Triceratops
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Buchinformationen
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Ok, ich muss zugeben, die Erzählstimme hat mich durchweg verwirrt, obwohl ich es längst gerafft haben sollte: Der Junge, später Jugendliche, spricht von sich selbst als "Wir", worüber ich wirklich zu oft gestolpert bin. Allein dieser Umstand ist wahrscheinlich eine rote Fahne für alle Psychologen. Was mit diesem Jungen "nicht stimmt", erfahren wir über kurze vignettenhafte Kapitel, die oft nicht mal eine ganze Seite füllen. Mit einer stark depressiven Mutter und einem sich teilnahmslos gebenden, bibeltreuen, später alkoholsüchtigen Vater erfährt der Protagonist wenig Halt oder Orientierung. Auch seine ältere Schwester scheint in dieser dysfunktionalen Familie geistig abwesend zu sein. Den Kindern wird eine Verantwortung aufgebürdet, der sie natürlich nicht gerecht werden können und gegen die der Protagonist sich mehr und mehr durch Flucht vor der Welt zu entziehen versucht. Niemand war jemals für ihn da, auch in der Schule wird er drangsaliert, und so muss er mit seinen ersten pubertären Erfahrungen irgendwie selbst klarkommen, sich fast schon selbst therapieren. Wir spielten am liebsten mit dem Dinosaurier mit dem Nackenschild und den Hörnern. Er aß nur Pflanzen, aber war unbesiegbar. Er war kompakt, schwer gepanzert, ein guter Krieger. Niemand konnte ihn in den Hals beißen, nichts konnte ihn umwerfen. Er stand fest auf der Erde. (S. 62) Stephan Roiss entwirft in "Triceratops" meiner Meinung nach das äußerst genaue Psychogramm eines Kindes, das in einer toxischen Beziehung mit der psychisch kranken Mutter aufwächst. Jeder Schritt des Jungen ist absolut nachvollziehbar und man möchte ihn einfach nur in den Arm nehmen, alles Ungeschehen machen. Das Trauma der Mutter wütet in dieser Familie über die Schmerzgrenze hinaus und hinterlässt eine Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, wie ich sie selten in Büchern gespürt habe. Man wohnt hier der Entfremdung des Protagonisten von der Welt bei, die sowohl innerlich wie äußerlich vollzogen wird. Das war gleichzeitig interessant, aufschlussreich und unendlich traurig. Eine klare Empfehlung für alle, die die vorgenannten Themen nicht abschrecken. Gebt auf euch Acht!
Ich gebe nur ungern so eine schlechte Bewertung, jedoch konnte ich mit dem rein gar nichts anfangen. Ich konnte mich in unseren Protagonisten überhaupt nicht hineinversetzen und durch die schnellen Zeitsprünge, konnte ich mich irgendwie nicht in der Geschichte fallen lassen und habe mich wirklich durch diese 180 Seiten gequält. Für mich persönlich war der Schreibstil das schlimmste, irgendwie konnte ich mit dem gar nichts anfangen und wie bereits erwähnt fand ich diese großen Zeitsprünge sehr anstrengend. Letztendlich kann ich dem Buch leider nur 0 Sternen geben, denn ab der ersten Seite an ,habe ich immer nur gehofft, dass das Buch bald zu Ende ist.
