Hauskonzert
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Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Igor Levit, geboren 1987 im russischen Gorki (heute Nischni Nowgorod), zog mit acht Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte an der Musikhochschule Hannover und gewann 2005 beim Arthur-Rubinstein-Wettbewerb als jüngster Teilnehmer die Silbermedaille. Zuletzt veröffentlichte er alle 32 Klaviersonaten Beethovens. Levit ist Träger des Gilmore Artist Awards, 2020 wurde er u. a. mit der "Gabe der Erinnerung" des Internationalen Auschwitz Komitees, dem Bundesverdienstkreuz und dem Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums Berlin ausgezeichnet.
Beiträge
Ich höre viel klassische Musik, entweder bewusst oder auch gerne mal nebenbei, zum Beispiel wenn ich ein Buch lese. An Silvester ist immer das Zeitfenster für Beethovens 9. Sinfonie aus dem Leipziger Gewandhaus geblockt. Und trotzdem ging Igor Levit an mir vorbei, bis er mir in eine Playlist eines Musik-Streamingdienstes gespült wurde. Für mich war dies keine gewöhnliche, typische Biografie eines Musikers. Schon alleine deshalb, weil sie nicht chronologisch erzählt wird. Leser*innen erfahren die Geschichten aus Levits Kindheit und Jugend weniger durch Levit selbst, als durch Menschen, die ihm nahe stehen, wie seine Mutter. Sie erzählt von einem Kind, das immer schon zum Klavier gestrebt hat, letztlich dann aber auch nur ein normaler Teenager mit normalen Problemen war. Das hat das Buch unter anderem für mich auch sehr nahbar gemacht. Hier wird von keinem Wunderkünstler berichtet, sondern von einem normalen Menschen, der ebenso Schwierigkeiten ausgesetzt ist. Auch die Verzahnung zwischen Levits Musikkarriere und seinem politischen Aktionismus fand ich sehr gut gelungen. Zinnecker gelingt es, nicht nur den Igor Levit der Öffentlichkeit, sondern auch den Menschen dahinter zu zeigen, ohne dass ein Charakter dem anderen die Glaubwürdigkeit abspricht. Für mich eindeutig ein Buch, aus dem ich sowohl Hörempfehlungen als auch Gedankenanstöße mitnehme.
Das "Hauskonzert" entzieht sich eigentlich von vornherein einer Bewertung, denn wem stünde es zu, den Inhalt eines Lebens, die Ziele, Wünsche, Träume, den Alltag eines anderen Menschen zu bewerten? Und all diese Faktoren spielen nun einmal ungefragt und unumstößlich in die Leseerfahrung des "Hauskonzerts" hinein. So paradox es klingt, aber versucht man den Menschen Igor Levit aus dem Buch herauszuhalten, so bekommt man im Wesentlichen das, was das "Hauskonzert" leistet: einen eindringlichen Einblick in den Künstler, den Pianisten Igor Levit, in die faszinierend, wahnwitzig schwere Arbeit, die hinter der Virtuosität auf dem Klavier liegt, in die Freude am Spiel, den Willen zur Innovation. Mich hat der Ausflug in die Welt des Pianisten begeistert. Mit Erstaunen ist mir so erst wirklich bewusst geworden, dass das Klavierspiel nicht nur körperlich harte Arbeit bedeutet, sondern dass auch jede einzelne Note, jeder Takt und jede Phrase ihre Daseinsberechtigung hat und eine Interpretation verdient hat. Die Passagen, die sich der Musik widmen, waren erhellend und inspirierend. Was man außerdem im "Hauskonzert" bekommen soll, sind Erkenntnisse die (politische) Haltung Igor Levits zu wesentlichen gesellschaftlichen Themen, wie Antisemitismus und die Flüchtlingskrise, betreffend. Auch diese werden geliefert. Allerdings werden sie nicht annähernd so überzeugend von Florian Zinnacker transportiert, wie die musikalischen Passagen. Während in den Musik-Teilen ein festes Fundament, ein starker Kontext, eine ganze Lebenswelt aufgebaut wird, ist das politische Engagement zu flüchtig, zu oberflächlich