Die Stimme der Unendlichkeit
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Cesare Falessi: Die Wahrheit des Astronauten Dargestellt wird das Problem der Zeitrelativität: Beziehungen auf der Erde sind für die Astronauten immer nur kurz, wenn er zurückkommt, sind nämlich seine Liebschaften zu sehr gealtert ("Langevinsche Theorie"). Geschickt eingebauter Plottwist: Er hat sich zwar für Frau+Kind, gegen Quasi-Unsterblichkeit in hoher Geschwindigkeit als Astronaut entschieden, sie fliehen aber als Familie nicht deswegen vor der Polizei, sondern er will einen Vorwand haben, um sich ständig verschleiern zu können: Ansonsten könnte seine Frau sehen, dass er nun, auf die Erde zurückgekehrt, sehr schnell altert. Antonio Bellomi: Ein Leuchtturm zwischen den Sternen. Eine typische First-Contact-Geschichte mit fremder Intelligenz in ungewöhnlichem Setting: Unfall zweier Astronauten, auf fremden Planeten entstehen Konflikte mit "unterentwickelten" "Eingeborenen". Erst dann wird ein "Leuchtturm" entdeckt, der den Weg zu einer fremden, eben wirklich intelligenten Zivilisation weist. Lino Aldani: Siebenundreißig Grad Eine politische Satire über eine Gesundheitsdiktatur: Die Idee, dass Ärzte besser behandeln, wenn sie nur bezahlt werden, wenn man gesund ist, führte zu einer Versicherung, deren Bürokratie stärker als der Staat wurde, übergriffig obendrein - man darf nichts mehr gegen seine eigene Gesundheit tun, z.B. ein Fenster im Zug öffnen, wenn einem zu warm ist, da man sich dann ja erkälten könnte. Der Protagonist möchte zugunsten von Freiheit dagegen rebellieren, stirbt dann aber, ohne Gesundheitsschutz und Überwachung an Wundstarrkrampf. (Diese Satire ist die beste Geschichte des Bandes.) Renato Pestriniero: 21 Stunden Nacht Astronauten landen auf einem ihnen unbekannten Planeten unter schlechtesten Bedingungen: das 2. Raumschiff ist abgestürzt, alle verstorben. Die Übrigen verhalten sich komisch, unheimliche Dinge geschehen: eine fremde Macht (unsichtbar) scheint die Psyche der Menschen anzugreifen. Sie bringen sich gegenseitig um. Doch sie sterben nicht wirklich: Sie leben weiter wie Kinder. Kurz bevor der letzte Astronaut stirbt, entwickelt er eine vulgär-freudianische Theorie: das Ego wurde nur getötet, das Id lässt die Alien-Neuromacht am Leben. Gilda Musa: 30 Kolonnen Nullen Ein Mann lässt sich von seiner Frau überreden, Pilot zu werden, bekommt dann aber auf dem Flug psychische Probleme: Er hat Angst vor dem Weltraum und dem sich darin ausdrückenden Nichts. Daraufhin bringt er sich um. Der Fall wird untersucht und dann sozusagen zu den Akten gelegt. Giulio Raiola: Der Papierdrachen Diese First-Contact-Geschichte ist sehr eigenartig konstruiert: Ein Junge will, dass sein Vater ihm einen Papierdrachen baut. Der forscht zufälligerweise an einem die Gravitation aushebelnden neuen physikalischen Gesetz (und deren mechanischer Ausnutzung) und entscheidet sich dann auf das Drängen des Sohnes, diese Aushebelung mit dem dann wunderbar fliegenden Drachen auszuprobieren. Daraufhin entdeckt ein Aliensohn in einem vorbeifliegenden Raumschiff diesen Drachen und will ihn haben. Der Alienvater entscheidet sich, diesen Flugdrachen zu erwerben, um den Wunsch des Sohns zu erfüllen und im Gegenzug das von der Formel, was dem Menschenvater noch fehlt, anzubieten. Dafür nimmt er erst telepathischen, dann tatsächlichen Kontakt auf. Purer Kitsch, klassische Rollenbilder. Carlo Vittorio Cattaneo: Der Turm Diese pseudopoetische und -philosophische Geschichte versucht experimentell existenzielle Weisheit über ein folgendes Szenario zu kreieren: Ein Mensch möchte einen Turm erreichen. Der scheint etwas Wichtiges auf dem Mars zu sein. Zwei Marsbewohner beobachten ihn und urteilen in affektierter Sprache, dass er das sowieso nicht schaffen würde, weil die