Der erste Eindruck ist, dass hier offensichtlich ein Rollentausch vorliegt: Die Mutter heult und jammert, um Aufmerksamkeit zu bekommen, der Sohn muss immer für emotionale Unterstützung verfügbar sein. Die Tür zum Kinderzimmer hat grundsätzlich offen zu stehen, damit er sie weinen hören und direkt trösten kann, und als er Tür und Ohren mal leise schließt, reagiert die Mutter umgehend mit passiv-aggressiver Schuldzuweisung._ _ Das unglückliche Kind isst zuviel, wird übergewichtig, hat ständig Ekzeme und wird daher auch noch in der Schule gemobbt. Es hätte gerne die Hörner, den Nackenschild und den wehrhaften Panzer eines Triceratops, tatsächlich kratzt er sich die dünne verletzliche Haut, bis sie in blutigen Fetzen hängt._ _ Es gibt kein “Ich”._ _ “Nachdem sich der Fluss beruhigt hatte, standen wir auf und stellten uns auf die unterste der steinernen Stufen, die neben uns ins Wasser führten. Das gegenüberliegende Ufer konnten wir im Nebel bloß erahnen. Wir schlossen die Augen. Langsam kippten wir vornüber.”_ (Zitat)_ _ Der Erzähler spricht in der Wir-Form von sich, was hier keineswegs wirkt wie Pluralis Majestatis – ganz im Gegenteil. Daraus spricht eine tiefe Verwundung, eine bodenlose Haltlosigkeit, auch wenn man als Leserin nur spekulieren kann:_ _ Kann das Kind sich selber abweichende oder gar negative Meinungen bezüglich der Mutter nicht gestatten und muss diese daher in eine zweite Persönlichkeit abspalten? Ist es so einsam, dass es Trost sucht bei sich selbst, dass es ein “Wir gegen den Rest der Welt”-Gefühl manifestiert? Der Autor lässt es offen, ein Warnsignal ist es so oder so._ _ Meine ursprüngliche emotionale Reaktion auf die scheinbare Selbstsucht der Mutter – ein gärend bitteres Bauchgefühl –, musste ich im Laufe des Romans immer wieder überdenken und anpassen. Lernen, sie nicht als Täterin zu sehen, sondern als zutiefst verwundete, kranke Frau. Es wäre allzu einfach, ihr zu zürnen, weil sie dem Sohn eine Verantwortung auflädt, die er ohne seelische Wunden gar nicht stemmen kann._ _ Sie selbst sagt von sich, sie habe ihren Kindern so viel Liebe gegeben, wie sie nur konnte. Und auch wenn ein Sündenbock die Geschichte vielleicht etwas leichter hinnehmbar gemacht hätte, ist doch offensichtlich, dass sie mit ihrer Rolle als Mutter und dem Leben an sich wirklich heillos überfordert ist. Sie schluckt Neuroleptika, muss oft in die Klinik, weil gar nichts mehr geht._ _ »Mutter hat die Pfanne vom Herd genommen«, sagte sie unvermittelt. »Sie hat sie auf den Boden gestellt und ist barfuß in das heiße Fett gestiegen. Du hast im Gitterbett geplärrt.«_ (Zitat)_ _ Die Schwester des Erzählers ist ganz offensichtlich auf dem autistischen Spektrum, was natürlich niemand realisiert, weil die Mutter die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch sie kann den Erzähler nur bedingt unterstützen und wird später zu einer weiteren Quelle der Sorge und des Traumas._ _ Das verstörte Kind wird zu einem verlorenen Jugendlichen, zu einem strauchelnden jungen Mann. Er, immer der Namen- und Haltlose, sucht sich letztendlich Freunde, die ebenfalls Außenseiter sind, doch auch hier gibt es einen Bruch:_ _ Um dazuzugehören, gibt er paradoxer Weise lange vor, stumm zu sein, fühlt sich offenbar sicherer in dieser Rolle, und lebt dadurch doch nur eine Lüge. Sogar seiner Freundin gegenüber erhält er die Täuschung aufrecht, dem Menschen, von dem er doch bedingungslose Akzeptanz erwarten könnte._ _ Die Longlist des Deutschen Buchpreises ist dieses Jahr voller kaputter Familien. “Triceratops” ist da keine Ausnahme: das Buch ist ein Aufschrei, die Geschichte eines jungen Menschen, der an den psychischen Störungen seiner Familie zerbricht. Es ist ein unheilvoller Domino-Effekt: der Großvater hat sich erhängt, die Mutter ist schwerst depressiv, die autistische Schwester scheitert später katastrophal an ihrer eigenen Mutterrolle, der Vater kann das alles nicht mehr ertragen und greift zum Alkohol._ _ Und alles lastet schwer auf dem Rücken des Protagonisten, der sich schuldig fühlen muss für jeden Versuch, sich einen Raum für die eigenen Emotionen zu erobern. In seinen Gedanken streitet er ab, die Mutter zu lieben, als könne er sich damit auch der Co-Abhängigkeit entledigen:_ _ “Wir sagten Mutter, dass wir sie lieben. Es war nicht wahr. Wir wollten nichts sagen, sie nicht berühren, nicht alleine mit ihr sein.