dargestellt, irgendwie wirkt es nur wie angerissen. Die wichtigen Positionen, die Igor Levit vertritt, hätten für mich einfach mehr Tiefe im "Hauskonzert" verdient. Sie im wesentlichen nur durch Auftritte in TV-Sendungen, über Twitter-Meldungen und Witze zu illustrieren, war mir einfach ein bißchen wenig - schade, da wurde Potenzial verschenkt. Überhaupt erscheint es mir am Ende des Buches so, als ob zu wenig Igor Levit in dem Text steckt. Das Layout der Verfassernamen suggeriert, dass das "Hauskonzert" ein Buch von Igor Levit sei, assistiert von Florian Zinnacker, stattdessen ist es der Blick des Journalisten auf Igor Levit, der nur in Sequenzen, meist in Interview-Auszügen, wirklich selbst zu Wort kommt. Und so liest sich auch der Großteil des Buches wie ein sehr langer Zeitungsartikel, zu präsent ist der beobachtende journalistische Stil des Verfassers, zu starr die Einengung der Person Igor Levits auf die zwei Aspekte "musikalisch" und "politisch". Man wird so beim Lesen stets auf Distanz gehalten und kann sich nicht wirklich annähern. Zu diesem distanzierten Eindruck trägt auch die wirre Chronologie bei, die in der Zeit hin- und herspringt und mitunter fast chaotisch wirkt. Abschließend ist das "Hauskonzert" ein sehr bereichernder Einblick in das musikalische Leben des Igor Levit, dem es aber an dem Willen zur Offenheit in anderen Bereichen schlichtweg fehlt. Bei einer Biographie muss man als Biograph und auch als beschriebenes Objekt Mut zur Enthüllung habe und dieser Mut, der fehlte mir.
Meine Meinung „Ich habe in dieser Zeit – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – gespürt, dass ich kein Fake bin. Dass ich nicht nur so tue, als ob. Ich habe mir zum ersten Mal selbst geglaubt, dass ich Pianist bin.“ (Buch, S. 219) Wer ist dieser Mann, dieser Künstler, der eine Pandemie und den Ausfall aller Konzertaufführungen gebraucht hat, um über einen simplen Stream auf Twitter durch „Hauskonzerte“ zu erkennen wer er ist und was er wirklich kann? Diese Antwort versucht uns Florian Zinnecker mit seinem Buch zu geben. Er nimmt uns mit zu Gesprächen, die er mit Igor Levit führte und wir begleiten ihn literarisch zu Konzerten, die Igor gab, als dieses Buchprojekt startete bis hin zum Pandemieausbruch und der Stille, die sich plötzlich von einem Tag auf den anderen über den gesamten Kulturbereich legte. Dies ist keine typische Biografie, wie auch der Lebenslauf der Hauptperson nicht wirklich typisch ist. Denn Igor Levit ist ein Genie am Klavier, der die Musikstücke, bevor er in die Tasten haut, zigmal vorher in seinem Kopf spielt. Mit drei Jahren hat er von sich aus angefangen die gehörte Musik am Klavier nachzuspielen und seitdem nicht mehr aufgehört. Pianist zu sein ist eine einsame Berufung. Das Lernern, Erlernen, Üben, Varieren usw. passiert einsam und allein am Flügel. Deshalb ist das Publikum so enorm wichtig. Denn Igor spielt für die Zuhörer*innen. Sie will er begeistern, mitnehmen auf diese musikalische Reise. „Ich lerne ein neues Stück zuerst immer ohne Klavier aus den Noten. Ich trage es mit mir herum im Kopf, manchmal dauert das ewig, Monate. Man muss es doch kennen, bevor man es spielt. Wenn ich mich dann hinsetze und es zum ersten Mal spiele, ist es nicht das erste Mal.