Das Methusalem-Komplott
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Er beginnt mit der Demographie. Das Erschreckende an ihr ist, dass, wenn nicht gerade ein Krieg oder eine wirklich schlimme Seuche ausbricht, die Zahlen, die die Demographie über die nächsten 40 Jahre aussagt, auf jeden Fall stimmen werden - sie sind nicht mehr abzuändern. Die Statistik lügt nicht, wenn sie sagt, dass wir schon bald in einer Altersgesellschaft leben werden. Fast ironischerweise spricht Schirrmacher dann davon, dass man pro Jahr nicht weniger als 200.000 Migrant*innen in Deutschland brauchen würde, um das jetzige Generationensystem mit Renten halten zu können. Diese Untergrenze widerspricht also schön Seehofers 2016 geprägte Obergrenze von 200.000 für Flüchtlinge. Überhaupt erschrickt der Abgleich dieses Buches mit der heutigen Politik: 2020 (!) würde ein (allerdings metaphorisch verstandener) Krieg in Deutschland ausbrechen würde, wenn dort die deutschen "Boomer-Jahrgänge" in Rente gehen würden. Wenn man sich solch anachronistische politischen Geschehnisse wie die neue Popularität vom alten Politiker der 90er Jahre, Friedrich Merz, anschaut und diese abgleicht mit den demographischen Zahlen, auch bezogen auf die Wahlberechtigten, dann verwundert dies im Jahr 2020 kaum. Die Gesellschaft wird also immer älter und dies ist tatsächlich ein für diese Gesellschaft dramatischer Befund, und dies ist der Grund, warum Schirrmacher auf seine sowieso immer schon alarmierende Art dies immer und immer wieder betont. So kann er manchmal sagen, dass es das allerwichtigste Thema überhaupt sei, sogar wichtiger als der Klimawandel. Hier hilft es aber, wenn man andere Bücher (wie z.B. [b:Ego: Das Spiel des Lebens|17383156|Ego Das Spiel des Lebens|Frank Schirrmacher|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1361195024l/17383156._SY75_.jpg|24177993]) und Debattenanstöße von Schirrmacher kennt (hier von Thierry Chervel zusammengefasst: https://www.perlentaucher.de/blog/2014/06/13/schirrmachers-debatten.html?highlight=Journalismus#highlight). Es ist die Art von Schirrmacher, zu schreiben. Man kann dies kritisieren - das wurde auch zuhauf getan (z.B: in diesem Buch, das aber dann leider gar nicht inhaltlich auf Schirrmachers alarmistische Thesen eingeht, sondern nur auf die journalistischen Kontexte des FAZ-Feuilletonchefs: [b:Schirrmacher: Ein Portrait|40274035|Schirrmacher Ein Portrait|Michael Angele|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1527796285l/40274035._SY75_.jpg|62555069]). Am wenigsten überzeugt sein pauschaler Befund, dass ältere Menschen in einer neuen Art des Rassismus diskriminiert werden würden. Er behauptet, dass der (wie man heut sagen würde) ageism die gefährlichste Form von Rassismus werden könnte. Da kann man ihn beruhigen: Auch 2020 ist die gefährlichste Form von Rassismus immer noch der Rassismus selbst. Aus meiner Erfahrung kann ich nicht bestätigen, dass ältere Menschen signifikant diskriminiert würden. Ein großer Teil der älteren Menschen lebt sehr gut. Im Gesundheits- und Sozialsystem wird sehr viel Geld und Arbeit in die Unterstützung älterer Menschen gesteckt. Andere aus meinem näheren Umfeld aber behaupten das Gegenteil, komischerweise aber nur selten aus Lebenssituationen heraus, in denen sie abgesehen von eigenen Großeltern viel mit älteren Menschen zu tun hätten. Oder sie äußern diese von mir unterschiedene Alltagsevidenz aufgrund von Alltagssituationen, die ich selbst nicht als Diskriminierung bezeichnen würde. Dies ging neulich bei einem musikalischen Event so weit, dass ich scharf zurückgewiesen wurde, als ich mich darüber lustig machte, wie ein älterer Mann die Aufmerksamkeit stahl und durch seine gediegenere Art, Musik zu machen, nicht so recht in die Runde passte: Es wäre doch schön, wenn wir hier ein wenig Diversität hätten! Ich halte es für gefährlich, das Generationenproblem zusammenzulesen mit den Problemen von gesellschaftlichen Gruppen, die diskriminiert werden, denn die Probleme, die es in intergenerationalen Konflikten geben kann, entstehen eben nicht aus ideologisch begründeten Kennzeichnungen von anderen als fremd oder anders, sondern aus tatsächlichen politischen Konflikten, die aus verschiedenen Realitätswahrnehmungen entstehen (siehe