Widerfahrnis

Widerfahrnis

Hardcover
3.721
VerlustReise In Den SüdenTochterItalienreise

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Beschreibung

Reither, bis vor kurzem Kleinverleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist… Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein. »Aber wo wären wir ohne etwas Selbstüberschätzung«, sagt der Protagonist Reither, um sich Mut zu machen für den ersten Kuss mit Leonie Palm, »jeder wäre nur in seinem Gehäuse, ein Flüchtling vor dem Leben.« Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2016

Buchinformationen

Haupt-Genre
Romane
Sub-Genre
Zeitgenössische Romane
Format
Hardcover
Seitenzahl
224
Preis
21.60 €

Beiträge

5
Alle
2

Was soll ich sagen... Auf der Leipziger Buchmesse vollkommen zu Unrecht gehypt. Zieht sich wie Kaugummi...

3

3,5 Sterne. Hm..., am Ende ergibt alles einigermaßen Sinn. Ein Roadtrip mit Ü60 habe ich auf jeden Fall vorher noch nicht gelesen. Die Sprache ist sehr literarisch, das kann ich nicht immer haben, weil es mich gefühlt auf Abstand hält. Für mich ging es ganz klar in die Richtung: "Nichts passiert zufällig, alles geschieht aus einem bestimmten Grund, auch wenn man es nicht sofort versteht."

5

Da treffen sich zwei Menschen, die widerwillig im Alter angekommen scheinen: er, Reither, der seinen Verlag aufgeben musste, weil es immer mehr Schreibende und immer weniger Lesende gibt, und sie, Leonie Palm, die ihr Leben lang Hüte verkauft hat, bis auch das am Mangel an Hutgesichtern scheiterte. Sie haben diesen Wendepunkt im Leben erreicht, wo aus all den vagen Wunschträumen für eine endlos erscheinende Zukunft auf einmal verpasste Chancen werden. Vergangene Enttäuschungen und Verluste, die man längst vergessen glaubt, schmerzen wie alte Narben. Gemeinsam fliehen diese beiden Menschen, die keinen Halt mehr finden in ihrem Leben, Richtung Sonne und ihrer Verheißung von Glück. In Sizilien begegnen sie einem Kind, das nicht spricht und gerade dadurch zur Projektionsfläche für etwas wird, das beide Protagonisten vermissen - er, weil er es nie hatte, sie, weil sie es verlor. Aber zunächst beginnt ihre Reise im späten Winter einer deutschen Großstadt, und auch das Buch erschien mir erst seltsam unterkühlt. Es wird aus Reithers Sicht erzählt, der nicht umhin kann, seine Erlebnisse aus einer gewissen Distanz zu sehen. So wie er als Lektor früher aus den Büchern alles Weiche und Sentimentale strich, lässt er es auch in seiner persönlichen Geschichte nur ungern zu. Gefiltertes Leben: Erleben und Erzählen gehen immer Hand in Hand - spröde, kalkuliert, und dennoch oder gerade deswegen mit glasklaren Momenten sprachlicher Schönheit. Umso erstaunlicher ist, wie plötzlich und ungebremst die Ereignisse auf einmal über ihn hereinbrechen. Leben, Lieben, Hoffen und Scheitern im Zeitraffer. Wider Willen lässt Reither seine Emotionen immer mehr zu, bis aus einem Gedankenspiel mit interessanten Motiven am Schluss doch noch ein Buch wird, das ins Herz trifft. In seiner Dankesrede sprach Bodo Kirchhoff unter anderem von der "Gratwanderung zwischen einem Erzählen, das wehtut und einem Erzählen, das guttut". Genau das ist es, was "Widerfahrnis" für mich ausmacht: Hoffnung, die dem Leser erst die Schwermut bewusst macht, und doch unausweichlich wieder in dieser mündet. Hilfsbereitschaft, die sich als egoistischer Selbstbetrug herausstellt. Aber umgekehrt auch Schmerz und Verlust, die einen Weg zu etwas Neuem bahnen. Kirchhoff bricht elementare Themen wie Schuld, Verlust oder Liebe herunter auf das Grundlegendste und setzt sie wieder zusammen zu einer Geschichte der leisen Töne, die dennoch eine starke Sogwirkung entfaltet und es dem Leser dadurch schwer macht, das Buch wegzulegen. Auch wenn diese Themen archaisch sind, vielfach in der Literatur aufgegriffen, ist "Widerfahrnis" doch alles andere als abgedroschen. Der Autor verzichtet gänzlich auf Pathos oder Kitsch. Sein Schreibstil hat etwas Klares, Schwereloses, und zeichnet sich dennoch durch messerscharfe Prägnanz aus. Das Wort, das mir spontan einfällt, ist "meisterhaft", und dennoch hat das Geschriebene etwas Zurückhaltendes. Die Geschichte ist fast schon ein Kammerspiel, denn Reither und Leonie verbringen den größten Teil des Buches in ihrem Auto. Dabei kommt man ihm als Leser schnell näher, während man sie zunächst nur dadurch kennenlernt, wie sie auf Reither reagiert - ein Schattenspiel, sozusagen. Aber gerade das ist spannend zu verfolgen, und am Ende versteckt sich im Ungesagten ihr Motiv für die Reise. Die Liebesgeschichte hat etwas bittersüß Anrührendes, gerade weil sie zu gleichen Teilen unmöglich und unaufhaltsam erscheint. Fazit: Die Geschichte eines "Widerfahrnis": zwei ins Alter gekommene Menschen versuchen sich an einer späten Erfüllung ihrer Träume, begeben sich auf einen spontanen Roadtrip nach Sizilien und durchleben in wenigen Stunden Hoffnung, Liebe, Schmerz, Scheitern, Verlust... Bodo Kirchhoff erzählt das schnörkellos und dennoch poetisch, und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr Bedeutungsebenen entdeckt man. Obwohl es ohne Zweifel ein anspruchsvolles Buch ist, ist es dennoch auch ein Buch, das sich leicht und unterhaltsam lesen lässt, und in meinen Augen ist es auch ein Buch, das den Deutschen Buchpreis 2016 redlich verdient hat.