“_ (Zitat)_ _ »Alles ist gut« zieht sich wie ein Mantra durchs Buch, dabei ist hier rein gar nichts gut, für niemanden. Man ist versucht, Schuld zuzuweisen, um dem Ganzen wenigstens irgendeine Art von Sinn zu geben – und damit zu suggerieren, dass es eine Lösung des Problems geben kann. Wo ein Schuldiger ist, gibt es auch Bestrafung, Verbannung oder Verhandlung. Die Tante glaubt an einen Fluch und weist dem Protagonisten die Rolle des Fluchbrechers zu, was diesen noch mehr unter Druck setzt._ _ »Und niemand! Niemand war jemals wirklich da! Niemand!«_ (Zitat)_ _ Die letzte Stabilität zerbricht mit dem Tod der Großmutter, dem einzigen Fixpunkt im Leben des Erzählers. Den Großvater hat er nie kennengelernt, aber dessen schon lange nicht mehr genutzte Hütte im Wald wird zu seinem Rückzugsort. Auf einer Karte hat der Großvater ein rätselhaftes “X” markiert, und es wird zur fixen Idee, diesen Ort zu finden, in der Hoffnung auf… Ja, auf was? Eine Erklärung? Ein Heilmittel? Erlösung? Vergebung? Der Erzähler verausgabt sich auf der Suche, ohne Rücksicht auf seine Gesund- oder Sicherheit._ _ Der Autor erzählt das in kompakter Form, die doch nie an erzählerischer Wucht verliert. Der Schreibstil ist oft nüchtern, bringt die Dinge verdichtet und wie nebenbei auf den Punkt. In meinen Augen eine gute Wahl, denn ein hochemotionaler Stil hätte die inhaltliche Dramatik womöglich bis ins Pathos überreizt und für den Lesenden unzumutbar gemacht._ _ Die Geschichte liest sich so schon beklemmend und düster – es gibt hier keine neutrale Instanz, keinen Blick von außen, nur die klaustrophobische Hölle dieser gepeinigten Familie. Man ist als Leserin mittendrin, auch wenn der Erzähler versucht, sich in seinem “Wir” von ihr zu distanzieren._ _ Die Charaktere werden sparsam beschrieben, mit gerade genug Details und Einblicken in ihr Seelenleben, um sie in ihrem jeweiligen Trauma prägnant darzustellen. Dies ist eine dysfunktionale Familie wie aus dem Lehrbuch. Da ist es gut, zwischendurch einen Schritt zurücktreten und durchatmen zu können, wenn ein Erzählstrang abbricht und sich einen neuen Fokus sucht._ _ Fazit_ _ Der Protagonist ist der jüngste Sohn einer entsetzlich dysfunktionalen Familie. Der Großvater hat sich schon erhängt, die Tante glaubt, da sei der Wahnsinn auf ihre Schwester übergesprungen. Der Erzähler versucht, der depressiven Mutter Halt zu geben, während und um ihn herum die familiären Strukturen immer weiter zersplittern: die autistische Schwester ist ihm keine Hilfe, der Vater kann alles nicht mehr ertragen und trinkt._ _ Das könnte alles viel zu viel sein, der klare Schreibstil ohne Pathos hält jedoch alles zusammen. Der Autor führt den Leser mitten hinein in dieses familiäre Drama, ermöglicht ihm aber gleichzeitig genug Distanz, dass man die Geschichte aushält und auch weiterlesen will. Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-stephan-roiss-triceratops/
Hach, ich weiß irgendwie gar nicht, was ich zu diesem Buch sagen soll. Ich mochte den Schreibstil – er war klar und kraftvoll und dennoch auf eine Art ... gespenstisch, poetisch und verwoben. Die Sätze kurz und prägnant. Das Papier ist schön dick, der Aufbau der Seiten faszinierend und einprägsam. Für mich hat hier allerdings der Höhepunkt gefehlt, auch wenn natürlich einige einschneidende Erlebnisse im Leben des Protagonisten geschehen sind. Es ist allerdings alles ein wenig ... dahingetröpfelt. Hat sich angefühlt wie ein kleiner Bach, der gleichmäßig dahinfließt. Manchmal kamen gewisse Zeitsprünge zu abrupt, haben mich aus dem Lesefluss gerissen. Ich glaube, ich muss länger über das Gelesene nachdenken, um zu einem finalen Schluss zu kommen, aber aktuell bleibe ich ein wenig unzufrieden zurück.
Die erschütternde und schonungslose Innenschau eines Jungen mit Identitätsstörung. Dissoziation und Aufspaltung der Persönlichkeit werden spürbar durch die gängige Wir-Form des Erzählens und des reaktiven autoaggressiven Verhaltens. Was zur Entstehung dieser traumatischen Entwicklung beigetragen hat, erfahren die Lesenden zwischen den Zeilen. Zusätzlich zu den Puzzleteilen des desaströsen Familienlebens lesen wir von dem Versuch des Adoleszenten, sich aus diesen Verhältnissen zu lösen. Ein tief bewegendes und maximal authentisches Buch!
