In der Londoner Psychedelic-Szene der späten Sixties finden sich Folksängerin Elf Holloway, Bluesbassist Dean Moss, der Gitarrenvirtuose Jasper de Zoet und der Jazzdrummer Griff Griffin und erschaffen zusammen einen einzigartigen Sound, mit Texten, die den Aufbruchsgeist der Zeit atmen. Nur zwei Alben produziert die Band. Doch ihr Erbe lebt fort.
Dies ist die Geschichte von Utopia Avenues kurzer, rasanter Reise, von den kleinen Clubs in Soho und den englischen Provinzkäffern ins Land der Verheißung, Amerika – als der technicolorbunte Sommer der Liebe gerade etwas viel Dunklerem weicht. Ein greller Trip ins Land der Träume, der Drogen, des Sex, des Wahnsinns und der Trauer, ein Buch über einen faustischen Pakt für Ruhm und Erfolg, über den Zusammenprall von jugendlichem Aufbruch und trister Spießigkeit.
Doch vor allem ist dies ein gewaltiger Liebesbrief an die Musik der Sixties, an deren Kraft, uns über alle Grenzen hinweg zu verbinden. David Mitchells «Utopia Avenue» ruft eine Zeit voller Träume und Verheißungen zurück, die immer noch nachwirken.
Was sagen Ihnen die folgenden Namen? Frank Zappa, Jackson Browne, Grateful Dead,
Jefferson Airplane, Herman’s Hermits.
Stirnrunzeln? Zu schwierig? Machen wir es einfacher. Leonard Cohen, Janis Joplin.
Es schwant etwas?
Ok, nun ist es eigentlich kein Rätsel mehr: John Lennon, Mick Jagger, Jimi Hendrix, Bob
Dylan.
In der Tat handelt es sich durchgehend um Bands oder Musiker, die solo oder in
Musikgruppen in den späten Sechzigern, den Siebzigern oder sogar noch lange danach
die weltweite Musikszene bestimmten. Kurzzeitig oder als Evergreens, wobei ein einzelner
Herr in dieser Reihe mit den verbliebenen anderen rollenden Steinen bis zu einem
Durchschnittsalter von circa 80 Jahren regelmäßig auf Welttournee ging. Doch das ist eine
andere Geschichte.
Nach seinen diversen literarischen Welterfolgen hat sich David Mitchell in ein ganz
anderes, unerwartetes Metier gewagt. Eben in diese Musikszene der „Wild Sixties“, der
wilden Sechziger.
Der Plot: Ein talentierter und ehrgeiziger Produzent stellt in England – wo sonst – eine
Band zusammen. Natürlich zieht man zu Beginn erfolglos über die Dörfer, aber wird
schließlich – wie könnte es anders sein – zu Weltstars. Im Laufe des Karriere-Weges trifft
man so ganz nebenbei alle oben angeführten Legenden der damaligen Musikwelt. „Cool“,
denkt der Leser und spürt den Promi-Schauer den Rücken runterlaufen. Ach ja, ist ja nur
eine Geschichte. Die Band gab es nie, sie ist rein fiktiv. Aber die anderen ja schon. Also
wenigstens ein bisschen Gänsehaut darf dann doch sein.
Aber es wäre nicht ein Werk von David Mitchell, wenn es nicht doch die typischen
Fantasie-Exzesse abseits des Haupt-Erzählstranges gäbe.
Jeder Protagonist der vierköpfigen Band erhält von Mitchell seinen ganz eigenen
Charakter und seine ganz persönliche Story.
Da ist Dean, der Junge aus sozial schwachem Umfeld mit dem gewalttätigen Vater. Dean,
der Frauenheld und der Angeklagte in einem Vaterschaftsprozess. Aber auch Dean, der
begnadete Bassist, Komponist und Texter. Dean, der neben dem schon allseits
selbstverständlichen Koks auch LSD-Versuchen nicht abgeneigt ist.
Jasper, der magische Gitarrist, der aber mit seiner Schizophrenie zu kämpfen hat. Jasper,
der versucht, mittels Horologie und psychochirurgischer Seelentransplantation (was
immer das ist), aus seinem Teufelskreis herauszukommen. An dieser Stelle erlaubt sich
Mitchell ein wenig Story-Recycling. Jasper ist Niederländer und heißt mit Nachnamen De
Zoet (gesprochen „de Zuut“). Klingelt was? In der Tat kommt sein Großvater bei der
Analyse der Timeline aller Vorfahren kurzzeitig vor. Mitchells Buch aus dem Jahre 2014
„Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ lässt grüßen.
