Überall bist du
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Beschreibung
»Ein traurig-schöner, sehr ehrlicher und feinsinniger Debütroman.« Gala
Wenn Martha geahnt hätte, dass Tom vom einen auf den anderen Tag aus ihrem Leben verschwinden würde, hätte sie ihn nachts geweckt, statt ihn nur anzuschauen. Sie wäre mit Tom nur U-Bahn statt Fahrrad gefahren, dann gäbe es in der Stadt jetzt weniger Orte, die sie mit ihm verbindet. Und sie hätte versucht, viel weniger mit ihm zu erleben, damit die Liste der Dinge, die sie so sehr an ihn erinnern, jetzt nicht so lang ist. Zum Glück gibt es den fünfjährigen Oskar und seine Brüder, die ihr die unausgesprochenen Gesetze des Spielplatzes erklären und mit denen sie unbeschwerte Sommertage im Freibad verbringt. Doch wenn der Liebeskummer so schlimm wird, dass nicht mal Winnie Puuh-Pflaster helfen, weiß selbst der sehr weise Oskar nicht mehr weiter. Martha muss sich eingestehen, dass sie nicht die besten Ideen hat, um über Tom hinwegzukommen, und entscheidet kurzerhand, alles hinter sich zu lassen.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Gerhild Stoltenberg, geboren 1979 in Hamburg, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Überall bist du ist ihr erster Roman. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Beiträge
"Die Zeit und alle Chancen darin vergehen so schnell."
Manche Bücher erzählt man nach dem Lesen weiter. Andere legt man zurück ins Regal und vergisst sie irgendwann zwischen den ganzen anderen Büchern, den vorbeiziehenden Jahreszeiten und dem nächsten Stapel Neuerscheinungen. „Überall bist du“ von Gerhild Stoltenberg gehört für mich zu einer dritten, deutlich selteneren Kategorie: Es zieht nicht aus. Es bleibt. Wie ein Geruch in einer Jacke, die man längst nicht mehr trägt. Wie ein Lied, dessen Titel man vergessen hat, dessen Melodie aber plötzlich wieder auftaucht, wenn man an einer bestimmten Straßenecke steht. Es sei angemerkt, dass ich dieses Buch bereits vor Jahren las. Selbst gerade frisch getrennt. Das hat meine Meinung und Gefühlswelt sicherlich nicht unwesentlich beeinflusst. Die Handlung wirkt auf den ersten Blick unspektakulär: Martha versucht nach einer schmerzhaften Trennung wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Ein neuer Job als Kindermädchen, drei außergewöhnliche Kinder und die allgegenwärtige Erinnerung an Tom begleiten sie auf diesem Weg. Doch wer hier einen klassischen Liebesroman erwartet, wird überrascht. Eigentlich erzählt Stoltenberg nicht von Liebe. Sie erzählt von den Schatten, die Liebe hinterlässt, wenn sie gegangen ist. Was mich an diesem Roman so begeistert hat, ist seine seltene Ehrlichkeit. Liebeskummer wird hier nicht dramatisiert und auch nicht romantisiert. Er erscheint vielmehr als das, was er oft tatsächlich ist: eine stille, hartnäckige Besetzung des Alltags. Nicht die großen Katastrophen tun weh, sondern die kleinen Überfälle der Erinnerung. Eine Straße. Ein Satz. Ein leerer Platz am Tisch. Stoltenberg beschreibt diese Form von Verlust mit einer Präzision, die beinahe unheimlich ist. Dabei besitzt ihre Sprache eine besondere Qualität. Sie drängt sich nie in den Vordergrund und entfaltet dennoch eine enorme Wirkung. Viele Autorinnen und Autoren versuchen Melancholie zu schreiben. Hier scheint sie einfach zwischen den Zeilen zu wohnen. Jeder Satz wirkt sorgfältig gesetzt, als hätte jemand Licht und Schatten exakt ausbalanciert. Besonders beeindruckt hat mich die Figur des kleinen Oskar. In vielen Romanen dienen Kinder als niedliche Randerscheinungen. Oskar hingegen ist eine Art menschlicher Kompass. Nicht, weil er die Antworten kennt, sondern weil er die richtigen Fragen stellt. Seine Sicht auf die Welt