Hasskrieger
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Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Karolin Schwarz, geboren 1985, ist freie Journalistin, Faktencheckerin und Trainerin. Sie arbeitet zu Rechtsradikalismus, Desinformation und der Schnittstelle zwischen Politik und Digitalem und hält weltweit Vorträge und Trainings. Zuvor arbeitete sie unter anderem als Faktencheckerin bei Correctiv.org sowie als Community-Managerin bei Jäger & Sammler (funk) und der Leipziger Volkszeitung. Im Februar 2016 gründete sie das Projekt Hoaxmap.org, über das Falschmeldungen über Geflüchtete und nicht-weiße Personen zusammen getragen werden. Das Projekt war für den Grimme Online Award und den Journalistenpreis “Der lange Atem” nominiert. Gegenwärtig arbeitet sie an einem Forschungsprojekt zum Deplatforming rechtsradikaler Akteure und analysiert als Expertin für zahlreiche Medien die Strategien rechter Akteure in sozialen Netzwerken. Karolin Schwarz lebt in Berlin.
Beiträge
Sehr umfassendes und gut strukturiertes Buch zu einem äußerst relevanten Thema
Von den Büchern, die ich zum Thema rechtsextreme Netzwerke im Internet gelesen habe, war dieses Buch das umfassendste und mit Abstand am besten strukturierte. Gerade weil das Thema so umfangreich ist, ist es nicht leicht die vielen sorgfältig recherchierten Informationen in einem geordneten Rahmen unterzubringen. Dies ist der Autorin unglaublich gut gelungen. An manchen Stellen war es etwas langatmig, dennoch habe ich sehr viel Informationen mitnehmen können. Das Buch sechs Jahre nach Erscheinung zu lesen, mit dem Wissen um das weitere Erstarken rechtsextremer Kräfte in der Zwischenzeit und um die Nutzung neuer Kanäle (wie z.B. TikTok), zeigt wie rasant hier die Entwicklungen voranschreiten und wie schnell solch umfassende Recherchen bereits überholt sein können. Dennoch gibt das Buch eine gute Grundlage zur Erklärung, wie es zur heutigen politischen Lage kommen konnte und ist auf jeden Fall auch im Jahr 2026 noch eine wichtige Lektüre!
Die momentan frei arbeitende Journalistin Karolin Schwarz beschäftigt sich schon seit mehreren Jahren (beeindruckenderweise trotz ihres nicht sehr hohen Alters) mit Rechtsextremismus und Verschwörungstheorien / Falschmeldungen im Internet. Dies sind gar nicht so sehr 2 verschiendene Themen, sondern sie hängen eng zusammen. Der Anlass und Fixpunkt dieses Buchs aber ist das Jahr 2019: spätestens dann nämlich war ein Phänomen wirkmächtig, dass sie im Buch treffend und klar beschreibt: Rechtsextreme, die sich "im Internet" "treffen", Internetsprache sprechen, terroristisch/mörderisch tätig werden und diese Taten dann wieder über das Internet verbreiten (lassen). An einer Stelle listet sie die Taten des Jahres 2019 sogar auf: März: In Christchurch wurden 51 Menschen in oder in der Nähe einer Armee erschossen. 8chan, Twitter und ein Facebook-Live-Video benutzte er. (Ich persönlich kenne eine Person, die über ein Whats-App-Chat an dieses Video herangekommen ist und es mir sogar zeigen wollte.) April: In Kalifornien wurde in einer Synagoge eine Person erschossen und weitere verletzt. Hier gelang die Facebook-Live-Schalte nicht. 8chan diente als Pamphletmedium. Der Täter hatte vorher eine Moschee angezündet. Juni: Lübcke wurde ermordet. Der Täter radikalisierte sich selbst und andere durch Chats. August: In El Paso wurden 22 Menschen erschossen. Hier waren Latinos das erklärte Ziel, ein Pamphlet wurde auf 8chan angeboten. August 2019: In Norwegen sollten Moscheebesucher*innen ermordet werden, der Anschlag scheiterte. Vorher hatte aber der Täter bereits seine chinesischstämmige Stiefschwester umgebracht. 