“ (Buch, S. 29) Doch bis Igor Levit der heute überall bekannte und gefeierte Pianist wurde, hat es lange Zeit gedauert. Mit Igors Mutter Elena unterhält sich Zinnecker über Igors Kindheit, denn Igor selbst kann nicht sich nicht richtig an diese Zeit erinnern. Er lebt im hier und jetzt. Es hat mir großen Spaß gemacht zu lesen, wie aus einem unsicheren Jungen, der noch nicht genug Selbstwertgefühl hatte zu sich und zu seinem Können zu stehen und der oft abgewiesen wurde, der Igor von heute geworden ist, der mittlerweile genau weiß was er meint und will. Er hat zu seinem „ICH“ gefunden. Dabei bekommen Leser*innen Einblicke in die „Bubble“ der klassischen Musik, die oftmals auch grausam ist. Eifersucht und Neid, Intriegen und Vetternwirtschaft herrschen auch hier vor. Es war naiv von mir zu glauben, dass das in diesem Milieu anders wäre. Igor Levit ist nicht nur Pianist, ein Genie am Klavier. Er ist gleichzeitig ein Mensch mit unterschiedlichen Interessen, unter anderem auch an der Gesellschaft und der gegewärtigen Politik. Er entdeckte Twitter für sich, Gott sei Dank, denn da bin ich zum ersten Mal auf ihn aufmerksam geworden, als er das erste titelgebende Hauskonzert gespielt hat. Für mich war es ein ganz besonderes Lockdown-Erlebnis aus dem letzten Jahr! Auf Twitter äußert(e) sich Igor Levit auch politisch, was ihn über kurz oder lang in verschiedene Timelines spülte, auch die der Rechten. Dies veränderte wieder einiges in seinem Leben, denn von nun an erhielt er Morddrohungen. Dies war für mich sehr schwer zu lesen, denn es zeigte mal wieder, WIE sehr mittlerweile unsere Gesellschaft verroht ist. Florian Zinnecker hat uns mit seinem Buch den Musiker, Künstler und Mensch Igor Levit näher gebracht. Die Biografie war sehr interessant und kurzweilig zu lesen. Keine trocken aneinandergereihten Zahlen und Daten und kein permanenter musischer Fachjargon, den nur Klavierbegeisterte und -kenner verstehen. Es hat mir sehr große Freude gemacht in den Kopf eines Musikgenies zu blicken und zu merken, wie anders, wie unterschiedlich man Musik verstehen und wahrnehmen kann. Manchmal war mir die Biografie thematisch und zeitlich etwas zu durcheinander und gegen Ende war ein bisschen die Luft für mich raus. Dennoch ist dies ein sehr herausragendes und sehr lesenswertes Buch und ich hoffe sehr, dass Igor Levit noch lange denjenigen, die zuhören wollen, etwas zu geben hat! „Zum ersten Mal war mir klar, warum ich das mache, rational und emotional. Ich habe zum ersten Mal nicht das Gefühl, ich müsse liefern – ich hatte etwas zu geben.“ (Buch, S. 220) Fazit Eine sehr gelungene Biografie über den Ausnahmemusiker und Mensch Igor Levit, der hoffentlich noch lange „hungrig“ ist auf Neues, damit auch ich einmal in den Genuss komme, ihn in Hamburg in der Elbphilharmonie erleben zu können.
"Hauskonzert" ist ein wunderbares Portrait eines interessanten und vielseitigen Künstlers. Igor Levit ist ein begabter Pianist, doch es reicht ihm nicht nur dafür zu stehen. Ihn bewegen auch viele andere Themen, vor allem politische und gesellschaftliche. Er ist Immigrant und Jude und hat so am eigenen Leib Fremdenhass und Diskriminierung erfahren und er will das nicht hinnehmen. Er steht auf. Er nutzt seine Bühne um seine Meinung kundzutun. Das gefällt nicht allen, aber Igor ist das egal. Es ist schließlich seine Bühne. Ich finde dieses Buch ist ein schönes Portrait eines Menschens. Es beschreibt die Liebe zur Musik ganz großartig, sodass mein Klassik-Fan-Herz höher schlug, es zeigt aber auch den Menschen dahinter. Offen und ehrlich. Hier wird keine stumpfe Biographie abgearbeitet, man bekommt Einblick in Igors Gedanken, seine Unruhe, seine Leidenschaft. Und so ist auch der Aufbau, zwischen Geschichten über seinen Werdegang springt man in die Gespräche zwischen Autor und Künstler, direkt rein in aktuelles Weltgeschehen. Igor ist Aktivist und er verzweifelt manchmal an der Welt und an seinem unendlichen Tatendrang und seine Rastlosigkeit, diemanchmal auch einfach müde machen. Und ich glaube viele, die sich mit wachsender Verzweiflung den Hass in unserer Gesellschaft ansehen, können das nachvollziehen.
Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Igor Levit, geboren 1987 im russischen Gorki (heute Nischni Nowgorod), zog mit acht Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte an der Musikhochschule Hannover und gewann 2005 beim Arthur-Rubinstein-Wettbewerb als jüngster Teilnehmer die Silbermedaille. Zuletzt veröffentlichte er alle 32 Klaviersonaten Beethovens. Levit ist Träger des Gilmore Artist Awards, 2020 wurde er u. a. mit der "Gabe der Erinnerung" des Internationalen Auschwitz Komitees, dem Bundesverdienstkreuz und dem Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums Berlin ausgezeichnet.
Beiträge
Ich höre viel klassische Musik, entweder bewusst oder auch gerne mal nebenbei, zum Beispiel wenn ich ein Buch lese. An Silvester ist immer das Zeitfenster für Beethovens 9. Sinfonie aus dem Leipziger Gewandhaus geblockt. Und trotzdem ging Igor Levit an mir vorbei, bis er mir in eine Playlist eines Musik-Streamingdienstes gespült wurde. Für mich war dies keine gewöhnliche, typische Biografie eines Musikers. Schon alleine deshalb, weil sie nicht chronologisch erzählt wird. Leser*innen erfahren die Geschichten aus Levits Kindheit und Jugend weniger durch Levit selbst, als durch Menschen, die ihm nahe stehen, wie seine Mutter. Sie erzählt von einem Kind, das immer schon zum Klavier gestrebt hat, letztlich dann aber auch nur ein normaler Teenager mit normalen Problemen war. Das hat das Buch unter anderem für mich auch sehr nahbar gemacht. Hier wird von keinem Wunderkünstler berichtet, sondern von einem normalen Menschen, der ebenso Schwierigkeiten ausgesetzt ist. Auch die Verzahnung zwischen Levits Musikkarriere und seinem politischen Aktionismus fand ich sehr gut gelungen. Zinnecker gelingt es, nicht nur den Igor Levit der Öffentlichkeit, sondern auch den Menschen dahinter zu zeigen, ohne dass ein Charakter dem anderen die Glaubwürdigkeit abspricht. Für mich eindeutig ein Buch, aus dem ich sowohl Hörempfehlungen als auch Gedankenanstöße mitnehme.
Das "Hauskonzert" entzieht sich eigentlich von vornherein einer Bewertung, denn wem stünde es zu, den Inhalt eines Lebens, die Ziele, Wünsche, Träume, den Alltag eines anderen Menschen zu bewerten? Und all diese Faktoren spielen nun einmal ungefragt und unumstößlich in die Leseerfahrung des "Hauskonzerts" hinein. So paradox es klingt, aber versucht man den Menschen Igor Levit aus dem Buch herauszuhalten, so bekommt man im Wesentlichen das, was das "Hauskonzert" leistet: einen eindringlichen Einblick in den Künstler, den Pianisten Igor Levit, in die faszinierend, wahnwitzig schwere Arbeit, die hinter der Virtuosität auf dem Klavier liegt, in die Freude am Spiel, den Willen zur Innovation. Mich hat der Ausflug in die Welt des Pianisten begeistert. Mit Erstaunen ist mir so erst wirklich bewusst geworden, dass das Klavierspiel nicht nur körperlich harte Arbeit bedeutet, sondern dass auch jede einzelne Note, jeder Takt und jede Phrase ihre Daseinsberechtigung hat und eine Interpretation verdient hat. Die Passagen, die sich der Musik widmen, waren erhellend und inspirierend. Was man außerdem im "Hauskonzert" bekommen soll, sind Erkenntnisse die (politische) Haltung Igor Levits zu wesentlichen gesellschaftlichen Themen, wie Antisemitismus und die Flüchtlingskrise, betreffend. Auch diese werden geliefert. Allerdings werden sie nicht annähernd so überzeugend von Florian Zinnacker transportiert, wie die musikalischen Passagen. Während in den Musik-Teilen ein festes Fundament, ein starker Kontext, eine ganze Lebenswelt aufgebaut wird, ist das politische Engagement zu flüchtig, zu oberflächlich dargestellt, irgendwie wirkt es nur wie angerissen. Die