
73 Follower
Dieser Buchpreisgewinner ist schon ein sehr außergewöhnliches Buch, weniger von der Handlung, sondern vielmehr von der für mich einzigartigen Erzählweise. Darius, der seine Frau Flora durch ihren Selbstmord verloren hat, liest ihre Computereinträge auf über 150 Dateien. Diese Wiedergabe der tagebuchartigen Einträge steht im Buch in der unteren Hälfte der durchgängig zweigeteilten Buchseite, während in der oberen Hälfte die Geschichte von Darius erzählt wird, der gemäß Angaben auf dem Buchrücken, auf der Suche nach den Wurzeln seiner Frau ein Roadtrip durch Südosteuropa bis nach Armenien unternimmt. Diese Art der Narration will wie in einem Puzzle nach und nach einen Einblick in die Abgründe einer bipolaren Störung bei Flora und in die Trauer und Verlassenheitsängste ihres Ehemanns geben. Das ist oft eindringlich und zutiefst traurig, wie die beiden Menschen zu Lebzeiten Floras so nebeneinander leben konnten, ohne das Empfinden des Anderen zu erfassen. Mich hatte der erste Band der Trilogie, die ausschließlich aus Sicht von Darius dessen Arbeits- und Privatleben beleuchtet, total überrascht und begeistert. Meine Erwartungen an das Ungeheuer, Band 2, waren daher sehr hoch, zumal aufgrund der Auszeichung als bester Roman. Schon alleine von der Erzählweise hat dies auch verdient, trotzdem ergaben sich für mich einige Kritikpunkte, die es dann doch nur zu einem vier Sterne Buch werden ließen. Mir hätte das zweigeteilte Konzept nämlich besser gefallen, wenn jeweils Verbindungen zwischen den beiden Hälften einer Buchseite hergestellt worden wären. Dies ist aber nie der Fall. Beide Erzählstränge laufen unabhängig voneinander. Die Computereinträge enden auch ein Jahr vor ihrem Selbstmord, so dass viele Frage offen bleiben, was letztlich der Ausschlag zum Freitod war. Parallele Sichtweisen auf Sachverhalte innerhalb der Ehe hätte ich spannend gefunden. Stattdessen sind die Computereinträge oft lyrisch, impulsiv, sehr detailliert und wortreich in der Beschreibung der Leere, die Flora gefühlt hat. Und da komme ich zum zweiten Problem: in diesen Phasen der Verzweiflung über ihr Leben ist Flora in der Lage quasi wie eine Virginia Woolf ihre psychischen Abgründe und metaphorische Ausschmückungen auf dem höchsten sprachlichen Niveau zu formen. Also ich spüre in solchen Phasen eher Lethargie und Sprachlosigkeit. Depression zu fiktionalisieren ist generell schwierig. Die besten Bücher über das Thema sind für mich Autobiografien von Menschen, die die Krankheit überwunden haben und den Schrecken in der Nachbetrachtung in Worte fassen. So bleibt die Darstellung interessant, aber auch nicht völlig rund und schlüssig für mich. Außerdem will Darius ja die Wurzeln seiner Frau finden, reist auch in ihr Heimatland Ungarn, doch warum er sich dann bis in den Kaukasus in einen Roadtrip verliert, bleibt für mich gegen Ende hin unklar und vor allem auch etwas langatmig. Trotz dieser Kritikpunkte aber ein sehr lesenswerter Roman.
23. Feb. 2024
Dieser Buchpreisgewinner ist schon ein sehr außergewöhnliches Buch, weniger von der Handlung, sondern vielmehr von der für mich einzigartigen Erzählweise. Darius, der seine Frau Flora durch ihren Selbstmord verloren hat, liest ihre Computereinträge auf über 150 Dateien. Diese Wiedergabe der tagebuchartigen Einträge steht im Buch in der unteren Hälfte der durchgängig zweigeteilten Buchseite, während in der oberen Hälfte die Geschichte von Darius erzählt wird, der gemäß Angaben auf dem Buchrücken, auf der Suche nach den Wurzeln seiner Frau ein Roadtrip durch Südosteuropa bis nach Armenien unternimmt. Diese Art der Narration will wie in einem Puzzle nach und nach einen Einblick in die Abgründe einer bipolaren Störung bei Flora und in die Trauer und Verlassenheitsängste ihres Ehemanns geben. Das ist oft eindringlich und zutiefst traurig, wie die beiden Menschen zu Lebzeiten Floras so nebeneinander leben konnten, ohne das Empfinden des Anderen zu erfassen. Mich hatte der erste Band der Trilogie, die ausschließlich aus Sicht von Darius dessen Arbeits- und Privatleben beleuchtet, total überrascht und begeistert. Meine Erwartungen an das Ungeheuer, Band 2, waren daher sehr hoch, zumal aufgrund der Auszeichung als bester Roman. Schon alleine von der Erzählweise hat dies auch verdient, trotzdem ergaben sich für mich einige Kritikpunkte, die es dann doch nur zu einem vier Sterne Buch werden ließen. Mir hätte das zweigeteilte Konzept nämlich besser gefallen, wenn jeweils Verbindungen zwischen den beiden Hälften einer Buchseite hergestellt worden wären. Dies ist aber nie der Fall. Beide Erzählstränge laufen unabhängig voneinander. Die Computereinträge enden auch ein Jahr vor ihrem Selbstmord, so dass viele Frage offen bleiben, was letztlich der Ausschlag zum Freitod war. Parallele Sichtweisen auf Sachverhalte innerhalb der Ehe hätte ich spannend gefunden. Stattdessen sind die Computereinträge oft lyrisch, impulsiv, sehr detailliert und wortreich in der Beschreibung der Leere, die Flora gefühlt hat. Und da komme ich zum zweiten Problem: in diesen Phasen der Verzweiflung über ihr Leben ist Flora in der Lage quasi wie eine Virginia Woolf ihre psychischen Abgründe und metaphorische Ausschmückungen auf dem höchsten sprachlichen Niveau zu formen. Also ich spüre in solchen Phasen eher Lethargie und Sprachlosigkeit. Depression zu fiktionalisieren ist generell schwierig. Die besten Bücher über das Thema sind für mich Autobiografien von Menschen, die die Krankheit überwunden haben und den Schrecken in der Nachbetrachtung in Worte fassen. So bleibt die Darstellung interessant, aber auch nicht völlig rund und schlüssig für mich. Außerdem will Darius ja die Wurzeln seiner Frau finden, reist auch in ihr Heimatland Ungarn, doch warum er sich dann bis in den Kaukasus in einen Roadtrip verliert, bleibt für mich gegen Ende hin unklar und vor allem auch etwas langatmig. Trotz dieser Kritikpunkte aber ein sehr lesenswerter Roman.
23. Feb. 2024