8chan war bereits geschlossen, also wurde Endchan fürs Pamphlet benutzt. Das Facebook-Livestreamen klappte wieder nicht. Oktober 2019: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle scheiterte, stattdessen wurde eine Passantin und ein Besucher einer Dönerbude erschossen. Gestreamt wurde auf Twitch. (vgl. Schwarz, Hasskrieger, 168f) Schwarz erklärt auch die Geschichte des Rechtsextremismus im Netz an. "Normale" Netzwerke werden viel benutzt, aber immer öfter werden sie gesperrt. Deswegen werden Foren bzw. Imagebords wie 4chan und dann später 8chan und alle möglichen Ableger benutzt, oder auch Twitterklone (gab.ai) oder der russische Facebookkonkurrent vk (welch Zufall). Wollen sich Terroristen vorbereiten, dann wollen sie natürlich geheim kommunizieren. Dies geschieht meistens in Telegramgruppen (dass Telegram gar nicht so geheim ist, hat sich ja bekanntlich weder in der rechtsextremen Community noch in der gesamten Gesellschaft herumgesprochen). Geheim sind auch Strategiepapiere, wie man im Netz Propaganda betreiben sollte. Hier schließt Schwarz auch rechtsextreme Kräfte mit in ihre Überlegungen ein, die angeblich nicht gewalttätig sind. Die Identitäre Bewegung (IB) z.B. ist ja nur vordergründig friedlich. Dass sogar der Täter in Christchurch Kontakt mit Martin Sellner von der IB hatte, ist immer noch eine der unfassbarsten Vorkommnisse überhaupt. Spannend ist, dass Strategien der IB und auch anderer Gruppierungen uns nur aus "Leaks" bzw. Diebstählen bekannt sind. Einmal wurden in Österreich Mitglieder der IB durch Linksextreme vertrieben. Nur so kam man an ihre Medienstrategie. Feindeslisten und jahrelange (!) Hasskampagnen ohne Skrupel (das Beispiel ist Annetta Kahane) können wirklich Angst machen. Der bereits reale globale Terrorismus erweist im Umkehrschluss, dass der Rechtsextremismus eine Gewalt erzeugende Gefahr ist. Die neuen Mittel speisen sich aus älterer Ideologie, verändern aber auch diese. Woher kommt dieser unglaubliche Hass eigentlich? Dass kann und will dieses Buch nicht erklären. Denn irgendwie ist es doch unlogisch: Der Täter von Halle konnte nicht wirklich Englisch, und trotzdem teilte er seine Ideologie im Zeichen des globalen Rechtsextremismus unbeholfen in dieser Sprache auf Twitch mit: Juden sind an allem Schuld, auch am Islam, auch an den Frauen. Hitler hätte das noch auf Deutsch gesagt. Aber vielleicht zeigt Hitler trotzdem schon etwas, das sich mit heutigem Rechtsextremismus verbinden lässt? Auch Hitlers Expansionswahn ging ja über Großdeutschland hinaus. Seine Taten lassen sich vielleicht selbst mit für sich schon ausreichend schlimmen deutschen Patriotismus nicht erklären, sondern können einem auch als eigenartiger Vorwand erscheinen. Er schien ja sogar alles auf ihn als eine Person zu konzentrieren (selbst alles auf seine Lebensspanne, und eben nicht das tausendjährige Reich), was in großdeutscher Ideologie keinen Sinn ergibt. Und er war "global" inspiriert durch Umstürze und ideologische Entwicklungen in den USA (Henry Ford), Japan, Italien und Österreich. (Diese Ideen habe ich von Sebastian Haffner [b:Anmerkungen zu Hitler|1096052|Anmerkungen zu Hitler|Sebastian