Marsianer es auch einst kollektiv nicht geschafft hätten. Die Marswüste selbst stellt sich als grausamer Organismus heraus, der vorhat, den Menschen zu töten. Ein Marspflänzchen, das anscheinend denken kann, beklagt sich darüber, vom Menschen niedergetreten worden zu sein. Geschwurbelte Sprache versucht hier der Sinnlosigkeit eine Stimme zu geben. Renato Pestriniero: AU.R.A. Wie schon in der anderen Kurzgeschichte von Renato Pestriniero in diesem Band wird es auch hier wieder vulgärfreudianisch und küchenpsychologisch. Fachwörter wie Archetyp, Imago, Vaterkomplex fallen. Doch welches psychologische Problem ergibt sich hier überhaupt? Es beginnt mit dem Ende eines Astronauten auf dem Mars und erst, als sich auf dem Kommandozentrum Ton- und Bildaufnahmen von dem Flug dorthin angeschaut (und eben psychologisch analysiert) werden, versteht man die eigentliche Chronologie der Ereignisse: 3 Astronauten sind das 1. Mal auf einem Langzeitflug. Hypnose sollte sie vor den Folgen der langen Reise schützen - und die Roboterpuppe AU.R.A., die ein Frauenersatz sein soll. Doch das hilft beides nicht, anders als in einem 2., dieses begleitenden Raumschiff, deren Astronauten die Reise überstehen werden. Hier aber wird einer der 3 zum Mörder, weil er den einen anderen so unsympathisch findet. Er erinnert ihn an eine Figur aus einem Buch, nämlich Biggs aus den [b:Die Mars-Chroniken|1557303|Die Mars-Chroniken|Ray Bradbury|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1185182022l/1557303._SY75_.jpg|4636013] von [a:Ray Bradbury|1630|Ray Bradbury|https://images.gr-assets.com/authors/1445955959p2/1630.jpg] (ich habe sie noch nicht gelesen, aber sie sind ein SF-Klassiker). Bei einem Außeneinsatz also tötet er ihn. Die 3. Person merkt, dass das Mord gewesen ist. Doch komischerweise stört ihn das kaum. Er ist eigenartig emotionslos, will wegen eines Vaterkomplexes nicht auf die Kommandos von der Erde hören - und verliebt sich in AU.R.A, obwohl "sie" nur ein Roboter ist. Um sie "allein" zu haben, bringt nun er den Mörder des anderen um - und ist so allein im Raumschiff. Nach der Landung setzt er dem Roboter seine Atemmaske auf. Die Astronauten aus dem anderen Raumschiff merken schnell, dass da etwas Schlimmes geschehen ist, und versuchen ihn einzuholen. Da bringt er sich um. Inìsiero Cremaschi: Natürlicher Feind Eine sehr gute Idee, aber zu ausladende Geschichte: Was passiert wohl, wenn ein Raumschiff ewig lange zu einem anderen Planeten flog, dort eine Kolonie aufbaut, und irgendwann wollen zwei Astronauten wieder zurück und auf der Erde berichten - aber sie vergessen, dass die Erde eine andere sein könnte als die, die einmal verlassen worden ist? Raumfahrt hat auf jeden Fall dieses Zeitproblem und Menschen haben das Problem, dass Geschichte fortschreitet, aber nicht zwangsläufig zum Besseren. Die 2 Astronauten, die immer noch das Italienisch ihrer Vorväter sprechen, können sich nicht verständigen - denn die Sprache der Erdbewohner*innen hat zwar italienische Anklänge, aber völlig andere Bedeutungen. Sie werden gefangen genommen. Alles scheint nach den Regeln einer unbarmherzigen Militärdiktatur abzulaufen, die sie als Eindringlinge betrachtet. Irgendwann glaubt der eine Astronaut - er wurde von dem anderen getrennt und mit großen Temperaturschwankungen in einer Einzelzelle gefoltert - er wäre vielleicht freigelassen worden. Stattdessen ist dies sein Ende - eine Hinrichtung, eine Desintegration - und das Ende der Geschichte. Stefano Sudriè: Der unentbehrliche Gegenstand Ein Handlungsreisender macht Werbung - die Pointe ist, dass er das Produkt erst am Ende benennt: GOTT. Vorher wundert man sich: Es ist sinnlos, aber irgendwie wollen es doch alle. Jeder kann es interpretieren, wie er möchte? Was soll das sein? Diese Geschichte versucht, religionskritisch zu