Erinnern nicht vergessen

Erinnern nicht vergessen

Taschenbuch
4.52

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Beschreibung

Erinnerungskultur sichtbar machen – Gedenkorte in Nürnberg entdecken

Geschichte »vor der eigenen Haustür«: Nürnberg-Spaziergänge durch Zeit und Raum

Ob Synagogendenkmal, das Denkmal für die Sinti und Roma oder das Mahnmal für die Opfer der NSU-Gewalttaten: Dieses Buch macht die Vielfalt der Erinnerungskultur greifbar.

Angesichts immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen als moralische Wegweiser gewinnen Orte als Sichtbarmachung der nationalsozialistischen Verfolgung und Ermordung von Menschen mehr denn je an Bedeutung.
»Erinnern nicht vergessen« nimmt die Leserinnen und Leser mit auf einen Spaziergang durch Nürnberg und seine jüngere Geschichte.

Das Buch will sensibilisieren für das Gedenken an verschiedene Opfergruppen – darunter auch LGBTIQ+, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter – sowie für zeitgenössische Verbrechen wie die NSU-Morde.

Geschichte erleben, wo sie geschah: Spaziergänge zu Gedenkorten mitten in Nürnberg – von der NS-Zeit bis zur Gegenwart.

Gegen das Vergessen: Sichtbare Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und heutiger rechter Gewalt – mit aktuellem Bezug.

Vielfältige Perspektiven: Gedenken an Sinti und Roma, jüdische Opfer, LGBTIQ+, Zwangsarbeiter:innen und NSU-Betroffene – durchdacht und vielstimmig.

Mit Stimmen der Angehörigen: Bewegende Kurzinterviews geben Opfern und ihren Familien ein Gesicht.

Reich bebildert und fundiert: Informativ, berührend, ideal für Leser:innen mit Interesse an lokaler Geschichte, Erinnerungskultur und Demokratiebildung.

Für Einheimische und Besuchende: Der perfekte Begleiter für historische Stadtgänge – nicht nur für Nürnberger:innen.

Gerade jetzt wichtig: In Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks ist Erinnerungsarbeit nötiger denn je.

Buchinformationen

Haupt-Genre
Fachbücher
Sub-Genre
Geschichte & Archäologie
Format
Taschenbuch
Seitenzahl
160
Preis
18.90 €

Beiträge

2
Alle
5

»Woran sich eine Gesellschaft erinnert, prägt ihre Identität, denn: Die Vergangenheit ist der Resonanzraum für unsere Gegenwart.«

Nürnberg ist nicht nur Kaiserstadt und ein in vielerlei Hinsicht geschichtsträchtiger Ort, sondern auch eine Stadt, die sich bewusst mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt und diese in das heutige Stadtleben integriert. Besonders zur Zeit des Nationalsozialismus fiel Nürnberg eine bedeutende Rolle zu. Dort fanden auf dem eigens dafür angelegten Reichsparteitagsgelände riesige Reichsparteitage statt, die Nürnberger Gesetze wurden am 15. September 1935 verabschiedet und ab Ende 1945 begannen die Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher. Auch zahlreiche Razzien nicht nur gegen jüdische Menschen, sondern auch gegen Homosexuelle, sog. „Asoziale“, Zeugen Jehovas, etc. wurden durchgeführt. Darüberhinaus streckte sich der Greifarm des Gedankenguts in die jüngere Vergangenheit – allein in Nürnberg wurden drei türkische Männer vom NSU ermordet. Dieses Buch widmet sich vielen Schicksalen, die sich in Nürnberg ereigneten und denen mit diesem Buch, aber auch durch Gedenkorte, gedacht wird. Die jeweiligen Kapitel widmen sich verschiedenen Gedenkorten hinsichtlich ihrer Geschichte hin zu der Bedeutung als Mahnmal und Reflexion für unsere Zeit und unser eigenes Handeln. Ergänzt werden sie teilweise durch Kurzinterviews und einigen Schilderungen von persönlichen Schicksalen von Opfern oder Widerstandskämpfer*innen, was das Buch bereichert, da sie eindrücklich auf die Leser*innen wirken und die unzähligen grausamen Morde unschuldiger Menschen schonungslos vor Augen führen. Ich wusste weder etwas von dem Goldenen Saal unter der Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände, eines KZ-Außenlagers oder dem ehemaligen „Lagerfriedhof“. In Zeiten, in denen Erinnerungskulturen von nicht wenigen in Frage gestellt werden, ist die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit umso wichtiger.

»Woran sich eine Gesellschaft erinnert, prägt ihre Identität, denn: Die Vergangenheit ist der Resonanzraum für unsere Gegenwart.«
4.5