Haffner|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1180937552l/1096052._SY75_.jpg|7327706]) Heute also ist der Rechtsextremismus auch global - und inkonsistent. Vielleicht ist man inspiriert durch irrationale Glaubenssätze, die diesem Leben Sinn verleihen, und pervertiert diese dann so, dass auf einmal nur noch die Feindbilder dieser Glaubenssätze zählen? Der weiße, christliche, dominante Westen wäre ein Glaubenssatz. Denkt man auch nur 20 Sekunden über diesen nach, kommt man auf das, was Lübcke einige Jahre vor seinem Tod in Anwesenheit seines späteren Mörders, der dies in seinem ersten Geständnis als den Grund für seine Tat benannte, den "Flüchtlingsgegnern" vorhielt: Seid ihr christlich, dann müsst ihr christliche Werte teilen. Dann müsst ihr Flüchtlinge aufnehmen. Teilt Ihr diese Werte nicht - dann verlasst doch das Land. Dies hat die Rechtsterroristen im Publikum (auch des Mörders Gehilfe, der nach dem zweiten, unglaubwürdigen Geständnis der eigentliche Mörder sein soll) so aufgewühlt, dass sie Jahre darüber nachdachten. Nur kamen sie nicht auf die Inkonsistenz ihrer eigenen Ideologie (würde ich den weißen, christlichen Westen ernstnehmen, müsste ich an dessen Aufklärung genauso teilhaben wie an der religiösen Moral, die diesen doch bestimmen sollte (oder zumindest an eins von beidem, also entweder Moral befolgen oder säkularisiert die eigenen Wurzeln aufgeben), sondern wollten daraufhin morden - den Feind, in diesem Fall ein konservativer, weißer, christlicher Politiker. Im Fall der meisten terroristischen Anschläge aber Angehörige anderer "Gruppen". Verschwörungstheorien ergeben keinen Sinn - das ist aber nicht schlimm, solange die Sinn-Frage nicht gestellt wird. Sie müssen als Glaubenssystem nur ihre Funktion erfüllen. Und so ist der Rechtsextremismus, der eigentlich aus dem Nationalismus entstanden ist, global geworden. Und so benutzt er "moderne" Bildsprache, Meme, Technik, die er, wäre er restaurativ, ablehnen müsste. Er entwickelt eine eigene Kultur - eine Kultur, die eng an die des Gamings gebunden ist. Erst so zeigt sich die Genialität des Titels von Schwarz' Buch: Die Hasskrieger sehen sich tatsächlich in einem globalen Krieg. Nicht in einem in sich konsistenten Krieg um irgendetwas (z.B. Rohstoffe) - sondern in einem spielerischen Krieg, in dem es sogar Punktetabellen gibt. Die Täter von Utoya und Christchurch haben dort bisher die höchste Punktzahl gewonnen - der von Halle, wie er selbst zerknirscht nach dem Scheitern zugab - glücklicherweise nicht. Ein letztes Beispiel nicht aus dem Jahr 2019, sondern aus den Jahren davor, um dieses neue Phänomen zu verdeutlichen (das krasseste und mir neueste Beispiel aus dem Buch): Der Attentäter auf das Münchner Einkaufszentrum 2016 hatte 9 Menschen umgebracht. Er hatte sie nach ihrem Erscheinungsbild ausgewählt, wollte wohl vor allem türkeistämmige Menschen töten und traf dann auch muslimische Menschen und Roma und Sinti. Er selbst hieß früher Ali und seine Familie hatte im Iran gelebt. Aber er wollte besonders deutsch durch seine Tat sein. Auf der Gamingplattform Steam hatte er Kontakt mit jemanden namens William Atchinson. Sie gründeten dort eine Gruppe namens "Anti Refugee Club". Dieser wurde etwas später gewalttätig: 2017 erschoss er zwei hispanoamerikanische Jugendliche. Auf der Encyclopedia Dramatica (einem Wikipedia-Klon) schrieb er einen Artikel über den münchner Täter. (Vgl. Schwarz, Hasskrieger, 176f.) Wie krass.