Da ist Elf, nicht nur die Quotenfrau der Band, sondern weibliches Rückgrat der Gruppe,
aber auch der Familie, die unter dem plötzlichen Kindstod bei Elfs Schwester leidet.
Irgendwann entdeckt sie im Verlauf auch noch ein eigenes unterdrücktes Geheimnis.
Am blassesten kommt Griff, der Schlagzeuger, weg, wie so viele Schlagzeuger der Welt
(vielleicht abgesehen von Charlie Watts). Seine Persönlichkeit beschränkt sich auf den
Tod des Bruders und ein paar Frauengeschichten. Und Schlagzeugspielen.
Die vier entwickeln sich gemeinsam weiter, werden musikalisch besser, touren durch
England und die USA, geben Konzerte, schuften Tag und Nacht in Studios und lassen
auch keine Party aus.
Alles in allem also alles genauso, wie man sich ein Bandleben in den späten Sechzigern
so vorstellt. Ist das Buch von David Mitchell deshalb eine stereotype Flachpass-
Geschichte?
Eigentlich eher nein. Denn es drängt sich der Eindruck auf, dass David Mitchell genau das
wollte. In diesem Autor schlummerte ganz offensichtlich über all die Jahre genau dieses
Werk, denn seine Begeisterung für den Zeitgeist der Sechziger und Siebziger mit der
Hippie-Flower-Power-Anti-Vietnam-Bewegung, sein Detailwissen zu den historischen
Ereignissen, weltpolitisch wie in den Straßen von San Francisco, und seine Faszination
und seine Kompetenz für die Musik der damaligen Zeit sind unverkennbar. Da hat sich
einer seine Leidenschaft von der Seele geschrieben. Man sieht förmlich seine strahlenden
Augen und das ist manchmal ein wenig ansteckend.
Literarisch ist „Utopia Avenue“ allerdings nicht Mitchells bestes Werk und zum Beispiel
mit „Wolkenatlas“ nicht vergleichbar. Stellenweise hat man fast das Gefühl, er hat
bestimmte Passagen einem Ghostwriter oder aufstrebenden Jungautor übergeben.
Geradezu plump wirkt sein(?) Stil, wenn er krampfhaft versucht, längere Dialoge
aufzulockern. Ein Beispiel:
„Würde das nicht alles ändern?“
Ein Müllwagen rumpelt vorbei.
„Dein Leben wartet, Jasper!“
Der Auflockerungs-Müllwagen taucht immer mal wieder auf. Ebenso der zwitschernde
Vogel oder das schreiende Kind auf der Straße vor dem Haus. Zwanghafte Bildeinschübe
in einem einzigen Satz, die man in dieser Form nicht mal mehr in den
Volkshochschulkursen für kreatives Schreiben in Wanne-Eickel oder Bad Ischl
durchgehen lassen würde.
Dennoch ist David Mitchell in Summe ein durchaus unterhaltsames Buch gelungen. Die
einleitend abgefragten Grundkenntnisse sind hilfreich, aber keine Conditio sine qua non.
5. Apr. 2026
4,0
Unterhaltsam, aber nicht der beste Mitchell
Was sagen Ihnen die folgenden Namen? Frank Zappa, Jackson Browne, Grateful Dead,
Jefferson Airplane, Herman’s Hermits.
Stirnrunzeln? Zu schwierig? Machen wir es einfacher. Leonard Cohen, Janis Joplin.
Es schwant etwas?
Ok, nun ist es eigentlich kein Rätsel mehr: John Lennon, Mick Jagger, Jimi Hendrix, Bob
Dylan.
In der Tat handelt es sich durchgehend um Bands oder Musiker, die solo oder in
Musikgruppen in den späten Sechzigern, den Siebzigern oder sogar noch lange danach
die weltweite Musikszene bestimmten. Kurzzeitig oder als Evergreens, wobei ein einzelner
Herr in dieser Reihe mit den verbliebenen anderen rollenden Steinen bis zu einem
Durchschnittsalter von circa 80 Jahren regelmäßig auf Welttournee ging. Doch das ist eine
andere Geschichte.
Nach seinen diversen literarischen Welterfolgen hat sich David Mitchell in ein ganz
anderes, unerwartetes Metier gewagt. Eben in diese Musikszene der „Wild Sixties“, der
wilden Sechziger.