sein. So ganz überzeugend und gedankentief ist sie dabei aber nicht, aber sie stört auch nicht. N.L. Janda: Unsichtbarer Feind Diese Geschichte spielt im Jahr 2021 (!) auf einer Kolonie auf dem Mars. Der Autor behauptet, dass er ingenieurtechnisch eine realistische Möglichkeit, wie eine Marskolonie aussehen könnte, präsentiert. In der Geschichte geht es aber gar nicht um technische Details: Es ist aus der Sicht eines der Marskolonisatoren geschrieben, in Tagebuchform, und kann dadurch einen gewissen Sog erzeugen. Die vorherigen Expeditionen sind aus unbekannten Gründen gescheitert. Deswegen soll diesmal besonders aufgepasst werden - dies führt aber zu einer Atmosphäre der Paranoia und des Misstrauens. Außerdem sind unterirdische Gänge entdeckt worden - sind dort etwa Marsianer? Der Protagonist wird langsam wahnsinnig, wie seinen Tagebucheinträgen zu entnehmen ist, zerstört mutwillig Dinge im Gewächshaus und kann sich danach nicht daran erinnern. Oder ist es der Einfluss von einer außerirdischen Existenz? Er weiß es selbst nicht. Es wird immer schlimmer. Auch andere scheint es befallen zu haben, zumindest gibt es einen Toten, und niemand sagt, warum. Im letzten Tagebucheintrag kündigt der Protagonist an, die gesamte Marssiedlung in die Luft zu jagen. Er weiß selbst nicht, ob er es aus Zerstörungswillen oder wegen unsichtbaren außerirdischen Einflusses tut... Gilda Musa: Abhorrens Ein Raumschiff erleidet fast eine Havarie, dann erscheint ein eigenartiges Wesen, das zugleich nichtkörperlich und körperlich zu sein scheint - und ein Wissenschaftler, aus dessen Sicht dieses Erlebnis leider berichtet wird, philosophiert, welche Raumgesetze wohl gelten oder nicht gelten, wie dieses Wesen nun ist oder nicht ist, und wie man das Unbeschreibliche beschreiben sollte (und scheitert daran, was das Lesen dieser Geschichte leider sehr anstrengend macht). Das Wesen repariert das Schiff. Astronauten, die dem Wissenschaftler zu Hilfe kommen wollten, schießen (typisch Mensch) auf das "Abhorrens", dieses aber ist davon unbeeindruckt, verschwindet. Das Raumschiff hat auf einmal wieder Kurs auf die Erde. Ende der Raumzeit? Das überlegen die Astronauten. Die Pointe: Das Wesen war eines von vielen, dass das Reservat des Weltraums, in dem die Erde liegt, bewachen, die Menschen beobachten und darauf warten, dass sie eines Tages hoch genug entwickelt wären, um mit sich auf einer Augenhöhe zu kommunizieren und keine Gefahr darzustellen. Das Zoo-Szenario ist eines der beängstigendsten und unwahrscheinlichsten Antworten auf die Frage, warum wir noch kein Alien-Leben kennen. Alberto Sacchetto: Stille Nacht Nach einer Pandemie ist die Menschheit fast ausgelöscht und es ist Weihnachten. Der Protagonist begegnet Aliens: die aus dem 1. Raumschiff nennen sich Kaspar, Melchior und Balthasar, die aus dem 2.wirken wie Engel - suggeriert wird so, dass die biblische Weihnachtsgeschichte nach Matthäus (nicht Lukas, da gibt es sowieso nur sehr irdische, arme Hirten) von dem letzten Besuch dieser Aliens erzählt. Nun sind sie nach einiger Zeit wieder gekommen und finden die Erde im schlimmen Zustand vor. Ende der Geschichte. Es schneit hier allerdings zu Weihnachten - der Klimawandel ist in dieser Geschichte noch nicht mitbedacht. Giancarlo Castello: Die Brennnessel und der Granatapfelbaum Ich habe das Gefühl, dass die Pointe dieser wirr und unklar geschriebenen, in Andeutungen verbleibenden Geschichte an mir vorbei gegangen ist (wie es mir bei vielen Kurzgeschichten, die künstlerisch sein wollen, geht): Ein biologisches Experiment soll ausgeführt werden, nacheinander werden alle Lebewesen eingeschläfert, ihre Schmerzresistenz soll getestet werden, um die Überlebensfähigsten herauszubestimmen - ein unmenschliches Experiment. Der Protagonist Polyphem (ein Mensch) hält am längsten