Verschwundene Krankheiten

Verschwundene Krankheiten

Hardcover
5.01
LebenswissenRätselhafte KrankheitsbilderKrankheitsgeschichteMedizingeschichte

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Beschreibung

Gegenstand der Medizingeschichte sind Denken, Vorgehensweise und Lebenswelten von Ärzten und Patienten in ihrem historischen Wandel. Doch es gibt noch einen weiteren, mindestens genauso wandelbaren Mitspieler in dieser spannenden Dreiecksbeziehung: die Krankheit. Als naturwissenschaftlich erforschte Phänomene könnte man Krankheiten für biologische Konstanten halten, die eine wohldefinierte, fixierte Form aufweisen – doch weit gefehlt! Krankheiten können neu auftreten, ihr Wesen und ihre Relevanz innerhalb kurzer Zeiträume vollständig verändern und sogar verschwinden. Das vorliegende Buch stellt 20 verschwundene Krankheiten vor. Dabei widmet es sich vor allem der Frage, wann, warum und unter welchen Bedingungen diese Krankheiten verschwunden sind, oder ob es sie möglicherweise gar nicht wirklich gab. Es kommen nicht nur viele bekannte und einige unbekanntere Ärzte und Forscher zu Wort; auch Patienten, Angehörige und Pflegende mit ihrem ganz privaten Leiden treten dem Leser gegenüber in kurzen, fiktionalen Krankengeschichten, die eng an historische Fallberichte angelehnt sind. So begegnet der Leser der Aussätzigen und der Pockenkranken, spürt dem merkwürdigen Englischen Schweiß und dem Alpenstich nach, blickt in die Fabriken des 19. Jahrhunderts mit ihren Gefahren für Leben und Gesundheit der Arbeiter, leidet mit dem Neurastheniker und den Eltern eines Contergan-Kindes und lernt die Hintergründe der rätselhaften Haffkrankheit kennen. Auch der mittlerweile als wissenschaftlicher Scherz enthüllte »Cello-Hoden« fehlt nicht in dieser mal erschütternden, mal gruseligen, mal seltsamen und hin und wieder auch zum Schmunzeln anregenden Sammlung verschwundener Krankheiten.

Buchinformationen

Haupt-Genre
Fachbücher
Sub-Genre
Medizin
Format
Hardcover
Seitenzahl
272
Preis
29.80 €

Autorenbeschreibung

Sophie Seemann (*1986) arbeitet als Kinderärztin und wurde 2013 mit einer medizinhistorischen Arbeit über den Pathologen und Anthropologen Rudolf Virchow promoviert. Im Zuge der Recherchen stieß sie immer wieder auf »verschwundene Krankheiten« – Krankheitsbilder, die sich nicht sofort mit dem modernen medizinischen Verständnis erschließen ließen und bei näherer Betrachtung aber ungeahnte und interessante Einblicke in vergangene Patientenschicksale, historische Konzepte von Krankheit und Ansätze zu ihrer Behandlung, Bekämpfung und im günstigsten Fall Ausrottung boten.

Beiträge

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Als Hypochonder sollte man nicht während einer Viruspandemie ein Buch über "Verschwundene Krankheiten" lesen. 20 sind hier versammelt, alphabetisch angeordnet (was vor allem zu dem guten Effekt führt, dass sich verschiedenste Krankheiten und Epochen sozusagen "abwechseln") und man lernt enorm. Der historische Blick lehrt einem Kritik: Kritik an Vergangenem. Gerne würde man sich zurücklehnen und sagen: Wie dumm waren doch die Menschen damals! Sie haben wirklich einen Aderlass zu allem veranlasst (im wahrsten Sinne). Doch der historische Blick lehrt einem auch Selbstkritik: Die Zukunft könnte genauso abwertend auf einen schauen! (Und als Nichtmediziner hat man ja auch keine Ahnung...) Stichwort Virus: Seemann beschreibt die "europäische Schlafkrankheit", eine schreckliche Krankheit, bei der man heute vermutet, dass sie eine neurologische Folgekrankheit der 1918 auftretenen Grippe sei. Sie schließt diesen Beitrag: "Fast vergessen, scheint die Europäische Schlafkrankheit ein Fall für die Medizingeschichte geworden zu sein. Bis zur nächsten Grippepandemie, möglicherweise." Prophetische Worte? Tatsächlich spekuliert man auch bei Corona/Covid19 über neurologische Folgeschäden bis hin zu -krankheiten, bekanntestes Symptom jetzt schon ein akut auftretender Geschmacks- und Geruchsverlust. Stichwort Impfung: Sowieso ist vieles nur scheinbar ein Fall für die Medizingeschichte. Es sollte erschrecken, dass viele Erkenntnisse gar nicht so lange zurückliegen. Man weiß noch gar nicht so lange, dass es überhaupt Bakterien gibt! Viren hat man überhaupt erst im letzten Jahrhundert erforscht! Bei Diphterie und Pocken erinnert Seemann an die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Impfungen. Dass es möglich ist, Krankheiten auszurotten, wird so auch zu einem politisch schwergewichtigen Argument gegen die Impfgegner. Hier lehrt der Blick in die Geschichte. Stichwort Wissenschaftspolitik: Wir sind mittlerweile in einer Situation, in der jemand wie Drosten Morddrohungen bekommt. Auf Twitter wird über ihn geurteilt, dass er "nur seinen Job" macht. Medizinhistorisch hing wissenschaftliche Erkenntnis oft an wenigen Innovatoren (im 19.Jahrhundert noch kaum Innovatorinnen), die oft gegen die öffentliche Meinung versuchten, sich Gehör zu schaffen. Wissenschaftskommunikation ist schwierig. Wenn aber wie bei der Trichinose, wo rohes Schweinefleisch mit Parasiten befallen ist, die dem Menschen nach Verzehr den Tod bringen, Virchow es geschafft hat, "die Politik" gegen wirtschaftliche Bedenken zu überzeugen, die Fleischbeschau einzuführen, dann war es möglich, auch diese Krankheit zum Verschwinden zu bringen. Stichwort soziale Implikationen: Es geht in diesem Buch nicht nur um Krankheiten als solche. Nimmt man mal den Cello-Hoden als Diagnose-Scherz eines Ehepaars beiseite, geht es bei vielen Krankheiten um die soziale Implikation - sowohl der Diagnose, als auch der Krankheit selbst. Aus dem 3. Buch Mose und den Evangelien kennt man die Ausgrenzung, die Aussätzige erfahren mussten, und auf die versucht wurde, als Gesellschaft zu reagieren (man wollte ja genausowenig, dass sich alle anstecken). Beim "Versehen" ging man davon aus, dass Schwangere eine Mitschuld an Deformationen ihrer Neugeborenen ("Monster") haben. Und bei der Chlorose wurden ernährungsgestörte und Korsett tragende Frauen diagnostiziert. Krankheit ist auch eine soziale Diagnose - zum Einen, weil die Gesellschaft versuchen kann, Kranke nicht auszuschließen und sich um sie zu kümmern. Zum Anderen, weil auch Ausgrenzung und Stigmatisierung krank machen kann.

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