Ich habe Triceratops direkt zwei Mal hintereinander gelesen, weil ich dieses Werk irgendwie nicht begreifen konnte. Die Schreibweise war mir zunächst fremd – vor allem weil der Protagonist von sich selbst in der dritten Person plural spricht. Ansonsten sind die Formulierungen direkt auf den Punkt gebracht. Wer blumige Umschreibungen sucht, wird sie hier nicht finden. Kurze Episoden aus Kindheit und Jugend reihen sich aneinander und erst am Ende ergibt sich ein Gesamtbild. Die Ausführungen waren für mich verstörend, traurig und manchmal richtig lustig. Der Autor braucht nicht viele Worte um eine Szene zu beschreiben und trotzdem hat er es geschafft, dass ich immer direkt drin war. Die Atmosphäre im Buch empfand ich als durchgehend kühl und bedrückend – auch das ist mir bisher selten in Romanen untergekommen. Der Protagonist ist ein bemitleidenswerter Außenseiter der trotz Einsamkeit, Schicksalsschlägen und psychischer Probleme noch fast wie der Normalste in der Familie wirkt. Und auch wenn der Roman zunächst oberflächlich wirkt, hat sich für mich am Ende herausgestellt, dass er unglaublich tiefgründig ist und viele offene Fragen zurücklässt. Aufgrund seiner Andersartigkeit ist Triceratops definitiv eines meiner Jahreshighlights! Vielleicht auch wegen des raffiniert gewählten Titels, der auf verschiedenste Weise zur Geschichte passt. Trotzdem wird das Buch nicht für jede*n etwas sein, da es viele Trigger enthält.
Aufmerksam wurde ich auf „Triceratops“ von Stephan Roiss, weil das Buch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020 stand. Die Leseprobe machte mich im vergangenen Jahr neugierig auf das Buch und so landete es schließlich auf meinem eReader. Und wie das manchmal so ist, drängelten sich zwischenzeitlich andere Bücher in den Vordergrund und ich vergaß gänzlich, worum es in dem Buch eigentlich geht. Als ich kürzlich beschloss es endlich zu lesen, ging ich daher völlig unbeeinflusst von Klappentext oder sonstigen Informationen an das Buch heran. Ich wusste lediglich, dass der Deutsche Buchpreis 2020 von einem anderen Buch gewonnen worden war. Beim Lesen finde ich mich inmitten der Gedankenwelt eines Kindes in den 1980er Jahren wieder. Der Junge, der in dem kompletten Buch namenlos bleibt, beschreibt sein Erleben in der Wir-Perspektive. Aber auch anhand der Sprache merkt man als Leser schnell, dass mit diesem Jungen irgendetwas nicht stimmt. Die Erzählweise ist merkwürdig abgehackt und gefühllos. Dies zu lesen macht nicht unbedingt Freude und auch nicht die nicht lineare Erzählweise, die einen durch das Leben dieses eigenartigen Jungen springen lässt und allmählich in kurzen Kapiteln immer mehr von seinem Umfeld offenbart. Denn in einen Lesefluss gerät man dadurch nicht. Aber dies ist auch keine Geschichte zum Zurücklehnen und Schmökern, denn der Junge wird in einer Familie mit psychischen Erkrankungen groß, die nicht die besten Voraussetzungen für ein gesundes Heranwachsen bietet. Das unglückliche Kind isst zu viel, wird übergewichtig, hat ständig Ekzeme und wird auch noch in der Schule gemobbt. Es hätte gerne die Hörner, den Nackenschild und den wehrhaften Panzer eines Triceratops, denn immer wieder kratzt er sich seine dünne verletzliche Haut auf, bis sie in blutigen Fetzen hängt. Im zweiten Teil des Buches ändert sich glücklicherweise die Wahrnehmung des Jungen und damit auch die Sprache, die ab sofort etwas beschreibender wird. Die Grundstimmung bleibt jedoch bedrückend. Der inzwischen Jugendliche entwickelt sich und sucht nicht nur seinen Weg im Leben, sondern versucht auch mit seiner Wut fertigzuwerden. Ohne menschlichen Beistand oder die Fähigkeit zur Selbstreflexion probiert er einiges aus, gerät auf Abwege und muss mit ansehen, wie es mit seiner Familie immer weiter bergab geht. So richtig nah komme ich diesem Protagonisten beim Lesen jedoch nicht und auch stilistisch konnte mich das Buch nicht fesseln. Aber dennoch war mein Interesse so weit geweckt, dass ich erfahren wollte, wie diese Geschichte endet und was sie mir eigentlich vermitteln möchte. Denn vieles wird in diesem Roman nur angedeutet und manches klischeehaft abgearbeitet. Letztlich ließ mich das Ende im wahrsten Sinne des Wortes gespalten und mit dem Eindruck zurück, dass man aus dieser Geschichte mehr hätte machen können.
