Wir waren nur Kinder
Jetzt kaufen
Durch das Verwenden dieser Links unterstützt du READO. Wir erhalten eine Vermittlungsprovision, ohne dass dir zusätzliche Kosten entstehen.
Beschreibung
Die Massenverhaftungen vom 16. und 17. Juli 1942 gelten als eine der symbolträchtigsten Szenen der französischen Kollaboration. Während dieser beiden Tage verhaftete die französische Polizei nach vorheriger Absprache mit der deutschen Besatzungsmacht 13 152 in Paris lebende Juden. Als am 15. Juli 1942 Gerüchte über eine bevorstehende antisemitische Razzia aufkamen, versteckte Chana Psankiewicz ihre beiden Töchter bei ihren Großeltern. Von der Concierge denunziert, werden sie von der Polizei abgeholt und schließlich mit ihrer Familie zu einer Sammelstelle für Juden gebracht. Mit Hilfe der Mutter gelingt es den beiden Mädchen, durch einen Notausgang zu entkommen. Ihre Mutter wird im Gefangenenlager Drancy interniert, wo Rachel sie noch einmal mit einem Fernglas aus der Ferne sehen kann, bevor sie, wie auch der Vater und Rachels Nachbarn, Cousinen und Klassenkameraden in die Vernichtungslager deportiert werden.
In ihrem zarten und feinfühligen autobiographischen Bericht erzählt die Zeitzeugin Rachel Jedinak von dem Grauen der Verfolgung dieser Tage, aber auch von den glücklichen Kinderspielen auf den Bürgersteigen und den sehnsuchtsvollen Blicken auf nichtjüdische Klassenkameraden, die im öffentlichen Park spielen durften. Sie erzählt von den Verfolgungen, von den eingesperrten Kindern, die in der Bellevilloise vor Hitze schreien, und ihrer dramatischen Flucht. Rachel Jedinak erzählt uns das alles in ruhigem Ton, in der universellsten aller Sprachen: der Sprache der Kinder.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Rachel Jedinak wurde 1934 als Rachel Psankiewicz in Paris geboren, sie überlebte die große Razzia am Vél’d’Hiv im Juli 1942. Sie ist Vorsitzende des Tlemcen-Komitees, das sich seit über zwanzig Jahren für die Erinnerung an die verschwundenen Kinder einsetzt. Nachdem sie jahrelang dafür gekämpft hat, dass in Schulen und Gymnasien Gedenktafeln mit den Namen dieser »vergessenen Schüler« angebracht werden, erweist sie ihnen mit dieser berührenden Erzählung eine letzte Ehre.
Beiträge
EINS WERDEN Im Innenhof eines großen Gebäudes des zwanzigsten Arrondissements von Paris nahe des berühmten Friedhofs Père-Lachaise trifft die Erzählerin, eine alte Frau, auf ein junges Mädchen in einem Sommerkleid. Sie reicht ihr die Hand und das Mädchen, das nicht in die Erzählgegenwart zu passen scheint, ergreift diese ohne Vorbehalte oder Argwohn, denn die Erzählerin und das Mädchen sind beide Rahel Jedinak, geb. Psankiewicz. Das kraftvolle Motiv der Wiedervereinigung, mit der Rahel Jedinak ihr kurzes Memoir beginnen lässt, findet an dem Ort statt, an dem die kindliche Rahel ungeheures Leid erfährt und so (nicht zum letzten Mal) einen Teil ihrer Person von sich ablöst, um mit diesem Leid umgehen zu können. Diese Reintegration des jüngeren Ichs der Erzählerin zieht eine Flut der Erinnerungen nach sich und so erzählen diese kompakten 90 Seiten von einer behüteten Kindheit Rahels als Tochter polnischer Jüd*innen, die vor dem grassierenden Antisemitismus in ihrem Heimatland nach Frankreich emigrierten. Selbst als Ende der 30er Jahre ein, vom faschistischen Deutschland ausgehender Krieg immer wahrscheinlicher wird, der Vater später selbst zeitweise zu diesem eingezogen wird und in Folge des Einmarschs der Deutschen in Frankreich die Freiheiten der jüdischen Menschen in Frankreich immer weiter eingeschränkt werden, schaffen es die Eltern sehr lange und unter hohem Einsatz, den Kindern ein Leben zu sichern, das gekennzeichnet ist von Liebe und Normalität. Erst als der Vater im Durchgangslager Drancy interniert und später nach Auschwitz deportiert wird, hält das Grauen