einen Seite Alexis Hall, die taffe Kommissarin mit verborgenem Trauma. Auf der anderen Seite Karen Hellstern, die brillante Kriminalbiologin mit Faible für Krabbeltiere und einer fast schon liebevollen Faszination für Verwesungsprozesse. Beide Frauen sind miteinander befreundet, was den Roman emotional aufwertet – ihre Gespräche, ihre Vertrautheit, ihre fachliche Zusammenarbeit haben echtes Charme. Hellstern ist die heimliche Showstealerin. Wenn sie über aasfressende Käfer doziert oder über die Bedeutung von Insektenpopulationen für die Tatzeitbestimmung schwärmt, vergisst man fast, dass man einen Thriller liest. Sie wirkt durch ihre fachliche Begeisterung lebendig und glaubwürdig. Genau diese Mischung aus harter Polizeiarbeit und wissenschaftlicher Faszination macht das Buch besonders.
Julia Corbin schreibt flüssig, präzise und mit hoher sprachlicher Präsenz. Ihre Beschreibungen sind detailreich und bildgewaltig, die malträtierten Leichen schweben einem regelrecht vor dem inneren Auge. Das ist nichts für zarte Gemüter. „Die Bestimmung des Bösen“ ist knallhart, schonungslos und stellenweise wirklich abartig ekelig. Wer das mag, und Krimi-Fans, die Kathy Reichs oder Patricia Cornwell schätzen, mögen genau das, wird hier voll bedient. Wer keine Lust auf detaillierte Verwesungs-Schilderungen hat, sollte vielleicht woanders suchen. Corbins Stil ist nicht reißerisch, sondern wissenschaftlich-präzise, aber genau das macht es so erschreckend nah. Sie weiß, wovon sie schreibt, und das spürt man.
Ohne zu spoilern, aber als kleiner Teaser: Im Buch taucht das Konzept eines „kill:gen“ auf, einer Idee, die noch lange nachhallt. In wem lauert das Böse? Ist es genetisch verankert? Kann man es vorhersagen? Wer kann Mörder werden, wer nicht? Diese Frage zieht sich als philosophische Schicht durch den Roman und gibt ihm intellektuelle Tiefe. Genau dieser Aspekt hat mich auch nach dem Lesen noch beschäftigt. Corbin nutzt ihre Biologie-Expertise nicht nur für forensische Spielereien, sondern stellt grundsätzliche Fragen über die Natur des Bösen. Sind manche Menschen biologisch dazu disponiert, zu morden? Wie viel davon ist Veranlagung, wie viel Umwelt? Das ist ungewöhnlich tief für einen Genre-Krimi.
Ein Stern Abzug, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Die Nebenhandlung um Alexis‘ Beziehung mit dem Journalisten Erik wirkt teilweise konstruiert. Erik taucht ungebeten an abgesperrten Tatorten auf, wird von Kollegen abgelehnt, sorgt für Spannungen, aber wirklich überzeugen kann er nicht als Figur. Diese Beziehungs-Ebene hätte das Buch nicht unbedingt gebraucht, oder sie hätte besser ausgearbeitet sein müssen. Zweitens: Das Cover ist wirklich nichtssagend. Bei einem Buch, das so spezifische Symbolik hat (Anemonen, Eisennägel, Blut) wäre eine prägnantere Gestaltung viel passender gewesen. Das ist Marketing-Kritik, betrifft aber leider die Sichtbarkeit des Buches im Buchhandel. Wer dieses Cover sieht, ahnt nicht, was für ein dichter, packender Krimi sich dahinter verbirgt.
Mein Fazit: „Die Bestimmung des Bösen“ ist ein wirklich starkes Krimi-Debüt von Julia Corbin. Das emotionale Trauma-Plot um Alexis Hall, die akribische Kriminalbiologie und die intellektuelle Tiefe rund um die kill:gen-Idee heben den Roman aus dem üblichen Krimi-Mittelmaß heraus. Wer deutsche Krimis mit forensischer Tiefe und emotionalem Gewicht liebt, sollte unbedingt zugreifen. Eine echte Empfehlung für Kathy-Reichs-Fans, die nach einer deutschen Stimme suchen. Trotz der etwas konstruierten Nebenhandlung mit dem Journalisten und dem wirklich misslungenen Cover bin ich gespannt auf die nächsten Bände der Hall-&-Hellstern-Reihe.
27. Juni 2026
3 von 10 Rezensionen
Autorin / Autor
Über Julia Corbin
Julia Corbin, geboren 1980, studierte Biologie in Heidelberg. Die Arbeit als Biologin inspiriert sie zu ihren Thrillern um das erfolgreiche Ermittlerteam Hall & Hellstern. Ihre Leidenschaft für Nervenkitzel lebt die Autorin nicht nur in ihren Büchern, sondern auch bei Sportarten wie Kite- und Windsurfen oder Extrem-Hindernisläufen aus. Sie wohnt mit ihren Hunden im Landkreis Heilbronn und gibt Kurse in Kreativem Schreiben.