Beschreibung
Buchinformationen
Beiträge
Ok, ich muss zugeben, die Erzählstimme hat mich durchweg verwirrt, obwohl ich es längst gerafft haben sollte: Der Junge, später Jugendliche, spricht von sich selbst als "Wir", worüber ich wirklich zu oft gestolpert bin. Allein dieser Umstand ist wahrscheinlich eine rote Fahne für alle Psychologen. Was mit diesem Jungen "nicht stimmt", erfahren wir über kurze vignettenhafte Kapitel, die oft nicht mal eine ganze Seite füllen. Mit einer stark depressiven Mutter und einem sich teilnahmslos gebenden, bibeltreuen, später alkoholsüchtigen Vater erfährt der Protagonist wenig Halt oder Orientierung. Auch seine ältere Schwester scheint in dieser dysfunktionalen Familie geistig abwesend zu sein. Den Kindern wird eine Verantwortung aufgebürdet, der sie natürlich nicht gerecht werden können und gegen die der Protagonist sich mehr und mehr durch Flucht vor der Welt zu entziehen versucht. Niemand war jemals für ihn da, auch in der Schule wird er drangsaliert, und so muss er mit seinen ersten pubertären Erfahrungen irgendwie selbst klarkommen, sich fast schon selbst therapieren. Wir spielten am liebsten mit dem Dinosaurier mit dem Nackenschild und den Hörnern. Er aß nur Pflanzen, aber war unbesiegbar. Er war kompakt, schwer gepanzert, ein guter Krieger. Niemand konnte ihn in den Hals beißen, nichts konnte ihn umwerfen. Er stand fest auf der Erde. (S. 62) Stephan Roiss entwirft in "Triceratops" meiner Meinung nach das äußerst genaue Psychogramm eines Kindes, das in einer toxischen Beziehung mit der psychisch kranken Mutter aufwächst. Jeder Schritt des Jungen ist absolut nachvollziehbar und man möchte ihn einfach nur in den Arm nehmen, alles Ungeschehen machen. Das Trauma der Mutter wütet in dieser Familie über die Schmerzgrenze hinaus und hinterlässt eine Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, wie ich sie selten in Büchern gespürt habe. Man wohnt hier der Entfremdung des Protagonisten von der Welt bei, die sowohl innerlich wie äußerlich vollzogen wird. Das war gleichzeitig interessant, aufschlussreich und unendlich traurig. Eine klare Empfehlung für alle, die die vorgenannten Themen nicht abschrecken. Gebt auf euch Acht!
Ich gebe nur ungern so eine schlechte Bewertung, jedoch konnte ich mit dem rein gar nichts anfangen. Ich konnte mich in unseren Protagonisten überhaupt nicht hineinversetzen und durch die schnellen Zeitsprünge, konnte ich mich irgendwie nicht in der Geschichte fallen lassen und habe mich wirklich durch diese 180 Seiten gequält. Für mich persönlich war der Schreibstil das schlimmste, irgendwie konnte ich mit dem gar nichts anfangen und wie bereits erwähnt fand ich diese großen Zeitsprünge sehr anstrengend. Letztendlich kann ich dem Buch leider nur 0 Sternen geben, denn ab der ersten Seite an ,habe ich immer nur gehofft, dass das Buch bald zu Ende ist.