Einzug in das kindliche Leben Rahels und ihrer Schwester. Als die Gestapo Mitte Juli 1942 mit Unterstützung der Behörden der französischen Vichy-Regierung ca. 13000 jüdische Frauen und Kinder festnimmt und ein Drittel dieser Menschen im Vélodrom d’Hiver, einer Radsporthalle nahe des Eifelturms, zur weiteren Deportation nach Polen versammelt, befinden sich die Psankiewicz‘ ebenfalls darunter. Zwar hatte die Chana, die Mutter Rahels, noch versucht, ihre Töchter bei ihren Großeltern zu verstecken, doch diese wurden durch deren Concierge verraten und mit der Mutter gemeinsam ins Vél d’Hiv gebracht. Im anfänglichen Durcheinander erkennt Chana eine Gelegenheit zur Flucht für ihre Kinder und weist diese an, sie zurückzulassen und sich in Sicherheit zu bringen. Rahel ist nur unter Protest und mit Hilfe einer Ohrfeige der Mutter dazu zu bewegen, zu gehen. Sie und ihr Schwester werden versteckt und überleben den Zweiten Weltkrieg, Chana wird, wie ihr Mann, in Auschwitz ermordet. Jahrzehntelang kämpft Rahel Jedinak später darum, die Erinnerungen an die ermordeten jüdischen Kinder aus Paris, die dem „Rafle du Vel d’Hiv“ zum Opfer fielen wach und sichtbar zu halten und somit auch das Andenken an ihre Eltern zu wahren. Jedinak erzählt davon, wie Diskriminierung und Verfolgung stufenweise Einzug hielten in ihr Leben und zeichnet dabei auch ein Bild der Widerstandfähigkeit des kindlichen Bewusstseins. Darüber hinaus erzählt sie ganz nebenbei davon, was es Elternschaft bedeutet oder bedeuten kann und setzt dabei ihren eigenen Eltern ein rührendes Denkmal. Wie auch bereits im Roman „Die Postkarte“ von Anne Berest nutzt sie eine Erzählinstanz, die in unserer Gegenwart angesiedelt ist und sich der Vergangenheit der eigenen Familiengeschichte anzunähern versucht. Dabei betont sie implizit den Wert kultureller Zeugnisse für das Erinnern, etwa wenn sie verschiedene Deutungen von Bildquellen vorlegt oder über den überzeitlichen Charakter eines jiddischen Liedes reflektiert. Zudem zeigt „Wir waren nur Kinder“, dass die Annahme, Frankreich alliierte Kraft sei frei von Verantwortung für die Vernichtung der europäischen Jüd*innen, nicht der Realität entspricht. Grundsätzlich erzählt der schmale, als Erzählung ausgewiesene Band, vor allem vor dem Hintergrund ähnlicher Veröffentlichungen aus Frankreich der letzten Jahre inhaltlich nichts gänzlich Neues. So folgt der Text z.B. dem Muster der meisten prominenteren Holocaust-Erinnerungstexte neueren Datums, versöhnlich zu enden, was hier in der Zusammenführung der beiden Rahel-Figuren realisiert wird. Auch ist die Herangehensweise an das Problem der Darstellbarkeit der Shoa über ein erinnerndes Ich nicht neu, aber Jedinak schafft es durch das Zusammenspiel von Inhalt und dieser Erzählweise auf wenig Platz ein Zeugnis abzulegen, das gerade aufgrund seiner starken und kunstvolle Verdichtung den Schrecken und die Tragik der Ereignisse und ihrer Familiengeschichte greifbar zu machen. Zudem verbietet es sich (zumindest für mich), Texte der Holocaustliteratur vor dem Hintergrund des Kriteriums der Originalität zu bewerten. Vielmehr können u.a. Fragen nach deren Deutung von Geschichte, nach ihrem Wert für unsere Gegenwart, nach deren Kunstfertigkeit im Sinne des Darstellungsproblems und danach, was diese mit uns Leser*innen machen im Fokus stehen. Vor allem über letztgenannten Aspekt habe ich während der Lektüre vermehrt nachgedacht, denn es ist doch zumindest interessant, dass ich immer wieder derlei Erinnerungstexte lese, die in ihrer Wirkung scheinbar selbst dann nicht verlieren, wenn ich das Gefühl habe, deren inhaltliche, formelle und erzählerische Versatzstücke bereits in verschiedenen anderen Texten gelesen zu haben. Trifft auf mich das zu, was Sam Dresden in seinem großartigen Essay „Holocaust und Literatur“ über Leser*innen