gegen die Einschläferung stand. Die Pointe scheint aber zu sein, dass er deswegen so lange ausgehalten hat, weil er so moralisch ist, also voller Mitleid mit den anderen Leidenden, ganz anders als die, die das Experiment durchführen. Warum er aber gerade Polyphem nach dem Zyklopen aus der Odysseussage heißt, erschließt sich mir überhaupt nicht. Außerdem ist die Geschichte sehr lang. Der Titel ist bestimmt auch eine Anspielung. Riccardo Leveghi: Rho lupis Hier soll der "Geschlechterkampf" (in binären und psychologisch geprägten Zeiten ein wichtiges Thema auch der Literatur) pseudo-witzig anhand eines Manns und einer Frau, die sich gegenseitig wegen irgendwelcher Vorfälle auf einem fremden Planeten jagen und mit Alienflora versuchen, gegenseitig umzubringen. Am Ende sterben tatsächlich beide. Maurizio Viano: Zum Fischen an den Qumransee Zwei Kinder finden einen Stein, der vom Himmel gefallen ist. Berührt man ihn, kann man sich auf einem fremden Planeten aufhalten, in der Nähe eines Sees, traumgleich, wunderschön. Sie nennen ihn "Qumransee", nach einem Namen, der geheimnisvoll klingt und von dem sie irgendwo gelesen haben (Die Qumranhöhlen sind Fundorte antiker hebräischer Schriftrollen, unter anderem mit Büchern aus der Hebräischen Bibel). Doch es kann immer nur einer "reisen". Also wechseln sie sich ab, auch als sich ihre Lebenswege trennen, und schicken sich den Stein gegenseitig zu. Sie "reisen" außerdem nachts, weil es dann ihren Mitmenschen nicht auffällt. Er ist dick und unerfolgreich (das wird betont), sie natürlich schön und erfolgreich. Irgendwann will sie ihm den Stein nicht mehr abgegeben. Also konfrontiert er sie damit bei einem Empfang zum Anlass eines neuen Films von ihr. Dort will sie nur mit den reichen Produzenten reden. Der Eine wird stereotyp extra erwähnt: Er sei "Afrikaner" und trüge viel Schmuck, vielleicht ein Botschafter und nennt sie dann auch noch "darling". Das Klischeehafte wird fortgesetzt mit der Pointe der Geschichte: Sie streiten sich um den Stein, er zerbricht - doch das ist gar nicht so schlimm, denn sie können nun gemeinsam in die fremde Welt reisen! Während seine Frau schnarcht (können schöne Frauen etwa nicht schnarchen), bricht der Protagonist also auf und ist mit seiner Kindheitsfreundin verabredet - ist hier der Traum von Fremdgehen literarisch dargestellt? Auf jeden Fall nicht besonders gut. Antonio Bellomi: Ein Freund für Theon Ein Ufo stürzt in der Nähe eines anscheinend unfruchtbaren Mannes ab. Er birgt den Mann in dem Ufo, verarztet ihn, kann ihn aber nicht retten. Dessen Notruf scheitert auch, er stirbt, hinterlässt ihm aber einen Edelstein, der Organe heilen kann und der Frau des Protagonisten die Schwangerschaft "schenkt". Alcide Montanari: Vorspiel zur Stille. Nach einer Havarie stirbt ein Astronaut alleine auf einem Planeten, seine Phantasie spiel ihm eine Rettung vor. Daniele Ganapini: Der Ritus Auch hier geht es um Religionskritik, doch deutlich besser durchgeführt: Nach einem Menschenbesuch entwickeln die noch nicht weit entwickelten Aliens eine Religion in Bezug auf einen netten Menschen, dann geht die Religionsgeschichte aber weiter: Schismen etc... Adalberto Cersosimo: Delirium Aus dem Film Gravity kennt man das Szenario: Durch eine Havarie ist der Kosmonaut allein im Raumanzug im All und weiß, dass er bald sterben wird - hier gibt es aber kein Happy End - alle Hoffnung entpuppt sich als Täuschung, einziger Trost: Ein Gestein durchstößt ihn und verkürzt so seine Qualen. Antonio Bellomi: Die Stimme der Unendlichkeit Die titelgebende Geschichte, die 3. von Bellomi: Lange und umständlich erklärt ein Wissenschaftler dem Protagonisten, dass eine Nachricht aus den Tiefen des Weltalls nun endlich entschlüsselt würde. Die Pointe: Ihr Inhalt ist das Bereschit, Beginn der Hebräischen Bibel: Gen. 1