Der erste Eindruck ist, dass hier offensichtlich ein Rollentausch vorliegt: Die Mutter heult und jammert, um Aufmerksamkeit zu bekommen, der Sohn muss immer für emotionale Unterstützung verfügbar sein. Die Tür zum Kinderzimmer hat grundsätzlich offen zu stehen, damit er sie weinen hören und direkt trösten kann, und als er Tür und Ohren mal leise schließt, reagiert die Mutter umgehend mit passiv-aggressiver Schuldzuweisung._ _ Das unglückliche Kind isst zuviel, wird übergewichtig, hat ständig Ekzeme und wird daher auch noch in der Schule gemobbt. Es hätte gerne die Hörner, den Nackenschild und den wehrhaften Panzer eines Triceratops, tatsächlich kratzt er sich die dünne verletzliche Haut, bis sie in blutigen Fetzen hängt._ _ Es gibt kein “Ich”._ _ “Nachdem sich der Fluss beruhigt hatte, standen wir auf und stellten uns auf die unterste der steinernen Stufen, die neben uns ins Wasser führten. Das gegenüberliegende Ufer konnten wir im Nebel bloß erahnen. Wir schlossen die Augen. Langsam kippten wir vornüber.”_ (Zitat)_ _ Der Erzähler spricht in der Wir-Form von sich, was hier keineswegs wirkt wie Pluralis Majestatis – ganz im Gegenteil. Daraus spricht eine tiefe Verwundung, eine bodenlose Haltlosigkeit, auch wenn man als Leserin nur spekulieren kann:_ _ Kann das Kind sich selber abweichende oder gar negative Meinungen bezüglich der Mutter nicht gestatten und muss diese daher in eine zweite Persönlichkeit abspalten? Ist es so einsam, dass es Trost sucht bei sich selbst, dass es ein “Wir gegen den Rest der Welt”-Gefühl manifestiert? Der Autor lässt es offen, ein Warnsignal ist es so oder so._ _ Meine ursprüngliche emotionale Reaktion auf die scheinbare Selbstsucht der Mutter – ein gärend bitteres Bauchgefühl –, musste ich im Laufe des Romans immer wieder überdenken und anpassen. Lernen, sie nicht als Täterin zu sehen, sondern als zutiefst verwundete, kranke Frau. Es wäre allzu einfach, ihr zu zürnen, weil sie dem Sohn eine Verantwortung auflädt, die er ohne seelische Wunden gar nicht stemmen kann._ _ Sie selbst sagt von sich, sie habe ihren Kindern so viel Liebe gegeben, wie sie nur konnte. Und auch wenn ein Sündenbock die Geschichte vielleicht etwas leichter hinnehmbar gemacht hätte, ist doch offensichtlich, dass sie mit ihrer Rolle als Mutter und dem Leben an sich wirklich heillos überfordert ist. Sie schluckt Neuroleptika, muss oft in die Klinik, weil gar nichts mehr geht._ _ »Mutter hat die Pfanne vom Herd genommen«, sagte sie unvermittelt. »Sie hat sie auf den Boden gestellt und ist barfuß in das heiße Fett gestiegen. Du hast im Gitterbett geplärrt.«_ (Zitat)_ _ Die Schwester des Erzählers ist ganz offensichtlich auf dem autistischen Spektrum, was natürlich niemand realisiert, weil die Mutter die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch sie kann den Erzähler nur bedingt unterstützen und wird später zu einer weiteren Quelle der Sorge und des Traumas._ _ Das verstörte Kind wird zu einem verlorenen Jugendlichen, zu einem strauchelnden jungen Mann. Er, immer der Namen- und Haltlose, sucht sich letztendlich Freunde, die ebenfalls Außenseiter sind, doch auch hier gibt es einen Bruch:_ _ Um dazuzugehören, gibt er paradoxer Weise lange vor, stumm zu sein, fühlt sich offenbar sicherer in dieser Rolle, und lebt dadurch doch nur eine Lüge. Sogar seiner Freundin gegenüber erhält er die Täuschung aufrecht, dem Menschen, von dem er doch bedingungslose Akzeptanz erwarten könnte._ _ Die Longlist des Deutschen Buchpreises ist dieses Jahr voller kaputter Familien. “Triceratops” ist da keine Ausnahme: das Buch ist ein Aufschrei, die Geschichte eines jungen Menschen, der an den psychischen Störungen seiner Familie zerbricht. Es ist ein unheilvoller Domino-Effekt: der Großvater hat sich erhängt, die Mutter ist schwerst depressiv, die autistische Schwester scheitert später katastrophal an ihrer eigenen Mutterrolle, der Vater kann das alles nicht mehr ertragen und greift zum Alkohol._ _ Und alles lastet schwer auf dem Rücken des Protagonisten, der sich schuldig fühlen muss für jeden Versuch, sich einen Raum für die eigenen Emotionen zu erobern. In seinen Gedanken streitet er ab, die Mutter zu lieben, als könne er sich damit auch der Co-Abhängigkeit entledigen:_ _ “Wir sagten Mutter, dass wir sie lieben. Es war nicht wahr. Wir wollten nichts sagen, sie nicht berühren, nicht alleine mit ihr sein.