bringt eine Leichtigkeit in die Geschichte, die den Schmerz nicht verdrängt, sondern erst erträglich macht. Dadurch entsteht ein faszinierendes Gleichgewicht zwischen Traurigkeit und Hoffnung. Was dieses Buch für mich jedoch wirklich außergewöhnlich macht, ist seine stille Klugheit. Es erzählt davon, wie Menschen sich manchmal in Erinnerungen einrichten wie in einer Wohnung, aus der sie längst hätten ausziehen sollen. Martha kämpft nicht gegen Tom. Sie kämpft gegen die Geografie der Vergangenheit. Gegen Orte, Routinen und Gegenstände, die plötzlich ein Eigenleben entwickeln. Das ist literarisch betrachtet eine brillante Idee, weil sie Verlust nicht als Ereignis beschreibt, sondern als Landschaft. Viele Romane wollen berühren. „Überall bist du“ gelingt etwas Schwierigeres: Er versteht. Er versteht die Widersprüchlichkeit von Gefühlen. Dass man jemanden vermissen kann, obwohl man genau weiß, dass er einem nicht gutgetan hat. Dass Loslassen selten ein mutiger Sprung ist, sondern meistens eine Reihe kleiner, unscheinbarer Entscheidungen. Nach dem Zuschlagen hatte ich nicht das Gefühl, eine Geschichte beendet zu haben. Eher das Gefühl, einen Menschen ein Stück seines Weges begleitet zu haben. Und genau darin liegt für mich die große Stärke dieses Romans. Er hinterlässt keine spektakulären Explosionen im Herzen. Er arbeitet feiner. Er setzt sich fest wie feiner Regen auf einer Fensterscheibe – zunächst kaum bemerkbar, aber irgendwann blickt man hinaus und merkt, dass sich die ganze Aussicht verändert hat. Für mich ist „Überall bist du“ kein Buch über Liebeskummer. Es ist ein Buch über die Kunst, sich selbst wiederzufinden, nachdem ein anderer Mensch einen Teil der eigenen Landkarte besetzt hatte. Sensibel, intelligent, voller leiser Schönheit und von einer emotionalen Wahrhaftigkeit, die ich nicht häufig in Büchern finde. ♡♡♡ "Aber das neue Jahr kam, unbeeindruckt von meinen Plänen, und änderte nichts. Ich wurde verrückt. Eine andere Erklärung gab es nicht. Ich war so nicht. Ich war eigentlich ganz normal gewesen. Ich war eine von denen, die die anderen zur Klassensprecherin gewählt haben, weil sie vernünftig ist, sachlich und besonnen. Ich bin fast langweilig normal. So wie jetzt, so bin ich nicht. So will ich nicht sein. Aber seit er weg ist, ist alles schlimm, wird immer schlimmer. Mein Leben ist auf einmal voller Tage, an denen ich Brücken, Steilküsten, den Straßenverkehr, Medikamente, Nagelpistolen, Gewässer, Schnüre und Plastiktüten meiden sollte und permanent so etwas wie Fallsucht spüre. Laut ICD 10 Klassifikation der Who leide ich inzwischen mindestens an: F 32.2 F 41 F 43 F 43.2 Vor allem leide ich aber an: F 42, Grübelzwang." "Manchmal zähle ich an den Fingern die Stunden ab, die ich nicht mehr mit ihm gesprochen habe (3387), die Tage, seitdem ich nicht weinen musste (4), die Anzahl der Geheimnisse, die ich ihm noch verraten wollte (54). Ich brauche Fakten. Unbedingt. Irgendwas, das ist, wie es ist. Etwas, das jemand geprüft hat und das nicht von einer Sekunde auf die andere nicht mehr stimmt, so wie das mit ihm. Ich würde am liebsten beim Statistischen Bundesamt anrufen, damit die mir sagen, wie viele Menschen sich gerade verlieben, zum ersten und zum letzten Mal küssen, wie oft man sich rein statistisch überhaupt in einem Leben verlieben wird und ob meine Male womöglich schon aufgebraucht sind. Wie oft kommt es vor, dass jemand der einen verlassen hat, doch noch zurückkommt? Wie wahrscheinlich ist das? Und wie lange sollte man um jemanden weinen, dem das offenbar egal ist? Ich will, dass man meinen Kummer berechnen kann, möchte in Messbecher weinen, meine Tränen in einem Aquarium sammeln, um darin exotische Salzwasserfische zu halten."

