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Romane

Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

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Über das Buch

Die Aufzeichnungen werden verfasst vom fiktiven Insassen Alexander Petrowitsch Gorjßntschikow, der wegen des Mordes an seiner Frau deportiert und zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Aufgrund seiner adligen Herkunft erfährt er anfangs Schikanen nicht nur durch das Gefängnispersonal, sondern auch durch seine Mitgefangenen aus niedrigeren Schichten, lebt sich während seiner Haft aber mehr und mehr in die Gemeinschaft ein.

Editionen (5)

ISBN9783351023041
VerlagAufbau
Erscheinungsdatum01.09.94
Seitenzahl488

Rezensionen & Bewertungen

4 Bewertungen

1 Rezensionen

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  • bilsenkraut
    bilsenkraut

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    3,0

    Nachdem ich zuletzt Herta Müllers Atemschaukel gelesen habe, wollte ich nun ein Werk im Stile des Realismus über das Leben im Arbeitslager lesen. Doch die Thematiken der beiden Bücher sind so unterschiedlich, dass ein Vergleich hinkt. Während Herta Müller das Überleben deutsch-rumänischer Zwangsarbeiter, die ihrer Nationalität wegen verschleppt werden schildert, geht es bei Dostojewski um verurteilte Verbrecher die als Gefängnisstrafe in ein Lager versetzt werden. Die Aufzeichnungen aus dem Totenhaus lesen sich, wie der Titel vermuten lässt, als eine dokumentarische jedoch sehr wertende Darstellung des typischen Sträflings. Dostojewski lässt die einzelnen Charaktere durch seine Schilderung greifbarer werden. Kein Sträfling gleicht dem anderen, jeder hat seine individuelle Geschichte und Persönlichkeit, und doch ähneln sie sich alle in ihrem eingesperrten Dasein das mehr dem Tod als einem Leben gleicht. Dostojewski hält mit seiner persönlichen Meinung nicht hinterm Berge und plädiert vehement dafür, Verbrechern ein Recht auf ein halbwegs anständiges Leben zuzugestehen. Denn dieses unfreie, gefangene Dasein läutert keinen Kriminellen, im Gegenteil jeder in die Freiheit Entlassene wird danach sofort wieder eine Straftat begehen. Der Frust und Hass auf die Gesellschaft wird durch die erzwungene Gefangenschaft nur vergrößert, Reue kommt in diesem Zustand nicht auf. So wird im Buch auch nie von Schuld oder Reue gesprochen, denn darum geht es hier nicht. Dostojewski beschreibt die Lagerzustände und gibt den von der Gesellschaft Verstoßenen eine Stimme, eine Persönlichkeit während sie im Lager jeglicher Individualität beraubt werden. Einige Straftaten werden jedoch sehr detailliert geschildert und sind derart grausam, dass ich ein wenig Selbstreflexion und -einsicht erwartet hätte. Aber Schuld und Sühne lässt Dostojewski in diesem Fall komplett außen vor, auch der Protagonist selbst ist sich seiner Schuld nicht bewusst oder erwähnt diese zumindest nie. Selbst sein Verbrechen, die Ermordung seiner Frau, wird nur kurz am Anfang ganz am Rande erwähnt. Ich kann den Grund verstehen, denn für Reue und Schuld hat Dostojewski andere Werke geschrieben. In diesem Buch ging es ihm darum, den Umgang mit und den Status von Verurteilten anzuprangern. Vielleicht wollte er auch die eigenen Erfahrungen aus seiner Lagerzeit verarbeiten. Das Buch ist jedoch nicht leicht zu verdauen, da es sich bei sehr vielen der Verbrechen um Femizide handelt und einer davon sehr ausführlich erzählt wird. Das fehlende Schuldeingeständnis macht die Femizide nicht einfacher zu ertragen, zumindest für Leserinnen. Generell bin ich nicht der größte Freund von Dostojewskis schwermütiger Prosa, doch trotz der negativen Aspekte ist das Plädoyer des Autors auch heute noch aktuell.

    19. März 2023

Autorin / Autor

Über Fjodor Dostojewski

Russischer Prosadichter, Moskau 11.11.1821 - Petersburg 9.2.1881; Sohn eines Armenarztes, besuchte die Ingenieursschule der Petersburger Militärakademie, widemte sich seit 1845 ganz der schriftstellerischen Tätigkeit. Dostojewski verhielt sich kritisch zum zaristischen Staat, fühlte mit den unterdrückten Klassen des russischen Volkes und verurteilte die wachsende soziale Ungleichheit. Er gestaltete in seinem erzählerischen Werk tragische Einzelschicksale in der Gesellschaft und erweist sich als unerbittlicher Kritiker der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung.

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