Lauter Hass
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Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Lukas Geck ist Sozialwissenschaftler und Autor. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Antisemitismus, Rechtsextremismus und Erinnerungskultur. Gemeinsam mit Maria Kanitz veröffentlichte er 2022 das Buch "Klaviatur des Hasses – Antisemitismus in der Musik". Lukas Geck lebt und arbeitet in Berlin.
Beiträge
Seit spätestens zwei Jahren gibt es massig viele Bücher zu Antisemitismus, die aber von unterschiedlicher Qualität sind. So hatte ich das thematisch ähnlich gelagerte "Judenhass Underground" bspw. nie rezensiert, weil ich es zwar inhaltlich wichtig fand, mich aber massiv geärgert hatte, dass es keine Literaturangaben gab. Gerade bei dem Thema finde ich das wichtig. Und mangelnde Belegführung kann man nun Maria Kanitz und Lukas Geck gerade nicht vorwerfen. Auf konzisen unter 200 Seiten nehmen sie uns mit durch AS als popkulturelles Ereignis in seinen verschiedenen Dimensionen, das bedeutet innerhalb von Songtexten, als Teil einer sich propalästinensisch gebenden, dabei aber mitunter die Grenzen zum AS überschreitenden Protestbewegung, die auf der Bühne und in Konzertsälen zum Ausdruck kommt, als Haltung innerhalb einer Musikbranche, in der Musiker*innen unter Druck gesetzt werden wenn sie in Israel auftreten, während es ähnliche Phänomene bei China oder Russland nicht gibt. Und natürlich geht es auch um die Kultivierung von AS unter Fans, die insbesondere durch Social Media und die parasozialen Beziehungen in dem Kontext einen krassen Aufschwung erlebt hat. Die beiden Autor*innen liefern uns damit mehreres. Erstens, für manche vielleicht schon bekannt, aber trotzdem in dieser Sammlung sehr hilfreich, eine Darlegung der Verbreitung des AS quer durch die Genres. Klar geht das nicht ohne Kollegah und Gangsta Rap, aber natürlich müssen auch Roger Waters und Xavier Naidoo hier betrachtet werden - wodurch auch schon die Bandbreite verschwörungstheoretischer Raunerei in der Musik deutlich wird. Ein eher harmloserer Fall ist aber bspw. auch Patti Smith, die ich eigentlich sehr liebe, die aber sehr engagiert in der schwierigen BDS-Bewegung ist. Seit dem 7. Oktober sind hier einige Künstler*innen dazugekommen, die nun - sicherlich aus der nachvollziehbaren Motivation, sich mit Menschen in G4z4 zu solidarisieren - oft unkritisch Hamas-Propaganda teilen, die Schuld einseitig bei Israel suchen und dabei mindestens codierte Formen des AS zeigen, in Songtexten und/oder auf ihren Konzerten. Berühmt bspw. Macklemore. Aber auch Massive Attack, bei denen sich in der wohlwollendsten Lesart der nachvollziehbare Wunsch, den Krieg zu kritisieren, AS-Bildsprache und Einseitigkeiten einschleichen. Die beiden Autor*innen reflektieren, zweitens, die verschiedenen Dimensionen des Phänomens und das gefiel mir am Buch besonders gut. Es geht bspw. darum, was Musik emotional in Menschen auslöst, dass deshalb solche Botschaften breiter verfangen können, dass Konzerte als Massenereignisse mit begeisterten Fans hier nochmal ein ganz anderer Resonanzraum sind, dass sich mit plötzlich legitimer kultureller Aneignung der Kufiya massiv Geld machen lässt. Dabei sind sie, drittens, klar in ihrer Haltung und Kritik und dabei trotzdem nicht, wie es ja leider mitunter auch passiert, selbst eindimensional oder irgendwie ignorant palästinensischem Leid gegenüber. Insgesamt ist deshalb ein sehr lesenswertes Buch entstanden, das sich bedacht und ohne zu große Polemit der Vielschichtigkeit des AS in der Popkultur widmet. Zwei kleinere Kritikpunkte, wobei der erstere eigentlich eher meine individuelle Präferenz ausdrückt: Ich hätte hier gern auch 400 Seiten gelesen und wäre noch tiefer in die dahinterliegenden Studien oder Argumente eingestiegen. Vermutlich platzbedingt wird