Beschreibung
»Ein traurig-schöner, sehr ehrlicher und feinsinniger Debütroman.« Gala
Wenn Martha geahnt hätte, dass Tom vom einen auf den anderen Tag aus ihrem Leben verschwinden würde, hätte sie ihn nachts geweckt, statt ihn nur anzuschauen. Sie wäre mit Tom nur U-Bahn statt Fahrrad gefahren, dann gäbe es in der Stadt jetzt weniger Orte, die sie mit ihm verbindet. Und sie hätte versucht, viel weniger mit ihm zu erleben, damit die Liste der Dinge, die sie so sehr an ihn erinnern, jetzt nicht so lang ist. Zum Glück gibt es den fünfjährigen Oskar und seine Brüder, die ihr die unausgesprochenen Gesetze des Spielplatzes erklären und mit denen sie unbeschwerte Sommertage im Freibad verbringt. Doch wenn der Liebeskummer so schlimm wird, dass nicht mal Winnie Puuh-Pflaster helfen, weiß selbst der sehr weise Oskar nicht mehr weiter. Martha muss sich eingestehen, dass sie nicht die besten Ideen hat, um über Tom hinwegzukommen, und entscheidet kurzerhand, alles hinter sich zu lassen.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Gerhild Stoltenberg, geboren 1979 in Hamburg, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Überall bist du ist ihr erster Roman. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Beiträge
"Die Zeit und alle Chancen darin vergehen so schnell."
Manche Bücher erzählt man nach dem Lesen weiter. Andere legt man zurück ins Regal und vergisst sie irgendwann zwischen den ganzen anderen Büchern, den vorbeiziehenden Jahreszeiten und dem nächsten Stapel Neuerscheinungen. „Überall bist du“ von Gerhild Stoltenberg gehört für mich zu einer dritten, deutlich selteneren Kategorie: Es zieht nicht aus. Es bleibt. Wie ein Geruch in einer Jacke, die man längst nicht mehr trägt. Wie ein Lied, dessen Titel man vergessen hat, dessen Melodie aber plötzlich wieder auftaucht, wenn man an einer bestimmten Straßenecke steht. Es sei angemerkt, dass ich dieses Buch bereits vor Jahren las. Selbst gerade frisch getrennt. Das hat meine Meinung und Gefühlswelt sicherlich nicht unwesentlich beeinflusst. Die Handlung wirkt auf den ersten Blick unspektakulär: Martha versucht nach einer schmerzhaften Trennung wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Ein neuer Job als Kindermädchen, drei außergewöhnliche Kinder und die allgegenwärtige Erinnerung an Tom begleiten sie auf diesem Weg. Doch wer hier einen klassischen Liebesroman erwartet, wird überrascht. Eigentlich erzählt Stoltenberg nicht von Liebe. Sie erzählt von den Schatten, die Liebe hinterlässt, wenn sie gegangen ist. Was mich an diesem Roman so begeistert hat, ist seine seltene Ehrlichkeit. Liebeskummer wird hier nicht dramatisiert und auch nicht romantisiert. Er erscheint vielmehr als das, was er oft tatsächlich ist: eine stille, hartnäckige Besetzung des Alltags. Nicht die großen Katastrophen tun weh, sondern die kleinen Überfälle der Erinnerung. Eine Straße. Ein Satz. Ein leerer Platz am Tisch. Stoltenberg beschreibt diese Form von Verlust mit einer Präzision, die beinahe unheimlich ist. Dabei besitzt ihre Sprache eine besondere Qualität. Sie drängt sich nie in den Vordergrund und entfaltet dennoch eine enorme Wirkung. Viele Autorinnen und Autoren versuchen Melancholie zu schreiben. Hier scheint sie einfach zwischen den Zeilen zu wohnen. Jeder Satz wirkt sorgfältig gesetzt, als hätte jemand Licht und Schatten exakt ausbalanciert. Besonders beeindruckt hat mich die Figur des kleinen Oskar. In vielen Romanen dienen Kinder als niedliche Randerscheinungen. Oskar hingegen ist eine Art menschlicher Kompass. Nicht, weil er die Antworten kennt, sondern weil er die richtigen Fragen stellt. Seine Sicht auf die Welt bringt eine Leichtigkeit in die Geschichte, die