
107 Follower
3,5-4 Sterne
Es blutet mir das Herz, aber das ist für mich der schwächste Ishiguro bisher. Als wir Waisen waren/When we were orphans ist ehrlich gesagt eine ziemliche Wundertüte - wie natürlich alles, was der Autor fabriziert. Anders als in den bisherigen Romanen (ich lese sein Werk nach Erscheinungsdatum sortiert, also 5 von 9 habe ich jetzt abgeschlossen) haben wir einen eigentlich ziemlich harten Bruch in etwa der Mitte des Buchs. Die erste Hälfte liest sich in der Manier von "Was bleibt Tage übrig bleibt" - meinem bisherigen Favoriten des Autors und zweifellos eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe, geht dabei aber nicht ganz so in die Tiefe wie die Geschichte um den Butler Stevens. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir Christopher als Charakter etwas flacher erschien. Insgesamt kommt zwar die typische "Ishiguro-Atmosphäre" sehr gut rüber, geht aber nicht so weit wie in seinen bisherigen Romanen. Der erste Teil lebt also von scheinbar etwas willkürlichen Rückblenden, die den Plot überdecken bzw in den Hintergrund rücken. So weit, so gut und bekannt. Auch die üblich vage Beschreibung/Andeutung von Geschehnissen ist bereits bekannt und führt die Prämisse des Buchs ad absurdum (als Genre wurde hier der Detektivroman gewählt, aber (wie ich erwartet habe) wird detektivische Arbeit nicht wirklich erwähnt, lediglich die immensen Erfolge dieser. Ishiguros Erzählstil ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was ein Detektivroman braucht, von daher finde ich es großartig, dass er ausgerechnet dieses Medium wählt. Der zweite Teil nimmt ordentlich an Fahrt auf, inklusive Ortswechsel, und erinnert dabei nicht selten an die traumartige Struktur aus "Die Ungetrösteten", erreicht dabei aber weder die Tiefe und das Gefühl der Verlorenseins beim Leser noch das Level an Surrealismus des Vorgängerromans. Es liest sich wieder wie ein Fiebertraum, aber man geht als Leser nicht so verloren, weil man zumindest das Gefühl hat, dass der Protagonist mehr bei sich ist - was ich bezweifle, immerhin scheint er eine sehr verzerrte Wahrnehmung von der Welt und sich selbst zu besitzen (er sieht sich in seiner Funktion als Detektiv, der nun einen persönlichen Fall lösen will quasi als Heilsbringer, der durch die Lösung dieses nichtigen Falls eine globale Katastrophe verhindern kann - welche Katastrophe sich im Jahr 1937 wohl angebahnt haben könnte, lasse ich hier mal unkommentiert.) Alles in allem lebt der Roman für mich vor allem durch sein Setting. Shanghai während des Kampfes um die Stadt im zweiten Chinesisch-Japanischen Krieg ist ein sehr einzigartig gewählter Schauplatz. Ich mochte, dass diesem im Westen vernachlässigten Konflikt der Raum gegeben wird - genauso wie der Opiumkrise. Der eindrucksvoll geschriebene "Frontbericht" hat sich mir sehr eingeprägt. Die Auflösung des Falls war mir dann doch etwas zu profan und nimmt der ganzen Atmosphäre etwas weg, aber das Ende insgesamt war schlüssig und erhofft melancholisch. Ein interessanter Versuch, die beiden bisherigen Erzählstil des Autors in einem Buch zu kombinieren, was für mich leider nur zum Teil geklappt hat.
9. Feb. 2026
3,5-4 Sterne
Es blutet mir das Herz, aber das ist für mich der schwächste Ishiguro bisher. Als wir Waisen waren/When we were orphans ist ehrlich gesagt eine ziemliche Wundertüte - wie natürlich alles, was der Autor fabriziert. Anders als in den bisherigen Romanen (ich lese sein Werk nach Erscheinungsdatum sortiert, also 5 von 9 habe ich jetzt abgeschlossen) haben wir einen eigentlich ziemlich harten Bruch in etwa der Mitte des Buchs. Die erste Hälfte liest sich in der Manier von "Was bleibt Tage übrig bleibt" - meinem bisherigen Favoriten des Autors und zweifellos eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe, geht dabei aber nicht ganz so in die Tiefe wie die Geschichte um den Butler Stevens. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir Christopher als Charakter etwas flacher erschien. Insgesamt kommt zwar die typische "Ishiguro-Atmosphäre" sehr gut rüber, geht aber nicht so weit wie in seinen bisherigen Romanen. Der erste Teil lebt also von scheinbar etwas willkürlichen Rückblenden, die den Plot überdecken bzw in den Hintergrund rücken. So weit, so gut und bekannt. Auch die üblich vage Beschreibung/Andeutung von Geschehnissen ist bereits bekannt und führt die Prämisse des Buchs ad absurdum (als Genre wurde hier der Detektivroman gewählt, aber (wie ich erwartet habe) wird detektivische Arbeit nicht wirklich erwähnt, lediglich die immensen Erfolge dieser. Ishiguros Erzählstil ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was ein Detektivroman braucht, von daher finde ich es großartig, dass er ausgerechnet dieses Medium wählt. Der zweite Teil nimmt ordentlich an Fahrt auf, inklusive Ortswechsel, und erinnert dabei nicht selten an die traumartige Struktur aus "Die Ungetrösteten", erreicht dabei aber weder die Tiefe und das Gefühl der Verlorenseins beim Leser noch das Level an Surrealismus des Vorgängerromans. Es liest sich wieder wie ein Fiebertraum, aber man geht als Leser nicht so verloren, weil man zumindest das Gefühl hat, dass der Protagonist mehr bei sich ist - was ich bezweifle, immerhin scheint er eine sehr verzerrte Wahrnehmung von der Welt und sich selbst zu besitzen (er sieht sich in seiner Funktion als Detektiv, der nun einen persönlichen Fall lösen will quasi als Heilsbringer, der durch die Lösung dieses nichtigen Falls eine globale Katastrophe verhindern kann - welche Katastrophe sich im Jahr 1937 wohl angebahnt haben könnte, lasse ich hier mal unkommentiert.) Alles in allem lebt der Roman für mich vor allem durch sein Setting. Shanghai während des Kampfes um die Stadt im zweiten Chinesisch-Japanischen Krieg ist ein sehr einzigartig gewählter Schauplatz. Ich mochte, dass diesem im Westen vernachlässigten Konflikt der Raum gegeben wird - genauso wie der Opiumkrise. Der eindrucksvoll geschriebene "Frontbericht" hat sich mir sehr eingeprägt. Die Auflösung des Falls war mir dann doch etwas zu profan und nimmt der ganzen Atmosphäre etwas weg, aber das Ende insgesamt war schlüssig und erhofft melancholisch. Ein interessanter Versuch, die beiden bisherigen Erzählstil des Autors in einem Buch zu kombinieren, was für mich leider nur zum Teil geklappt hat.
9. Feb. 2026







