Der elfjährige Collin kommt nach dem Tod seiner Eltern zu seinen verschrobenen Tanten Verena und Dolly in ein Südstaaten-Nest. Verena ist eine herrschsüchtige Realistin, Dolly eine Träumerin, die zusammen mit ihrer schwarzen Freundin Catherine nach altem Rezept aus Waldkräutern Arznei braut. Es kommt zum Tantenstreit, als Verena in Dollys Sammelleidenschaft ein dickes Geschäft wittert und diese groß vermarkten will. Um ihr privates Glück vor der Schwester zu verteidigen, bezieht Dolly zusammen mit Collin und Catherine Quartier in einem Baumhaus. Verena, der Sheriff und Honoratioren des Dorfes versuchen, die drei Ausreißer zurück in die Wirklichkeit zu zwingen, hinunter vom Baum. Am Ende steht eine Schlacht und ein Sieg - eine letzte Nacht bleiben sie in ihrem Refugium, dann verlassen sie ihr Baumhaus freiwillig, im Wissen, dass nichts je sein wird wie zuvor.
Die Brillianz Truman Capotes zeigt sich schon in seinem ersten veröffentlichten Roman. Eine Geschichte zwischen Hoffnung und Verzagen, zwischen Erwachsenwerden und Erwachsensein. In dem typischen Stil von Capote geschrieben. Direkt, lakonisch, nah an seinen Protagonisten. Eine Geschichte die zeigt, welche Konsequenzen Entscheidungen haben. Lesenswert.
23. Mai 2025
5,0
Die Brillianz Truman Capotes zeigt sich schon in seinem ersten veröffentlichten Roman. Eine Geschichte zwischen Hoffnung und Verzagen, zwischen Erwachsenwerden und Erwachsensein. In dem typischen Stil von Capote geschrieben. Direkt, lakonisch, nah an seinen Protagonisten. Eine Geschichte die zeigt, welche Konsequenzen Entscheidungen haben. Lesenswert.
Wir wurden Freunde, Dolly, Catherine und ich. Ich war elf, und später wurde ich sechzehn. Auch wenn mir keine Ehren widerfuhren, waren das wunderbare Jahre.
Zitat, Seite 16
Vor fast einhundert Jahren, am 30. September 1924, wurde Truman Capote geboren. Und an eben einem solchen letzten Tag im September findet die Schlüsselszene dieses Romans statt.
In einer unbenannten amerikanischen Kleinstadt findet im Baumhaus eines Paternosterbaumes eine recht ungewöhnliche Gruppe zusammen: die ungefähr 60jährige Dolly, die nach einem Zerwürfnis mit ihrer Schwester beschlossen hat, ihr nahegelegenes Zuhause zu verlassen, dann deren schwarze Ziehschwester Catherine, der Neffe und Protagonist Collin, der Richter Charlie Cool und schließlich der Rebel Riley Henderson.
Es sind die letzten Sommertage und der Herbst kündigt sich bereits an, aber die Gruppe ist entschlossen, sich gegen den Widerstand der Gesellschaft zu wehren, der insbesondere aus Mitbürgern der Stadt besteht, angestiftet von der aufgeregten Verena, die ihre Schwester Dolly zur Rückkehr drängt und angeführt vom Arm des Gesetzes, dem Sheriff des Ortes.
Collin ahnt es noch nicht, doch diese letzten Septembertage werden die Weichen für sein Erwachsenenleben stellen, auf die er jetzt, Jahre später in dieser Erzählung zurückblickt.
Das schmale Büchlein enthält eine wortgewaltige Erzählung, die bildreich und damit sehr anschaulich gestaltet ist. Die titelgebende Metapher wird bereits eingangs erläutert und deren christlich angehauchte Mystik ist offensichtlich. Die Vergänglichkeit des Menschen wird gerade in den Psalmen durch Gras symbolisiert und die ursprünglichen Texte wurden als Lieder oft von Harfen begleitet.
Auch der sogenannte Paternosterbaum ist als Symbol interessant, da er die Bezeichnung für die Herstellung von Gebetsketten aus seinen Kernen erhalten hat. Allerdings sind die Samen im Inneren der Kerne hochgiftig, was schon zu tödlichen Unfällen in Verbindung mit Kindern geführt hat. Die Gruppe im Baumhaus fühlt sich vielleicht so, als hätten sie vom Baum der Erkenntnis gegessen, doch werden sie recht unsanft aus ihrem Paradies vertrieben, was ebenfalls an den Sündenfall erinnert.
Es ist also kein Wunder, dass sich dieser Roman fast wie ein Märchen liest. Und die große Frage ist, wie wird der Autor seine Geschichte enden lassen?
FAZIT
Bei näherer Betrachtung mag die Grundgeschichte etwas befremdlich wirken. Zwei Omis, die beschließen fortan im Baumhaus zu leben und sich von Limonade und Keksen ernähren? Und dann scheint ein gesetzter Richter dieses Abenteuer nicht nur zu unterstützen, er macht einer der Damen auch noch einen Heiratsantrag?
Klingt reichlich skurril. Aber die leichte Groteske fließt so behutsam in die Geschichte ein, dass man sie annimmt und das Abenteuer des Protagonisten durch dessen Augen vertrauensvoll betrachtet.
Faszinierend. Eine Leseempfehlung.