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Cesare Falessi: Die Wahrheit des Astronauten Dargestellt wird das Problem der Zeitrelativität: Beziehungen auf der Erde sind für die Astronauten immer nur kurz, wenn er zurückkommt, sind nämlich seine Liebschaften zu sehr gealtert ("Langevinsche Theorie"). Geschickt eingebauter Plottwist: Er hat sich zwar für Frau+Kind, gegen Quasi-Unsterblichkeit in hoher Geschwindigkeit als Astronaut entschieden, sie fliehen aber als Familie nicht deswegen vor der Polizei, sondern er will einen Vorwand haben, um sich ständig verschleiern zu können: Ansonsten könnte seine Frau sehen, dass er nun, auf die Erde zurückgekehrt, sehr schnell altert. Antonio Bellomi: Ein Leuchtturm zwischen den Sternen. Eine typische First-Contact-Geschichte mit fremder Intelligenz in ungewöhnlichem Setting: Unfall zweier Astronauten, auf fremden Planeten entstehen Konflikte mit "unterentwickelten" "Eingeborenen". Erst dann wird ein "Leuchtturm" entdeckt, der den Weg zu einer fremden, eben wirklich intelligenten Zivilisation weist. Lino Aldani: Siebenundreißig Grad Eine politische Satire über eine Gesundheitsdiktatur: Die Idee, dass Ärzte besser behandeln, wenn sie nur bezahlt werden, wenn man gesund ist, führte zu einer Versicherung, deren Bürokratie stärker als der Staat wurde, übergriffig obendrein - man darf nichts mehr gegen seine eigene Gesundheit tun, z.B. ein Fenster im Zug öffnen, wenn einem zu warm ist, da man sich dann ja erkälten könnte. Der Protagonist möchte zugunsten von Freiheit dagegen rebellieren, stirbt dann aber, ohne Gesundheitsschutz und Überwachung an Wundstarrkrampf. (Diese Satire ist die beste Geschichte des Bandes.) Renato Pestriniero: 21 Stunden Nacht Astronauten landen auf einem ihnen unbekannten Planeten unter schlechtesten Bedingungen: das 2. Raumschiff ist abgestürzt, alle verstorben. Die Übrigen verhalten sich komisch, unheimliche Dinge geschehen: eine fremde Macht (unsichtbar) scheint die Psyche der Menschen anzugreifen. Sie bringen sich gegenseitig um. Doch sie sterben nicht wirklich: Sie leben weiter wie Kinder. Kurz bevor der letzte Astronaut stirbt, entwickelt er eine vulgär-freudianische Theorie: das Ego wurde nur getötet, das Id lässt die Alien-Neuromacht am Leben. Gilda Musa: 30 Kolonnen Nullen Ein Mann lässt sich von seiner Frau überreden, Pilot zu werden, bekommt dann aber auf dem Flug psychische Probleme: Er hat Angst vor dem Weltraum und dem sich darin ausdrückenden Nichts. Daraufhin bringt er sich um. Der Fall wird untersucht und dann sozusagen zu den Akten gelegt. Giulio Raiola: Der Papierdrachen Diese First-Contact-Geschichte ist sehr eigenartig konstruiert: Ein Junge will, dass sein Vater ihm einen Papierdrachen baut. Der forscht zufälligerweise an einem die Gravitation aushebelnden neuen physikalischen Gesetz (und deren mechanischer Ausnutzung) und entscheidet sich dann auf das Drängen des Sohnes, diese Aushebelung mit dem dann wunderbar fliegenden Drachen auszuprobieren. Daraufhin entdeckt ein Aliensohn in einem vorbeifliegenden Raumschiff diesen Drachen und will ihn haben. Der Alienvater entscheidet sich, diesen Flugdrachen zu erwerben, um den Wunsch des Sohns zu erfüllen und im Gegenzug das von der Formel, was dem Menschenvater noch fehlt, anzubieten. Dafür nimmt er erst telepathischen, dann tatsächlichen Kontakt auf. Purer Kitsch, klassische Rollenbilder. Carlo Vittorio Cattaneo: Der Turm Diese pseudopoetische und -philosophische Geschichte versucht experimentell existenzielle Weisheit über ein folgendes Szenario zu kreieren: Ein Mensch möchte einen Turm erreichen. Der scheint etwas Wichtiges auf dem Mars zu sein. Zwei Marsbewohner beobachten ihn und urteilen in affektierter Sprache, dass er das sowieso nicht schaffen würde, weil die Marsianer es auch