von Holocaustliteratur, wenn er behauptet: „Das Unerklärliche an seiner Lektüre und ihm selbst ist, daß er eine merkwürdige und ungeheure Befriedigung dabei empfindet und immer weiterlesen möchte. Er kann sich nicht mehr davon losmachen, er liest und liest, findet kein Ende und erst Recht keine Lösung. Er ist fasziniert, verhext, und fast wünscht er sich, das zu erleben, was er liest“? (Dresden, S. 31) Sicher liegt, wie Dresden schreibt, ein Teil der Faszination für die mediale Repräsentation der Shoa in der Präzedenzlosigkeit dieser begründet und darin, dass sich das Problem des (Nicht)Verstehens auch durch noch so viel Lektüre über diese nicht auflösen lassen wird. Der Wunsch, an die Stelle der Opfer (oder Täter) zu treten, mag verstörend klingen, aber im Hinblick auf den Impuls von Leser*innen, sich mit Figuren in der Literatur empathisch einfühlen oder gar identifizieren zu wollen, ist dies durchaus schlüssig. So hat mich Jedinaks Text als Vater zweier kleiner Kinder wohl vor allem an den Stellen besonders berührt, in denen es um das Verhältnis zwischen Rahel und ihren Eltern, deren Aufopferung für die Töchter und den gegenseitigen Verlust ging. Gerade diese Möglichkeit zur Identifikation, zum Mitfühlen und -trauern ist sicher ein großes Potenzial von Literatur, in diesem Kontext allerdings auch ein ambivalentes Erlebnis, denn als deutscher Leser, der in der Tradition des Tätergedächtnisses zur verorten ist, erscheint dieser Akt des Einfühlens zumindest diskutabel. Was nicht diskutabel ist, ist in meinen Augen der Wert dieses Textes und meine Leseempfehlung an euch. Danke an Astrid @between_my_shelfs für den erhellenden und angenehmen Austausch beim Buddyread. Danke an @frankfurter_verlagsanstalt und @echo_books für das Rezensionsexemplar.
Beschreibung
Die Massenverhaftungen vom 16. und 17. Juli 1942 gelten als eine der symbolträchtigsten Szenen der französischen Kollaboration. Während dieser beiden Tage verhaftete die französische Polizei nach vorheriger Absprache mit der deutschen Besatzungsmacht 13 152 in Paris lebende Juden. Als am 15. Juli 1942 Gerüchte über eine bevorstehende antisemitische Razzia aufkamen, versteckte Chana Psankiewicz ihre beiden Töchter bei ihren Großeltern. Von der Concierge denunziert, werden sie von der Polizei abgeholt und schließlich mit ihrer Familie zu einer Sammelstelle für Juden gebracht. Mit Hilfe der Mutter gelingt es den beiden Mädchen, durch einen Notausgang zu entkommen. Ihre Mutter wird im Gefangenenlager Drancy interniert, wo Rachel sie noch einmal mit einem Fernglas aus der Ferne sehen kann, bevor sie, wie auch der Vater und Rachels Nachbarn, Cousinen und Klassenkameraden in die Vernichtungslager deportiert werden.
In ihrem zarten und feinfühligen autobiographischen Bericht erzählt die Zeitzeugin Rachel Jedinak von dem Grauen der Verfolgung dieser Tage, aber auch von den glücklichen Kinderspielen auf den Bürgersteigen und den sehnsuchtsvollen Blicken auf nichtjüdische Klassenkameraden, die im öffentlichen Park spielen durften. Sie erzählt von den Verfolgungen, von den eingesperrten Kindern, die in der Bellevilloise vor Hitze schreien, und ihrer dramatischen Flucht. Rachel Jedinak erzählt uns das alles in ruhigem Ton, in der universellsten aller Sprachen: der Sprache der Kinder.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Rachel Jedinak wurde 1934 als Rachel Psankiewicz in Paris geboren, sie überlebte die große Razzia am Vél’d’Hiv im Juli 1942. Sie ist Vorsitzende des Tlemcen-Komitees, das sich seit über zwanzig Jahren für die Erinnerung an die verschwundenen Kinder einsetzt. Nachdem sie jahrelang dafür gekämpft hat, dass in Schulen und Gymnasien Gedenktafeln mit den Namen dieser »vergessenen Schüler« angebracht werden, erweist sie ihnen mit dieser berührenden Erzählung eine letzte Ehre.