Der Plot: Ein talentierter und ehrgeiziger Produzent stellt in England – wo sonst – eine
Band zusammen. Natürlich zieht man zu Beginn erfolglos über die Dörfer, aber wird
schließlich – wie könnte es anders sein – zu Weltstars. Im Laufe des Karriere-Weges trifft
man so ganz nebenbei alle oben angeführten Legenden der damaligen Musikwelt. „Cool“,
denkt der Leser und spürt den Promi-Schauer den Rücken runterlaufen. Ach ja, ist ja nur
eine Geschichte. Die Band gab es nie, sie ist rein fiktiv. Aber die anderen ja schon. Also
wenigstens ein bisschen Gänsehaut darf dann doch sein.
Aber es wäre nicht ein Werk von David Mitchell, wenn es nicht doch die typischen
Fantasie-Exzesse abseits des Haupt-Erzählstranges gäbe.
Jeder Protagonist der vierköpfigen Band erhält von Mitchell seinen ganz eigenen
Charakter und seine ganz persönliche Story.
Da ist Dean, der Junge aus sozial schwachem Umfeld mit dem gewalttätigen Vater. Dean,
der Frauenheld und der Angeklagte in einem Vaterschaftsprozess. Aber auch Dean, der
begnadete Bassist, Komponist und Texter. Dean, der neben dem schon allseits
selbstverständlichen Koks auch LSD-Versuchen nicht abgeneigt ist.
Jasper, der magische Gitarrist, der aber mit seiner Schizophrenie zu kämpfen hat. Jasper,
der versucht, mittels Horologie und psychochirurgischer Seelentransplantation (was
immer das ist), aus seinem Teufelskreis herauszukommen. An dieser Stelle erlaubt sich
Mitchell ein wenig Story-Recycling. Jasper ist Niederländer und heißt mit Nachnamen De
Zoet (gesprochen „de Zuut“). Klingelt was? In der Tat kommt sein Großvater bei der
Analyse der Timeline aller Vorfahren kurzzeitig vor. Mitchells Buch aus dem Jahre 2014
„Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ lässt grüßen.
Da ist Elf, nicht nur die Quotenfrau der Band, sondern weibliches Rückgrat der Gruppe,
aber auch der Familie, die unter dem plötzlichen Kindstod bei Elfs Schwester leidet.
Irgendwann entdeckt sie im Verlauf auch noch ein eigenes unterdrücktes Geheimnis.
Am blassesten kommt Griff, der Schlagzeuger, weg, wie so viele Schlagzeuger der Welt
(vielleicht abgesehen von Charlie Watts). Seine Persönlichkeit beschränkt sich auf den
Tod des Bruders und ein paar Frauengeschichten. Und Schlagzeugspielen.
Die vier entwickeln sich gemeinsam weiter, werden musikalisch besser, touren durch
England und die USA, geben Konzerte, schuften Tag und Nacht in Studios und lassen
auch keine Party aus.
Alles in allem also alles genauso, wie man sich ein Bandleben in den späten Sechzigern
so vorstellt. Ist das Buch von David Mitchell deshalb eine stereotype Flachpass-
Geschichte?
Eigentlich eher nein. Denn es drängt sich der Eindruck auf, dass David Mitchell genau das
wollte. In diesem Autor schlummerte ganz offensichtlich über all die Jahre genau dieses
Werk, denn seine Begeisterung für den Zeitgeist der Sechziger und Siebziger mit der
Hippie-Flower-Power-Anti-Vietnam-Bewegung, sein Detailwissen zu den historischen
Ereignissen, weltpolitisch wie in den Straßen von San Francisco, und seine Faszination
und seine Kompetenz für die Musik der damaligen Zeit sind unverkennbar. Da hat sich
einer seine Leidenschaft von der Seele geschrieben. Man sieht förmlich seine strahlenden
Augen und das ist manchmal ein wenig ansteckend.
Literarisch ist „Utopia Avenue“ allerdings nicht Mitchells bestes Werk und zum Beispiel
mit „Wolkenatlas“ nicht vergleichbar. Stellenweise hat man fast das Gefühl, er hat
bestimmte Passagen einem Ghostwriter oder aufstrebenden Jungautor übergeben.
Geradezu plump wirkt sein(?) Stil, wenn er krampfhaft versucht, längere Dialoge
aufzulockern. Ein Beispiel:
„Würde das nicht alles ändern?“
Ein Müllwagen rumpelt vorbei.