4. Aug. 2024
4,0
Wir wurden Freunde, Dolly, Catherine und ich. Ich war elf, und später wurde ich sechzehn. Auch wenn mir keine Ehren widerfuhren, waren das wunderbare Jahre.
Zitat, Seite 16
Vor fast einhundert Jahren, am 30. September 1924, wurde Truman Capote geboren. Und an eben einem solchen letzten Tag im September findet die Schlüsselszene dieses Romans statt.
In einer unbenannten amerikanischen Kleinstadt findet im Baumhaus eines Paternosterbaumes eine recht ungewöhnliche Gruppe zusammen: die ungefähr 60jährige Dolly, die nach einem Zerwürfnis mit ihrer Schwester beschlossen hat, ihr nahegelegenes Zuhause zu verlassen, dann deren schwarze Ziehschwester Catherine, der Neffe und Protagonist Collin, der Richter Charlie Cool und schließlich der Rebel Riley Henderson.
Es sind die letzten Sommertage und der Herbst kündigt sich bereits an, aber die Gruppe ist entschlossen, sich gegen den Widerstand der Gesellschaft zu wehren, der insbesondere aus Mitbürgern der Stadt besteht, angestiftet von der aufgeregten Verena, die ihre Schwester Dolly zur Rückkehr drängt und angeführt vom Arm des Gesetzes, dem Sheriff des Ortes.
Collin ahnt es noch nicht, doch diese letzten Septembertage werden die Weichen für sein Erwachsenenleben stellen, auf die er jetzt, Jahre später in dieser Erzählung zurückblickt.
Das schmale Büchlein enthält eine wortgewaltige Erzählung, die bildreich und damit sehr anschaulich gestaltet ist. Die titelgebende Metapher wird bereits eingangs erläutert und deren christlich angehauchte Mystik ist offensichtlich. Die Vergänglichkeit des Menschen wird gerade in den Psalmen durch Gras symbolisiert und die ursprünglichen Texte wurden als Lieder oft von Harfen begleitet.
Auch der sogenannte Paternosterbaum ist als Symbol interessant, da er die Bezeichnung für die Herstellung von Gebetsketten aus seinen Kernen erhalten hat. Allerdings sind die Samen im Inneren der Kerne hochgiftig, was schon zu tödlichen Unfällen in Verbindung mit Kindern geführt hat. Die Gruppe im Baumhaus fühlt sich vielleicht so, als hätten sie vom Baum der Erkenntnis gegessen, doch werden sie recht unsanft aus ihrem Paradies vertrieben, was ebenfalls an den Sündenfall erinnert.
Es ist also kein Wunder, dass sich dieser Roman fast wie ein Märchen liest. Und die große Frage ist, wie wird der Autor seine Geschichte enden lassen?
FAZIT
Bei näherer Betrachtung mag die Grundgeschichte etwas befremdlich wirken. Zwei Omis, die beschließen fortan im Baumhaus zu leben und sich von Limonade und Keksen ernähren? Und dann scheint ein gesetzter Richter dieses Abenteuer nicht nur zu unterstützen, er macht einer der Damen auch noch einen Heiratsantrag?
Klingt reichlich skurril. Aber die leichte Groteske fließt so behutsam in die Geschichte ein, dass man sie annimmt und das Abenteuer des Protagonisten durch dessen Augen vertrauensvoll betrachtet.
Faszinierend. Eine Leseempfehlung.
Eine meiner liebsten Geschichten: die beiden alten Damen und das Baumhaus. Und Haushälterin Catherine ist die beste Figur!
9. Juni 2024
5,0
Eine meiner liebsten Geschichten: die beiden alten Damen und das Baumhaus. Und Haushälterin Catherine ist die beste Figur!
9. Juni 2024
3 von 4 Rezensionen
Autorin / Autor
Über Truman Capote
Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren; er wuchs in den Südstaaten auf, bis ihn seine Mutter als Achtjährigen zu sich nach New York holte. Mit neunzehn Jahren erhielt er für seine Kurzgeschichte Miriam den »O.-Henry-Preis«. 1948 erschien sein Roman »Andere Stimmen, andere Räume«, der als das sensationelle Debüt eines literarischen Wunderkindes gefeiert wurde. 1949 folgte die Kurzgeschichtensammlung »Baum der Nacht«, 1950 die Reisebeschreibung »Lokalkolorit«, 1951 der Roman »Die Grasharfe«. Das 1958 veröffentlichte »Frühstück bei Tiffany« erlangte auch dank der Verfilmung mit Audrey Hepburn große Berühmtheit. 1965 erschien der mehrmals verfilmte Tatsachenroman »Kaltblütig«, 1973 »Die Hunde bellen« (Storys und Porträts), 1980 »Musik für Chamäleons« (Erzählungen und Reportagen). Postum wurden 1987 - unvollendet - der Roman »Erhörte Gebete« und 2005 das neu entdeckte Debüt »Sommerdiebe« veröffentlicht. Truman Capote starb 1984 in Los Angeles. Die Herausgeberin Anuschka Roshani studierte Verhaltensbiologie und Germanistik in Berlin und besuchte anschliessend die Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Danach war sie sieben Jahre lang Redakteurin und Reporterin im Kultur- und Gesellschaftsressort des »Spiegel«. Seit 2002 lebt sie in Zürich, wo sie als Redakteurin für »Das Magazin« des »Tages-Anzeigers« arbeitet.