“_ (Zitat)_ _ »Alles ist gut« zieht sich wie ein Mantra durchs Buch, dabei ist hier rein gar nichts gut, für niemanden. Man ist versucht, Schuld zuzuweisen, um dem Ganzen wenigstens irgendeine Art von Sinn zu geben – und damit zu suggerieren, dass es eine Lösung des Problems geben kann. Wo ein Schuldiger ist, gibt es auch Bestrafung, Verbannung oder Verhandlung. Die Tante glaubt an einen Fluch und weist dem Protagonisten die Rolle des Fluchbrechers zu, was diesen noch mehr unter Druck setzt._ _ »Und niemand! Niemand war jemals wirklich da! Niemand!«_ (Zitat)_ _ Die letzte Stabilität zerbricht mit dem Tod der Großmutter, dem einzigen Fixpunkt im Leben des Erzählers. Den Großvater hat er nie kennengelernt, aber dessen schon lange nicht mehr genutzte Hütte im Wald wird zu seinem Rückzugsort. Auf einer Karte hat der Großvater ein rätselhaftes “X” markiert, und es wird zur fixen Idee, diesen Ort zu finden, in der Hoffnung auf… Ja, auf was? Eine Erklärung? Ein Heilmittel? Erlösung? Vergebung? Der Erzähler verausgabt sich auf der Suche, ohne Rücksicht auf seine Gesund- oder Sicherheit._ _ Der Autor erzählt das in kompakter Form, die doch nie an erzählerischer Wucht verliert. Der Schreibstil ist oft nüchtern, bringt die Dinge verdichtet und wie nebenbei auf den Punkt. In meinen Augen eine gute Wahl, denn ein hochemotionaler Stil hätte die inhaltliche Dramatik womöglich bis ins Pathos überreizt und für den Lesenden unzumutbar gemacht._ _ Die Geschichte liest sich so schon beklemmend und düster – es gibt hier keine neutrale Instanz, keinen Blick von außen, nur die klaustrophobische Hölle dieser gepeinigten Familie. Man ist als Leserin mittendrin, auch wenn der Erzähler versucht, sich in seinem “Wir” von ihr zu distanzieren._ _ Die Charaktere werden sparsam beschrieben, mit gerade genug Details und Einblicken in ihr Seelenleben, um sie in ihrem jeweiligen Trauma prägnant darzustellen. Dies ist eine dysfunktionale Familie wie aus dem Lehrbuch. Da ist es gut, zwischendurch einen Schritt zurücktreten und durchatmen zu können, wenn ein Erzählstrang abbricht und sich einen neuen Fokus sucht._ _ Fazit_ _ Der Protagonist ist der jüngste Sohn einer entsetzlich dysfunktionalen Familie. Der Großvater hat sich schon erhängt, die Tante glaubt, da sei der Wahnsinn auf ihre Schwester übergesprungen. Der Erzähler versucht, der depressiven Mutter Halt zu geben, während und um ihn herum die familiären Strukturen immer weiter zersplittern: die autistische Schwester ist ihm keine Hilfe, der Vater kann alles nicht mehr ertragen und trinkt._ _ Das könnte alles viel zu viel sein, der klare Schreibstil ohne Pathos hält jedoch alles zusammen. Der Autor führt den Leser mitten hinein in dieses familiäre Drama, ermöglicht ihm aber gleichzeitig genug Distanz, dass man die Geschichte aushält und auch weiterlesen will. Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog: https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-stephan-roiss-triceratops/
Hach, ich weiß irgendwie gar nicht, was ich zu diesem Buch sagen soll. Ich mochte den Schreibstil – er war klar und kraftvoll und dennoch auf eine Art ... gespenstisch, poetisch und verwoben. Die Sätze kurz und prägnant. Das Papier ist schön dick, der Aufbau der Seiten faszinierend und einprägsam. Für mich hat hier allerdings der Höhepunkt gefehlt, auch wenn natürlich einige einschneidende Erlebnisse im Leben des Protagonisten geschehen sind. Es ist allerdings alles ein wenig ... dahingetröpfelt. Hat sich angefühlt wie ein kleiner Bach, der gleichmäßig dahinfließt. Manchmal kamen gewisse Zeitsprünge zu abrupt, haben mich aus dem Lesefluss gerissen. Ich glaube, ich muss länger über das Gelesene nachdenken, um zu einem finalen Schluss zu kommen, aber aktuell bleibe ich ein wenig unzufrieden zurück.
Die erschütternde und schonungslose Innenschau eines Jungen mit Identitätsstörung. Dissoziation und Aufspaltung der Persönlichkeit werden spürbar durch die gängige Wir-Form des Erzählens und des reaktiven autoaggressiven Verhaltens. Was zur Entstehung dieser traumatischen Entwicklung beigetragen hat, erfahren die Lesenden zwischen den Zeilen. Zusätzlich zu den Puzzleteilen des desaströsen Familienlebens lesen wir von dem Versuch des Adoleszenten, sich aus diesen Verhältnissen zu lösen. Ein tief bewegendes und maximal authentisches Buch!