„Dein Leben wartet, Jasper!“
Der Auflockerungs-Müllwagen taucht immer mal wieder auf. Ebenso der zwitschernde
Vogel oder das schreiende Kind auf der Straße vor dem Haus. Zwanghafte Bildeinschübe
in einem einzigen Satz, die man in dieser Form nicht mal mehr in den
Volkshochschulkursen für kreatives Schreiben in Wanne-Eickel oder Bad Ischl
durchgehen lassen würde.
Dennoch ist David Mitchell in Summe ein durchaus unterhaltsames Buch gelungen. Die
einleitend abgefragten Grundkenntnisse sind hilfreich, aber keine Conditio sine qua non.
Wer David Mitchell schon gelesen hat, hat natürlich eine grobe Ahnung, was einem in seinen Romanen erwartet. Umso gespannter war ich, wie die Geschichte über eine Rockband in den 1960er Jahren in seinen üblichen Stil passt.
Wir begleiten vier junge, begnadete Musiker*Innen auf dem Selbstfindungsweg, sowohl musikalisch als auch im Leben im Allgemeinen. Quasi zusammengewürfelt gründen sie die Band "Utopia Avenue" - ein Name, der mir direkt zugesagt hat. Vordergründig beschreibt der Roman, genau wie beim Klappentext angekündigt, den Weg dieser jungen Band zum Erfolg, der - wie sollte es auch anders sein - keineswegs geradlinig verläuft und die typischen Probleme einer rasanten Karriere mit sich bringt.
Die Geschichte wird abwechselnd aus Sicht der einzelnen Bandmitglieder geschildert und beschreibt (nach meinem Laienverständnis) sehr interessant den kreativen Prozess hinter den Liedern der Band. Das ist der eine Teil, in dem (Rock-) Musikliebhaber auf ihre Kosten kommen.
Der zweite ist die mühelose Verflechtung Mitchells zwischen Realität und Fiktion, die sich in diesem Roman durch haufenweise Gastauftritte berühmter Musik und Showbizlegenden der späten sechziger Jahre ausdrückt. Ich habe es sehr genossen, viele der Musiker, die ich sehr gerne höre, in der Geschichte auftauchen zu sehen. Durch diese Cameos bekommt man außerdem das Gefühl, kein fiktives Werk zu lesen, sondern eine Nacherzählung von Tatsachen. Fasst vergisst man, dass Utopia Avenue nie existiert hat. Ich war mehr als einmal traurig, dass ich mir die LPs der Band nie wirklich anhören kann, denn ich wäre sehr neugierig auf den Sound der Band.
Die vier (eigentlich drei) Perspektiven dieses Buches aus der Sicht der verschiedenen Bandmitglieder haben mir insgesamt gut gefallen, wenngleich sie auch von wechselnder Qualität waren und mitunter etwas wie Füllmaterial wirkten. Der für mich mit Abstand stärkste Storyplot ist der des Gitarristen Jasper de Zoet. In diesem lässt Mitchell seine zweite große Stärke, die tadellose Verflechtung der Realität mit dem Übersinnlichen, ausleben.
Dem geneigten Mitchell-Leser wird bei der Erwähnung des Namens "de Zoet" ein Licht aufgehen und damit kommen wir zu der zweiten "Handlungsebene" des Romans, der Verknüpfung sämtlicher von Mitchells Geschichten in einer Art Buchuniversum. Diese tritt in diesem Buch verhältnismäßig spät auf, hält aber das eine oder andere sehr schöne Easteregg bereit. Das gibt dem Buch eine tiefere Bedeutung.
Nichtsdestotrotz wirkt die Geschichte trotz ihrer über 750 Seiten an einigen Stellen seltsam sprunghaft, da stets nur Episoden aus der Bandgeschichte erzählt werden und es insgesamt vier Perspektiven zu füllen gibt. Längen hatte das Buch für mich persönlich keine. Dafür stimme ich mit dem (etwas vorhersehbaren) Ende nicht überein und es hinterlässt bei mir einen leicht faden Beigeschmack.
Trotzdem eine dicke Empfehlung für jeden, der entweder die 1960er und deren Musik liebt oder einfach gerne David Mitchell liest.
2. Juli 2025
4,0
Popkultur at its best.
Wer David Mitchell schon gelesen hat, hat natürlich eine grobe Ahnung, was einem in seinen Romanen erwartet. Umso gespannter war ich, wie die Geschichte über eine Rockband in den 1960er Jahren in seinen üblichen Stil passt.