einst kollektiv nicht geschafft hätten. Die Marswüste selbst stellt sich als grausamer Organismus heraus, der vorhat, den Menschen zu töten. Ein Marspflänzchen, das anscheinend denken kann, beklagt sich darüber, vom Menschen niedergetreten worden zu sein. Geschwurbelte Sprache versucht hier der Sinnlosigkeit eine Stimme zu geben. Renato Pestriniero: AU.R.A. Wie schon in der anderen Kurzgeschichte von Renato Pestriniero in diesem Band wird es auch hier wieder vulgärfreudianisch und küchenpsychologisch. Fachwörter wie Archetyp, Imago, Vaterkomplex fallen. Doch welches psychologische Problem ergibt sich hier überhaupt? Es beginnt mit dem Ende eines Astronauten auf dem Mars und erst, als sich auf dem Kommandozentrum Ton- und Bildaufnahmen von dem Flug dorthin angeschaut (und eben psychologisch analysiert) werden, versteht man die eigentliche Chronologie der Ereignisse: 3 Astronauten sind das 1. Mal auf einem Langzeitflug. Hypnose sollte sie vor den Folgen der langen Reise schützen - und die Roboterpuppe AU.R.A., die ein Frauenersatz sein soll. Doch das hilft beides nicht, anders als in einem 2., dieses begleitenden Raumschiff, deren Astronauten die Reise überstehen werden. Hier aber wird einer der 3 zum Mörder, weil er den einen anderen so unsympathisch findet. Er erinnert ihn an eine Figur aus einem Buch, nämlich Biggs aus den [b:Die Mars-Chroniken|1557303|Die Mars-Chroniken|Ray Bradbury|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1185182022l/1557303._SY75_.jpg|4636013] von [a:Ray Bradbury|1630|Ray Bradbury|https://images.gr-assets.com/authors/1445955959p2/1630.jpg] (ich habe sie noch nicht gelesen, aber sie sind ein SF-Klassiker). Bei einem Außeneinsatz also tötet er ihn. Die 3. Person merkt, dass das Mord gewesen ist. Doch komischerweise stört ihn das kaum. Er ist eigenartig emotionslos, will wegen eines Vaterkomplexes nicht auf die Kommandos von der Erde hören - und verliebt sich in AU.R.A, obwohl "sie" nur ein Roboter ist. Um sie "allein" zu haben, bringt nun er den Mörder des anderen um - und ist so allein im Raumschiff. Nach der Landung setzt er dem Roboter seine Atemmaske auf. Die Astronauten aus dem anderen Raumschiff merken schnell, dass da etwas Schlimmes geschehen ist, und versuchen ihn einzuholen. Da bringt er sich um. Inìsiero Cremaschi: Natürlicher Feind Eine sehr gute Idee, aber zu ausladende Geschichte: Was passiert wohl, wenn ein Raumschiff ewig lange zu einem anderen Planeten flog, dort eine Kolonie aufbaut, und irgendwann wollen zwei Astronauten wieder zurück und auf der Erde berichten - aber sie vergessen, dass die Erde eine andere sein könnte als die, die einmal verlassen worden ist? Raumfahrt hat auf jeden Fall dieses Zeitproblem und Menschen haben das Problem, dass Geschichte fortschreitet, aber nicht zwangsläufig zum Besseren. Die 2 Astronauten, die immer noch das Italienisch ihrer Vorväter sprechen, können sich nicht verständigen - denn die Sprache der Erdbewohner*innen hat zwar italienische Anklänge, aber völlig andere Bedeutungen. Sie werden gefangen genommen. Alles scheint nach den Regeln einer unbarmherzigen Militärdiktatur abzulaufen, die sie als Eindringlinge betrachtet. Irgendwann glaubt der eine Astronaut - er wurde von dem anderen getrennt und mit großen Temperaturschwankungen in einer Einzelzelle gefoltert - er wäre vielleicht freigelassen worden. Stattdessen ist dies sein Ende - eine Hinrichtung, eine Desintegration - und das Ende der Geschichte. Stefano Sudriè: Der unentbehrliche Gegenstand Ein Handlungsreisender macht Werbung - die Pointe ist, dass er das Produkt erst am Ende benennt: GOTT. Vorher wundert man sich: Es ist sinnlos, aber irgendwie wollen es doch alle. Jeder kann es interpretieren, wie er möchte? Was soll das sein? Diese Geschichte versucht, religionskritisch zu sein. So ganz