Das rote Schaf der Familie
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Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Susanne Kippenberger, 1957 geboren, wuchs als jüngste der vier Schwestern des Künstlers Martin Kippenberger in Essen auf. Sie ist seit 1989 Redakteurin beim Berliner Tagesspiegel, und ist Autorin des gefeierten Porträts Kippenberger. Der Künstler und seine Familien (2007), das sie über ihren Bruder schrieb. 2009 erschien von ihr Am Tisch, 2014 Das rote Schaf der Familie über Jessica Mitford und ihre Schwestern.
Beiträge
Was für eine bemerkenswerte Frau Ich habe es schon immer gesagt: Seifenopern sind überflüssig, nichts bietet so viel an Drama und Intrigen wie die Geschichte. Und in der britischen Geschichte des 20. Jahrhunderts schießt eine Familie den Vogel ab: die Mitfords. Gleich sieben Kinder bekommen David Freeman-Mitford, Lord Redesdale, und seine Frau Sydney Bowles, und sechs davon Mädchen, die Mitford Sisters eben. Falls ihr noch nicht viel über sie gehört habt, die älteste, Nancy, war eine bekannte, scharfzüngige Schriftstellerin, auf sie folgte die häusliche Pam, die am wenigsten von allen Schwestern Aufsehen erregte und daher auch in Susanne Klippenbergers Buch eher wenig thematisiert wird. Dann Bruder Tom, gefolgt von Diana, die in zweiter (damals skandalös) Ehe den britischen Faschistenführer Oswald Mosley heiratete. Dann Unity Valkyrie (!), gezeugt im kanadischen Ort Swastika (!) - sie wurde, ihrem Namen gerecht, ein begeistertes Hitler-Groupie. Dann schließlich Jessica, die Kommunistin, das rote Schaf der Familie eben. Zuletzt Deborah, die den Duke of Devonshire heiraten würde. Nun kann man sich vorstellen, dass diese unterschiedlichen Richtungen, in die es die Schwestern schlug, für gewisse Spannungen in ihren Beziehungen untereinander sorgten. Susanne Klippenberger widmet sich in ihrem ausführlichen, stilistisch weniger anspruchsvollem Sachbuch dem roten Schaf Jessica, genannt Decca. Auf die Beziehungen zwischen den Schwestern geht sie intensiv ein, das Spektrum reicht von zärtlicher Zugewandheit, ausgerechnet zwischen Decca und der Hitlerfreundin Unity, bis hin zum totalen Bruch und Funkstille - zeitweise mit Diana. Kippenberger weist jedoch darauf hin, "... wie ähnlich sich die Schwestern trotz ihrer politischen Differenzen in vielem waren: der scharfe Humor und die Lust, andere auf den Arm zu nehmen, die Eloquenz und Schlagfertigkeit, die Furchtlosigkeit und starrsinnige Entschlossenheit, die Leidenschaft des Briefeschreibens, überhaupt, die Begabung zum Schreiben, das Talent zum Fies-Sein und zur Freundschaft, der Hang zum Extremismus und ihre grenzlose Loyalität." (Seite 16) Kippenberger zeichnet ein sympathisches Bild von Decca, mit ihrem unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit, ihrem unermüdlichen Einsatz für die Rechte der Schwarzen nach dem Umzug in die USA. Sie verschweigt jedoch keineswegs die vielen Widersprüchlichkeiten in Jessicas Charakter, die weitgehende Blindheit für die negativen Seiten des Kommunismus, das seltsame Desinteresse für andere Minderheiten als Schwarze und die Gelegenheiten, in denen sie die Vorteile der adligen Herkunft auch mal zu schätzen wusste. Nicht zu leugnen ist, dass Decca eine ungemein interessante und engagierte Persönlichkeit war, die hätte sie im Internetzeitalter gelebt, sicher eine der lautesten Stimmen auf Twitter & co. gewesen wäre. Wie leidenschaftlich Decca für das arbeitete, woran sie glaubte, zeigt sich unter anderem im folgenden Satz: "Als Erwachsene, in Amerika, hat Decca manchmal gesagt, dass sie dies in ihrem Leben am meisten, vielleicht als Einziges bereute: dass sie Hitler nicht erschossen hat." (S. 105) (Die Gelegenheit hätte sie tatsächlich gehabt.) Nach dem etwas verunglückten Engagement im spanischen Bürgerkrieg geht Decca mit ihrem ersten Mann Esmond Romilly nach Amerika, wird zur Aktivistin in der Bürgerrechtsbewegung und Mitglied der kommunistischen Partei der USA, erlebt die Verfolgung der Kommunisten unter McCarthy. Auch im privaten Bereich erlebt sie Tragödien, zwei ihrer vier Kinder sterben im Kindesalter, ihr erster Mann fällt im 2. Weltkrieg. Trotzdem war sie geprägt von ihrem britischen Humor, der im Buch an einigen Stellen auch die Leserin zum Lachen bringt. Die kommunistische Partei verlässt sie schließlich aus Protest gegen die Unmenschlichkeit des Stalin-Regimes und die fehlende Abgrenzung davon. Nun beginnt sie, für die Öffentlichkeit zu schreiben, insbesondere ihre Autobiografie "Hons and Rebels" ist ein Erfolg. Susanne Kippenberger zeichnet das Porträt einer bemerkenswerten, höchst unkonventionellen Frau, die viel spannender nicht sein könnte. Eine sehr lesenswerte Biografie, die zur weiteren Beschäftigung mit der ungewöhnlichen Familie einlädt.