Ich habe Triceratops direkt zwei Mal hintereinander gelesen, weil ich dieses Werk irgendwie nicht begreifen konnte. Die Schreibweise war mir zunächst fremd – vor allem weil der Protagonist von sich selbst in der dritten Person plural spricht. Ansonsten sind die Formulierungen direkt auf den Punkt gebracht. Wer blumige Umschreibungen sucht, wird sie hier nicht finden. Kurze Episoden aus Kindheit und Jugend reihen sich aneinander und erst am Ende ergibt sich ein Gesamtbild. Die Ausführungen waren für mich verstörend, traurig und manchmal richtig lustig. Der Autor braucht nicht viele Worte um eine Szene zu beschreiben und trotzdem hat er es geschafft, dass ich immer direkt drin war. Die Atmosphäre im Buch empfand ich als durchgehend kühl und bedrückend – auch das ist mir bisher selten in Romanen untergekommen. Der Protagonist ist ein bemitleidenswerter Außenseiter der trotz Einsamkeit, Schicksalsschlägen und psychischer Probleme noch fast wie der Normalste in der Familie wirkt. Und auch wenn der Roman zunächst oberflächlich wirkt, hat sich für mich am Ende herausgestellt, dass er unglaublich tiefgründig ist und viele offene Fragen zurücklässt. Aufgrund seiner Andersartigkeit ist Triceratops definitiv eines meiner Jahreshighlights! Vielleicht auch wegen des raffiniert gewählten Titels, der auf verschiedenste Weise zur Geschichte passt. Trotzdem wird das Buch nicht für jede*n etwas sein, da es viele Trigger enthält.
Aufmerksam wurde ich auf „Triceratops“ von Stephan Roiss, weil das Buch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020 stand. Die Leseprobe machte mich im vergangenen Jahr neugierig auf das Buch und so landete es schließlich auf meinem eReader. Und wie das manchmal so ist, drängelten sich zwischenzeitlich andere Bücher in den Vordergrund und ich vergaß gänzlich, worum es in dem Buch eigentlich geht. Als ich kürzlich beschloss es endlich zu lesen, ging ich daher völlig unbeeinflusst von Klappentext oder sonstigen Informationen an das Buch heran. Ich wusste lediglich, dass der Deutsche Buchpreis 2020 von einem anderen Buch gewonnen worden war. Beim Lesen finde ich mich inmitten der Gedankenwelt eines Kindes in den 1980er Jahren wieder. Der Junge, der in dem kompletten Buch namenlos bleibt, beschreibt sein Erleben in der Wir-Perspektive. Aber auch anhand der Sprache merkt man als Leser schnell, dass mit diesem Jungen irgendetwas nicht stimmt. Die Erzählweise ist merkwürdig abgehackt und gefühllos. Dies zu lesen macht nicht unbedingt Freude und auch nicht die nicht lineare Erzählweise, die einen durch das Leben dieses eigenartigen Jungen springen lässt und allmählich in kurzen Kapiteln immer mehr von seinem Umfeld offenbart. Denn in einen Lesefluss gerät man dadurch nicht. Aber dies ist auch keine Geschichte zum Zurücklehnen und Schmökern, denn der Junge wird in einer Familie mit psychischen Erkrankungen groß, die nicht die besten Voraussetzungen für ein gesundes Heranwachsen bietet. Das unglückliche Kind isst zu viel, wird übergewichtig, hat ständig Ekzeme und wird auch noch in der Schule gemobbt. Es hätte gerne die Hörner, den Nackenschild und den wehrhaften Panzer eines Triceratops, denn immer wieder kratzt er sich seine dünne verletzliche Haut auf, bis sie in blutigen Fetzen hängt. Im zweiten Teil des Buches ändert sich glücklicherweise die Wahrnehmung des Jungen und damit auch die Sprache, die ab sofort etwas beschreibender wird. Die Grundstimmung bleibt jedoch bedrückend. Der inzwischen Jugendliche entwickelt sich und sucht nicht nur seinen Weg im Leben, sondern versucht auch mit seiner Wut fertigzuwerden. Ohne menschlichen Beistand oder die Fähigkeit zur Selbstreflexion probiert er einiges aus, gerät auf Abwege und muss mit ansehen, wie es mit seiner Familie immer weiter bergab geht. So richtig nah komme ich diesem Protagonisten beim Lesen jedoch nicht und auch stilistisch konnte mich das Buch nicht fesseln. Aber dennoch war mein Interesse so weit geweckt, dass ich erfahren wollte, wie diese Geschichte endet und was sie mir eigentlich vermitteln möchte. Denn vieles wird in diesem Roman nur angedeutet und manches klischeehaft abgearbeitet. Letztlich ließ mich das Ende im wahrsten Sinne des Wortes gespalten und mit dem Eindruck zurück, dass man aus dieser Geschichte mehr hätte machen können.













