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Arikawa erinnert daran, dass wir alle nur kurz im Leben des anderen vorbeifahren und dass genau das manchmal reicht. Vier Sterne, weil Stille auch eine Form von Tiefe ist.
Der Zug fährt ein. Die Türen öffnen sich. Und für einen kurzen Moment teilen wir alle denselben Atem, denselben Waggon, dieselbe schwebende Zeit zwischen zwei Haltestellen. Ich habe dieses Buch zu Hause gelesen, auf dem Sofa, mit einer Tasse Tee, die irgendwann kalt wurde, weil ich vergessen hatte, sie zu trinken. Draußen regnete es leise gegen die Scheiben. Drinnen fuhr ich Zug: die Hankyu Imazu-Linie, Takarazuka bis Nishinomiya-Kitaguchi. Nicht viel. Und doch alles. Was Hiro Arikawa hier macht, ist eigentlich eine stille Unverschämtheit, sie schreibt über das Unspektakuläre und lässt einen dabei weinen. Kein Krieg, keine große Liebe, keine Weltuntergangsszenarien, nur Menschen in einem Zug, die sich für einen Atemzug lang streifen und dabei das Leben des anderen verschieben, ohne es je zu wissen. Besonders Shoko hat mich erwischt. Eine Frau im Brautkleid, die im Zug sitzt, nachdem sie ihre eigene Hochzeit hat platzen lassen. Es gibt Momente in diesem Buch, in denen man das Papier fast festhalten möchte, als könnte man sonst wegdriften. Arikawa fragt im Grunde die ganze Zeit dieselbe philosophische Frage, ohne sie je laut auszusprechen: Was wäre, wenn wir die Person uns gegenüber wirklich sähen? Nicht ihr Handy. Nicht ihre Jacke. Sie. Das Buch gehört zu dem, was die Japaner „Iyashikei” nennen, Heilungsliteratur. Kein Drama, das brüllt. Nur eines, das flüstert. Und das Flüstern bleibt länger. Ich will ehrlich sein, weil das Buch es verdient: Es gibt Momente, in denen die Geschichte ein bisschen zu sehr aufräumt. Probleme lösen sich mit einer Freundlichkeit, die im echten Leben eher selten vorkommt. Ich habe an einer Stelle leise geschmunzelt, nicht böse, eher so, wie man schmunzelt, wenn jemand beim Kartenspielen immer gewinnt. Man will ihm nichts Schlechtes, aber man weiß, dass das Leben so nicht läuft. Wer zynische Literatur liebt, die an den Wunden reibt statt sie zu schließen, wird hier vielleicht ungeduldig. Das Tempo folgt dem Zug, ruhig, gleichmäßig, ohne Hast. Das ist kein Fehler. Aber es ist eine Entscheidung, die nicht für jeden ist. Ich habe nach dem letzten Satz kurz aus dem Fenster geschaut. Nicht weil mir etwas Besonderes einfiel, sondern weil ich es plötzlich wollte. Für einen Moment fragte ich mich, was die Menschen da draußen gerade durchmachen und das, glaube ich, ist der stille Triumph dieses Buches. Es hebt die Weltliteratur nicht aus den Angeln. Aber es erinnert einen daran, warum Empathie keine Schwäche ist.
31. März 2026
Arikawa erinnert daran, dass wir alle nur kurz im Leben des anderen vorbeifahren und dass genau das manchmal reicht. Vier Sterne, weil Stille auch eine Form von Tiefe ist.
Der Zug fährt ein. Die Türen öffnen sich. Und für einen kurzen Moment teilen wir alle denselben Atem, denselben Waggon, dieselbe schwebende Zeit zwischen zwei Haltestellen. Ich habe dieses Buch zu Hause gelesen, auf dem Sofa, mit einer Tasse Tee, die irgendwann kalt wurde, weil ich vergessen hatte, sie zu trinken. Draußen regnete es leise gegen die Scheiben. Drinnen fuhr ich Zug: die Hankyu Imazu-Linie, Takarazuka bis Nishinomiya-Kitaguchi. Nicht viel. Und doch alles. Was Hiro Arikawa hier macht, ist eigentlich eine stille Unverschämtheit, sie schreibt über das Unspektakuläre und lässt einen dabei weinen. Kein Krieg, keine große Liebe, keine Weltuntergangsszenarien, nur Menschen in einem Zug, die sich für einen Atemzug lang streifen und dabei das Leben des anderen verschieben, ohne es je zu wissen. Besonders Shoko hat mich erwischt. Eine Frau im Brautkleid, die im Zug sitzt, nachdem sie ihre eigene Hochzeit hat platzen lassen. Es gibt Momente in diesem Buch, in denen man das Papier fast festhalten möchte, als könnte man sonst wegdriften. Arikawa fragt im Grunde die ganze Zeit dieselbe philosophische Frage, ohne sie je laut auszusprechen: Was wäre, wenn wir die Person uns gegenüber wirklich sähen? Nicht ihr Handy. Nicht ihre Jacke. Sie. Das Buch gehört zu dem, was die Japaner „Iyashikei” nennen, Heilungsliteratur. Kein Drama, das brüllt. Nur eines, das flüstert. Und das Flüstern bleibt länger. Ich will ehrlich sein, weil das Buch es verdient: Es gibt Momente, in denen die Geschichte ein bisschen zu sehr aufräumt. Probleme lösen sich mit einer Freundlichkeit, die im echten Leben eher selten vorkommt. Ich habe an einer Stelle leise geschmunzelt, nicht böse, eher so, wie man schmunzelt, wenn jemand beim Kartenspielen immer gewinnt. Man will ihm nichts Schlechtes, aber man weiß, dass das Leben so nicht läuft. Wer zynische Literatur liebt, die an den Wunden reibt statt sie zu schließen, wird hier vielleicht ungeduldig. Das Tempo folgt dem Zug, ruhig, gleichmäßig, ohne Hast. Das ist kein Fehler. Aber es ist eine Entscheidung, die nicht für jeden ist. Ich habe nach dem letzten Satz kurz aus dem Fenster geschaut. Nicht weil mir etwas Besonderes einfiel, sondern weil ich es plötzlich wollte. Für einen Moment fragte ich mich, was die Menschen da draußen gerade durchmachen und das, glaube ich, ist der stille Triumph dieses Buches. Es hebt die Weltliteratur nicht aus den Angeln. Aber es erinnert einen daran, warum Empathie keine Schwäche ist.
31. März 2026