an einigen Stellen etwas gesetzt, wo ich mir als jemand die sich selbst mit AS sehr intensiv befasst erklären kann, woher das kommt. Aber gerade wenn es um Niedrigschwelligkeit geht und man nicht nur zum eigenen Chor predigen will, wären an manchen Stellen nochmal tiefere Exkurse hilfreich gewesen. Gerade auch, weil man denke ich die Position der beiden absolut vertreten kann, weil aber die Frage dessen wie "streng" man AS auslegt durchaus auch in der Forschung umstritten ist. Ich kann mir vorstellen, dass sich Leuten, die noch nicht so stark im Thema stecken, das Codierte des gegenwärtigen AS und die Frage wie man gerade da AS dann zuverlässig feststellt, ohne zu voreilig Kommunikationskanäle dichtzumachen nicht so einfach erschließt. Womit ich dann zum einzigen tatsächlichen Kritikpunkt komme, nämlich dass AS im Buch nicht nochmal dezidiert definiert wird, sondern vorausgesetzt wird, dass Leser*innen das verwendete Verständnis kennen und teilen. Das finde ich etwas schade, weil sich das Buch dadurch selbst eine gewisse Tiefe und Diskutierbarkeit verwehrt. So würde ich bspw. absolut mitgehen, dass BDS in seiner Grund-Intention AS Züge aufweist und viele der Akteur*innen antisemitisch bis offen judenhassend sind. Wie aber bspw. auch Meron Mendel immer wieder betont hat, wäre es trotzdem etwas verkürzt, die gesamte Bewegung und auch Menschen, die sich nur lose an deren Positionen bedienen, unterschiedslos zu delegitimieren und gleichrangig als überzeugte AS zu verstehen, weil sich dann auch rechtlich konkrete Fragen stellen, wo man hier Grenzen zieht. Nicht, dass die Autor*innen das täten. Aber an einigen Stellen wird deutlich, dass sie sehr klar und früh bei Aussagen den AS benennen, wo auch ich teilweise dachte "ich verstehe total was ihr meint, gehe die Kritik auch mit, aber das muss zumindest nicht in jedem Fall antisemitisch gemeint sein, auch wenn das die Aussage nicht besser macht."
VOM PERFORMATIVEM WIDERSTAND Seit ich mit 13 Jahren auf die ersten Male auf Straight Edge-Hardcore und Punkrock- und Emo-Shows fühlte ich mich als Mitglied einer Szene, in der der DIY-Gedanke gelebt wurde, in der Rassismus- und Kapitalismuskritik fortwährende Diskurse waren, Genderequality und patriarchale Strukturen (innerhalb der eigenen Szene) zunehmend mehr Aufmerksamkeit erhielten und deren Soundtrack einen großen Teil meines Lebens untermalt und daher zentraler Bestandteil meines Selbstbilds heute ist. Neben unzähligen Konzertabenden und durchfeierten Nächten, durfte ich mit wunderbaren Menschen Konzerte organisieren, Partys veranstalten und auf schmierigen Venueböden pennen. Zwar einte die meisten Bands und Menschen, die ich dabei kennenlernen durfte, der Konsens oben angerissener Wertvorstellungen, musikalisch-textlich bewegten sich die meisten Kapellen, die ich mochte und mag allerdings eher im Privaten, als dass sie Bezug auf aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse nahmen. Zwar ging im Zuge von Me Too auch ein Ruck durch unsere Szene, musikalisch wurde das allerdings vorerst nur vereinzelt bearbeitet. Auch die deutsche Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts in Form des nationalsozialistischen Verbrechens der Shoa war eher ein diffuser Fixpunkt meiner Bubble, aus dem man entweder einen ebenso diffusen Universalismus und die ähnliche leere Forderung eines „Nie wieder“ ableitete, ohne sich jedoch weiter groß Gedanken über eine daraus resultierende antisemitismuskritische Praxis zu machen. Auf der einen Seite scheint es demnach erstaunlich und auf der anderen Seite gleichzeitig nur logisch, mit welcher Geschwindigkeit im Nachgang des 7. Oktober 23 und des Massakers der Hamas im Grenzgebiet Israels zum Gaza-Streifen eine einseitige Politisierung in Teilen der Szene, vor allem einiger Bands, von statten ging. Einseitig deswegen, da