Beiträge
EINS WERDEN Im Innenhof eines großen Gebäudes des zwanzigsten Arrondissements von Paris nahe des berühmten Friedhofs Père-Lachaise trifft die Erzählerin, eine alte Frau, auf ein junges Mädchen in einem Sommerkleid. Sie reicht ihr die Hand und das Mädchen, das nicht in die Erzählgegenwart zu passen scheint, ergreift diese ohne Vorbehalte oder Argwohn, denn die Erzählerin und das Mädchen sind beide Rahel Jedinak, geb. Psankiewicz. Das kraftvolle Motiv der Wiedervereinigung, mit der Rahel Jedinak ihr kurzes Memoir beginnen lässt, findet an dem Ort statt, an dem die kindliche Rahel ungeheures Leid erfährt und so (nicht zum letzten Mal) einen Teil ihrer Person von sich ablöst, um mit diesem Leid umgehen zu können. Diese Reintegration des jüngeren Ichs der Erzählerin zieht eine Flut der Erinnerungen nach sich und so erzählen diese kompakten 90 Seiten von einer behüteten Kindheit Rahels als Tochter polnischer Jüd*innen, die vor dem grassierenden Antisemitismus in ihrem Heimatland nach Frankreich emigrierten. Selbst als Ende der 30er Jahre ein, vom faschistischen Deutschland ausgehender Krieg immer wahrscheinlicher wird, der Vater später selbst zeitweise zu diesem eingezogen wird und in Folge des Einmarschs der Deutschen in Frankreich die Freiheiten der jüdischen Menschen in Frankreich immer weiter eingeschränkt werden, schaffen es die Eltern sehr lange und unter hohem Einsatz, den Kindern ein Leben zu sichern, das gekennzeichnet ist von Liebe und Normalität. Erst als der Vater im Durchgangslager Drancy interniert und später nach Auschwitz deportiert wird, hält das Grauen Einzug in das kindliche Leben Rahels und ihrer Schwester. Als die Gestapo Mitte Juli 1942 mit Unterstützung der Behörden der französischen Vichy-Regierung ca. 13000 jüdische Frauen und Kinder festnimmt und ein Drittel dieser Menschen im Vélodrom d’Hiver, einer Radsporthalle nahe des Eifelturms, zur weiteren Deportation nach Polen versammelt, befinden sich die Psankiewicz‘ ebenfalls darunter. Zwar hatte die Chana, die Mutter Rahels, noch versucht, ihre Töchter bei ihren Großeltern zu verstecken, doch diese wurden durch deren Concierge verraten und mit der Mutter gemeinsam ins Vél d’Hiv gebracht. Im anfänglichen Durcheinander erkennt Chana eine Gelegenheit zur Flucht für ihre Kinder und weist diese an, sie zurückzulassen und sich in Sicherheit zu bringen. Rahel ist nur unter Protest und mit Hilfe einer Ohrfeige der Mutter dazu zu bewegen, zu gehen. Sie und ihr Schwester werden versteckt und überleben den Zweiten Weltkrieg, Chana wird, wie ihr Mann, in Auschwitz ermordet. Jahrzehntelang kämpft Rahel Jedinak später darum, die Erinnerungen an die ermordeten jüdischen Kinder aus Paris, die dem „Rafle du Vel d’Hiv“ zum Opfer fielen wach und sichtbar zu halten und somit auch das Andenken an ihre Eltern zu wahren. Jedinak erzählt davon, wie Diskriminierung und Verfolgung stufenweise Einzug hielten in ihr Leben und zeichnet dabei auch ein Bild der Widerstandfähigkeit des kindlichen Bewusstseins. Darüber hinaus erzählt sie ganz nebenbei davon, was es Elternschaft bedeutet oder bedeuten kann und setzt dabei ihren eigenen Eltern ein rührendes Denkmal. Wie auch bereits im Roman „Die Postkarte“ von Anne Berest nutzt sie eine Erzählinstanz, die in unserer Gegenwart angesiedelt ist und sich der Vergangenheit der eigenen Familiengeschichte anzunähern versucht. Dabei betont sie implizit den Wert kultureller Zeugnisse für das Erinnern, etwa wenn sie verschiedene Deutungen von Bildquellen vorlegt oder über den überzeitlichen Charakter eines jiddischen Liedes reflektiert. Zudem zeigt „Wir waren nur Kinder“, dass die Annahme, Frankreich alliierte Kraft sei frei von Verantwortung für die Vernichtung der europäischen Jüd*innen, nicht der Realität entspricht. Grundsätzlich erzählt der schmale, als Erzählung ausgewiesene Band, vor allem vor dem Hintergrund ähnlicher Veröffentlichungen aus Frankreich der letzten Jahre inhaltlich nichts gänzlich Neues. So folgt der Text z.B. dem Muster der meisten prominenteren Holocaust-Erinnerungstexte neueren Datums, versöhnlich zu enden, was hier in der Zusammenführung der beiden Rahel-Figuren realisiert wird. Auch ist die Herangehensweise an das Problem der Darstellbarkeit der Shoa über ein erinnerndes Ich nicht neu, aber Jedinak schafft es durch das Zusammenspiel von Inhalt und dieser Erzählweise auf wenig Platz ein Zeugnis abzulegen, das gerade aufgrund seiner starken und kunstvolle Verdichtung den Schrecken und die Tragik der Ereignisse und ihrer Familiengeschichte greifbar zu machen. Zudem verbietet es sich (zumindest für mich), Texte der Holocaustliteratur vor dem Hintergrund des Kriteriums der Originalität zu bewerten. Vielmehr können u.a. Fragen nach deren Deutung von Geschichte, nach ihrem Wert für unsere Gegenwart, nach deren Kunstfertigkeit im Sinne des Darstellungsproblems und danach, was diese mit uns Leser*innen machen im Fokus stehen. Vor allem über letztgenannten Aspekt habe ich während der Lektüre vermehrt nachgedacht, denn es ist doch zumindest interessant, dass ich immer wieder derlei Erinnerungstexte lese, die in ihrer Wirkung scheinbar selbst dann nicht verlieren, wenn ich das Gefühl habe, deren inhaltliche, formelle und erzählerische Versatzstücke bereits in verschiedenen anderen Texten gelesen zu haben. Trifft auf mich das zu, was Sam Dresden in seinem großartigen Essay „Holocaust und Literatur“ über Leser*innen von Holocaustliteratur, wenn er behauptet: „Das Unerklärliche an seiner Lektüre und ihm selbst ist, daß er eine merkwürdige und ungeheure Befriedigung dabei empfindet und immer weiterlesen möchte. Er kann sich nicht mehr davon losmachen, er liest und liest, findet kein Ende und erst Recht keine Lösung. Er ist fasziniert, verhext, und fast wünscht er sich, das zu erleben, was er liest“? (Dresden, S. 31) Sicher liegt, wie Dresden schreibt, ein Teil der Faszination für die mediale Repräsentation der Shoa in der Präzedenzlosigkeit dieser begründet und darin, dass sich das Problem des (Nicht)Verstehens auch durch noch so viel Lektüre über diese nicht auflösen lassen wird. Der Wunsch, an die Stelle der Opfer (oder Täter) zu treten, mag verstörend klingen, aber im Hinblick auf den Impuls von Leser*innen, sich mit Figuren in der Literatur empathisch einfühlen oder gar identifizieren zu wollen, ist dies durchaus schlüssig. So hat mich Jedinaks Text als Vater zweier kleiner Kinder wohl vor allem an den Stellen besonders berührt, in denen es um das Verhältnis zwischen Rahel und ihren Eltern, deren Aufopferung für die Töchter und den gegenseitigen Verlust ging. Gerade diese Möglichkeit zur Identifikation, zum Mitfühlen und -trauern ist sicher ein großes Potenzial von Literatur, in diesem Kontext allerdings auch ein ambivalentes Erlebnis, denn als deutscher Leser, der in der Tradition des Tätergedächtnisses zur verorten ist, erscheint dieser Akt des Einfühlens zumindest diskutabel. Was nicht diskutabel ist, ist in meinen Augen der Wert dieses Textes und meine Leseempfehlung an euch. Danke an Astrid @between_my_shelfs für den erhellenden und angenehmen Austausch beim Buddyread. Danke an @frankfurter_verlagsanstalt und @echo_books für das Rezensionsexemplar.