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Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Karolin Schwarz, geboren 1985, ist freie Journalistin, Faktencheckerin und Trainerin. Sie arbeitet zu Rechtsradikalismus, Desinformation und der Schnittstelle zwischen Politik und Digitalem und hält weltweit Vorträge und Trainings. Zuvor arbeitete sie unter anderem als Faktencheckerin bei Correctiv.org sowie als Community-Managerin bei Jäger & Sammler (funk) und der Leipziger Volkszeitung. Im Februar 2016 gründete sie das Projekt Hoaxmap.org, über das Falschmeldungen über Geflüchtete und nicht-weiße Personen zusammen getragen werden. Das Projekt war für den Grimme Online Award und den Journalistenpreis “Der lange Atem” nominiert. Gegenwärtig arbeitet sie an einem Forschungsprojekt zum Deplatforming rechtsradikaler Akteure und analysiert als Expertin für zahlreiche Medien die Strategien rechter Akteure in sozialen Netzwerken. Karolin Schwarz lebt in Berlin.
Beiträge
Sehr umfassendes und gut strukturiertes Buch zu einem äußerst relevanten Thema
Von den Büchern, die ich zum Thema rechtsextreme Netzwerke im Internet gelesen habe, war dieses Buch das umfassendste und mit Abstand am besten strukturierte. Gerade weil das Thema so umfangreich ist, ist es nicht leicht die vielen sorgfältig recherchierten Informationen in einem geordneten Rahmen unterzubringen. Dies ist der Autorin unglaublich gut gelungen. An manchen Stellen war es etwas langatmig, dennoch habe ich sehr viel Informationen mitnehmen können. Das Buch sechs Jahre nach Erscheinung zu lesen, mit dem Wissen um das weitere Erstarken rechtsextremer Kräfte in der Zwischenzeit und um die Nutzung neuer Kanäle (wie z.B. TikTok), zeigt wie rasant hier die Entwicklungen voranschreiten und wie schnell solch umfassende Recherchen bereits überholt sein können. Dennoch gibt das Buch eine gute Grundlage zur Erklärung, wie es zur heutigen politischen Lage kommen konnte und ist auf jeden Fall auch im Jahr 2026 noch eine wichtige Lektüre!
Die momentan frei arbeitende Journalistin Karolin Schwarz beschäftigt sich schon seit mehreren Jahren (beeindruckenderweise trotz ihres nicht sehr hohen Alters) mit Rechtsextremismus und Verschwörungstheorien / Falschmeldungen im Internet. Dies sind gar nicht so sehr 2 verschiendene Themen, sondern sie hängen eng zusammen. Der Anlass und Fixpunkt dieses Buchs aber ist das Jahr 2019: spätestens dann nämlich war ein Phänomen wirkmächtig, dass sie im Buch treffend und klar beschreibt: Rechtsextreme, die sich "im Internet" "treffen", Internetsprache sprechen, terroristisch/mörderisch tätig werden und diese Taten dann wieder über das Internet verbreiten (lassen). An einer Stelle listet sie die Taten des Jahres 2019 sogar auf: März: In Christchurch wurden 51 Menschen in oder in der Nähe einer Armee erschossen. 8chan, Twitter und ein Facebook-Live-Video benutzte er. (Ich persönlich kenne eine Person, die über ein Whats-App-Chat an dieses Video herangekommen ist und es mir sogar zeigen wollte.) April: In Kalifornien wurde in einer Synagoge eine Person erschossen und weitere verletzt. Hier gelang die Facebook-Live-Schalte nicht. 8chan diente als Pamphletmedium. Der Täter hatte vorher eine Moschee angezündet. Juni: Lübcke wurde ermordet. Der Täter radikalisierte sich selbst und andere durch Chats. August: In El Paso wurden 22 Menschen erschossen. Hier waren Latinos das erklärte Ziel, ein Pamphlet wurde auf 8chan angeboten. August 2019: In Norwegen sollten Moscheebesucher*innen ermordet werden, der Anschlag scheiterte. Vorher hatte aber der Täter bereits seine chinesischstämmige Stiefschwester umgebracht. 