eine Bekundung des Mitgefühls für die vielen israelischen Toten größtenteils ausblieb, vielmehr tauchten in Social-Media-Profilen und auf Konzerten bereits kurz dem 7.10. Solidaritätsbekundungen mit den Palästinenser*innen auf, die nun unter der israelischen Reaktion auf den Anschlag der Hamas unvorstellbares Leid ertragen mussten. Das Unvermögen, die Gleichzeitigkeit palästinensischen und israelischen Leids anzuerkennen, zeigte sich in Palästinaflaggen in den Online-Feeds vieler Bands, in platten, und völlig Kontextlosen „Free Palestine“-Statement auf der Bühne, in Boykottaufforderungen und Denunziationen von Festivalveranstaltern und im lauten Schweigen vieler Musiker*innen zu den nun folgenden antisemitischen Entgleisungen ihrer Kolleg*innen. Maria Kanitz @maria_skywalker_ und Lukas Geck @srilukers nehmen in ihrem lesenswerten und wichtigen Sachbuch „Lauter Hass. Antisemitismus als popkulturelles Ereignis“ der Frage an, wie es sein kann, dass Fans und Kulturschaffende eines Mediums, dass ursprünglich als eines der Emanzipation, Kritik und des Empowerments galt, im Moment des größten Massakers an Jüd*innen seit dem zweiten Weltkrieg innerhalb der Grenzen, die geschaffen wurden, um genau ein solches zu vermeiden, zu verstummen oder – noch schlimmer – dieses Massaker als legitimen Freiheitskampf zu labeln und sich anderer antisemitischer Denk- und Sprechfiguren zu bedienen. Zu diesem Zweck betrachten die beiden Berliner Autor*innen verschiedene Ebenen: Neben antisemitischen Versatzstücken innerhalb des Mediums der Popmusik, untersuchen die beiden an unzähligen Beispielen der letzten Jahre das Handeln von Künstler*innen fernab der Bühne, etwa in Interviews, Boykottaufforderungen und auf Social Media, sowie entsprechende Inszenierungen während der Konzerte. Neben großen internationalen Namen wie Roger Waters, der erst jüngst auf einer Demonstration Sarah Wagenknechts für den Gaza-Streifen sprach und den Rapper Macklemore sowie Kanye West, die allesamt regelmäßig durch holocaustrelativierende, Israel dämonisierende und sich antisemitischer Verschwörungserzählungen bedienender Aussagen und Inszenierungen auffallen, mangelt es u.a. mit Xavier Naidoo und Kollegah auch nicht an nationalen Fällen. Nachvollziehbar und durch unzählige Beispiele illustriert zeigen Kanitz und Geck, dass es diesen weder bei Aufrufen zur Unterstützung des BDS noch beim Tragen einer Kufiya oder dem Skandieren vermeintlich pro-palästinensischer Parolen auf der Bühne um die Palästinenser*innen im Westjordanland oder in Gaza geht als vielmehr um eine möglichst wirkungsvolle Selbstinszenierung auf der vermeintlich „moralisch guten Seite“. So rücke das unterstützenswerte Anliegen, auf da Leid der Menschen in diesen Regionen aufmerksam zu machen und dieses beenden zu wollen in den Modus eines rein performativen Widerstandes. Kanitz und Geck haben ein ebenso erhellendes wie eingängiges und wichtiges Buch verfasst, dem man allenfalls vorwerfen könnte, dass es einerseits bei der traurigen Fülle an weiteren Beispielen, die man hier hätte betrachten können, mit seinen knapp 150 Seiten zu schmal ausgefallen ist und bereits von der Gegenwart schon wieder mehrfach überholt wurde (z.B. Aufforderung zum Boykott Radioheads, Macklemore Festivaltour diesen Sommer, Ausladung der Münchner Philharmoniker aufgrund des israelischen Dirigenten). Zudem könnte man dem Band vorwerfen, dass auf definitorische Arbeit zum Antisemitismusbegriff und anderen Konzepten verzichtet, aber da der Band im @verbrecherverlag veröffentlich wurde, darf man wohl von einer einigermaßen vorgebildeten Leser*innenbubble in diesem Bereich ausgehen. Ich wünsche diesem Buch viele Leser*innen und den beiden Autor*innen weiterhin viel Kraft im leisen Anschreiben gegen lauten Hass. Danke an den @verbrecherverlag für das Rezensionsexemplar.
Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Lukas Geck ist Sozialwissenschaftler und Autor. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Antisemitismus, Rechtsextremismus und Erinnerungskultur. Gemeinsam mit Maria Kanitz veröffentlichte er 2022 das Buch "Klaviatur des Hasses – Antisemitismus in der Musik". Lukas Geck lebt und arbeitet in Berlin.
Beiträge
Seit spätestens zwei Jahren gibt es massig viele Bücher zu Antisemitismus, die aber von unterschiedlicher Qualität sind. So hatte ich das thematisch ähnlich gelagerte "Judenhass Underground" bspw. nie rezensiert, weil ich es zwar inhaltlich wichtig fand, mich aber massiv geärgert hatte, dass es keine Literaturangaben gab. Gerade bei dem Thema finde ich das wichtig. Und mangelnde Belegführung kann man nun Maria Kanitz und Lukas Geck gerade nicht vorwerfen. Auf konzisen unter 200 Seiten nehmen sie uns mit durch AS als popkulturelles Ereignis in seinen verschiedenen Dimensionen, das bedeutet innerhalb von Songtexten, als Teil einer sich propalästinensisch gebenden, dabei aber mitunter die Grenzen zum AS überschreitenden Protestbewegung, die auf der Bühne und in Konzertsälen zum Ausdruck kommt, als Haltung innerhalb einer Musikbranche, in der Musiker*innen unter Druck gesetzt werden wenn sie in Israel auftreten, während es ähnliche Phänomene bei China oder Russland nicht gibt. Und natürlich geht es auch um die Kultivierung von AS unter Fans, die insbesondere durch Social Media und die parasozialen Beziehungen in dem Kontext einen krassen Aufschwung erlebt hat. Die beiden Autor*innen liefern uns damit mehreres. Erstens, für manche vielleicht schon bekannt, aber trotzdem in dieser Sammlung sehr hilfreich, eine Darlegung der Verbreitung des AS quer durch die Genres. Klar geht das nicht ohne Kollegah und Gangsta Rap, aber natürlich müssen auch Roger Waters und Xavier Naidoo hier betrachtet werden - wodurch auch schon die Bandbreite verschwörungstheoretischer Raunerei in der Musik deutlich wird. Ein eher harmloserer Fall ist aber bspw. auch Patti Smith, die ich eigentlich sehr liebe, die aber sehr engagiert in der schwierigen BDS-Bewegung ist. Seit dem 7. Oktober sind hier einige Künstler*innen dazugekommen, die nun - sicherlich aus der nachvollziehbaren Motivation, sich mit Menschen in G4z4 zu solidarisieren - oft unkritisch Hamas-Propaganda teilen, die Schuld einseitig bei Israel suchen und dabei mindestens codierte Formen des AS zeigen, in Songtexten und/oder auf ihren Konzerten. Berühmt bspw. Macklemore. Aber auch Massive Attack, bei denen sich in der wohlwollendsten Lesart der nachvollziehbare Wunsch, den Krieg zu kritisieren, AS-Bildsprache und Einseitigkeiten einschleichen. Die beiden Autor*innen reflektieren, zweitens, die verschiedenen Dimensionen des Phänomens und das gefiel mir am Buch besonders gut. Es geht bspw. darum, was Musik emotional in Menschen auslöst, dass deshalb solche Botschaften breiter verfangen können, dass Konzerte als Massenereignisse mit begeisterten Fans hier nochmal ein ganz anderer Resonanzraum sind, dass sich mit plötzlich legitimer kultureller Aneignung der Kufiya massiv Geld machen lässt. Dabei sind sie, drittens, klar in ihrer Haltung und Kritik und dabei trotzdem nicht, wie es ja leider mitunter auch passiert, selbst eindimensional oder irgendwie ignorant palästinensischem Leid gegenüber. Insgesamt ist deshalb ein sehr lesenswertes Buch entstanden, das sich bedacht und ohne zu große Polemit der Vielschichtigkeit des AS in der Popkultur widmet. Zwei kleinere Kritikpunkte, wobei der erstere eigentlich eher meine individuelle Präferenz ausdrückt: Ich hätte hier gern auch 400 Seiten gelesen und wäre noch tiefer in die dahinterliegenden Studien oder Argumente eingestiegen. Vermutlich platzbedingt wird an einigen Stellen etwas gesetzt, wo ich mir