wichtigen Positionen, die Igor Levit vertritt, hätten für mich einfach mehr Tiefe im "Hauskonzert" verdient. Sie im wesentlichen nur durch Auftritte in TV-Sendungen, über Twitter-Meldungen und Witze zu illustrieren, war mir einfach ein bißchen wenig - schade, da wurde Potenzial verschenkt. Überhaupt erscheint es mir am Ende des Buches so, als ob zu wenig Igor Levit in dem Text steckt. Das Layout der Verfassernamen suggeriert, dass das "Hauskonzert" ein Buch von Igor Levit sei, assistiert von Florian Zinnacker, stattdessen ist es der Blick des Journalisten auf Igor Levit, der nur in Sequenzen, meist in Interview-Auszügen, wirklich selbst zu Wort kommt. Und so liest sich auch der Großteil des Buches wie ein sehr langer Zeitungsartikel, zu präsent ist der beobachtende journalistische Stil des Verfassers, zu starr die Einengung der Person Igor Levits auf die zwei Aspekte "musikalisch" und "politisch". Man wird so beim Lesen stets auf Distanz gehalten und kann sich nicht wirklich annähern. Zu diesem distanzierten Eindruck trägt auch die wirre Chronologie bei, die in der Zeit hin- und herspringt und mitunter fast chaotisch wirkt. Abschließend ist das "Hauskonzert" ein sehr bereichernder Einblick in das musikalische Leben des Igor Levit, dem es aber an dem Willen zur Offenheit in anderen Bereichen schlichtweg fehlt. Bei einer Biographie muss man als Biograph und auch als beschriebenes Objekt Mut zur Enthüllung habe und dieser Mut, der fehlte mir.
Meine Meinung „Ich habe in dieser Zeit – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – gespürt, dass ich kein Fake bin. Dass ich nicht nur so tue, als ob. Ich habe mir zum ersten Mal selbst geglaubt, dass ich Pianist bin.“ (Buch, S. 219) Wer ist dieser Mann, dieser Künstler, der eine Pandemie und den Ausfall aller Konzertaufführungen gebraucht hat, um über einen simplen Stream auf Twitter durch „Hauskonzerte“ zu erkennen wer er ist und was er wirklich kann? Diese Antwort versucht uns Florian Zinnecker mit seinem Buch zu geben. Er nimmt uns mit zu Gesprächen, die er mit Igor Levit führte und wir begleiten ihn literarisch zu Konzerten, die Igor gab, als dieses Buchprojekt startete bis hin zum Pandemieausbruch und der Stille, die sich plötzlich von einem Tag auf den anderen über den gesamten Kulturbereich legte. Dies ist keine typische Biografie, wie auch der Lebenslauf der Hauptperson nicht wirklich typisch ist. Denn Igor Levit ist ein Genie am Klavier, der die Musikstücke, bevor er in die Tasten haut, zigmal vorher in seinem Kopf spielt. Mit drei Jahren hat er von sich aus angefangen die gehörte Musik am Klavier nachzuspielen und seitdem nicht mehr aufgehört. Pianist zu sein ist eine einsame Berufung. Das Lernern, Erlernen, Üben, Varieren usw. passiert einsam und allein am Flügel. Deshalb ist das Publikum so enorm wichtig. Denn Igor spielt für die Zuhörer*innen. Sie will er begeistern, mitnehmen auf diese musikalische Reise. „Ich lerne ein neues Stück zuerst immer ohne Klavier aus den Noten. Ich trage es mit mir herum im Kopf, manchmal dauert das ewig, Monate. Man muss es doch kennen, bevor man es spielt. Wenn ich mich dann hinsetze und es zum ersten Mal spiele, ist es nicht das erste Mal.