jemand wie Friedrich Merz). Oder eben tatsächlich aus einem Problem der menschlichen Entwicklungsgeschichte, die eben verschiedene Generationen in verschiedene Situationen im Leben setzt / platziert. In dem Kontext ist es allerdings interessant, dass Schirrmacher darauf pocht, dass die biologischen Probleme, die das Altern mit sich bringt, kulturelle Fragen hervorbringen: Für ihn ist es eine kulturelle Frage, wie wir mit Alterskrankheiten umgehen, aber auch wie wir dazu eingestellt sind - das Erwarten, dass man im Alter krank wird, führe zum Krankwerden im Alter. Würde man die Einstellung zum Alter ändern, würde man die Gefahr der Alterskrankheiten mindern. Skeptisch könnte man aber bleiben: Was ist denn dann mit den Zivilisationskrankheiten Demenz und Alzheimer? Angst kann man davor haben, vor den Bildern übervölkerte Pflegeheime in der Zukunft. Schon jetzt braucht es Arbeitsmigranten z.B. in Sachsen, um dem Pflegebedarf überalterter Landstriche nachkommen zu können. Diese Angst will einem Schleiermacher mit der Idee eines "Komplotts", also einer politischen Zusammenkunft zugunsten einer kulturellen Revolution entgegenwirken, doch so recht leuchten seine Ideen dazu nicht ein. Schirrmacher schreibt assoziativ. Wirklich Ahnung hat er - wie alle aus dem Feuilleton - nur von Literatur. Aber er ist eben an der Wissenschaft und dem Fortbestand der ganzen Welt interessiert, also schreibt er darüber. Man kann es mögen oder nicht mögen. Ich mag es. Auf der einen Seite kann stehen: "Die Kleidung, die ein Großteil der älteren Menschen auch dann wählt, wenn er noch zehn Jahre zuvor modische Risiken eingegangen ist, hat für diese womöglich das Ziel, in die unauffällige Menge einzutreten, um von den Raubtieren nicht gesehen zu werden." (90) Auf der nächsten Seite steht dann ein Satz wie: Das Jahrzehnt zwischen 50 und 60 ist jener Zeitraum, in dem, ähnlich wie zwischen 20 und 30, Lebenszeit und Lebenserfahrung in unvorstellbarem Ausmaß verschwendet werden." (91) Und nur eine Seite später kommt Schirrmacher dann auf einmal zu dem Schluss: "Herr der Ringe, ein[] Buch über vieles, vor allem das Altern [...]" (92). (???)
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Er beginnt mit der Demographie. Das Erschreckende an ihr ist, dass, wenn nicht gerade ein Krieg oder eine wirklich schlimme Seuche ausbricht, die Zahlen, die die Demographie über die nächsten 40 Jahre aussagt, auf jeden Fall stimmen werden - sie sind nicht mehr abzuändern. Die Statistik lügt nicht, wenn sie sagt, dass wir schon bald in einer Altersgesellschaft leben werden. Fast ironischerweise spricht Schirrmacher dann davon, dass man pro Jahr nicht weniger als 200.000 Migrant*innen in Deutschland brauchen würde, um das jetzige Generationensystem mit Renten halten zu können. Diese Untergrenze widerspricht also schön Seehofers 2016 geprägte Obergrenze von 200.000 für Flüchtlinge. Überhaupt erschrickt der Abgleich dieses Buches mit der heutigen Politik: 2020 (!) würde ein (allerdings metaphorisch verstandener) Krieg in Deutschland ausbrechen würde, wenn dort die deutschen "Boomer-Jahrgänge" in Rente gehen würden. Wenn man sich solch anachronistische politischen Geschehnisse wie die neue Popularität vom alten Politiker der 90er Jahre, Friedrich Merz, anschaut und diese abgleicht mit den demographischen Zahlen, auch bezogen auf die Wahlberechtigten, dann verwundert dies im Jahr 2020 kaum. Die Gesellschaft wird also immer älter und dies ist tatsächlich ein für diese Gesellschaft dramatischer Befund, und dies ist der Grund, warum Schirrmacher auf seine sowieso immer schon alarmierende Art dies immer und immer wieder betont. So kann er manchmal sagen, dass es das allerwichtigste Thema überhaupt sei, sogar wichtiger als der Klimawandel. Hier hilft es aber, wenn man andere Bücher (wie z.B. [b:Ego: Das Spiel des Lebens|17383156|Ego Das Spiel des Lebens|Frank Schirrmacher|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1361195024l/17383156._SY75_.jpg|24177993]) und Debattenanstöße von Schirrmacher kennt (hier von Thierry Chervel zusammengefasst: https://www.perlentaucher.de/blog/2014/06/13/schirrmachers-debatten.html?highlight=Journalismus#highlight). Es ist die Art von Schirrmacher, zu schreiben. Man kann dies kritisieren - das wurde