überzeugend und gedankentief ist sie dabei aber nicht, aber sie stört auch nicht. N.L. Janda: Unsichtbarer Feind Diese Geschichte spielt im Jahr 2021 (!) auf einer Kolonie auf dem Mars. Der Autor behauptet, dass er ingenieurtechnisch eine realistische Möglichkeit, wie eine Marskolonie aussehen könnte, präsentiert. In der Geschichte geht es aber gar nicht um technische Details: Es ist aus der Sicht eines der Marskolonisatoren geschrieben, in Tagebuchform, und kann dadurch einen gewissen Sog erzeugen. Die vorherigen Expeditionen sind aus unbekannten Gründen gescheitert. Deswegen soll diesmal besonders aufgepasst werden - dies führt aber zu einer Atmosphäre der Paranoia und des Misstrauens. Außerdem sind unterirdische Gänge entdeckt worden - sind dort etwa Marsianer? Der Protagonist wird langsam wahnsinnig, wie seinen Tagebucheinträgen zu entnehmen ist, zerstört mutwillig Dinge im Gewächshaus und kann sich danach nicht daran erinnern. Oder ist es der Einfluss von einer außerirdischen Existenz? Er weiß es selbst nicht. Es wird immer schlimmer. Auch andere scheint es befallen zu haben, zumindest gibt es einen Toten, und niemand sagt, warum. Im letzten Tagebucheintrag kündigt der Protagonist an, die gesamte Marssiedlung in die Luft zu jagen. Er weiß selbst nicht, ob er es aus Zerstörungswillen oder wegen unsichtbaren außerirdischen Einflusses tut... Gilda Musa: Abhorrens Ein Raumschiff erleidet fast eine Havarie, dann erscheint ein eigenartiges Wesen, das zugleich nichtkörperlich und körperlich zu sein scheint - und ein Wissenschaftler, aus dessen Sicht dieses Erlebnis leider berichtet wird, philosophiert, welche Raumgesetze wohl gelten oder nicht gelten, wie dieses Wesen nun ist oder nicht ist, und wie man das Unbeschreibliche beschreiben sollte (und scheitert daran, was das Lesen dieser Geschichte leider sehr anstrengend macht). Das Wesen repariert das Schiff. Astronauten, die dem Wissenschaftler zu Hilfe kommen wollten, schießen (typisch Mensch) auf das "Abhorrens", dieses aber ist davon unbeeindruckt, verschwindet. Das Raumschiff hat auf einmal wieder Kurs auf die Erde. Ende der Raumzeit? Das überlegen die Astronauten. Die Pointe: Das Wesen war eines von vielen, dass das Reservat des Weltraums, in dem die Erde liegt, bewachen, die Menschen beobachten und darauf warten, dass sie eines Tages hoch genug entwickelt wären, um mit sich auf einer Augenhöhe zu kommunizieren und keine Gefahr darzustellen. Das Zoo-Szenario ist eines der beängstigendsten und unwahrscheinlichsten Antworten auf die Frage, warum wir noch kein Alien-Leben kennen. Alberto Sacchetto: Stille Nacht Nach einer Pandemie ist die Menschheit fast ausgelöscht und es ist Weihnachten. Der Protagonist begegnet Aliens: die aus dem 1. Raumschiff nennen sich Kaspar, Melchior und Balthasar, die aus dem 2.wirken wie Engel - suggeriert wird so, dass die biblische Weihnachtsgeschichte nach Matthäus (nicht Lukas, da gibt es sowieso nur sehr irdische, arme Hirten) von dem letzten Besuch dieser Aliens erzählt. Nun sind sie nach einiger Zeit wieder gekommen und finden die Erde im schlimmen Zustand vor. Ende der Geschichte. Es schneit hier allerdings zu Weihnachten - der Klimawandel ist in dieser Geschichte noch nicht mitbedacht. Giancarlo Castello: Die Brennnessel und der Granatapfelbaum Ich habe das Gefühl, dass die Pointe dieser wirr und unklar geschriebenen, in Andeutungen verbleibenden Geschichte an mir vorbei gegangen ist (wie es mir bei vielen Kurzgeschichten, die künstlerisch sein wollen, geht): Ein biologisches Experiment soll ausgeführt werden, nacheinander werden alle Lebewesen eingeschläfert, ihre Schmerzresistenz soll getestet werden, um die Überlebensfähigsten herauszubestimmen - ein unmenschliches Experiment. Der Protagonist Polyphem (ein Mensch) hält am längsten gegen die