Beschreibung
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Susanne Kippenberger, 1957 geboren, wuchs als jüngste der vier Schwestern des Künstlers Martin Kippenberger in Essen auf. Sie ist seit 1989 Redakteurin beim Berliner Tagesspiegel, und ist Autorin des gefeierten Porträts Kippenberger. Der Künstler und seine Familien (2007), das sie über ihren Bruder schrieb. 2009 erschien von ihr Am Tisch, 2014 Das rote Schaf der Familie über Jessica Mitford und ihre Schwestern.
Beiträge
Was für eine bemerkenswerte Frau Ich habe es schon immer gesagt: Seifenopern sind überflüssig, nichts bietet so viel an Drama und Intrigen wie die Geschichte. Und in der britischen Geschichte des 20. Jahrhunderts schießt eine Familie den Vogel ab: die Mitfords. Gleich sieben Kinder bekommen David Freeman-Mitford, Lord Redesdale, und seine Frau Sydney Bowles, und sechs davon Mädchen, die Mitford Sisters eben. Falls ihr noch nicht viel über sie gehört habt, die älteste, Nancy, war eine bekannte, scharfzüngige Schriftstellerin, auf sie folgte die häusliche Pam, die am wenigsten von allen Schwestern Aufsehen erregte und daher auch in Susanne Klippenbergers Buch eher wenig thematisiert wird. Dann Bruder Tom, gefolgt von Diana, die in zweiter (damals skandalös) Ehe den britischen Faschistenführer Oswald Mosley heiratete. Dann Unity Valkyrie (!), gezeugt im kanadischen Ort Swastika (!) - sie wurde, ihrem Namen gerecht, ein begeistertes Hitler-Groupie. Dann schließlich Jessica, die Kommunistin, das rote Schaf der Familie eben. Zuletzt Deborah, die den Duke of Devonshire heiraten würde. Nun kann man sich vorstellen, dass diese unterschiedlichen Richtungen, in die es die Schwestern schlug, für gewisse Spannungen in ihren Beziehungen untereinander sorgten. Susanne Klippenberger widmet sich in ihrem ausführlichen, stilistisch weniger anspruchsvollem Sachbuch dem roten Schaf Jessica, genannt Decca. Auf die Beziehungen zwischen den Schwestern geht sie intensiv ein, das Spektrum reicht von zärtlicher Zugewandheit, ausgerechnet zwischen Decca und der Hitlerfreundin Unity, bis hin zum totalen Bruch und Funkstille - zeitweise mit Diana. Kippenberger weist jedoch darauf hin, "... wie ähnlich sich die Schwestern trotz ihrer politischen Differenzen in vielem waren: der scharfe Humor und die Lust, andere auf den Arm zu nehmen, die Eloquenz und Schlagfertigkeit, die Furchtlosigkeit und starrsinnige Entschlossenheit, die Leidenschaft des Briefeschreibens, überhaupt, die Begabung zum Schreiben, das Talent zum Fies-Sein und zur Freundschaft, der Hang zum Extremismus und ihre grenzlose Loyalität." (Seite 16) Kippenberger zeichnet ein sympathisches Bild von Decca, mit ihrem unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit, ihrem unermüdlichen Einsatz für die Rechte der Schwarzen nach dem Umzug in die USA. Sie verschweigt jedoch keineswegs die vielen Widersprüchlichkeiten in Jessicas Charakter, die weitgehende Blindheit für die negativen Seiten des Kommunismus, das seltsame Desinteresse für andere Minderheiten als Schwarze und die Gelegenheiten, in denen sie die Vorteile der adligen Herkunft auch mal zu schätzen wusste. Nicht zu leugnen ist, dass Decca eine ungemein interessante und engagierte Persönlichkeit war, die hätte sie im Internetzeitalter gelebt, sicher eine der lautesten Stimmen auf Twitter & co. gewesen wäre. Wie leidenschaftlich Decca für das arbeitete, woran sie glaubte, zeigt sich unter anderem im folgenden Satz: "Als Erwachsene, in Amerika, hat Decca manchmal gesagt, dass sie dies in ihrem Leben am meisten, vielleicht als Einziges bereute: dass sie Hitler nicht erschossen hat." (S. 105) (Die Gelegenheit hätte sie tatsächlich gehabt.) Nach dem etwas verunglückten Engagement im spanischen Bürgerkrieg geht Decca mit ihrem ersten Mann Esmond Romilly nach Amerika, wird zur Aktivistin in der Bürgerrechtsbewegung und Mitglied der kommunistischen Partei der USA, erlebt die Verfolgung der Kommunisten unter McCarthy. Auch im privaten Bereich erlebt sie Tragödien, zwei ihrer vier Kinder sterben im Kindesalter, ihr erster Mann fällt im 2. Weltkrieg. Trotzdem war sie geprägt von ihrem britischen Humor, der im Buch an einigen Stellen auch die Leserin zum Lachen bringt. Die kommunistische Partei verlässt sie schließlich aus Protest gegen die Unmenschlichkeit des Stalin-Regimes und die fehlende Abgrenzung davon. Nun beginnt sie, für die Öffentlichkeit zu schreiben, insbesondere ihre Autobiografie "Hons and Rebels" ist ein Erfolg. Susanne Kippenberger zeichnet das Porträt einer bemerkenswerten, höchst unkonventionellen Frau, die viel spannender nicht sein könnte. Eine sehr lesenswerte Biografie, die zur weiteren Beschäftigung mit der ungewöhnlichen Familie einlädt.