auch zuhauf getan (z.B: in diesem Buch, das aber dann leider gar nicht inhaltlich auf Schirrmachers alarmistische Thesen eingeht, sondern nur auf die journalistischen Kontexte des FAZ-Feuilletonchefs: [b:Schirrmacher: Ein Portrait|40274035|Schirrmacher Ein Portrait|Michael Angele|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1527796285l/40274035._SY75_.jpg|62555069]). Am wenigsten überzeugt sein pauschaler Befund, dass ältere Menschen in einer neuen Art des Rassismus diskriminiert werden würden. Er behauptet, dass der (wie man heut sagen würde) ageism die gefährlichste Form von Rassismus werden könnte. Da kann man ihn beruhigen: Auch 2020 ist die gefährlichste Form von Rassismus immer noch der Rassismus selbst. Aus meiner Erfahrung kann ich nicht bestätigen, dass ältere Menschen signifikant diskriminiert würden. Ein großer Teil der älteren Menschen lebt sehr gut. Im Gesundheits- und Sozialsystem wird sehr viel Geld und Arbeit in die Unterstützung älterer Menschen gesteckt. Andere aus meinem näheren Umfeld aber behaupten das Gegenteil, komischerweise aber nur selten aus Lebenssituationen heraus, in denen sie abgesehen von eigenen Großeltern viel mit älteren Menschen zu tun hätten. Oder sie äußern diese von mir unterschiedene Alltagsevidenz aufgrund von Alltagssituationen, die ich selbst nicht als Diskriminierung bezeichnen würde. Dies ging neulich bei einem musikalischen Event so weit, dass ich scharf zurückgewiesen wurde, als ich mich darüber lustig machte, wie ein älterer Mann die Aufmerksamkeit stahl und durch seine gediegenere Art, Musik zu machen, nicht so recht in die Runde passte: Es wäre doch schön, wenn wir hier ein wenig Diversität hätten! Ich halte es für gefährlich, das Generationenproblem zusammenzulesen mit den Problemen von gesellschaftlichen Gruppen, die diskriminiert werden, denn die Probleme, die es in intergenerationalen Konflikten geben kann, entstehen eben nicht aus ideologisch begründeten Kennzeichnungen von anderen als fremd oder anders, sondern aus tatsächlichen politischen Konflikten, die aus verschiedenen Realitätswahrnehmungen entstehen (siehe jemand wie Friedrich Merz). Oder eben tatsächlich aus einem Problem der menschlichen Entwicklungsgeschichte, die eben verschiedene Generationen in verschiedene Situationen im Leben setzt / platziert. In dem Kontext ist es allerdings interessant, dass Schirrmacher darauf pocht, dass die biologischen Probleme, die das Altern mit sich bringt, kulturelle Fragen hervorbringen: Für ihn ist es eine kulturelle Frage, wie wir mit Alterskrankheiten umgehen, aber auch wie wir dazu eingestellt sind - das Erwarten, dass man im Alter krank wird, führe zum Krankwerden im Alter. Würde man die Einstellung zum Alter ändern, würde man die Gefahr der Alterskrankheiten mindern. Skeptisch könnte man aber bleiben: Was ist denn dann mit den Zivilisationskrankheiten Demenz und Alzheimer? Angst kann man davor haben, vor den Bildern übervölkerte Pflegeheime in der Zukunft. Schon jetzt braucht es Arbeitsmigranten z.B. in Sachsen, um dem Pflegebedarf überalterter Landstriche nachkommen zu können. Diese Angst will einem Schleiermacher mit der Idee eines "Komplotts", also einer politischen Zusammenkunft zugunsten einer kulturellen Revolution entgegenwirken, doch so recht leuchten seine Ideen dazu nicht ein. Schirrmacher schreibt assoziativ. Wirklich Ahnung hat er - wie alle aus dem Feuilleton - nur von Literatur. Aber er ist eben an der Wissenschaft und dem Fortbestand der ganzen Welt interessiert, also schreibt er darüber. Man kann es mögen oder nicht mögen. Ich mag es. Auf der einen Seite kann stehen: "Die Kleidung, die ein Großteil der älteren Menschen auch dann wählt, wenn er noch zehn Jahre zuvor modische Risiken eingegangen ist, hat für diese womöglich das Ziel, in die unauffällige Menge einzutreten, um von den Raubtieren nicht gesehen zu werden." (90) Auf der nächsten Seite steht dann ein Satz wie: Das Jahrzehnt zwischen 50 und 60 ist jener Zeitraum, in dem, ähnlich wie zwischen 20 und 30, Lebenszeit und Lebenserfahrung in unvorstellbarem Ausmaß verschwendet werden." (91) Und nur eine Seite später kommt Schirrmacher dann auf einmal zu dem Schluss: "Herr der Ringe, ein[] Buch über vieles, vor allem das Altern [...]" (92). (???)