Wir begleiten vier junge, begnadete Musiker*Innen auf dem Selbstfindungsweg, sowohl musikalisch als auch im Leben im Allgemeinen. Quasi zusammengewürfelt gründen sie die Band "Utopia Avenue" - ein Name, der mir direkt zugesagt hat. Vordergründig beschreibt der Roman, genau wie beim Klappentext angekündigt, den Weg dieser jungen Band zum Erfolg, der - wie sollte es auch anders sein - keineswegs geradlinig verläuft und die typischen Probleme einer rasanten Karriere mit sich bringt.
Die Geschichte wird abwechselnd aus Sicht der einzelnen Bandmitglieder geschildert und beschreibt (nach meinem Laienverständnis) sehr interessant den kreativen Prozess hinter den Liedern der Band. Das ist der eine Teil, in dem (Rock-) Musikliebhaber auf ihre Kosten kommen.
Der zweite ist die mühelose Verflechtung Mitchells zwischen Realität und Fiktion, die sich in diesem Roman durch haufenweise Gastauftritte berühmter Musik und Showbizlegenden der späten sechziger Jahre ausdrückt. Ich habe es sehr genossen, viele der Musiker, die ich sehr gerne höre, in der Geschichte auftauchen zu sehen. Durch diese Cameos bekommt man außerdem das Gefühl, kein fiktives Werk zu lesen, sondern eine Nacherzählung von Tatsachen. Fasst vergisst man, dass Utopia Avenue nie existiert hat. Ich war mehr als einmal traurig, dass ich mir die LPs der Band nie wirklich anhören kann, denn ich wäre sehr neugierig auf den Sound der Band.
Die vier (eigentlich drei) Perspektiven dieses Buches aus der Sicht der verschiedenen Bandmitglieder haben mir insgesamt gut gefallen, wenngleich sie auch von wechselnder Qualität waren und mitunter etwas wie Füllmaterial wirkten. Der für mich mit Abstand stärkste Storyplot ist der des Gitarristen Jasper de Zoet. In diesem lässt Mitchell seine zweite große Stärke, die tadellose Verflechtung der Realität mit dem Übersinnlichen, ausleben.
Dem geneigten Mitchell-Leser wird bei der Erwähnung des Namens "de Zoet" ein Licht aufgehen und damit kommen wir zu der zweiten "Handlungsebene" des Romans, der Verknüpfung sämtlicher von Mitchells Geschichten in einer Art Buchuniversum. Diese tritt in diesem Buch verhältnismäßig spät auf, hält aber das eine oder andere sehr schöne Easteregg bereit. Das gibt dem Buch eine tiefere Bedeutung.
Nichtsdestotrotz wirkt die Geschichte trotz ihrer über 750 Seiten an einigen Stellen seltsam sprunghaft, da stets nur Episoden aus der Bandgeschichte erzählt werden und es insgesamt vier Perspektiven zu füllen gibt. Längen hatte das Buch für mich persönlich keine. Dafür stimme ich mit dem (etwas vorhersehbaren) Ende nicht überein und es hinterlässt bei mir einen leicht faden Beigeschmack.
Trotzdem eine dicke Empfehlung für jeden, der entweder die 1960er und deren Musik liebt oder einfach gerne David Mitchell liest.
Don't you hate it, wenn die männlichen Bandkollegen dich dauernd unterbrechen und glauben, wenn du dann sauer wirst, dass du deine Tage hast... Mein Mitgefühl, Elf.
Seite 57376%
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Autorin / Autor
Über David Mitchell
David Mitchell, geboren 1969 in Southport, Lancashire, studierte Literatur an der University of Kent, lebte danach in Sizilien und Japan. Er gehört zu jenen polyglotten britischen Autoren, deren Thema nichts weniger als die ganze Welt ist. Für sein Werk wurde er u.a. mit dem John-Llewellyn-Rhys-Preis ausgezeichnet, zweimal stand er auf der Booker-Shortlist. 2011 erhielt er den Commonwealth Writers’ Prize für «Die tausend Herbste des Jacob de Zoet», 2015 den World Fantasy Award für «Die Knochenuhren». Sein Weltbestseller «Der Wolkenatlas» wurde von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern verfilmt. David Mitchell lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Clonakilty, Irland. Times, Guardian und Sunday Express wählten «Utopia Avenue» (dt. 2022) zum «Book of the Year».