3

Widerfahrnis hat viel Lob erfahren, dem ich mich aber nicht anschließen kann. Ich konnte leider keinen Zugang zu diesem Werk finden. Ich kann nicht genau sagen, ob dies an der (zumindest zu Beginn) arg konstruierten Handlung lag, oder an den Personen, die meiner Ansicht nach oft zu schemenhaft dargestellt wurden und deren Rolle auch nicht immer ganz klar wurde. Sprachlich ist die Geschichte recht gelungen, es finden sich einige schöne Abschnitte, daher noch drei Sterne, aber leider auch nicht mehr. (Vielen Dank an Netgalley/den Verlag für die Bereitstellung eines kostenlosen digitalen Leseexemplars!)

5

Bodo Kirchoff hat mit „Widerfahrnis“ den Deutschen Buchpreis 2016 gewonnen, den wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Zwar hatte ich zuvor noch nie von Kirchoff gehört, aber das tut nichts zur Sache. Auch nicht, dass ich erwartungsgemäss ziemlich lange darauf warten musste, dass das Buch in der Bibliothek frei war. Schon während des Lesens wurde mir klar, weshalb das Buch es auf die Liste zum bedeutendsten Buchpreis im deutschsprachigen Raum geschafft hat. Den Vergleich zu den anderen Nominierten kann ich leider nicht ziehen, aber Kirchoffs Werk hat alles, was ich mir von einem Preisgewinner wünsche. Zum einen einmal eine wunderschöne Sprache. Kirchoff erzählt atemlos, teilweise fast gehetzt und wirkt doch ruhig und in sich gekehrt. Auf direkte Rede wird praktisch ganz verzichtet. An einer Stelle lässt sich Reiter darüber aus, dass viele Autoren mit hohlen Gesprächen nur Seiten füllen wollen. Seither fällt es mir in jedem Buch negativ auf, wenn zu viel gesprochen wird. Denn bei Kirchoff reden die Figuren miteinander, ohne dass der Leser sinnlos zugetextet wird. Somit hatte der Autor also nur schon aufgrund seines gewundenen Schreibstiles einen Stein im Brett. Dazu kamen jedoch noch die Figuren, die sich auf ihrer wahnwitzigen Reise durch Europa stets näher kommen, um dann auf dem Höhepunkt ihrer Nähe auseinanderzudriften. Jede Reise kommt irgendwann zu ihrem Ende und beide, Reiter und X machen eine starke Veränderung durch. Dieser Roadtrip hat beide aus ihrer Starre gerissen und ihnen ganz neue Möglichkeiten ihrer selbst aufgezeigt. Da fragt man sich als Leser, ob man nicht auch selbst so eine Reise braucht. Oder ob man sich selbst dazu entschliessen kann, sich aus dem Trott hinauszuwerfen. „Widerfahrnis“ hat eine enorme Tiefe, die ich wahrscheinlich noch nicht ganz greifen konnte. Deshalb denke ich, ist es ein perfektes Buch für eine Leserunde oder einen Lesekreis. Man kann zusammen neue Seiten entdecken, denn Kirchoff hat in seinen Stoff viele kleine Silberfäden eingewebt und die hie und da frech hervorglitzern. Man muss sie nur zu greifen wissen. Für mich war dieses Buch gleichsam wie für Reiter eine Reise. Auf dieser Reise konnte ich staunen, entdecken und begreifen. Dieses Buch ist wahrlich ein Meisterwerk.

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