den Schmerz nicht verdrängt, sondern erst erträglich macht. Dadurch entsteht ein faszinierendes Gleichgewicht zwischen Traurigkeit und Hoffnung. Was dieses Buch für mich jedoch wirklich außergewöhnlich macht, ist seine stille Klugheit. Es erzählt davon, wie Menschen sich manchmal in Erinnerungen einrichten wie in einer Wohnung, aus der sie längst hätten ausziehen sollen. Martha kämpft nicht gegen Tom. Sie kämpft gegen die Geografie der Vergangenheit. Gegen Orte, Routinen und Gegenstände, die plötzlich ein Eigenleben entwickeln. Das ist literarisch betrachtet eine brillante Idee, weil sie Verlust nicht als Ereignis beschreibt, sondern als Landschaft. Viele Romane wollen berühren. „Überall bist du“ gelingt etwas Schwierigeres: Er versteht. Er versteht die Widersprüchlichkeit von Gefühlen. Dass man jemanden vermissen kann, obwohl man genau weiß, dass er einem nicht gutgetan hat. Dass Loslassen selten ein mutiger Sprung ist, sondern meistens eine Reihe kleiner, unscheinbarer Entscheidungen. Nach dem Zuschlagen hatte ich nicht das Gefühl, eine Geschichte beendet zu haben. Eher das Gefühl, einen Menschen ein Stück seines Weges begleitet zu haben. Und genau darin liegt für mich die große Stärke dieses Romans. Er hinterlässt keine spektakulären Explosionen im Herzen. Er arbeitet feiner. Er setzt sich fest wie feiner Regen auf einer Fensterscheibe – zunächst kaum bemerkbar, aber irgendwann blickt man hinaus und merkt, dass sich die ganze Aussicht verändert hat. Für mich ist „Überall bist du“ kein Buch über Liebeskummer. Es ist ein Buch über die Kunst, sich selbst wiederzufinden, nachdem ein anderer Mensch einen Teil der eigenen Landkarte besetzt hatte. Sensibel, intelligent, voller leiser Schönheit und von einer emotionalen Wahrhaftigkeit, die ich nicht häufig in Büchern finde. ♡♡♡ "Aber das neue Jahr kam, unbeeindruckt von meinen Plänen, und änderte nichts. Ich wurde verrückt. Eine andere Erklärung gab es nicht. Ich war so nicht. Ich war eigentlich ganz normal gewesen. Ich war eine von denen, die die anderen zur Klassensprecherin gewählt haben, weil sie vernünftig ist, sachlich und besonnen. Ich bin fast langweilig normal. So wie jetzt, so bin ich nicht. So will ich nicht sein. Aber seit er weg ist, ist alles schlimm, wird immer schlimmer. Mein Leben ist auf einmal voller Tage, an denen ich Brücken, Steilküsten, den Straßenverkehr, Medikamente, Nagelpistolen, Gewässer, Schnüre und Plastiktüten meiden sollte und permanent so etwas wie Fallsucht spüre. Laut ICD 10 Klassifikation der Who leide ich inzwischen mindestens an: F 32.2 F 41 F 43 F 43.2 Vor allem leide ich aber an: F 42, Grübelzwang." "Manchmal zähle ich an den Fingern die Stunden ab, die ich nicht mehr mit ihm gesprochen habe (3387), die Tage, seitdem ich nicht weinen musste (4), die Anzahl der Geheimnisse, die ich ihm noch verraten wollte (54). Ich brauche Fakten. Unbedingt. Irgendwas, das ist, wie es ist. Etwas, das jemand geprüft hat und das nicht von einer Sekunde auf die andere nicht mehr stimmt, so wie das mit ihm. Ich würde am liebsten beim Statistischen Bundesamt anrufen, damit die mir sagen, wie viele Menschen sich gerade verlieben, zum ersten und zum letzten Mal küssen, wie oft man sich rein statistisch überhaupt in einem Leben verlieben wird und ob meine Male womöglich schon aufgebraucht sind. Wie oft kommt es vor, dass jemand der einen verlassen hat, doch noch zurückkommt? Wie wahrscheinlich ist das? Und wie lange sollte man um jemanden weinen, dem das offenbar egal ist? Ich will, dass man meinen Kummer berechnen kann, möchte in Messbecher weinen, meine Tränen in einem Aquarium sammeln, um darin exotische Salzwasserfische zu halten."