8chan war bereits geschlossen, also wurde Endchan fürs Pamphlet benutzt. Das Facebook-Livestreamen klappte wieder nicht. Oktober 2019: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle scheiterte, stattdessen wurde eine Passantin und ein Besucher einer Dönerbude erschossen. Gestreamt wurde auf Twitch. (vgl. Schwarz, Hasskrieger, 168f) Schwarz erklärt auch die Geschichte des Rechtsextremismus im Netz an. "Normale" Netzwerke werden viel benutzt, aber immer öfter werden sie gesperrt. Deswegen werden Foren bzw. Imagebords wie 4chan und dann später 8chan und alle möglichen Ableger benutzt, oder auch Twitterklone (gab.ai) oder der russische Facebookkonkurrent vk (welch Zufall). Wollen sich Terroristen vorbereiten, dann wollen sie natürlich geheim kommunizieren. Dies geschieht meistens in Telegramgruppen (dass Telegram gar nicht so geheim ist, hat sich ja bekanntlich weder in der rechtsextremen Community noch in der gesamten Gesellschaft herumgesprochen). Geheim sind auch Strategiepapiere, wie man im Netz Propaganda betreiben sollte. Hier schließt Schwarz auch rechtsextreme Kräfte mit in ihre Überlegungen ein, die angeblich nicht gewalttätig sind. Die Identitäre Bewegung (IB) z.B. ist ja nur vordergründig friedlich. Dass sogar der Täter in Christchurch Kontakt mit Martin Sellner von der IB hatte, ist immer noch eine der unfassbarsten Vorkommnisse überhaupt. Spannend ist, dass Strategien der IB und auch anderer Gruppierungen uns nur aus "Leaks" bzw. Diebstählen bekannt sind. Einmal wurden in Österreich Mitglieder der IB durch Linksextreme vertrieben. Nur so kam man an ihre Medienstrategie. Feindeslisten und jahrelange (!) Hasskampagnen ohne Skrupel (das Beispiel ist Annetta Kahane) können wirklich Angst machen. Der bereits reale globale Terrorismus erweist im Umkehrschluss, dass der Rechtsextremismus eine Gewalt erzeugende Gefahr ist. Die neuen Mittel speisen sich aus älterer Ideologie, verändern aber auch diese. Woher kommt dieser unglaubliche Hass eigentlich? Dass kann und will dieses Buch nicht erklären. Denn irgendwie ist es doch unlogisch: Der Täter von Halle konnte nicht wirklich Englisch, und trotzdem teilte er seine Ideologie im Zeichen des globalen Rechtsextremismus unbeholfen in dieser Sprache auf Twitch mit: Juden sind an allem Schuld, auch am Islam, auch an den Frauen. Hitler hätte das noch auf Deutsch gesagt. Aber vielleicht zeigt Hitler trotzdem schon etwas, das sich mit heutigem Rechtsextremismus verbinden lässt? Auch Hitlers Expansionswahn ging ja über Großdeutschland hinaus. Seine Taten lassen sich vielleicht selbst mit für sich schon ausreichend schlimmen deutschen Patriotismus nicht erklären, sondern können einem auch als eigenartiger Vorwand erscheinen. Er schien ja sogar alles auf ihn als eine Person zu konzentrieren (selbst alles auf seine Lebensspanne, und eben nicht das tausendjährige Reich), was in großdeutscher Ideologie keinen Sinn ergibt. Und er war "global" inspiriert durch Umstürze und ideologische Entwicklungen in den USA (Henry Ford), Japan, Italien und Österreich. (Diese Ideen habe ich von Sebastian Haffner [b:Anmerkungen zu Hitler|1096052|Anmerkungen zu Hitler|Sebastian