Einschläferung stand. Die Pointe scheint aber zu sein, dass er deswegen so lange ausgehalten hat, weil er so moralisch ist, also voller Mitleid mit den anderen Leidenden, ganz anders als die, die das Experiment durchführen. Warum er aber gerade Polyphem nach dem Zyklopen aus der Odysseussage heißt, erschließt sich mir überhaupt nicht. Außerdem ist die Geschichte sehr lang. Der Titel ist bestimmt auch eine Anspielung. Riccardo Leveghi: Rho lupis Hier soll der "Geschlechterkampf" (in binären und psychologisch geprägten Zeiten ein wichtiges Thema auch der Literatur) pseudo-witzig anhand eines Manns und einer Frau, die sich gegenseitig wegen irgendwelcher Vorfälle auf einem fremden Planeten jagen und mit Alienflora versuchen, gegenseitig umzubringen. Am Ende sterben tatsächlich beide. Maurizio Viano: Zum Fischen an den Qumransee Zwei Kinder finden einen Stein, der vom Himmel gefallen ist. Berührt man ihn, kann man sich auf einem fremden Planeten aufhalten, in der Nähe eines Sees, traumgleich, wunderschön. Sie nennen ihn "Qumransee", nach einem Namen, der geheimnisvoll klingt und von dem sie irgendwo gelesen haben (Die Qumranhöhlen sind Fundorte antiker hebräischer Schriftrollen, unter anderem mit Büchern aus der Hebräischen Bibel). Doch es kann immer nur einer "reisen". Also wechseln sie sich ab, auch als sich ihre Lebenswege trennen, und schicken sich den Stein gegenseitig zu. Sie "reisen" außerdem nachts, weil es dann ihren Mitmenschen nicht auffällt. Er ist dick und unerfolgreich (das wird betont), sie natürlich schön und erfolgreich. Irgendwann will sie ihm den Stein nicht mehr abgegeben. Also konfrontiert er sie damit bei einem Empfang zum Anlass eines neuen Films von ihr. Dort will sie nur mit den reichen Produzenten reden. Der Eine wird stereotyp extra erwähnt: Er sei "Afrikaner" und trüge viel Schmuck, vielleicht ein Botschafter und nennt sie dann auch noch "darling". Das Klischeehafte wird fortgesetzt mit der Pointe der Geschichte: Sie streiten sich um den Stein, er zerbricht - doch das ist gar nicht so schlimm, denn sie können nun gemeinsam in die fremde Welt reisen! Während seine Frau schnarcht (können schöne Frauen etwa nicht schnarchen), bricht der Protagonist also auf und ist mit seiner Kindheitsfreundin verabredet - ist hier der Traum von Fremdgehen literarisch dargestellt? Auf jeden Fall nicht besonders gut. Antonio Bellomi: Ein Freund für Theon Ein Ufo stürzt in der Nähe eines anscheinend unfruchtbaren Mannes ab. Er birgt den Mann in dem Ufo, verarztet ihn, kann ihn aber nicht retten. Dessen Notruf scheitert auch, er stirbt, hinterlässt ihm aber einen Edelstein, der Organe heilen kann und der Frau des Protagonisten die Schwangerschaft "schenkt". Alcide Montanari: Vorspiel zur Stille. Nach einer Havarie stirbt ein Astronaut alleine auf einem Planeten, seine Phantasie spiel ihm eine Rettung vor. Daniele Ganapini: Der Ritus Auch hier geht es um Religionskritik, doch deutlich besser durchgeführt: Nach einem Menschenbesuch entwickeln die noch nicht weit entwickelten Aliens eine Religion in Bezug auf einen netten Menschen, dann geht die Religionsgeschichte aber weiter: Schismen etc... Adalberto Cersosimo: Delirium Aus dem Film Gravity kennt man das Szenario: Durch eine Havarie ist der Kosmonaut allein im Raumanzug im All und weiß, dass er bald sterben wird - hier gibt es aber kein Happy End - alle Hoffnung entpuppt sich als Täuschung, einziger Trost: Ein Gestein durchstößt ihn und verkürzt so seine Qualen. Antonio Bellomi: Die Stimme der Unendlichkeit Die titelgebende Geschichte, die 3. von Bellomi: Lange und umständlich erklärt ein Wissenschaftler dem Protagonisten, dass eine Nachricht aus den Tiefen des Weltalls nun endlich entschlüsselt würde. Die Pointe: Ihr Inhalt ist das Bereschit, Beginn der Hebräischen Bibel: Gen. 1