als jemand die sich selbst mit AS sehr intensiv befasst erklären kann, woher das kommt. Aber gerade wenn es um Niedrigschwelligkeit geht und man nicht nur zum eigenen Chor predigen will, wären an manchen Stellen nochmal tiefere Exkurse hilfreich gewesen. Gerade auch, weil man denke ich die Position der beiden absolut vertreten kann, weil aber die Frage dessen wie "streng" man AS auslegt durchaus auch in der Forschung umstritten ist. Ich kann mir vorstellen, dass sich Leuten, die noch nicht so stark im Thema stecken, das Codierte des gegenwärtigen AS und die Frage wie man gerade da AS dann zuverlässig feststellt, ohne zu voreilig Kommunikationskanäle dichtzumachen nicht so einfach erschließt. Womit ich dann zum einzigen tatsächlichen Kritikpunkt komme, nämlich dass AS im Buch nicht nochmal dezidiert definiert wird, sondern vorausgesetzt wird, dass Leser*innen das verwendete Verständnis kennen und teilen. Das finde ich etwas schade, weil sich das Buch dadurch selbst eine gewisse Tiefe und Diskutierbarkeit verwehrt. So würde ich bspw. absolut mitgehen, dass BDS in seiner Grund-Intention AS Züge aufweist und viele der Akteur*innen antisemitisch bis offen judenhassend sind. Wie aber bspw. auch Meron Mendel immer wieder betont hat, wäre es trotzdem etwas verkürzt, die gesamte Bewegung und auch Menschen, die sich nur lose an deren Positionen bedienen, unterschiedslos zu delegitimieren und gleichrangig als überzeugte AS zu verstehen, weil sich dann auch rechtlich konkrete Fragen stellen, wo man hier Grenzen zieht. Nicht, dass die Autor*innen das täten. Aber an einigen Stellen wird deutlich, dass sie sehr klar und früh bei Aussagen den AS benennen, wo auch ich teilweise dachte "ich verstehe total was ihr meint, gehe die Kritik auch mit, aber das muss zumindest nicht in jedem Fall antisemitisch gemeint sein, auch wenn das die Aussage nicht besser macht."
VOM PERFORMATIVEM WIDERSTAND Seit ich mit 13 Jahren auf die ersten Male auf Straight Edge-Hardcore und Punkrock- und Emo-Shows fühlte ich mich als Mitglied einer Szene, in der der DIY-Gedanke gelebt wurde, in der Rassismus- und Kapitalismuskritik fortwährende Diskurse waren, Genderequality und patriarchale Strukturen (innerhalb der eigenen Szene) zunehmend mehr Aufmerksamkeit erhielten und deren Soundtrack einen großen Teil meines Lebens untermalt und daher zentraler Bestandteil meines Selbstbilds heute ist. Neben unzähligen Konzertabenden und durchfeierten Nächten, durfte ich mit wunderbaren Menschen Konzerte organisieren, Partys veranstalten und auf schmierigen Venueböden pennen. Zwar einte die meisten Bands und Menschen, die ich dabei kennenlernen durfte, der Konsens oben angerissener Wertvorstellungen, musikalisch-textlich bewegten sich die meisten Kapellen, die ich mochte und mag allerdings eher im Privaten, als dass sie Bezug auf aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse nahmen. Zwar ging im Zuge von Me Too auch ein Ruck durch unsere Szene, musikalisch wurde das allerdings vorerst nur vereinzelt bearbeitet. Auch die deutsche Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts in Form des nationalsozialistischen Verbrechens der Shoa war eher ein diffuser Fixpunkt meiner Bubble, aus dem man entweder einen ebenso diffusen Universalismus und die ähnliche leere Forderung eines „Nie wieder“ ableitete, ohne sich jedoch weiter groß Gedanken über eine daraus resultierende antisemitismuskritische Praxis zu machen. Auf der einen Seite scheint es demnach erstaunlich und auf der anderen Seite gleichzeitig nur logisch, mit welcher Geschwindigkeit im Nachgang des 7. Oktober 23 und des Massakers der Hamas im Grenzgebiet Israels zum Gaza-Streifen eine einseitige Politisierung in Teilen der Szene, vor allem einiger Bands, von statten ging. Einseitig deswegen, da eine Bekundung des Mitgefühls