Haffner|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1180937552l/1096052._SY75_.jpg|7327706]) Heute also ist der Rechtsextremismus auch global - und inkonsistent. Vielleicht ist man inspiriert durch irrationale Glaubenssätze, die diesem Leben Sinn verleihen, und pervertiert diese dann so, dass auf einmal nur noch die Feindbilder dieser Glaubenssätze zählen? Der weiße, christliche, dominante Westen wäre ein Glaubenssatz. Denkt man auch nur 20 Sekunden über diesen nach, kommt man auf das, was Lübcke einige Jahre vor seinem Tod in Anwesenheit seines späteren Mörders, der dies in seinem ersten Geständnis als den Grund für seine Tat benannte, den "Flüchtlingsgegnern" vorhielt: Seid ihr christlich, dann müsst ihr christliche Werte teilen. Dann müsst ihr Flüchtlinge aufnehmen. Teilt Ihr diese Werte nicht - dann verlasst doch das Land. Dies hat die Rechtsterroristen im Publikum (auch des Mörders Gehilfe, der nach dem zweiten, unglaubwürdigen Geständnis der eigentliche Mörder sein soll) so aufgewühlt, dass sie Jahre darüber nachdachten. Nur kamen sie nicht auf die Inkonsistenz ihrer eigenen Ideologie (würde ich den weißen, christlichen Westen ernstnehmen, müsste ich an dessen Aufklärung genauso teilhaben wie an der religiösen Moral, die diesen doch bestimmen sollte (oder zumindest an eins von beidem, also entweder Moral befolgen oder säkularisiert die eigenen Wurzeln aufgeben), sondern wollten daraufhin morden - den Feind, in diesem Fall ein konservativer, weißer, christlicher Politiker. Im Fall der meisten terroristischen Anschläge aber Angehörige anderer "Gruppen". Verschwörungstheorien ergeben keinen Sinn - das ist aber nicht schlimm, solange die Sinn-Frage nicht gestellt wird. Sie müssen als Glaubenssystem nur ihre Funktion erfüllen. Und so ist der Rechtsextremismus, der eigentlich aus dem Nationalismus entstanden ist, global geworden. Und so benutzt er "moderne" Bildsprache, Meme, Technik, die er, wäre er restaurativ, ablehnen müsste. Er entwickelt eine eigene Kultur - eine Kultur, die eng an die des Gamings gebunden ist. Erst so zeigt sich die Genialität des Titels von Schwarz' Buch: Die Hasskrieger sehen sich tatsächlich in einem globalen Krieg. Nicht in einem in sich konsistenten Krieg um irgendetwas (z.B. Rohstoffe) - sondern in einem spielerischen Krieg, in dem es sogar Punktetabellen gibt. Die Täter von Utoya und Christchurch haben dort bisher die höchste Punktzahl gewonnen - der von Halle, wie er selbst zerknirscht nach dem Scheitern zugab - glücklicherweise nicht. Ein letztes Beispiel nicht aus dem Jahr 2019, sondern aus den Jahren davor, um dieses neue Phänomen zu verdeutlichen (das krasseste und mir neueste Beispiel aus dem Buch): Der Attentäter auf das Münchner Einkaufszentrum 2016 hatte 9 Menschen umgebracht. Er hatte sie nach ihrem Erscheinungsbild ausgewählt, wollte wohl vor allem türkeistämmige Menschen töten und traf dann auch muslimische Menschen und Roma und Sinti. Er selbst hieß früher Ali und seine Familie hatte im Iran gelebt. Aber er wollte besonders deutsch durch seine Tat sein. Auf der Gamingplattform Steam hatte er Kontakt mit jemanden namens William Atchinson. Sie gründeten dort eine Gruppe namens "Anti Refugee Club". Dieser wurde etwas später gewalttätig: 2017 erschoss er zwei hispanoamerikanische Jugendliche. Auf der Encyclopedia Dramatica (einem Wikipedia-Klon) schrieb er einen Artikel über den münchner Täter. (Vgl. Schwarz, Hasskrieger, 176f.) Wie krass.