Nürnberg, Stadt der Reichsparteitage und der Rassegesetze, Stadt der Menschenrechte und dreier NSU-Morde. Was Erinnerungspolitik und öffentliches Gedenken angeht, gibt es hier definitiv genug Ansatzpunkte. Und seit Nürnberg besagten Menschenrechtsschwerpunkt hat, besteht auch und gerade in der Lokalpolitik ein großes Interesse am Erinnern. Seien es der Weg am Frauentorgraben vom Magnus-Hirschfeld-Platz bis zum Plärrer, wo eine Statue an die Zwangsarbeiter*innen erinnert, seien es Gedenk-Stelen überall in der Stadt und auch den randständigen Stadtteilen verteilt oder zivilgesellschaftlich teilweise gegen massive Widerstände der Stadt durchgesetzte oder zumindest ohne dieses zivilgesellschaftliche Engagement so wohl nicht zustande gekommene Gedenkorte und Erinnerungstafeln wie die an İsmail Yaşar, die die antifaschistische Initiative Das Schweigen Durchbrechen angebracht hat oder der vor allem durch das queere Zentrum Fliederlich e.V. erwirkte Gedenkort für die verfolgten queeren Menschen im NS. Da kann man sowohl als Touri als auch als Einheimische*r Schwierigkeiten haben, den Überblick zu bewahren. Und deshalb habe ich mich als zugezogene Nürnbergerin sehr gefreut, als mich der Ars Vivendi Verlag kürzlich fragte, ob ich nicht den von Astrid Betz u.a. herausgegebenen Band "Erinnern nicht vergessen - Nürnberger Gedenkorte" (Reziexemplar) lesen möchte. Ja klar wollte ich das, habe das noch im August getan und dass die Rezension erst jetzt kommt, liegt vor allem daran, dass ich dann natürlich auch einige der genannten Orte, die ich bisher noch nicht aktiv besucht habe, auch mal sehen wollte. Und dieses schmale Buch ist auf jeden Fall eine sehr gute Grundlage, um sich auf Spurensuche in der Stadt zu machen. Denn ehrlicherweise: obwohl ich seit 2 1/2 Jahren hier wohne, waren mir einige Gedenkorte unbekannt. Etwa der Magnus-Hirschfeld-Platz, an dem ich schon öfter unwissend vorbeigelaufen bin oder eben der Transit-Skulptur in Erinnerung an die NS-Zwangsarbeit. Sehr spannend finde ich, dass es in der ganzen Stadt, auch in Orten wie Langwasser oder der Gartenstadt, Erinnerungs-Stelen gibt. Die sind zwar super hässlich (meiner ästhetischen Empfindung nach), fallen gerade dadurch aber auch auf. In einer Stadt, die bis heute über den "richtigen" Umgang mit NS-Bauten streitet, ist das schon ziemlich wichtig finde ich. Dass das jährliche Rock im Park literally mitten auf dem Reichsparteitagsgelände stattfindet und am Burger King um die Ecke noch der Abdruck des abgenommenen Reichsadlers zu sehen ist, sowas irritiert mich manchmal immer noch. Und ebenso, dass die Stadt der Menschenrechte, zu der sich Nürnberg mittlerweile gemausert hat, so spät damit angefangen hat, Gedenkstelen aufzustellen - erst seit Anfang der 2000er stehen die in der Stadt herum. Zugegeben, viele Nürnberger Gedenkorte sind deutlich älter. Aber wenn man 1959 zum Gedenken an die deutsch-deutschen Opfer des Luftangriffs von 1945 mal eben Überbleibsel der 1938 zerstörten Synagoge verwendet (!), was auch in diesem Stadtführer kritisiert wird, ist das wohl die Spitze einer auf deutsche Identität ausgerichteten, konkrete Verantwortung ausblendenden Gedenk- oder vielmehr Opferkultur der ersten Jahrzehnte. Diese Kultur hat sich verändert und auch das zeichnet "Erinnern nicht vergessen" nach. Gerade hier gefiel es mir sehr, dass bspw. bisher wenig beachtete Nürnberger Widerständlerinnen Platz gefunden haben und wirklich eine tolle Übersicht der Vielfalt von Gedenkorten zusammengestellt wurde. An anderer Stelle hätte ich mir manchmal noch das ein oder andere kritische Wort mehr gewünscht. So finde ich es bezeichnend, dass von allen Mahnmalen das, das an die Vertriebenen der ehemaligen deutschen Ostgebiete erinnert, zentral in der Innenstadt steht, weshalb man das sofort sieht - während etwa der Gedenkstein an die ermordeten Sinti*zze und Rom*nja am Frauentorgraben außerhalb der Stadtmauer steht, weshalb man ihn wohl eher bewusst ansteuern muss. Gedenkpolitik ist, wie der Name sagt, immer auch Politik, verbunden mit Deutungskämpfen und Ausschlüssen und auch städtischer Selbstdarstellung. Diese zu reflektieren, ist sicher nicht die vorderste Aufgabe eines solchen Stadtführers, aber gerade, da Nürnberg etwa bezüglich der NSU-Morde bis heute gravierendste Ermittlungsfehler und den behördlichen Rass1smus noch nicht wirklich aufgearbeitet hat, wirken Dinge wie die Erinnerungsstele an der Straße der Menschenrechte oder Plaketten an den Orten der M0rde eher wie das bare minimum als wie eine wirkliche Auseinandersetzung mit eigener Verantwortung und den nötigen Folgen daraus. Außerdem hat mich irritiert, dass die meisten der Gedenk-Skulpturen nicht von Angehörigen der Betroffenengruppen geschaffen wurden. Nicht, dass das zwingend nötig wäre. Aber dass der Steinmetz der Gedenkstelle an die homoseggsuellen Opfer auch im lokalen CSD engagiert ist, verleiht diesem Gedenkort nochmal eine andere Tiefe, denn die Trauer um die Ermordeten und die Wut über die späte Anerkennung - erst vor Jahren wurden queere Menschen offiziell als verfolgte Gruppe anerkannt, aber der 175er blieb bis in die 90er bestehen und kriminalisierte schwule Männer - gehören zu "unserer" queeren Geschichte.  Hier hätten mich noch mehr Hintergrundinfos interessiert, wie jeweils entschieden wurde, welche Objekte zum Gedenken entstehen sollen o.ä. Aber eventuell sprengt das auch etwas den Rahmen dessen, was letztlich ein Stadtführer leisten kann.

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