für die vielen israelischen Toten größtenteils ausblieb, vielmehr tauchten in Social-Media-Profilen und auf Konzerten bereits kurz dem 7.10. Solidaritätsbekundungen mit den Palästinenser*innen auf, die nun unter der israelischen Reaktion auf den Anschlag der Hamas unvorstellbares Leid ertragen mussten. Das Unvermögen, die Gleichzeitigkeit palästinensischen und israelischen Leids anzuerkennen, zeigte sich in Palästinaflaggen in den Online-Feeds vieler Bands, in platten, und völlig Kontextlosen „Free Palestine“-Statement auf der Bühne, in Boykottaufforderungen und Denunziationen von Festivalveranstaltern und im lauten Schweigen vieler Musiker*innen zu den nun folgenden antisemitischen Entgleisungen ihrer Kolleg*innen. Maria Kanitz @maria_skywalker_ und Lukas Geck @srilukers nehmen in ihrem lesenswerten und wichtigen Sachbuch „Lauter Hass. Antisemitismus als popkulturelles Ereignis“ der Frage an, wie es sein kann, dass Fans und Kulturschaffende eines Mediums, dass ursprünglich als eines der Emanzipation, Kritik und des Empowerments galt, im Moment des größten Massakers an Jüd*innen seit dem zweiten Weltkrieg innerhalb der Grenzen, die geschaffen wurden, um genau ein solches zu vermeiden, zu verstummen oder – noch schlimmer – dieses Massaker als legitimen Freiheitskampf zu labeln und sich anderer antisemitischer Denk- und Sprechfiguren zu bedienen. Zu diesem Zweck betrachten die beiden Berliner Autor*innen verschiedene Ebenen: Neben antisemitischen Versatzstücken innerhalb des Mediums der Popmusik, untersuchen die beiden an unzähligen Beispielen der letzten Jahre das Handeln von Künstler*innen fernab der Bühne, etwa in Interviews, Boykottaufforderungen und auf Social Media, sowie entsprechende Inszenierungen während der Konzerte. Neben großen internationalen Namen wie Roger Waters, der erst jüngst auf einer Demonstration Sarah Wagenknechts für den Gaza-Streifen sprach und den Rapper Macklemore sowie Kanye West, die allesamt regelmäßig durch holocaustrelativierende, Israel dämonisierende und sich antisemitischer Verschwörungserzählungen bedienender Aussagen und Inszenierungen auffallen, mangelt es u.a. mit Xavier Naidoo und Kollegah auch nicht an nationalen Fällen. Nachvollziehbar und durch unzählige Beispiele illustriert zeigen Kanitz und Geck, dass es diesen weder bei Aufrufen zur Unterstützung des BDS noch beim Tragen einer Kufiya oder dem Skandieren vermeintlich pro-palästinensischer Parolen auf der Bühne um die Palästinenser*innen im Westjordanland oder in Gaza geht als vielmehr um eine möglichst wirkungsvolle Selbstinszenierung auf der vermeintlich „moralisch guten Seite“. So rücke das unterstützenswerte Anliegen, auf da Leid der Menschen in diesen Regionen aufmerksam zu machen und dieses beenden zu wollen in den Modus eines rein performativen Widerstandes. Kanitz und Geck haben ein ebenso erhellendes wie eingängiges und wichtiges Buch verfasst, dem man allenfalls vorwerfen könnte, dass es einerseits bei der traurigen Fülle an weiteren Beispielen, die man hier hätte betrachten können, mit seinen knapp 150 Seiten zu schmal ausgefallen ist und bereits von der Gegenwart schon wieder mehrfach überholt wurde (z.B. Aufforderung zum Boykott Radioheads, Macklemore Festivaltour diesen Sommer, Ausladung der Münchner Philharmoniker aufgrund des israelischen Dirigenten). Zudem könnte man dem Band vorwerfen, dass auf definitorische Arbeit zum Antisemitismusbegriff und anderen Konzepten verzichtet, aber da der Band im @verbrecherverlag veröffentlich wurde, darf man wohl von einer einigermaßen vorgebildeten Leser*innenbubble in diesem Bereich ausgehen. Ich wünsche diesem Buch viele Leser*innen und den beiden Autor*innen weiterhin viel Kraft im leisen Anschreiben gegen lauten Hass. Danke an den @verbrecherverlag für das Rezensionsexemplar.