“ (Buch, S. 29) Doch bis Igor Levit der heute überall bekannte und gefeierte Pianist wurde, hat es lange Zeit gedauert. Mit Igors Mutter Elena unterhält sich Zinnecker über Igors Kindheit, denn Igor selbst kann nicht sich nicht richtig an diese Zeit erinnern. Er lebt im hier und jetzt. Es hat mir großen Spaß gemacht zu lesen, wie aus einem unsicheren Jungen, der noch nicht genug Selbstwertgefühl hatte zu sich und zu seinem Können zu stehen und der oft abgewiesen wurde, der Igor von heute geworden ist, der mittlerweile genau weiß was er meint und will. Er hat zu seinem „ICH“ gefunden. Dabei bekommen Leser*innen Einblicke in die „Bubble“ der klassischen Musik, die oftmals auch grausam ist. Eifersucht und Neid, Intriegen und Vetternwirtschaft herrschen auch hier vor. Es war naiv von mir zu glauben, dass das in diesem Milieu anders wäre. Igor Levit ist nicht nur Pianist, ein Genie am Klavier. Er ist gleichzeitig ein Mensch mit unterschiedlichen Interessen, unter anderem auch an der Gesellschaft und der gegewärtigen Politik. Er entdeckte Twitter für sich, Gott sei Dank, denn da bin ich zum ersten Mal auf ihn aufmerksam geworden, als er das erste titelgebende Hauskonzert gespielt hat. Für mich war es ein ganz besonderes Lockdown-Erlebnis aus dem letzten Jahr! Auf Twitter äußert(e) sich Igor Levit auch politisch, was ihn über kurz oder lang in verschiedene Timelines spülte, auch die der Rechten. Dies veränderte wieder einiges in seinem Leben, denn von nun an erhielt er Morddrohungen. Dies war für mich sehr schwer zu lesen, denn es zeigte mal wieder, WIE sehr mittlerweile unsere Gesellschaft verroht ist. Florian Zinnecker hat uns mit seinem Buch den Musiker, Künstler und Mensch Igor Levit näher gebracht. Die Biografie war sehr interessant und kurzweilig zu lesen. Keine trocken aneinandergereihten Zahlen und Daten und kein permanenter musischer Fachjargon, den nur Klavierbegeisterte und -kenner verstehen. Es hat mir sehr große Freude gemacht in den Kopf eines Musikgenies zu blicken und zu merken, wie anders, wie unterschiedlich man Musik verstehen und wahrnehmen kann. Manchmal war mir die Biografie thematisch und zeitlich etwas zu durcheinander und gegen Ende war ein bisschen die Luft für mich raus. Dennoch ist dies ein sehr herausragendes und sehr lesenswertes Buch und ich hoffe sehr, dass Igor Levit noch lange denjenigen, die zuhören wollen, etwas zu geben hat! „Zum ersten Mal war mir klar, warum ich das mache, rational und emotional. Ich habe zum ersten Mal nicht das Gefühl, ich müsse liefern – ich hatte etwas zu geben.“ (Buch, S. 220) Fazit Eine sehr gelungene Biografie über den Ausnahmemusiker und Mensch Igor Levit, der hoffentlich noch lange „hungrig“ ist auf Neues, damit auch ich einmal in den Genuss komme, ihn in Hamburg in der Elbphilharmonie erleben zu können.
"Hauskonzert" ist ein wunderbares Portrait eines interessanten und vielseitigen Künstlers. Igor Levit ist ein begabter Pianist, doch es reicht ihm nicht nur dafür zu stehen. Ihn bewegen auch viele andere Themen, vor allem politische und gesellschaftliche. Er ist Immigrant und Jude und hat so am eigenen Leib Fremdenhass und Diskriminierung erfahren und er will das nicht hinnehmen. Er steht auf. Er nutzt seine Bühne um seine Meinung kundzutun. Das gefällt nicht allen, aber Igor ist das egal. Es ist schließlich seine Bühne. Ich finde dieses Buch ist ein schönes Portrait eines Menschens. Es beschreibt die Liebe zur Musik ganz großartig, sodass mein Klassik-Fan-Herz höher schlug, es zeigt aber auch den Menschen dahinter. Offen und ehrlich. Hier wird keine stumpfe Biographie abgearbeitet, man bekommt Einblick in Igors Gedanken, seine Unruhe, seine Leidenschaft. Und so ist auch der Aufbau, zwischen Geschichten über seinen Werdegang springt man in die Gespräche zwischen Autor und Künstler, direkt rein in aktuelles Weltgeschehen. Igor ist Aktivist und er verzweifelt manchmal an der Welt und an seinem unendlichen Tatendrang und seine Rastlosigkeit, diemanchmal auch einfach müde machen. Und ich glaube viele, die sich mit wachsender Verzweiflung den Hass in unserer Gesellschaft ansehen, können das nachvollziehen.










